Mutter und der Bleistift

30.11.2012 | 18:32 |  Von Josef Winkler (Die Presse)

Einmal fuhren die Mutter und ich mit einem Boot... Vom Wunsch, gemeinsam unterzugehen und gemeinsam zu ertrinken und alle anderen allein zurückzulassen. – Für meine Mutter, sie starb vor einem Jahr.

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Mit der Erzählung „Wunschloses Unglück“ von PeterHandke in meiner ledernenUmhängetasche, dem rotenNotizbuch und mit der Pelikan-Füllfeder in der Hand, abwechselnd lesend und schreibend, sitze ich in der indischen Stadt Pune in der Halle eines Gemüsemarktes und denke an meine Mutter, an ihren Gemüsegarten am Fußende des kreuzförmig gebauten Dorfes, an der Friedhofsmauer, gegenüber der Kirche. Gleichzeitig mischt sich immer wieder, hin- und herpendelnd zwischen Buch und eigenem Schreiben, ein Zeitungsartikel aus der „Hindustan Times“ ein, den ich den ganzen Tag in Pune nicht loswerden konnte: Ein zehnjähriges Mädchen in Bangalore, das von der Schule kam und sich ins Gebüsch begab, um zu urinieren, fiel einem Racheakt von vier Männern, die mit dem Vater des Kindes in Konflikt waren, zum Opfer. Die Männer übergossen das Mädchen mit Kerosin und zündeten es an. Seine Haut soll zu fünfundsiebzig Prozent verbrannt sein. Es ringe mit dem Tod.

Der verwitterte Zaun an dem Gemüsegarten meiner Mutter, von dem ich eingangs sprach, war immer desolat, voller grauer Flechten, wurmstichig und morsch, dieNägel verbogen und rostig. Dieser Gemüsegarten am Fußende deskreuzförmig gebautenDorfes, vor der Friedhofsmauer, auf dem sogenannten Kirchenfeld,war ein kleiner Teil eines großen Feldes, auf dem der Vater Getreide anbaute und das er von der Kirche gepachtet hatte. Wenn es wieder einenKonflikt gab zwischen meinem Vater unddem Pfarrer und die unausgesprochene Drohung in der Luft lag, dass der Pfarrer die Pacht kündigen könnte, hatte ich Angst, dassuns der Gemüsegarten an der Friedhofsmauer verloren gehen könnte, wir keine Rettiche, keine Petersilie und kein Maggikraut ziehen könnten in diesem Gemüsegarten, bei dem ich als Kind oft die gruselige und meine Fantasie anregende Vorstellung hatte, dass das unter der steinernen Friedhofsmauer in den Gemüsegarten wandernde Leichengift der Toten die Wurzeln unseres Gemüses verseucht hätte und wir, besonders in den Träumen, Zwiesprache mit den Toten halten könnten. Wenn die Mutter in derSommerhitze mit hochrotem Gesicht, den beigefarbenen, handgeflochtenen Strohhut auf ihrem Kopf, das Unkraut jätete, hielt ich mich meistens im Friedhof auf und ging mit der blechernen Gießkanne von Grab zu Grabund versorgte die rosaroten und weißen Fleischblumen – „Die Fleischblumen sind dankbare Blumen, sie halten sogar die Sommerhitze aus“, sagte sie – auf dem halben Friedhof mit Frischwasser, auch die drei,vier namenlosen, verwahrlosten Kindergräber mit dem kärglichen Blumenschmuckvon wilden Hundsveilchen, Margeriten und Löwenzahn, auf denen mehrere zerbrochene Gipsengel lagen, niemand wagte es, die abgebrochenen Engelsflügel wegzuräumen. „Der Engel mit dem Dudelsack (Tympanon am Dom von Spilimbergo), den Dudelsack in der Achselhöhle (wie die Kinder die Hände dort beim ,Furzkonzert‘)“, steht in den Aufzeichnungen „Gestern unterwegs“ von Peter Handke.

