Griechischer Spätherbst 2012 - Menetekel für Europa?

Das Einkommen der Ärztin Athanasia ist unter 1500 Euro monatlich gesunken. Christos, vormals Kapitän, muss für sich, seine Frau und seine Schwestern mit 1000 Euro auskommen. Die Krise in Griechenland hat den Mittelstand erreicht. Und Hoffnung ist nirgendwo.

Nach einem extrem heißen Sommer haben die Griechen ihre Viermillionen-Metropole, Athen, wieder (fast) allein in Besitz genommen. Viele von ihnen hatten in den abgelegenen Dörfern, Kleinstädten und Inseln ihrer Herkunft ihr "Arkadien" gesucht und für einige Wochen in ländlicher Genügsamkeit und in noch bestehenden großfamiliären Netzen ihre prekären Lebensumstände gelindert. Die Urlauberschwärme sind abgeebbt, doch die Experten der Troika und die europäischen Finanzpolitiker hielten das Land monatelang in "Geiselhaft"; sie und die nationale politische Klasse zogen fast Tag für Tag der breiten Bevölkerung die einkommens- und sozialpolitischen Daumenschrauben fester an. So lautet der Tenor der meist in brüchigem Englisch oder dem Ausländer gegenüber vereinfachendem Griechisch gegebenen Antworten, wenn man Freunde, Verwandte oder Passanten frägt, wie es mit Griechenland denn weiter gehe. (Dem österreichischen Beobachter kommen dazu die mit mehr oder weniger finanzdiktatorischen Befugnissen ausgestatteten Völkerbundskommissare, Zimmermann und Rost van Tonningen, in den Sinn, die - in einem allerdings ganz anderen internationalen Umfeld - mit der "Genfer Sanierung" bzw. dem "Lausanner Abkommen" wichtige Marksteine auf dem Weg der fragilen österreichischen Zwischenkriegsdemokratie in die Diktatur gesetzt hatten.) Abzuwarten ist, ob sich die bestehende Krisensituation in Griechenland nach den jüngsten internationalen Finanzhilfemaßnahmen so rasch ändern wird.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2012)

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