Wenn Frau Zangmo an die Tür klopft

14.12.2012 | 18:42 |  Von Harald Friedl (Die Presse)

Sie fragen: Was macht Sie glücklich? Und: Was steht Ihrem Glück entgegen? Wenn die Glücksermittler in Bhutan von Haus zu Haus gehen, bleibt ihnen kaum eine Tür verschlossen. Von der Utopie einer besseren Gesellschaft – mitten im Himalaja.

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Wenn man Glück hat, sieht man vom Flugzeug aus den weißen Gipfel des Mount Everest. Dann sinkt der Airbus sachte zwischen die Bergketten in enger werdende Täler. Immer näher rücken die Abhänge heran, bis kleine Feldhütten zu erkennen sind. Landebahnen liegen immer geradeaus, weiß man aus Erfahrung. Doch dieses Mal ist das anders. Plötzlich zieht der Airbus 319 steil nach links, er fliegt irritierend nahe zum Hang hin. Dann kippt er abrupt nach rechts. Der Pilot kehrt am Talschluss um. Nicht mehr hoch überdem Boden und knapp an den Hängen wendet die Maschine im engst möglichen Radius um 360 Grad. Ein kurzes Stück schwebt sie zurück Richtung Süden, kippt erneut nach rechts und stürzt über dem Dach eines exponiert gelegenen Klosters hinab in das nach Westen gerichtete Tal von Paro. Acht Piloten haben diese Landung trainiert, nur sie dürfen hier fliegen. Elektronische Messinstrumente sind hier unbrauchbar.

In der Hauptstadt Thimphu bewegen sich die Menschen gelassen. Sie bleiben stehen, reden miteinander, lächeln Fremde an. An der einzigen geregelten Kreuzung des Landes versieht ein Polizist mit tänzerischenArmbewegungen seinen Dienst. Auf dem Sportplatz treten Bogenschützen in Landestracht gegeneinander an. Über eine Distanz von 150 Metern wird auf ein 50 mal zwölf Zentimeter großes Brett gezielt. Kein Schütze schießt mehr als 80 Zentimeter daneben. Wenn es Anlass zur Freude oder zur Schadenfreude gibt, wird gesungen und getanzt –also praktisch immer. Angeblich werden die Bhutaner nur deshalb nie Weltmeister, weil sie gewohnt sind, bei Turnieren Alkohol zu trinken.

Mehr als für den Nationalsport Bogenschießen ist Bhutan als gesellschaftspolitisches Versuchslabor berühmt geworden. Der vierte König der Wangchuck-Dynastie beschloss in den 1970ern, sein abgeschottetes Land zu öffnen. Ein indischer Journalist fragte ihn, wie er auf der Grundlage des damals niedrigsten Bruttonationalprodukts der Welt sein Land entwickeln wolle. Der König antwortete, dass es doch nicht auf das Bruttonationalprodukt ankomme, sondern auf das Bruttonationalglück.


Jeder wirkt am Glück der anderen

Damit war ein Begriff in die Welt gesetzt, der in den kommenden Jahrzehnten mit Inhalten gefüllt und zum Staatsprogramm wurde. Es ist ein ganzheitliches Konzept, dem die Philosophie des Buddhismus zugrunde liegt:Alle Säulen eines Daches müssen gleich hoch sein. Sind sie es nicht, fällt alles in sich zusammen. Wohlbefinden und Glück wachsen auf einem feinen Geflecht aus materiellen und immateriellen Werten, auf einem ausgewogenen Verhältnis von Arbeit und Freizeit. Kein Mensch ist für sich alleine glücklich, jeder wirkt mit am Glück der anderen. Das mag wie ein romantisches Staatsmärchen klingen, aber in Bhutan sind viele Menschen in mächtigen Positionen darum bemüht, die Entwicklung des Landes im Zeichen des Glücks zu betrachten.

Die Ermittlung des Bruttonationalglücks ist das vielleicht größte sozialwissenschaftliche Forschungsprojekt der Welt. Ich war mit einem Filmteam in Bhutan unterwegs, um darüber einen Dokumentarfilm zu drehen.