Oft sprachen meine Großmutter väterlicherseits und meine noch junge Mutter nach einer Meinungsverschiedenheit kein Wort mehr miteinander. Beleidigt verließdie dicke Großmutterdie Küche und zog sichin ihr Zimmer im ersten Stock zurück. „Die Muata ist auch schon wieder seit fünf Jahren hin!“,soll die Großmutter väterlicherseits einmal zumeiner Mutter gesagt haben, als sie von der verstorbenen Mutter meiner Mutter sprach, die im Zweiten Weltkrieg drei Söhne im jugendlichen Alter verloren hatte und die an gebrochenem Herzen gestorben war. „So redet man über ein totes Vieh, nicht über einen Menschen!“, sagte meine Mutter mir später mehrmals. „Immer wieder bei Giottos Trauernden: die vor Trauer geschwollenen Oberlippen.“ Wochenlangverließ die Großmutter väterlicherseits auf der Enznhube ihr Zimmer nicht mehr und ließ sich Tag für Tag von meiner Mutter das Mittag- und Abendessen servieren. Da es zu dieser Zeit im ersten Stock des Bauernhausesnoch kein Fließwasser gab, ging die Mutter morgens mit einer gefüllten Waschschüssel langsam und vorsichtig über die sechzehnstufige Stiege hinauf und stellte sie im Zimmer der Großmutter auf einen Schemel. Sie frisierte die Alte, schmierte ihr Veilchenöl ins dünne, grauweiße Haar, machte zwei Zöpfe, die sie dann als semmelartiges Gebilde auf dem Hinterkopf zusammendrehte. Mit einem Putzfetzen wischte die Mutter die Wassertropfen rings um den Schemel vor dem dunkelgrünen Diwan, den unser Onkel Hans, der Konditor der Konditorei Rabitsch, der auch Chauffeur des Bischofs von Gurk, Joseph Köstner, war, aus Klagenfurt gebracht hatte. Eine bestimmte Stelle des Diwans, wo die Alte Tag für Tag stundenlang saß und spekulierend, wie sie es nannte, ihre beiden Daumen drehte, war eingebeult von ihrem Gewicht, sie wog weit über hundert Kilogramm. Nach einigen Wochen taute die Großmutter, wie es hieß, wieder auf undging langsam mit ihren knöchelhohen Filzpatschen über die Stiege hinunter, schlapfte mit ihrem Lebendgewicht den engen Flurdes Hauses entlang und setzte sich wortlos in die Küche, stierte lange vor sich hin, ehe sie ihre Lippen bewegte und ein Wort sagte, zur zurückhaltenden Versöhnung ausrief.„Das Gefährliche bei diesen Abstraktionenund Formulierungen ist freilich, dass sie dazu neigen, sich selbstständig zu machen“, steht inder Erzählung „Wunschloses Unglück“ von Peter Handke. „Sie vergessen dann die Person, von der sie ausgegangen sind – eine Kettenreaktion von Wendungen und Sätzen wie Bilder im Traum, ein Literatur-Ritual, in dem ein individuelles Leben nur noch als Anlassfunktioniert.“

Oft öffnete ich, wenn ich die einsam gewordene Großmutter in ihrem Zimmer besuchte, das Fläschchen mit dem Veilchenöl, roch daran, schmierte mir ein paar Tropfen ins Haar, setzte mich mit dem Rücken zum Fenster, wo auf einem Fichtenast der Totenvogel lauerte – „Seppl! Hast du die Tschufitl gehört? Sie hat schon wieder geschrien! Ich werde bald sterben müssen!“ –, an den Tisch,öffnete die Schublade und schaute in einem dicken, türkisfarbenen, gepolsterten Fotoalbum auf ein kartoniertes Bild mit einemaufgebahrten und so schön zurechtgemachten Kind, dass ich mich am liebsten zu ihm gelegt hätte, wenn noch Platz vorhanden gewesen wäre im Bastkorb. Das tote Kind lag in einem altmodischen, handgeflochtenen Kinderwagen mit einem Schiebedach. Der Kopf des Kindes lag auf einem weißen, gehäkelten Zierpolster. Das Haupt der toten Bauernprinzessin war mit einem Strauß Stoffblumen und lilienartigen Blüten aus weißem Wachs bedeckt, nur die freie Stirn konnte man sehen. Der Mund des toten Mädchens war unter der Hasenscharte der Oberlippe leicht geöffnet. Die geschlossenen Augen sahen einer waagrechten Kinderscheide ähnlich, die Nase mit den großen Nasenlöchern war stumpf, die Wangen pausbacken voll, die mit einem Rosenkranz umwickelten Hände zum Gebet gefaltet, spitz die leicht weitergewachsenen Fingernägel. „Manchmal geradezu handgreiflich der Drang, die Toten zum Leben zu erwecken, wie jetzt hier in der Sonne, wo sich am Boden die Blätter sacht drehen; was aber dann mit den Auferweckten anfangen?“, steht in den Aufzeichnungen „Gestern unterwegs“ von Peter Handke. Leise legte ich das Fotoalbum zurück in die Schublade, denn ich wollte nicht, dass meine bettlägrige Großmutter erfuhr, dass ich sie auch deswegen mehrmals am Tag besuchen kam, weil ich das Bild mit dem toten Kind anschauen wollte.

