Saugende Wurzel

06.12.2012 | 18:48 |  Von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse)

„Undeutsche Tonsprache“, „Machwerk“, „Kulturbolschewismus“. Zur Hintergrundgeschichte einer Oper, die in Hitlers Reich nicht uraufgeführt werden durfte. Demnächst in Wien: Paul Hindemiths „Mathis der Maler“.

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Wo kämen wir da überhaupt hin, fragt der berühmte Dirigent, wenn politisches Denunziantentum im weitestenMaße auf die Kunst angewendet werden sollte? Er steckt mittendrin im Denunziantensumpf, der mächtigste Musiker Deutschlands, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Vizepräsident der Reichsmusikkammer, Wilhelm Furtwängler. Eben hat er das neueste Werk aus der Feder Paul Hindemiths uraufgeführt, die Symphonie „Mathis der Maler“, ein Werk, das sozusagen tönend Propaganda für die zu erwartende Premiere der Oper gleichen Namens machen soll.

Der Erfolg ist durchschlagend. Ganz Deutschland bekommt die Novität zu hören. Die Symphonie wird in allen großen Konzerthäusern des Landes nachgespielt, im Radio gesendet. Die Presse feiert einen Sieg: „Und er ist doch ein genialer Musiker, dieser Paul Hindemith, der mit seiner Sinfonie alle Vorurteile gegen seine Persönlichkeit hinwegblies“, heißt es aus durchaus systemkonformem Kritikermund. Doch der umjubelte Erfolg in der Philharmonie soll sich nicht im Opernhaus fortsetzen. Dafür sorgen stärkere Kräfte als Publikumsapplaus und Kritikerlob. Wir schreiben das Jahr zwei nach der Machtübernahme Hitlers. Vor allem dem Chefideologen Alfred Rosenbergsind demonstrative musikalische Akte des Ungehorsams, wie Furtwängler sie zelebriert, ein Dorn im Auge.

Dass ein Komponist wie Hindemith Gedeihliches zur „Geltung der Deutschen Musik“ beitragen könnte, dass er gar „unverzichtbar“ sei, wie Furtwängler behauptet, das wollen die, die in Hitlers Reich wirklich etwas zu sagen haben, ohnehin nicht glauben. Hindemith, der „Kulturbolschewist“, der die Gesetze der Harmonie mit Füßen getreten, mit Kommunisten vom Schlage Brechts zusammengearbeitet und eine Operkomponiert hat, in der eine nackte Frau in der Badewanne die Vorzüge der kommunalen Warmwasserversorgung besingt!

Just dieses „Machwerk“ hat „der Führer“ mit eigenen Augen gesehen. Da mag das Berliner Publikum jubeln, der Herr Generalmusikdirektor sein ganzes künstlerisches Gewicht in die Waagschale werfen – „Mathis der Maler“ wird nicht gespielt.

Über Jahre zieht sich der Prozess des Bittens und Bangens, der Hoffnung, die Kulturgrößen des Regimes könnten sich besinnen. Eine Zeit lang sieht es sogar so aus, als würde man für eine „Mathis“-Premiere im „Reich“ doch noch grünes Licht geben. Im Hinhalten hat man Übung. Man nährt den Irrglauben, der Wirbelwind des ideologischen Terrors würde sich irgendwann besänftigen. Furtwängler, der Mitstreiter, gibt schon 1935 klein bei. In einer mutigen Aktion im Gefolge der Uraufführung der „Mathis“-Symphonie war er von allen Ämtern zurückgetreten. In der Reichsmusikkammer war er rasch ersetzt, in der Oper unter den Linden waltete bald der Wiener Kollege Clemens Krauss.

„Ausreisen“, schallte es dem berühmtesten aller deutschen Maestri von jenseits der Grenzen entgegen. Doch nach einem Gespräch mit dem Propagandaminister, im Frühjahr 1935, ist Wilhelm Furtwängler wieder Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Er will seine Heimat nicht verlassen, sein Publikum nicht und auch nicht seine Musiker, denen er mit seinem kühnen Eintreten für einen zeitgenössischen Meister Hoffnung gegeben hatte. Sein Entschluss zu bleiben macht ihn freilich mundtot für das kommende Jahrzehnt – und zum Aushängeschild der NS-Propaganda.

