Die Ordnung, die uns hält?

06.12.2012 | 18:48 |  Von Erich Hackl (Die Presse)

„So starb eine Partei“ – es wäre lohnend, Jura Soyfers Thema in die Gegenwart zu transferieren: das fortgesetzte Kapitulieren der europäischen Sozialdemokratie und den Umbau ihrer Parteizentralen zu Startrampen für Managerinnen und Konzernberater. – Zum hundertsten Geburtstag von Jura Soyfer.

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Der englische Schriftsteller John Lehmann hat ihn als einen eher schmächtigen jungen Mann beschrieben, mit einer weichenStimme, einem sanften Gesichtsausdruck und einem gewinnenden Wesen. „Aber hinter diesem ruhigen Äußeren verbargen sich, wie mir erst im Laufe unsererFreundschaft klar werden sollte, nicht nur eine subtile Einsicht in seine Mitmenschen, sondern auch Willensstärke und verhaltene Tapferkeit.“ Den kommunistischen Funktionär Franz Marek irritierte seine Lebensweise, die in schroffem Gegensatz zur eigenen stand: dass er bis weit in den Tag hinein geschlafen habe, schrecklich unpünktlich gewesen und „allen Röcken nachgelaufen“ sei. „Aber was für eine Begabung!“ Seine Jugendfreundin Marika Szécsi fand ihn liebenswert wegen seines Charmes, seines Witzes und seiner Ernsthaftigkeit, und ihr späterer Mann, der Chemiker Mitja Rapoport, meinte, niemand sei so schnell wie er bereit gewesen, „seine Schwächen zu bereuen, und zwar so zu bereuen, dass es direkt wieder komisch wurde“.

Die gute Nachrede galt dem Dichter und Dramatiker Jura Soyfer, der am 16. Februar 1939, erst 26-jährig, im Konzentrationslager Buchenwald gestorben ist. Zweieinhalb Jahrevor seinem qualvollenEnde, im Herbst 1936,hatte er Marika Szécsieinen Brief geschrieben, in dem er sich ein Wiedersehen mit ihr undMitja als fröhliche Apokalypse ausmalte: „Ich,ca. 50-jährig, längstein diskreter, taktvollerSchriftsteller, komme in Cincinatti (Ohio) an. Ich habe bei der Überfahrt eine Schiffskatastrophe mit knapper Not überlebt. Dein Mann, hart vom Schicksal getroffen, steht händeringend vor einem niedergebrannten Laboratoriumsgebäude (Millionenschaden in Dollar, 30 tote Assistenten, die umliegenden Stadtviertel durch Explosion zertrümmert); Du bist soeben knapp vor dem Doktorat zum 15ten Male von der dortigen Universität relegiert. In dieser Situation betrat ich Deine Wohnung. Da springen zwei rothaarige Büblein mit großen Ohren an mir empor: ,Da ist ja der Onkel Jura! Kannst Du uns nicht etwas vorblödeln?‘“

Humor ist, Konstantin Kaiser zufolge, dieFähigkeit, sich andere Verhältnisse als die herrschenden vorzustellen. Es ist also nicht verwunderlich, dass der Ernst der Lage Jura Soyfer fast immer auch Anlass zum Lachen bot – ob in den satirischen Gedichten, die der20-Jährige in der „Arbeiter-Zeitung“ veröffentlichte, oder in den Stücken, die während der austrofaschistischen Diktatur auf den Wiener Kleinkunstbühnen „ABC im Regenbogen“ und „Literatur am Naschmarkt“ aufgeführt wurden. Sogar sein einziger, nur als Fragment überlieferter Roman, über den Untergang der Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei Österreichs, ist durchdrungen von Soyfers Fähigkeit, das Lachhafte – lachhaft darzustellen. In seinem Wortwitz, der raschen Auffassungsgabe, dem schneidenden Spott, dem feinen Gehör für die Nuancen der Wiener Umgangssprache war er seinem Vorbild Johann Nestroy ebenbürtig.