Ein Jahr lang tanzte die Mutter, wie esgenannt wurde, auf und ab, ging morgens mit der Waschschüssel über die sechzehnstufige Stiege, breitete der im Bett Liegenden ein Küchenhandtuch auf dem Schoß aus und stellte die heiße Suppe drauf. Abends brachte sie ihr den Malzkaffee – eine Mischung aus Linde-Kaffee und Melanda-Feigenkaffee – mit einem fetten Krapfen, manchmal auch mit zwei Bäckersemmeln und dem würfelartigen Enzian-Schmelzkäse mit dem blauen Enzian auf dem Etikett, den ich ihr in einer Sechserpackung vom Gemischtwarenladen Deutsch brachte, dafür auch eine Käseecke essen durfte. Eine Zeit lang konnte sie die Suppe noch alleine essen, später musste sie von der Mutter gefüttert werden. „Mund auf! Muata! Hörst mich?“ „Ich hab keinenHunger mehr!“ „Diese zwei Gefahren – einmal das bloße Nacherzählen, dann das schmerzlose Verschwinden einer Person in poetischen Sätzen – verlangsamen das Schreiben, weil ich fürchte, mit jedem Satz aus dem Gleichgewicht zu kommen“, schreibt Peter Handke im „Wunschlosen Unglück“.

Etwas später schrie die zahnlose Großmutter „Jogl! Jogl!“, Nacht für Nacht, so laut, dass auch wir ihr Gejammere in unserem Kinderzimmer hörten. „Jogl! Hilf mir!“ Der Jogl, ihr Sohn, mein Vater, erhob sich unter dem schweren, schwarz eingerahmten Heiligenbild der Madonna della Seggiola, ging am Wäschekasten mit dem breit eingerahmten Spiegel vorbei, der aus dem Nussbaumholz seines Schwiegervaters gezimmert worden war und auf dem das Brustbild seiner verstorbenen Schwiegermutter stand, der Aichholzeroma, die im Zweiten Weltkrieg drei Söhne im jugendlichen Alter verloren hatte. Über dem Wäschekasten hing auf einem Nagel ein grün phosphoreszierenderJesus. Er ging ins Schlafzimmmer der Alten und legte sich neben seiner Mutter ins Bett, aus dem zwei Jahre zuvor ihr Mann herausgestorben war. Der Jogl beruhigte sie, schlief den Rest der Nacht neben seiner Mutter, bis er um fünf Uhr zur Stallarbeit aufstand.

„Ich will nicht sterben! Ich will nicht sterben!“, schrie sie in der nächsten Nacht und weckte wieder ihre Enkelkinder auf. Am darauffolgenden Vormittag begann sie in ihrem Bett heftig zu schnaufen. Der Vater lief den linken Querbalken des kreuzförmig gebauten Dorfes entlang zum Gasthaus, in dem das einzige Telefon des Dorfes stand, und rief den Doktor Plank an. Nach kurzer Zeit fuhr ein weißer VW vor, der DoktorPlank, der seine Vormittagsordination unterbrochen hatte und die Kranken im Wartezimmer seiner Ordination sitzen ließ, eilte mit seiner Doktortasche den Hausflur entlang, über die Stiege hinauf, ins Sterbezimmer. Nach einer halben Stunde verließ er mit Tränen in den Augen das Haus und fuhr zu seinen Patienten ans andere Ufer der Drau zurück. Der Vater drückte sein vom Rotz hart gewordenes, zusammengeknülltes Stofftaschentuch an seine geröteten Augen und sagte leise: „Es ist vorbei.“ Er lehnte sich in der Küche an den warmen Sparherd, ich saß auf dem Diwan. Wir nickten einander zu. Links und rechts aus ihren Nasenlöchern mussten zwei neugeborene Totenvögel entschlüpft sein, lautlos, still und heimlich. Die Mutter atmete auf. Der Tyrann war tot.

