Wenn Formen welken

30.11.2012 | 18:28 |  Von Daniel Kalt (Die Presse)

„Das ,Modische‘ mag launenhaft sein. Die Mode selbst verändert sich nach sehr logischen Gesetzen.“ Mit seinem 1936 für die „Neue Freie Presse“ verfassten „Modetagebuch“ hinterließ Eduard Wimmer-Wisgrill ein erstaunlich zeitloses Dokument.

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Das kaleidoskopartig sich verändernde Bild der Mode lässt selten die Hauptlinie der Entwicklung leicht erkennen“, schreibt Eduard Wimmer-Wisgrill am 30. Juni 1936 in der „Neuen Freien Presse“ und fährt fort: „Aus dem Durcheinander bewegter Erscheinungen, deren Wichtigkeit nicht immer sofort schon voll abzuschätzen ist, sucht der mit Mode Beschäftigte immer so rasch als möglich das Wesentliche herauszuschälen. Der üppige Boden bringt viele Formen hervor, aber zahlreiche welken auch bald nach Erscheinen wieder hinweg.“ Damit ist der Kern seiner Wahrnehmung vom wechselhaften Modetreiben formuliert und vielleicht das Wesen der Mode überhaupt auf den Punkt gebracht.

Sein Name mag heute nicht mehr landläufig bekannt sein, doch handelt es sich bei Eduard Wimmer-Wisgrill um eine Figur von zentraler Bedeutung für die österreichische Mode- und damit Kulturgeschichte. Zumindest Kennern der Wiener Werkstätte dürfte sein Name ein Begriff sein: Schließlich wurde er 1907, nach einem bei Hoffmann an der Akademie der bildenden Künste absolvierten Architekturstudium, Mitglied der Künstlervereinigung, war 1910 federführend bei der Einrichtung ihrer Modeabteilung und leitete diese in der Folge. 1922 verließ er Österreich, verdingte sich als Modezeichner in New York und ging anschließend als Leiter der Mode- und Kunstgewerbeklasse an das Art Institute nach Chicago. Nach seiner Rückkehr nach Wien übernahm Wimmer 1925 erneut (er hatte die Funktion bereits von 1918 bis 1922 innegehabt) die Leitung der Modeklasse an der Wiener Kunstgewerbeschule, der heutigen Universität für angewandte Kunst, und bekleidete diese Position bis 1955. So wirkte er 45 Jahre lang fast ohne Unterbrechung an Schlüsselstellen des heimischen Geschehens, wurde im Ausland gar als die lokale Entsprechung zu dem Pariser Couturier Paul Poiret apostrophiert und lenkte die Geschicke von zahlreichen Studentengenerationen. Er starb 1961 im Alter von 79 Jahren.

Wimmer-Wisgrill trat auch als Mann des Wortes in Erscheinung. So stellte er in den Dreißigerjahren seine Feder wiederholt in den Dienst der „Neuen Freien Presse“. Diese sporadische publizistische Tätigkeit kulminierte zwischen 16. Juni und 17. Oktober 1936 in einer Serie von Artikeln, die in ihrer Gesamtheit ein aufschlussreiches Dokument ergeben – eines, das abschnittweise erstaunlich zeitlos ist und damit der auch von Wimmer-Wisgrill selbst beschworenen Schnelllebigkeit und Launenhaftigkeit seines Gegenstandes trotzt.

Wohl um den realitätsnahen Charakter dieser aus dem Leben gegriffenen Texte zu veranschaulichen, wurden sie mit „Modetagebuch“ überschrieben. Das mag auf den ersten Blick für die Ausführungen eines damals 54-jährigen Experten verniedlichend anmuten, wirkt aus der Perspektive einer Zeit, in der die Mode unablässig von Laien wie Fachleuten auf Myriaden von Blogs (eigentlich: Netz-Fahrtenbüchern) zerklaubt, zerpflückt und nach Strich und Faden vorgeführt wird, aber überaus stimmig.