Anders als dieser war Soyfer kein geborener, sondern ein gelernter Wiener. Er ist morgen vor hundert Jahren in Charkow geboren, als Sohn eines jüdischen Industriellen, dermit seiner Familie vor der Oktoberrevolutionnach Wien floh. Hier, in der ramponierten Hauptstadt einer „ziemlich kleinen provinziellen Republik von großer Schönheit, die nicht daran glaubte, dass es sieunbedingt geben müsse“(Eric Hobsbawm), wurdeJura wie eine ganze Generation kunstsinnigerund politisch aufgeweckter Jugendlicher, oft jüdischer Herkunft, von deraustromarxistisch inspirierten Sozial- und Bildungspolitik geprägt. Sein erstes Gedicht, „An alte Professoren“, veröffentlichte er als 17-Jähriger in der Zeitung des Verbandes Sozialistischer Mittelschüler. Zur selben Zeit begann er, antikapitalistische Agitprop-Szenen für die „Roten Spieler“ zu schreiben. Mit einer Selbstverständlichkeit, die dem Gros heutiger Autorenfurchtbar peinlich wäre, bekannte er sich zum Agitationstheater als Waffe im Klassenkampf. „Ob das, was wir schaffen, Kunst ist oder nicht, das ist uns gleichgültig. Wir dienen nicht der Kunst, sondern der Propaganda. Mag sein, dass unsere Gesinnung, unsereethische Kraft uns manches Mal künstlerischem Schaffen nahe bringt.“

Gelegentlich blitzt in Soyfers Texten etwas auf, das nach Meinung Kaisers eine Konstante in seinem Wirken darstellt: die Erbitterung über das Versäumte. „Es ist dies eine angesichts der Geschichte der Ersten Republik nahe liegende Erbitterung. Die Jahre, diegegeben waren, das bevorstehende Unheil abzuwenden, verstrichen ungenutzt; die inneren Kämpfe, in denen sich die Republik aufrieb, lenkten oft eher von den wirklichen Lebensfragen der Nation ab, statt dass sie jene, die am Herannahen des Unheils interessiert waren, beiseitegeschoben hätten.“Man fragt sich, wie es Soyfer gelingen konnte,diese Erbitterung umzuspeichern, damit sie nicht in Wut oder Resignation umschlägt. Da sein Schaffen in Jahre fällt, die für Europas Demokratien tragische Veränderungen bringen, droht ihm die Zeit davonzulaufen. „Zeit ist Blut, Genossen!“, heißt es im Gedicht „Einheitsfront“, in einem für Soyfer untypischen hämmernden Tonfall. Im Sommer 1932, als es veröffentlicht wurde, tippelte er gerade durch die deutsche Provinz. Seine Berichte nahmen die „Apokalypse des Dritten Reiches“ in kurzen Momentaufnahmen des Naziterrors vorweg. „Die Zukunft Deutschlandsist nicht nur grau, sie ist feldgrau. Die kleinbürgerliche und die großbürgerliche Fraktiondes Faschismus, die heute noch in manchemGegensatz zueinander stehen, werden sich wahrscheinlich auf der Linie der chauvinistischen Außenpolitik, der Aufrüstung, der Kriegsvorbereitung treffen.“ Umso schuldhafter erschien ihm die fortgesetzte Spaltungder Arbeiterklasse, für die er „unglückseligenStarrsinn“ in beiden Parteien, SPD wie KPD, verantwortlich machte.

Ein halbes Jahr später war Hitler Reichskanzler, und kurz darauf nahm in Österreich Engelbert Dollfuß den Rücktritt der drei Nationalratspräsidenten zum Vorwand, um im Wochentakt alle demokratischen Errungenschaften zu zerstören. Statt mit einem Generalstreik reagierte die SDAP mit einer Massenkundgebung, die nicht Demonstration ihrer Stärke war, sondern Ausdruck der Illusion, vom Gegner ernst genommen zuwerden. Sie war geschlagen, ohne sich überhaupt geschlagen zu haben. Davon handelt Soyfers Roman „So starb eine Partei“, den er nach dem endgültigen Versagen der sozialdemokratischen Führung, beim Arbeiteraufstand vom Februar 1934, geschrieben hat.