Die älteste Tochter meiner Großmutter, die Tresl, die Gute Haut, wie sie genannt wurde, soll, so mein Vater, entsetzt vor dem Leichnam ihrer Mutter gestanden sein, sie konnte es nicht glauben und kniete jammernd vor ihrem Sterbebett nieder. Mit der weiß emaillierten Waschschüssel, die einen dünnen, blauen Rand hatte und mit heißem Wasser gefüllt war, einem über ihren Unterarm gelegten, frischen Leinenhandtuch, in dem rot der Vulgoname des Bauernhofes, „Enz“, eingestickt war, ging sie über die sechzehnstufige Stiege. Sie ersparte meiner Mutter die Totenwäsche. Ich weiß nicht mehr, warum ich ihr einige Zeit später folgte, ich ging über die Stiege und trat, ohne anzuklopfen, über die Türschwelle. Die Großmutter lag splitternackt mit auseinandergespreizten Beinen und offenem Mund im Bett. Die schluchzende Tresl, die in ihrer Hand eindampfendes Leinentuch hielt, hob ihren Kopf,schaute mich mit strengem Blick an und machte einen Deuter mit ihrem Kopf, der mir sagte, dass ich verschwindensolle. Ich lief erschrockenüber die Stiege hinunter und behielt mein Geheimnis für mich. Ich war zehn Jahre alt. Niemals sprach ich in den darauffolgenden Jahrzehnten mit meiner Mutter und mit meinem Vater darüber, auch nicht mit den Geschwistern. Mit diesem Albtraumbild stand ich als Kind am Morgen auf und ging am Abend damit schlafen, träumte nicht selten davon. „Jeder trauert für sich allein“, stehtim Tagebuch „Gestern unterwegs“ von Peter Handke. Die Mutter stand an der Küchenanrichte, häutete die eine Zwiebel nach der anderen und wischte sich mit dem Oberarm die Tränen aus den gereizten Augenwinkeln. Sie trauerte keine Sekunde um ihre Schwiegermutter. Sie war froh, dass es vorbei war, für immer vorbei, für ewig und immer war es vorbei.

Es war auch diese Tresl, die mich sieben Jahre zuvor, als ich drei Jahre alt war, über die breite Stiege meines Elternhauses mütterlicherseits ins Aufbahrungszimmer meiner Großmutter mütterlicherseits führte und mich über den mit Immergrün geschmückten Katafalk hob. Mit der einen Hand hielt sie mich fest, mit der anderen hob sie das Bahrtuch in die Höhe und sagte: „Schau, Seppl, schau!“ Ich blickte lange auf das aschfahle Gesicht meiner Großmutter, die im Zweiten Weltkrieg drei Söhne im jugendlichen Alter verloren hatte. Wohl auch dieser Tresl habe ich meine makabren Fantasien zu verdanken. „Am meisten lerne ich durch die Varianten des Immergleichen.“ Niemals, auch Jahrzehnte später nicht, wagte ich es, mit meinem Vater, den ich über 55 Jahre erlebte, darüber zu sprechen. Wie viele tausend Male werde ich es noch sagen müssen, ehe dieser Sarg aus mir heraus und zu Grabe getragen wird, in den Himmel oder in die Hölle? Nur einmal, ich war längst über vierzig Jahre alt, erzählte ich diese Geschichte meiner Mutter. „Das hätte sie nicht tun dürfen!“, war ihre Antwort. Danach sprachen wir nie mehr darüber. „Nimm mir mein Sprechen, damit ich die Sprache habe.“

Nachdem die Totenwäsche vollbracht war und die Großmutter, eingekleidet in ihrem folkloristischen Sonntagsgewand und mit zum Gebet geschlossenen Händen, im Bett lag, eilte der Vater, nachdem ihr auch der Priester Franz Reinthaler die allerletzten Sterbesakramente gebracht hatte, wieder ins Gasthaus und rief in Feistritz an der Drau den Leichenbestatter Stimniker an, der innerhalb von einer halben Stunde in seinem schwarzen Mercedes mit den hinter dem Fahrersitz mysteriös abgedunkelten Autofenstern beim Trauerhaus vorfuhr. Mit einer Wolldecke trugen der Vater und der Leichenbestatter die schwergewichtige Verblichene den Flur im ersten Stock des Hauses entlang, über die Stiege hinunter. Ich verharrte inder Küche, ich hörte das langsame Abtasten derschon damals abgetretenen, glatten Stufen, das Schnaufen und Ächzender Totenträger, die sich abmühten und aufpassten, damit sie nicht mit der Toten auf der Stiege ausrutschten und dieLebenden und die Toteübereinander hinunterkollerten. Sie legten die tote Großmutter auf den Boden, hoben sie von der tristen, dunkelgrauen Wolldecke, packten den Leichnam an Händen und Füßen und legten ihn in den Sarg. Der Leichenbestatter richtete den zur Seite geneigten Kopf wieder ein, faltete wieder die Hände, die beim Tragen auseinandergerutscht waren. Die Tresl standauf einmal vor dem Sarg, legte ihre Hand auf die zum Gebet geschlossenen Hände ihrer Mutter, rüttelte daran, sodass auch der Sarg wackelte, und rief: „Muata! Muata!“ Keiner ist auf die Idee gekommen, die Wolldecke, mit der die Großmutter aus ihrem Sterbezimmer über die Stiege getragen worden war, zu waschen. Man kuschelte sich im Winter auf dem Küchendiwan wieder ein in den Muff der Toten. „Was ist für mich das Schreiben? Entziffertes Wiederfinden der Kindheit“,schreibt Peter Handke in den Aufzeichnungen „Am Felsfenster morgens“.