Man kann sich ausmalen, wie Menschen in Österreich, Europa oder den USA reagieren würden, wenn Beamte des Staates kämen und sie bäten, drei Stunden lang zur Verfügung zu stehen, um fast 1000 Fragen zu beantworten. Auch in Bhutan ergreifen einzelne die Flucht, auch in Bhutan verweigern sich manche. Doch fast alle der nach Zufallsprinzip ausgewählten Menschen kommen zu den Versammlungsorten, die meisten sind daheim, wenn Frau Tshoki Zangmo, Herr Karma Wangdi oder eines ihrer Teammitglieder an die Türen klopfen. Skepsis gibt es auch hier, aber keine Anzeichen von Zynismus. Kein einziger Mensch ist kamerascheu. Liegt das daran, dass nur die wenigsten einen Fernsehapparat haben? Viele sind sichtlich geehrt, dass ihrer Lebenssituation aufrichtiges Interesse entgegengebracht wird.

Die erste Frage lautet: Was macht Sie glücklich? Ein junger Mann sagt, in einem Auto mitzufahren. Eine Bäuerin spricht vom Handymasten, den es seit einem Jahr im Dorf gibt. Ein Bauer ist glücklich, wenn er beobachten kann, was die Menschen in der kleinen Stadt so treiben, wenn er zuhören kann, was sie so reden. Eine Geschäftsfrau meint, als Mensch wiedergeboren zu sein und das Leben mit allen fünf Sinnen genießen zu können, das ist das größte Glück.

Gefragt wird auch: Was steht Ihrem Glück entgegen? Dass ich wegen des Todes meines Vaters die Schule abbrechen musste, sagt ein Junge, dass ich meinen Kindern keine gute Ausbildung finanzieren kann, eine allein erziehende Frau. Ein alter Mann klagt über Einsamkeit, er sagt, wahrscheinlich sei er selber schuld daran, er habe eben schlechtes Karma. Gibt es Fälle sexueller Diskriminierung im Dorf? Ist die Polizei korrupt? Kümmert sich die Verwaltung um Ihre Anliegen? Haben Sie Zugang zu medizinischer Versorgung? Wie ist Ihr Dach gedeckt? Gibt es Streit in der Familie? Haben Sie Schulden? Wie steht es um die Balance zwischen Arbeit und Freizeit? Fühlen Sie sich von Ihren Mitmenschen angenommen? Haben Sie Spaß? Können Sie nachts gut schlafen? Wie glücklich schätzen Sie sich ein – auf einer Skala von null bis zehn?

Nach den Befragungen trinken wir mit den Gastgeberinnen und Gastgebern Tee, beantworten wir Fragen nach unseren Eindrücken von Bhutan und erzählen von Europa. Manchmal vertrauen uns die Menschen ihr Liebesglück an, ihre großen und kleinen Lüste, ihr Glück in sozialen Zusammenhängen. Manche Geschichten sind glücklich und melancholisch zugleich. Die des behinderten Mannes etwa, der sich so nutzlos fühlt. Er meint, es wäre besser gewesen, wenn er bei seiner Geburt gestorben wäre. Dann schaut er aus dem Fenster und findet Halt in der Schönheit der Natur, obwohl unbeschwertes Glück niemals sein Herz erreicht. Wo man nach dem Glück fragt, meldet sich auch die Kehrseite. Geschichten von der Angst vor dem Ende, vom Leiden an seelischen und körperlichen Schmerzen. So exotisch Bhutan auch anmuten mag, sosehr die Menschen auch vom Gleichmut des Buddhismus geprägt sein mögen, die Geschichten von Glück und Unglück sind universell und überall gleich anrührend.