Weltoffener Modeprofessor

Als weltoffener Modeprofessor interessiert sich Eduard Wimmer-Wisgrill in der „Neuen Freien Presse“ mitnichten nur für auffällige Spielarten von Bekleidung – die Mode umfasst in seinem Sinn auch Gartengestaltung, Gastgeberpflichten und die richtige Körperhaltung; gleichfalls referiert er Anekdoten aus der Welt der Bühne, gibt Tipps zur adäquaten Fassadengestaltung bei einer Hausrenovierung und sinniert über die Mobilität der modernen Gesellschaft („Die Menschen von heute haben im Automobil ein neues Sitzen gelernt. Ein Sitzen, das man ebenso gut Liegen nennen kann“).

Darüber hinaus betreibt er Modeberichterstattung im engeren Sinn, wohl um „das Wesentliche herauszuschälen“, reist nach Paris zu den Haute-Couture-Schauen („Man spürt, dass man sich im Land der Mode befindet. Niemand würde hier wagen, Modisches zu bagatellisieren“); weilt auf Sommerfrische am venezianischen Lido und an der Côte d'Azur, wo er das wohlgewandete Treiben beobachtet und einigen Defilees beiwohnt; fährt ins Salzburgische und zu den Festspielen, sieht sich auch dort auf dem gesellschaftlichen Parkett um. Und ist dabei stets auf der Spur jener Kreationen, die es vom Laufsteg ins Café, den Ballsaal oder die Sportarena geschafft haben. „Hier zeigt sich die internationale Linie. Hier offenbart sich das, was sich durchgesetzt, was ,Mode‘ geworden und doch noch neu ist, unerwartet wirkt.“

An der reinen Parade, dem schreierischen Aufputz ohne Substanz, ist ihm nicht gelegen. Darum bietet er auch seine ganze schreiberische Verve auf, um im „Modetagebuch“ präzis formulierte Momentaufnahmen von besonders gut angezogenen Damen aufblitzen zu lassen. Es ist beeindruckend, mit welcher Genauigkeit Wimmer-Wisgrill hier vorgeht und mit welcher Selbstverständlichkeit sich Absatz an Absatz reihen darf, ohne dass auch nur eine einzige Illustration als schmückendes Beiwerk auftauchen muss.

Doch abgesehen von diesen minuziös ausformulierten Beobachtungen sind es andere Gedanken, die das „Modetagebuch“ auch mehr als sieben Jahrzehnte nach Erscheinen noch zur gültigen Lektüre machen: Der Autor enthebt die Mode dem Dünkel der Willkür und analysiert sie als ein logisch strukturiertes System mit eigenen Funktionsweisen und Intentionen. Er verweigert sich damit jener simplistischen Attitüde (die weiterhin existiert, und nicht kümmerlich!), die sich an der adretten Oberfläche delektiert oder eben ihr Fehlen moniert. Auch stellt Wimmer-Wisgrill einen intrinsischen Zusammenhang zwischen Kleidung und dem Bekleideten her.

Kleider machen Leute, ja, doch eigentlich fungieren sie als Indikator für aufkommende Tendenzen in der Gesellschaft. Gleichwohl sind sie offenbar angetan, auf das Individuum zurückzuwirken. Unablässig darum bemüht, die Mode diskursiv und thematisch aufzuwerten, schreckt Wimmer-Wisgrill nicht vor großen Worten zurück; etwa, wenn er über Schminkzeug referiert: „Verdanken wir diesen kosmetischen Einrichtungen nicht einen Glückszuwachs, und gehört der Usus, so betrachtet, nicht zu unserem zivilisatorischen Inventar?“ Hier manifestiert sich nachgerade eine Vorahnung von Norbert Elias' epochalem „Prozess der Zivilisation“, der drei Jahre später erscheint. Die jenseits der ständigen Veränderung sich auftuenden langfristigen Strukturlinien machen die Mode durchaus zum geeigneten Studiengegenstand: „Die Bewegungen, die Aktionen der Mode sind nicht willkürlich. Das ,Modische‘ mag launenhaft sein. Die Mode selbst verändert sich nach sehr logischen Gesetzen.“

Neben diesen hymnischen Tönen werden aber auch andere, düstere laut. So kristallisiert sich, indem Wimmer-Wisgrill die Seiten seines „Modetagebuches“ befüllt, ein weiterer für ihn bedeutsamer Aspekt heraus: Nicht nur potenzielle Glücksvermehrerin ist die Mode, er zeichnet sie auch als herrschsüchtig, erbarmungslos und eigentlich im Widerstreit mit dem Menschen, wenigstens dem unbedachten. Hintergrund ist wohl sein Bewusstsein dafür, „dass die Mode einen ungeheuer kräftigen Motor bedeutet, der die Wirtschaft unentwegt und intensiv in Bewegung hält“. Das gelingt freilich nur, wie aus einem anderen Eintrag hervorgeht, durch ihren „temperamentvollen und herrschsüchtigen Charakter, denn die Mode unterwirft sich alle Gebiete des Lebens und greift immer tiefer, immer mächtiger in das Dasein der Kulturgesellschaft“.