Die Großmutter wurde nicht – wie derGroßvater zwei Jahre davor – in der ehrwürdigen Bauernstube, wie sie genannt wurde, aufgebahrt. Es wurde die nach Zigaretten – Austria 2 – und die nach einem feuchten Strohsack stinkende Knechtstube ausgeräumt, dann war der Weg frei für Sarg und Leichnam. „Seppl! Geh ins Gasthaus und bring mir eine Packung Dreier!“, sagte der Knecht oft zu mir. „,Abkratzen‘, das passt gut auf den Großvater, der im Sterben damals tagelang mit den Fingern ,bergab‘ über die Kammerwand gekratzt hat“, steht in den Aufzeichnungen „Gestern unterwegs“ von Peter Handke. Nachdem die Alte auf dem Dorffriedhof beigesetzt worden war und wir wieder im Elternhaus ankamen, leerten mein Cousin und ich die herumstehenden, halb leeren Weingläser, bis ich berauscht durchs Haus taumelte, mich für zwei Stunden im Heustadel ins dampfende Heu legen und denRausch ausschlafen musste.

Im bäuerlichen Elternhaus meiner Mutter, wo an einer Wand die eingerahmten Schwarz-Weiß-Bilder der im Zweiten Weltkrieg im jugendlichen Alter gefallenen drei Brüder meiner Mutter hingen, nahm ich vom Schreibtisch meines Onkels einen Bogen Briefmarken, ging in die menschenleere Küche, benässte die gummierten Briefmarken mit meinem Speichel und legte sie auf die große, heiße Platte des Sparherds, der die Küche wärmte und auf dem gekocht wurde. In der Mitte der Herdplatte, wo durch ein kleines, rundes Loch dann und wann eine orangegelbe Flamme hochzüngelte, ging auf der gezackten Briefmarke der Kopf des österreichischen Bundespräsidenten Adolf Schärf sofort in Flammen auf. Die anderen, ringsum verpickten Briefmarken verbrannten und verschmorten auf der Metallplatte. Mit den Briefmarken, die ich verschont hatte, lief ich die noch unasphaltierte Dorfstraße hinauf und versteckte sie in meinem Elternhaus. „Was für ein Schatz doch im Nachhinein die Leere, die Ereignislosigkeit der Kindheit geworden ist – oder das seinerzeit schon war?“ Ein paar Tage später, als ichwohl der Mutter gegenüber eine Bemerkung machte, dass ich Briefmarken gefundenhätte, sie gerade bei der Küchenarbeit war, das Mittagessen vorbereitete, sagte sie, ohne mich zur Rede zu stellen, „Ach ja!“, nahm die Züchtigungsrute, die neben der Kücheneingangstür auf dem Garderobenhaken lag, wo der Vater seinenspeckigen Hut aufhängte, sie war aus den Zweigen der am Waldrand stehenden Birken mit einem roten Bandzusammengebunden, und sagte streng und laut zu mir: „Hose hinunter!“ Ich knöpftezitternd die elastischen Gummihosenträger auf, die wir Hosenleiter nannten, öffnete den Hosenschlitz und begann, während die Mutter die schwarze, nach Urin riechende Kinderunterhose hinunterstreifte, zu jammern und zu winseln. Sie rief „Leg dich über den Stuhl!“ und schlug die geschmeidige Birkenrute so lange auf meinen Hintern, bis ich denSchweiß ihrer Anstrengung roch. Mit weit hervorgequollenen Augen, die Zähne zusammengebissen, das Gesicht hochrot, starrte ich auf den Küchenboden und hielt mich mitden zitternden Händen an den Füßen des Stuhls fest. Nach der langen Züchtigung – es war die längste meines Lebens – hatte ich solche Schmerzen, dass ich nur mehr langsam und breitbeinig weitergehen konnte. Die Birkenrute war von dieser Züchtigung ganz dünn geworden, links und rechtsneben dem Stuhl lagen die abgesplitterten Rutenteilchen.

