Wie man ein Hotel abräumt

23.11.2012 | 18:50 |  Von Jochen Jung (Die Presse)

Die gewissen Fläschchen oder: Sammler unter sich. Es war irgendeiner dieser halb offiziellen Anlässe, wo das, was einen zusammengebracht hatte, sozusagen erledigt war, man aber nicht gleich gehen wollte, weil das Buffet noch nicht eröffnet war.

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Es war irgendeiner dieser halb offiziellen Anlässe, wo das, was einenzusammengebracht hatte, sozusagen erledigt war, man aber nicht gleich gehen wollte, weil das Buffet noch nicht eröffnet war. Ich stand da mit ein paar Kollegen, wir redeten über dies und jenes, und auf einmal, warum auch immer, ging es um die Shampoo-Fläschchen, die man, sauber aufgereiht, in Hotelbadezimmern findet.

Bei uns allen lagen die Jahre hinter uns, in denen wir nicht so recht gewusst hatten, ob man sie eigentlich mitnehmen darf oder nicht. Selbst beim Auschecken –die Fläschchen tief im Koffer vergraben – hatten wir bisweilen noch das Gefühl gehabt, im nächsten Moment erwischt zu werden. Als hätte man mindestens das große Badetuch eingepackt.

Später, nachdem einem ein guter Freund erklärt hatte, dass das doch alles im Preis inbegriffen sei („eingepreist“ sagte man damals noch nicht), kam die Zeit, in der man einfach alles abräumte. Bis man eines Tages vor seiner Badehauben-Sammlung stand und begriff, dass nicht alles schon deswegen nützlich ist, weil es umsonst ist. Bald darauf verzichtete man, nach einem Blick ins häusliche Nähkörbchen, auf die Nadel-und-Faden-Briefchen,dann auf die Papp-Nagelfeilen, zuletzt auf das sogenannte Vanity Set mit den Ear Sticks. Blieben Shampoo, Lotion, Seife und das Schuhputzschwämmchen.

Letzteres ist ja als Wegwerfprodukt einleuchtend. Man kann es immer brauchen, da waren wir uns einig. Die Kosmetika hingegen, belehrte uns einer unter uns – ein Herr mit Haltung –, seien allerdings nahezu immer schlechter als das, was man sich selber kaufe. Auf die Frage, ob er sie also stehen lasse, kam die Antwort: Nein, aber er benutze sie nicht.

 

Ein Lob auf Gelsenkirchens Säfte

Wir brauchten eine Weile, bis wir das begriffen hatten, und er erklärte, dass er zu Hause zwei pralle Plastiksäcke stehen habe, in dem einen die Shampoo-Fläschchen, in dem anderen die Lotions, und damit nicht genug: Er gab zu, dass er sich leicht betrogen fühle, wenn das Hotel die Shampoofrage mit einer am Badewannenrand montierten Plastikflasche gelöst habe, aus der man sich das Nötige herausquetschen müsse. Die Seifenstücke, ergänzte er dann noch ungefragt, brauche er für die Gästetoilette, wo er die unausgepackten Exemplare aus fernen und besseren Häusern auflege und übrigens meistauch so wiederfinde. Er selbst wasche sich im Hotel die Hände mit einem Tropfen aus der eigenen Shampooflasche.

Offensichtlich hatten wir es mit einemSpezialisten zu tun, und es kam regelrechtErleichterung auf, als jemand meinte: Selbstverständlich nehme er das Zeug mit und haue sich das zu Hause in der Dusche über den Kopf – er habe dann immer zwei Minuten lang das Gefühl von Urlaub, selbst wenn der Saft von einer Geschäftsreise aus einem Hotel in Gelsenkirchen stamme.

Jetzt fing eine Dame, die sich mittlerweile dazugesellt hatte, von den Papierpantoffeln zu schwärmen an, die man in einigen Hotels im Schrank finde, sie seien ideal für Klinikaufenthalte und Besuche bei Verwandten, und während der Bleistiftsammler unter uns sich über die billigen Kugelschreiber beschwerte, kam das Zeichen: Das Buffet ist eröffnet.

Niemand von uns rührte sich, keiner schaute den anderen an, alle hatten begriffen. Und es war wie eine Erlösung, als jemand ein Lokal in der Nähe vorschlug, dort könne man sich etwas Richtiges bestellen. Am Ende wollte unbedingt jeder die Rechnung für alle übernehmen, und es dauerte lang, bis der Hartnäckigste übrig blieb. Der mit der Hotelseife im Gästeklo war es jedenfalls nicht. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2012)

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