Eine fulminante Attacke wie jene vom November 1934 wird er nie wieder reiten können. Damals schlägt die „Mathis-der- Maler“-Debatte noch einmal Wellen, weil die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ Furtwänglers Brandrede pro Hindemith publiziert. Das Blatt ist schon gegen Mittag vergriffen und muss nachgedruckt werden. Berlin ist wie im Fieber, als ob die Neue Musik den Widerstand befördern könnte. Fünf Tage später dirigiert Erich Kleiber die Uraufführung der symphonischen Stücke aus Alban Bergs „Lulu“ – noch eine Opernsymphonie, die das Publikum auf den Geschmack bringen soll. Kleiber hatte mit Bergs „Wozzeck“ bereits einmal sensationellen Erfolg geerntet. Die zweite Oper des Wiener Schönberg-Schülers hätte diesen vielleicht noch übertrumpft – immerhin, ein Libretto von Wedekind voll schlüpfriger erotomanischer Assoziationen. Es ist ja noch nicht einmal zwei Jahre her, dass dergleichen an der Spree für erhöhte urbane Pulsfrequenz gesorgt hat . . .

Doch die Uhren gehen anders seit Anfang 1933. Jubelstürme nach missliebigen Dissonanzorgien aus dem Repertorium der „entarteten Neutöner“ gelten als volksfeindliche Demonstrationen. Berg und Hindemith, beide „jüdisch versippt“ und Vorkämpfer einer ganz und gar „undeutschen“ Tonsprache, haben in Hitlers Reich nichts verloren. Da stehen die Rezensenten gleich wieder einig beisammen. Auch Dirigenten, die zuwiderhandeln, werden zur Räson gebracht. Sie reagieren höchst unterschiedlich. Kleiber verlässt Deutschland. Furtwängler resigniert. Und Komponist Alban Berg versucht, Angriffe gegen seine Person und seine Musik abzuwehren, um seine bis vor Kurzem höchst lukrativen Tantiemenflüsse aus Deutschland vor dem Versiegen zu bewahren. Jude sei er jedenfalls nicht, das könne er beweisen. Doch seine Musikwird nun endgültig verboten wie die Hindemiths, der noch einige Jahre ausharrt und auf „Besserung“ hofft. Schließlich lobt ihn die NS-Presse hie und da wieder, etwa weil er als deutscher Abgesandter erfolgreich das Musikleben in der Türkei aufzubauen hilft oder in London seine in Windeseile komponierte „Trauermusik“ für den plötzlich verstorbenen König Georg V. aufführt.

1936 signalisiert man ihm kurzfristig sogar ein Placet zur Opernpremiere. Vielleicht klingen der Kommission manche Passagen im Libretto – die „saugenden Wurzeln“ der Kunst, die „tief hinab in den Urgrund deines Volkes tauchen“, etwa – sogar heimelig. Und schließlich: Entspricht es nicht den NS-Visionen, wenn der Künstler zuletzt gehalten ist, sich von aller Politik fernzuhalten, sich seinem Schaffen zu widmen? „Du bist zum Bilden übermenschlich begabt . . . dem Volk entzogst du dich, als du zu ihm gingst . . . geh hin und bilde.“ Paul Hindemith verlässt Deutschland im Herbst 1938, wenige Monate nach der umjubelten Premiere seiner Oper, die schließlich in Zürich stattfinden musste. „Es gibt nur zwei Dinge, die anzustreben sind“, schreibt er, „eine anständige Musik und ein sauberes Gewissen.“ ■


Erstmals seit 1957 wird „Mathis der Maler“ in Wien inszeniert: Premiere 12. Dezember, Theater an der Wien, unter Bertrand de Billy, Inszenierung: Keith Warner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2012)

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