Am Abend, nach dem Betläuten, um sieben Uhr, als es an der Zeit war, ins Bett zu gehen, hatte ich Angst, mich zu entkleiden, ließ verschämt die Hose hinunter, aber eines meiner Geschwister nützte eine Gelegenheit und riss mein weißes Nachthemd mit den Kotflecken in die Höhe und rief: „Er hat blaueWürste am Arsch!“ Am nächsten Morgen zogich schon unter der Bettdecke meine schwarze Unterhose an, die wir nur wöchentlich wechselten, samstags nach dem Baden in der Schwarzen Küche. Auf der Schulbank wetzte ich auffällig hin und her. „Kannst du nicht endlich eine Ruh geben!“, schrie der Lehrer. Ich verbiss die Schmerzen und drückte den Bleistift stärker aufs Schulheft, bis die Spitze abbrach und ich den Stahlspitzer ansetzen musste. Die roten Striemen blieben noch lange auf meiner Haut, täglich betrachtete ich sie im Spiegel, wenn ich mich alleine in der Küche wusste, wenn die Mutter im Gemüsegarten an der Kirchenmauer neben den verwahrlosten Kindergräbern arbeitete, der Vater auf dem Feld, die Brüder und die Schwester noch in Feistritz in der Hauptschule waren.

Zufrieden war auch der Onkel, als ich eineWoche später, auf Pfauenfedernjagd, auf seinem Hof auftauchte und sich unsere Blicke trafen. Die Mutter hatte ihrem Bruder denSchaden beglichen, die Briefmarken bezahlt, den restlichen Briefmarkenbogen behielt ich eine Zeit lang zurück, heizte ihn in den Küchenofen und schaute begierig auf die in Sekundenschnelle verschwindenden, auf den Briefmarken abgebildeten Kirchen, Berge, Schlösser und Köpfe, den Kopf des Bundespräsidenten Adolf Schärf, den Erfinder der Wasserturbine Viktor Kaplan, die Dichterin der österreichischen Bundeshymne Paula Preradović.

„Pass nur auf, ich versalz dir den Hintern!“, sagte die Mutter oft zu mir, oder siebemerkte spöttisch und erinnerte mich dabei an das große Drama: „Du kriegst Schläge, bis du blaue Würste am Arsch hast!“ „Du kriegst gleich eine Verkehrte!“, drohte sie, nämlich eine Ohrfeige nicht mit der Innenhand, sondern mit der knöchrigen Außenhand. Dann und wann spottete sie über meine Kinderfinger: „Erhat ganz dünne Fingerchen!“ Ich schämte michdabei und schaute auf meine Hände. Wiederhatte es mir für ein paar Tage die Sprache verschlagen. Und wenn ich sie dann als Kind irgendetwas fragte, sagte sie oft ganz zart: „Kindele, das weiß ich nicht!“ „Trauer: Endlich bin ich ohne Meinung“, schreibt Peter Handke in den Aufzeichnungen „Gestern unterwegs“.

Als ich im indischen Pune in einem Garten einen langsam und majestätisch schreitenden Pfau sah, dessen Füße sich beim Gehen durch den Abfall in Plastikmaterial verfangen hatten, den man einfangen musste, um ihm das Plastik von seinen Füßen zu zupfen – „Hat es in meiner Kindheit Abfall gegeben? Jedenfalls habe ich kein Bild davon“ –, fiel mir ein, dass ich oft ins bäuerliche Großelternhaus mütterlicherseits gingund im Stall, im Schuppen und auf der Tennbrücke nach Pfauenfedern suchte. Fand ich keine, näherte ich mich unauffällig dem vor der Haustür Getreidekörner aufpickendenPfau, fasste ihn an der Schleppe und riss demschreienden Vogel ein paar an den Spitzen noch blutige Federn aus. Gemeinsam steckten die Mutter und ich im elterlichen Schlafzimmer unter dem phosphoreszierenden, in der Nacht grün leuchtenden Kruzifix die Pfauenfedern hinter das eingerahmte Brustbild ihrer früh verstorbenen Mutter, die im Zweiten Weltkrieg drei Söhne im jugendlichen Alter verloren hatte.

