Inneres Ausland

06.12.2012 | 18:49 |  Von Marica Bodrožić (Die Presse)

Wir sind uns bei all unserer Weltoffenheit und Versiertheit mehr denn je Fremde und bekämpfen im Außen das, was wir im Innen nicht an uns selbst kennen. Über die Angst, die uns leitet – und über dieHoniglieferantin Sprache.

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Alle Grenzen sind Einübungen in die Grenzenlosigkeit. Die Vorläufigkeit all unserer Beheimatungen erschien mir durch frühe Erfahrungen in Kindheit und Jugend naturgemäß, etwa so, wie wir die Jahreszeiten erleben, der Sommer kommt und geht, er kann nicht warten. Die „ringförmige Welt“, wie es einmal bei Heinrich von Kleist heißt, kennt solches Zeitgefühl nicht. Am nachdrücklichsten und bis ins Innerste rührend hat diesen Prozess Rainer Maria Rilke 1923 in einem Brief an Duchesse Aurelia Gallarati Scoti mit diesen Worten beschrieben: „Wir werden sozusagen vorläufig geboren, irgendwo; erst nach und nach fügen wir, in uns, den Ort unseres Ursprungs zusammen, um hier nachträglich und jeden Tag endgültiger geboren zu werden.“

Rilke, dessen innere Welt genau dieser Ort für unzählige seiner Leser werden sollte, wurde durch den Verlust seiner Gesundheit und einer ganzen Weltordnung samt all ihrer Grenzen so sehr auf sich selbst zurückgeworfen, dass es ihm wie der ursprünglichste Zweck seines Daseins erschien, das Innere zu bewohnen. Er fand eine Sprache für die Durchquerung dieses Schmerzes, für jenes unvermeidbare Tal im Menschsein, das sich uns, so wir es nicht durchschreiten, als Verlust von Vitalität und Liebe in Rechnung stellt. Diesen Preis hat Rilke nicht gezahlt, er hat sogar in dem ihm auferlegten Schicksal die Möglichkeit eines inneren Wachstums gespürt und ließ sich führen. Zwischen sich und dieses neue Bewusstsein wollte er nicht einmal Ärzte lassen, weil er sie als zu roh in ihrem Nichtwissen empfand.


Wo ist das Original zu den Kopien?

Das versunkene Kaiserreich, in dem 15 Nationen unter der Schirmherrschaft des Kaisers lebten und dessen Untergang (ähnlich wie das der Föderativen Republik Jugoslawien) unaufhaltsam war, hat Identitäten erschaffen und wieder zerstört. Jedes Zuendegehen, und so auch dieses, fördert aber auch einen neuen Anfang. Genau solche historischen Augenblicke zwingen oder rufen förmlich zu Aufbruch, Umbruch und Reise. Menschen beginnen, aller Not und allem Chaos und allem Schmerz zum Trotz, sich neu zu denken.

In Rainer Maria Rilke und in Franz Kafka hinterlässt der Zusammenbruch der Donaumonarchie Menschen (ihr Beispiel will ich aufgreifen, gerade weil ihr Leiden sie zu Kronzeugen der inneren Wandlung macht), deren Horizont so weit nach innen verlagert wurde, dass sie fortan in einer so oder so äußeren Welt Fremde, Gestrandete sein mussten – nicht ihr Pass oder die im Außenzimmer irgendeines Amtes abgestempelte Identitätskarte hat sie dazu gemacht. Es war ihr Wesen, das zu einem inneren Ausland wurde. Bis heute sind ihnen nur wenige in dieses innere Ausland gefolgt. Die Durchdringungen ihrer Seele, die verschiedenen Koordinaten ihres Daseins unterworfen waren, lassen sich auch nicht nachahmen. Nur im echten, selbst erfahrenen Atem, ohne den es weder Wandlung noch Sprache gibt, sind sie auffindbar.