Vor den Dreharbeiten hatte ich einen Monat in Bhutan recherchiert. Wir kamen für zwei Monate zum Filmen (Helmut Wimmer, Kamera; Joe Knaur beziehungsweise Axel Traun, Ton; Peter Musek und Gem Dorji, Kameraassistenz; Produzent Kurt Mayer), verstärkt von vier Bhutanern, darunter Namgyel Wangchuk, der Übersetzer.Unsere Reise auf der Suche nach dem Glück verlief nicht immer glücklich. Unsere Mägen fühlten sich manchmal an, als hätten wir Nägel verschluckt. Wir mussten Hotelzimmer gegen mausgroße Kakerlaken verteidigen. Als wir zu einem Drehort drei Tage lang marschieren mussten, setzten sich am zweiten Morgen die angeheuerten Träger ab, weil ihnen Weg und Last zu mühsam waren. Einmal lag das einzige Quartier in einer tiefen, felsigen Schlucht, durch die ein Sturzbach donnerte. Es gab keinen Platz zum Zelten. In der überdachten Ruine, die einem alten Mann als Haus, den Wanderern als Relaisstation diente, wimmelte es nachts von Mäusen und Ratten. Den Weitermarsch blockierte eine 100 Meter breite Mure, die nach tagelangem Regen so verschlammt war, dass unsere 15 Packpferde nicht weiter konnten. Wir luden in der Dunkelheit die Lasten ab und schleppten alles selber über die Mure. Diese kleinen Abenteuergeschichten, diese mitunter verfluchten, durchlittenen Stunden sind es, denen man im Nachhinein so besondere Aufmerksamkeit schenkt, weil sie einem das perverse Glück der Überwindung bescherten.

Zwei Drehorte sind mir in besonderer Erinnerung geblieben. Jeder hätte für sich Handlungsort eines eigenen Films sein können, jeder steht für eine besondere Spielart des Glücks.


Der Pilz, der die Raupe frisst

Laya, die tibetische Enklave im Norden Bhutans, liegt auf 4000 Meter Höhe, fast schon dort, wo sich China und Bhutan über den Grenzverlauf uneinig sind. Die Frauen tragen geflochtene Hüte mit Holzspitzen, Männer sehen wir kaum. Sie sind 1000 Meter höher bei ihren Yaks und durchsuchen das Gras nach den Halmen der Cordyceps, jenen unglücklichen Raupen, die von einem parasitären Pilz befallen werden, der sie von innen auffrisst und ausfüllt, bis er ihre Form annimmt und als kurzer, grasähnlicher Faden an die Oberfläche tritt. Am Markt in Hongkong, wo er als Aphrodisiakum gilt, bezahlen reiche Chinesen 10.000 Dollar pro Kilo dafür. Wegen der dünnen Luft wachten wir immer wieder mit heftiger Atemnot auf und hechelten, um unser Blut mit ausreichend Sauerstoff anzureichern. Morgens waren die Zelte außen von Eis bedeckt. Wenn ich zu Sonnenaufgang ins Freie trat, um mich in den ersten Sonnenstrahlen aufzuwärmen, bot sich der fantastische Anblick eisumhüllter Berge. Eigentlich fühlte sich Laya nach 100 Jahren Einsamkeit an. Und doch hatte ich nirgendwo sonst Frauen gesehen, die größere Ruhe ausstrahlten, nie Kinder, die ausgelassener und glücklicher wirkten.

Später wohnten wir eine Woche lang im Haus des alten Soldaten Namgey. Er tat eigentlich nichts Besonderes, er spazierte nur immer wieder in seinem Garten herum, murmelte Mantras, zupfte hier, hackte dort, murmelte weiter. Alles an diesem Garten schien wie von selbst zu gedeihen: riesige Zitronen, gigantisches, kürbisartiges Gemüse, Feigen, Chili. In den Reisfeldern ringsum hatte er an Stangen und Drähten Dosen angebracht, die er, wenn nachts seine beidenzutraulichen Hunde anschlugen und vor den Wildschweinen warnten, über ein kompliziertes Netz von Drähten, die bei seinem Nachtlager zusammenliefen, zum Scheppern brachte. Seine Welt schien durch und durch harmonisch und in Ordnung zu sein wie ein Paradiesgarten.

Eines Morgens erwartete mich vor meinem Erdgeschoßzimmer eine Gottesanbeterin. Den ganzen Tag über blieb sie davor hocken wie eine Pförtnerin. Abends legte ich mich vor ihr auf den Boden und kroch an sie heran. Als ich den Fotoapparat auf sie richtete, bewegte sie sich plötzlich und umfasste mit ihren Vorderarmen das Teleobjektiv, als wollte sie es festhalten, um es ganz genau betrachten zu können.

An manchen Tagen kann man sogar den persönlichen Kontakt mit einem Insekt als beglückend empfinden. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2012)

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