Jahre, bevor ich meinem Vater Geld zu stehlen begann, um Bücher kaufen und um ins Kino gehen zu können, bestahl ich die Mutter und kaufte mir Süßigkeiten im kleinen Gemischtwarenladen Deutsch, vor allem Schwedenbomben. Ihre Brieftasche lagin der Speisekammer in einer Schublade. Einmal sagte ich zu meinem jüngeren Bruder, dass ich im Dorf Geld gefunden hätte, und zeigte ihm die Fundstelle. Er glaubte mir nicht und verpetzte mich bei der Mutter. Wiederum ohne mich zu fragen oder mich zur Rede zu stellen, glaubte ihm die Mutter, sie versteckte ihre Brieftasche nicht, zählte aber die Fünf- und Zehnschillingtaler. Nach einiger Zeit vergaß sie es, und das Spiel begann von vorne.

Mutter und Vater standen am Gitterbett, als mir einmal der kleinwüchsige, weißhaarige Doktor Plank eine Penizillinspritze geben musste. Noch ehe er die Nadel ansetzte, sagte ich zu ihm: „Schleich dich!“ Diese Anekdote geisterte jahrzehntelang, begleitet vom Gelächter des Vaters, durchs Haus. Immer wenn der Vater davon erzählte, war er stolz auf meine rebellische Haltung, aber er schätzte es gar nicht, wenn ich mich ihm gegenüber auflehnte, mich querlegte. Einmal schlug er mich so sehr, dass meine Nase heftig blutete, das Blut über mein Kinn rann, auf Hemd und Boden tropfte, sich die Mutterzwischen ihn und mich stellte und rief: „Willst du den Buben erschlagen?!“ Mit seinem staubigen, vom Rotz hart gewordenen Taschentuch wischte er mir das Blut von Nase und Mund. Als ich dann aber auch die Angst im Gesicht des Vaters sah, hätte ich ihn am liebsten umarmt, wollte mich an seinen Füßen festhalten, als er sich umdrehte und hinausging, mich mitschleifen lassen auf dem Boden, bis zur Jauchegrube hin. „Ein anderer Schutzengel: die Illusion (Augenschutzengel, Raumengel) (Sag statt ,Schutzengel‘ ruhig ,Gnade‘)“, steht in den Aufzeichnungen „Gestern unterwegs“ von Peter Handke.

Abends, wenn ich durch die Wand die Mutter im elterlichen Schlafzimmer herumkramen hörte, kniete ich mich unter dem Schutzengelbild aufs Bett, betete so laut das „Schutzengelmein, lass mich dir empfohlen sein, steh in jeder Not mir bei, halte mich von Sünden frei, führe mich an deiner Hand in das himmlische Vaterland“, dass es die Mutter in ihrem Zimmer hören musste.

Die Tante Nane, die jüngste Schwestermeiner Mutter, die mehrmals im Jahr ausVorarlberg zu Besuch nach Kärnten kam, erzählte, dass sie mich als einjähriges Kind immer wieder mit einem Bleistift in der Hand angetroffen habe. Eigentlich war ich Linkshänder, aber wenn mich die Mutter beim Kritzeln, Zeichnen, später beim Schreiben sah, nahm sie mir den Bleistift aus der linken Hand und steckte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger meiner rechten Hand, so lange, bis ich den Kampf aufgab und mit der rechten Hand zu schreiben begann. „Wirst du den Bleistift in die schöne Hand nehmen!“, rief sie, wenn sie sich an der Anrichte, wo sie das Essen zubereitete, nach mir umdrehte. Oder sie sagte einfach: „Wirst du wohl...?“, dann wussteich, was ich zu tun hatte. „Das Schreiben, Machen als eine sich in deinem Innern bildende Skulptur, Atemskulptur, welche die Hand nur nachzuziehen braucht.“

Besonders im Winter verließ ich um vier oder fünf Uhr morgens die Kammer, in der ich mit meinen vier Geschwistern schlief – mit meinem jüngeren Bruder musste ich jahrelang ein Bett teilen –, und legte mich im elterlichen Schlafzimmer unter dem Heiligenbild der Madonna della Seggiola zwischen Mutter und Vater und rutschte meistens zum Vater hin. Wenn dann die Eltern aufstanden, um in den Stall zu gehen, legte ich mich ins Bett der Mutter und betrachtete die Blutflecken, die ich öfter in der Bettmitte auf der groben Flanell-Bettwäsche fand. Die Mutter blutet, der Vater nicht!, dachte ich. Und ich fragte mich, wann sie denn nun verbluten würde. Früher oder später?