In unserer heutigen Welt der Attrappen und seelenfernen Suggestionen können wir vieles kopieren, und manchmal, wie bei gefälschten Kunstwerken, lassen sich diejenigen, die ihr Leben staunenswerterweise dem Kopieren widmen, viel dafür bezahlen – und dafür gibt es eine ausreichende Geldzirkulation. Die Kopie hat so weit die Welt erobert, in der wir alle leben und miteinander verbunden sind, dass ein Original zunächst einmal stört. Denn es kommt uns selbst schon als Fremdkörper vor, es macht uns Angst. Viele können nicht einmal mehr erahnen, was überhaupt ein Original ist. Der Ursprung liegt immer im Atem, in seinem Verlust, der uns den Weg zur Quelle verhindert.

Der Atem hat keine Identitätskarte. Genauso wenig kann ein menschliches Leben einen materiellen Ausweis mit sich führen, es sei denn, wir begreifen unsere Innenwelt als einen solchen. Pässe und Ausweise sind Papier. Der Atem ist Leben. Und er führt direkt zu Gedichten, direkt in unsere innerste Sprache hinein. In einer Zeit, in der alles operiert werden kann, suggeriert man uns, dass das Original nichts wert ist und dass es verbessert werden muss. Wir haben vergessen, wie wesentlich die Durchschreitung unseres inneren Auslandes ist. Wir sind uns bei all unserer Weltoffenheit und Versiertheit mehr denn je Fremde und bekämpfen im Außen das, was wir im Innen nicht an uns selbst kennen. Die Angst leitet uns da mehr als die Erkenntnislust.

Sich selbst als Individuum wahrzunehmen, ernst zu nehmen, ohne sich vom Narzissmus der Persönlichkeit fehlleiten zu lassen, das haben wir in unserer modernen und an Gütern reichen Welt verlernt. Und wenn wir doch nicht immer so heroisch sein können wie Rilke und Kafka (und wir wissen, dass sie zum Glück keine perfekten Menschen waren), den Glauben an solche Heilungen abzulehnen (weil wir durch die Sprache des Schmerzes Schüler des Lebens werden), so können wir vielleicht doch etwas daraus lernen: Durch Sprache haben diese beiden Menschen ihren Schmerz nicht aufheben können, aber tiefer (oder höher) begriffen, als sie ihre Botschaft zu ihrem Bewusstsein gemacht haben.


Sprache als Heimat, für Stunden

Für mich ist das der einzige wahrhaftige Kompass, um die inneren Wandlungen des Lebens möglich zu machen. Je intensiver ein Mensch seinen eigenen Weg in der ihm gegebenen Zeit begreift, desto wahrscheinlicher wird seine Reifung und authentischer seine Sprache – und das eine geht einher mit dem anderen. Auch Wunschlosigkeit gehört dazu. Wir können niemals verharren. Und auch der Schmetterling verharrt nicht, sein Unterwegssein ist einem neuen Werden unterworfen. Nur sind wir dann nicht mehr seine Zeugen, denn wir halten seine Flügel schon für die Vollendung seines Ziels. Aber es bleibt ein Archiv der Verwandlung zurück. Ein Echoraum. In den Wörtern lebt das Archiv weiter.

Die Sprache kann Heimat sein, für Stunden, ein Satz kann ein Tor sein, ein Tor zur Wahrheit, ein Buch, das dem Lebenskompass, der Demut, die zwischen Stille und Worten entsteht, entsprungen ist, solch ein Buch verlangsamt die Welt. Sie hält inne. Für uns. In der Entschleunigung werden wir eingefasst und in einen anderen Raum getragen. Wir setzen über,mithilfe der Imagination und innerer Ortschaften gelangen wir ans Ufer, stranden in einer äußeren Welt der lauten Dinge. Fremd ziehen wir ein, fremd ziehen wir wieder aus. Der eine Mensch fühlt sich auf dieser Erde zu Hause, wiederum ein anderer begreift sein ganzes Dasein als Bewegung und wird nirgends heimisch – was hat dieser Zustand damit zu tun, ob wir hier oder dort ein Mutter- oder Vaterland haben? Nichts. Das ist ein Missverständnis. ■


Marica Bodrožić zu Gast in Wien: im Kasino am Schwarzenbergplatz,
12. Dezember, 20 Uhr, in der Gesprächsreihe „Kakanien – Neue Heimaten“ (gemeinsam mit Caroline Peters, Rosemarie Tietze und Eva Jantschitsch).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2012)

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