Überwiegend in erlebter Rede gehalten, bietet der Roman nach Meinung Horst Jarkasdas Psychogramm einer zum Betrieb erstarrten Partei. Jarka, Herausgeber des Gesamtwerks und Autor einer kundigen und detailreichen Biografie, hat die wichtigsten Facetten dieses vielschichtigen, atmosphärisch dichten Prosawerks aufgezählt: „Flucht vor der Entscheidung in revolutionäre Erinnerungen, in Vereinsmeierei und eine Scheuklappenbürokratie, der die pünktliche Zahlung der Beiträge wichtiger ist als Hitlers Machtergreifung, die wiederum mit dem Schlachtruf ,Österreich ist nicht Deutschland‘kühn in den Wind geschlagen wird; Verbürgerlichung der Funktionäre durch Amt und Würden und Karrieredenken, ihre müde Pensionsreife; die Gläubigkeit aller, für die die Partei die Welt bedeutet; religiös-politische Erlösungshoffnung; die psychologischen Spannungen in einer Kampfgemeinschaft mit ihren Zwischentönen von Kameraderie, Eifersüchteleien, Verantwortung, ja Zärtlichkeit füreinander – das alles wird,wenn auch nicht immer voll ausgearbeitet, ineiner Darstellung spürbar, die dem Ineinander von privatem und öffentlichem Schicksalnachgeht, die politischen Ursachen und Auswirkungen des privaten Verhaltens aber in den Vordergrund stellt.“

Ebenso verblüffend wie seine analytischeKlarheit ist Soyfers Vermögen, die alten, gesetzten Genossen in ihrer ganzen Persönlichkeit zu erfassen. Er gehörte zur Linksopposition innerhalb der Partei und wechselte wie Ernst Fischer, wie sein Freund und Studienkollege Marek, wie Tausende andere Jungsozialisten nach dem Februar 1934 zur bis dahin unerheblichen KPÖ.

„So starb eine Partei“ ist nach meiner Kenntnis unvergleichlich. Der Roman hat auch keine Nachfolger gefunden, bis heute nicht. Es wäre lohnend, das fortgesetzte Kapitulieren der europäischen Sozialdemokratie, und den mittlerweile fertiggestellten Umbau ihrer Parteizentralen zu Startrampen für Managerinnen und Konzernberater, literarisch darzustellen. Ich glaube nicht, dass das Thema nur noch zur höhnischen Kabarettnummer taugt. Davon gibt es inzwischen zu viele.

Jura Soyfer wusste, dass er den Roman für die Schublade schrieb. Auch seine ins Nummernprogramm der Kleinkunstbühnen eingeschobenen „Mittelstücke“ unterlagen der Zensur. Verboten war nicht nur Kritik am austrofaschistischen Regime, sondern nach dem Juliabkommen 1936 zwischen Hitler und Schuschnigg auch am nazideutschen. Soyfer machte Anleihen am Raimundschen Zauberstück und verlegte die Schauplätze ins All („Der Weltuntergang“), auf einen fernen Kontinent („Broadway-Melodie 1492“), in einen erfundenen Staat („Astoria“), eine untergegangene Stadt („Vineta“). So schuf er politische Allegorien, die den Menschen allerdings nicht zum Anschauungsmaterial degradierten.

In seiner Studie „Theater und revolutionärer Humanismus“ hat Gerhard Scheit davor gewarnt, Soyfers Stücke zu Illustrationen der Zeitgeschichte zu verkürzen und somit ihre spezifisch poetische Dimension zu missachten. Denn dieser Dramatiker werfe die epochalen Fragen des menschlichen Seins auf, „von der Entfremdung in der bürgerlichen Gesellschaft über die faschistische Bedrohung bis hin zu möglich erscheinenden sozialistischen Perspektiven“. Trotzdem entlassen einen die turbulenten Stücke unweigerlich in die Gegenwart. Nicht, dass sie gut ausgingen. Aber sie rauben den Zuschauern nicht den Lebensmut, sie ersparen ihnen vorallem nicht die Einsicht, zu der ein ausgesteuerter Fabrikarbeiter in „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“ gelangt: „Auf uns kommt's an.“ Auf uns – nicht auf mich! Aber es gilt auch Soyfers „Lied des einfachen Menschen“, dasvor Überschwang warnt: „Wir sind das schlecht entworfne Skizzenbild / Des Menschen, den eserst zu zeichnen gilt. /Ein armer Vorklang nurzum großen Lied. / Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!“

Als Jura Soyfer im Zuge der Februaramnestie 1938 aus der Untersuchungshaftentlassen wurde, hatte er nur noch ein Jahr zu leben. Am 13. März, einen Tag nach der Okkupation Österreichs, wurden er und sein Freund Hugo Ebner beim Versuch, mit Skiern in die Schweiz zu flüchten, an der Grenze festgenommen. Seine letzten Lebensstationen waren Dachau und Buchenwald, wo er sich als Leichenträger mit Typhus infizierte. Er starb, als seine Freilassung aufgrund einesEinreisevisums in die USA bereits genehmigt worden war.