Glückliche und schöne Menschen, die mit den Mitteln der Mode den Prozess der Zivilisation vorantreiben, das ist also nur die eine Seite. Auf der anderen steht unerbittliches Expansionsstreben, die Stoßrichtung ist in den Dreißigerjahren dieselbe wie in der milliardenschweren Branche des Jetzt. So liegt für Wimmer-Wisgrill auf der Hand: „Selbstverständlich bedarf die Aufrechterhaltung eines solchen Machtanspruches eines ungeheuren Apparates. Rascheste Verständigung aller Stationen auf dem weiten Erdenrund ist Voraussetzung für das klaglose Funktionieren, somit für den geschäftlichen und künstlerischen Erfolg.“

Aufgrund dieses „Machtanspruches“ wirdumso wichtiger, dass das Subjekt – der Endverbraucher, wenn man so will – sich seiner Kritikfähigkeit besinne. Hier plädiert derProfessor ganz aufklärerisch für die Selbstbestimmtheit der Subjekte. „Der Mensch“, formuliert er dramatisch, „muss sich den Herrschaftsanspruch, mit dem die Mode auftritt, untertan machen. Er darf sich durch ihn nicht unterdrücken lassen. Er muss sich vielmehr die Mode dienstbar machen.“


„Die Sucht nach dem Wechsel“

Aus dem Nachsatz erschließt sich jedoch die Intention des Verfassers, der, bei aller Skepsis doch zutiefst um die Mode bemüht, verhindern möchte, dass ihr Ansehen Schaden nehme: „Dann wird sie nicht – wie es ja doch noch immer da und dort der Fall ist – als lästiger Imperativ, als unlogisch empfunden werden. Dann wird die Mode auch nicht mehr als Feind der Individualität, ja sogar der Schönheit gewertet werden, wie es ja auch noch zuweilen geschieht.“

Je weiter sein „Modetagebuch“ aber fortschreitet, desto weniger scheint sich Wimmer-Wisgrill eines zugrunde liegenden Argwohns erwehren zu können; nach vier Monaten regen Protokollierens wirkt es fast, als habe er alles Grundsätzliche, an dem ihm gelegen, zum Ausdruck gebracht. Die Mode existiert nicht im Vakuum und legt in ihrer Gesamtheit unweigerlich dieselben Schwächen an den Tag wie der Mensch selbst. Darum wirkt es fast resigniert, als sich Professor Wimmer im letzten Kapitel des „Modetagebuchs“ zunächst lobend des neuartigen kurzen Abendkleides annimmt, das der Frau mehr Freiraum bei der Planung ihres Tagesablaufs lasse, da sie mit dem Kleid, unter ihrem Mantel verborgen, noch einige Besorgungen machen könne. Und dann bricht es aus ihm heraus: „Dennoch besteht der Verdacht, dass hier, wie bei allen Revolutionen der Mode, diese Ursachen nicht die eigentlichen sind. Bestimmt ist wieder nur die ewige Sucht nach dem Wechsel die Triebfeder, nach dem Anders-Sein, als man bisher war, nach dem Neu-Sein der Frau, das die Aufmerksamkeit der Männer aufs Neue erregen soll.“

Gerade diesem Stirnrunzeln gegenüber dem unbedingten Wunsch nach „Anders-Sein“ und „Neu-Sein“ möchte jedoch eine Redensart des französischen Publizisten Jean-Baptiste Karr entgegenhalten sein, die sich auch trefflich auf das gesamte Modetreiben aller Zeiten, inklusive Wimmer-Wisgrills „Modetagebuch“ anwenden lässt: „Plus ça change, plus c'est la même chose.“ Je mehr sich die Dinge ändern, desto eher bleibt alles beim Alten. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2012)

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