„Die Nerven“, sagte sie öfter und stöhnte leise, „die Nerven!“ Jahrzehntelang bekam sie vom „Nervendoktor“ in Spittal an der Drau Psychopharmaka. Bei einem notwendigen Tablettenwechsel sagte der Arzt dann einmal:„Wir werden dich schon wieder aufhellen!“„Du bist katzenbleich!“, sagte sie öfter zu mir. Als Medizin für meine Blutarmut, wie sie bezeichnet wurde, bekam ich fleckige und stinkende Eisentabletten, die mich besonders mit meiner Mutter verbinden sollten, denn nur sie und ich durften Tabletten schlucken, sonst keiner.

Da ich tiefe Ringe unter den Augen hatte, schickte man mich einmal zur Erholung in ein Kinderlager nach Ledenitzen, unweit von Villach. Der Vater hatte eine Annonce in der Wochenzeitung „Der Kärntner Bauer“ gefunden. Mit einer Reisetasche in der Hand gingen die Mutter und ich in Kamering zur Omnibushaltestelle und fuhren nach Villach. Gegenüber dem Bahnhof, wo sich Eltern und Kinder versammelten, stieg ich in einen bereitgestellten Omnibus, der uns ins Erholungsdorf bringen sollte. Aus dem Omnibus schauend, sah ich, dass die Mutterein Taschentuch an Augen und Nase drückte und mich hinter der spiegelnden Omnibusfensterscheibe suchte. Als der Omnibus losfuhr, winkte ich ihr zu, zaghaft hob sie die Hand, ihre Lippen zitterten. „Das anrührendste aller Lebenszeichen: die Scheu“, steht in den Aufzeichnungen „Gestern unterwegs“von Peter Handke.

Im Dorf lebte die Mutter völlig zurückgezogen. Nach dem Tod ihres Vaters, der seine Frau, die ebenfalls Maria Winkler hieß, um anderthalb Jahrzehnte überlebte, besuchte sie ab und zu in ihrem Elternhaus ihren Bruder und ihre Schwägerin. Kaum einmal betrat sie ein anderes Haus im Dorf. Sie ging in die Kirche und zurück, sie ging zum Gemüsegarten an der Fried-hofsmauer und zurück. „Bleistifte und Füllfedern usw. sollte es geben, die schreiben nur bei einergewissen Langsamkeit.“

Einmal erzählte siemir, dass sie eigentlichdavonlaufen, den Mann verlassen wollte, aberdann doch wegen derfünf Kinder gebliebensei, wieder alles geschluckt und geduldet habe. Mehrmals soll sie ihren Vater aufgesucht, sich bei ihm beklagt haben, der sie aber immer mit den Worten „Wird schon wieder werden! Wird schon wieder werden!“ beruhigte. Als sie dann mit ihrem sechsten und letzten Kind schwanger ging und die Tresl einmal zu Besuch kam, grinste der Vater und meinte, dass nach dem sechsten Kindnoch eines kommen könne, da aber hörte ich die Mutter in einer klaren Stimme und in strengem Tonfall sagen: „Nein!“ Sonst nichts, kein weiteres Wort.

Einmal fuhren die Mutter und ich mit einem Boot, mit der sogenannten Überfuhr, ans andere Ufer der Drau, nach Ferndorf, wo auf dem Gelände des Heraklithwerkes der Doktor Plank seine Ordination hatte. Das Boot war an einem dicken Drahtseil befestigt,das am einen und anderen Ufer an pyramidenförmigen Betonpfosten befestigt war. Am Kameringer Ufer schlugen wir mit einemKlöppel mehrmals auf ein rostiges, zackiges Kreissägeblatt, bis eine Frau am anderen Uferaus einem kleinen Haus trat, uns mit dem Boot am Kameringer Ufer abholte und nach Ferndorf, ans andere Ufer der Drau, ruderte. Vom Doktor Plank, der mir im Unterkiefer zwei Zähne zog, bekam ich Vollnarkose. Als wir dann wieder im Boot saßen, hatte ich die Hoffnung – mit Blutgeschmack im Mund, dieZunge bohrte ständig in der Wunde –, dass das Boot untergehen und die Mutter und ich gemeinsam ertrinken und alle anderen, meine Geschwister und den Vater, allein zurücklassen würden.

„Jenes Stoßgebet zu meiner toten Mutter: ,... dein Sohn geht immer noch unter dem Himmel!‘ (Maribor 1981) kommt immer wieder zurück als klare Welle“ (Peter Handke, „Gestern unterwegs“). ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2012)

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