Das „Dachaulied“ vom Frühsommer1938 ist Soyfers letztes erhalten gebliebenes Werk. Sein Leidensgefährte Herbert Zipper hat es vertont und für die Nachwelt bewahrt. Fast verbieten es die Umstände seines Entstehens, dieses Gedicht als das zu bezeichnen, was es in dem ernsten Pathos, der gegenständlichen Sprache, dem mächtigen Rhythmus nun einmal ist: ein Höhepunkt politischer Lyrik. Sein Refrain kehrt die zynische Inschrift über dem Lagertor gegen die Peiniger: „Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt, / Und wir wurden stahlhart dabei. / Bleib ein Mensch, Kamerad, / Sei ein Mann, Kamerad, / Mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad: / Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!“

Jura Soyfer war nicht vergessen. Im Exil sammelten die aus Wien vertriebenen Freundinnen und Gefährten seine Manuskripte, probten junge Landsleute seine Stücke, druckten seine Gedichte. Solange die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft andauerte, blieb Soyfer auch im befreiten Österreich gegenwärtig. Otto Tausig, der schon im Londoner Exilkabarett „Das Laterndl“ Soyfer gespielt hatte, brachte 1947 einen ersten Auswahlband heraus. Helmut Qualtinger feierte den Autor als „Österreichs Büchner“. Qualtinger wirkte auch an einer denkwürdigen Inszenierung der „Broadway-Melodie 1492“ mit. Mit ihr neigte sich in den Fünfzigerjahren Soyfers Präsenz auf Österreichs Kellerbühnen dem Ende zu. Ein großes Theater – mit „an Fundus, ana Traditiaun und anaSubventiaun“, wie es im Vorspiel zur„Broadway-Melodie“ der Portier des Burgtheaters beschreibt – wäre ohnehin der falsche Ort für seine Stücke gewesen. Und im Kalten Krieg war auch ein toter Kommunist kein guter Kommunist. Bezeichnend für die Haltung einer politisch angepassten Neoavantgarde ist eine Briefnotiz des Schriftstellers Konrad Bayer überden Eindruck, den einSoyfer-Stück 1956 beiihm hinterlassen hatte: „,vineta‘ ist von jura soifer (glaube österr. jude) und nicht sehr extravagant. befürchte: garnicht. du kennst diese tour der halbmodernität. humanistisch etc.schlecht, bemüht sichaber um das gute. beachte: das gute. das ist ja nicht das schlechteste. aber wenn man das wirklich auf klasse baut, wahrscheinlich unerträglich langweilig und mesalliant.“

Mitte der Siebzigerjahre kam es zur Wiederentdeckung Soyfers durch die „Schmetterlinge“. Tausig und Qualtinger standenPate. 1983 wurde das Jura-Soyfer-Theater gegründet, als Spielstätte kritischer Volksstücke,elf Jahre später umbenannt, umgemodeltund vergessen. Nur die seit 1988 bestehende Jura-Soyfer-Gesellschaft ließ sich von denkulturellen Auswirkungen der Neuen Weltordnung nicht einschüchtern und förderte unverdrossen die Beschäftigung mit Soyfers Werk, vor allem im ost- und außereuropäischen Ausland. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Übersetzungen auf über 50 gestiegen.

Die einheimische Literaturwissenschaft hat es sich dagegen leicht gemacht und Jura Soyfer, in den Worten ihres Papstes WendelinSchmidt-Dengler, zum „Außenseiter“ gekürt. Die Wortwahl verrät mehr über die Konventionen einer ranggläubigen Germanistik als über seine Bedeutung. Zutreffend ist, dass sich fast alle Soyferianer am Rand des etablierten Wissenschaftsbetriebs bewegen. Trotzdem haben sie, allein oder im Verein mit freien Gruppen, alle Voraussetzungengeschaffen, damit Jura Soyfer als Zeitgenosse erkannt werden kann – und erkannt wird, dass sein „Lied von der Ordnung“ dringend einen anderen Schluss braucht: „Wer's noch nicht gemerkt hat, mag's jetzt hören: / Eine Ordnung gibt's auf dieser Welt, / Sie ist da, damit wir sie nicht stören, / Und wir halten sie, weil sie uns hält!“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2012)

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