Lesen mit Zwergdommel

21.12.2012 | 18:39 |  Von Michal Hvorecký (Die Presse)

Bratislava–Burgenland, retour: eine literarische See-Erfahrung. Unlängst, an einem Sonntag im Herbst, war ich zu einer Lesung beim Literaturfestival „Leinen los“ auf dem Neusiedler See eingeladen.

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Unlängst, an einem Sonntag im Herbst, war ich zu einer Lesung beim Literaturfestival „Leinen los“ auf dem Neusiedler See eingeladen. An vielen verschiedenen Orten auf der Welt habe ich schon aus meinen Werken vorgetragen, doch dieses Erlebnis war besonders.
Der Neusiedler See ist bekanntermaßen ein Millionen Jahre alter Steppensee, ein Symbol Pannoniens. Im Norden des österreichischen Burgenlandes und im Westen Ungarns gelegen, nur 40 Kilometer südlich von Bratislava entfernt, ist er ein mitteleuropäisches Naturunikat. So viele Störche und so viel Schilf habe ich nur im Donaudelta gesehen – und so viele Wasservogelarten nicht einmal da.

Wir sind am Nachmittag mit einem Schiff von der kleinen Barockstadt Rust aus auf den See gefahren. Kaum mehr als eineinhalb Meter tief ist der See in der Pusztalandschaft. Ich habe bei langsamer Fahrt im Takt der vibrierenden Schiffsmotoren, vor dem lebhaften Geschwirr der Insekten, Zwergdommeln und Schilfrohrsänger gelesen.

Aus dem riesigen Gras tauchten urzeitliche Pfahlbauten auf. Zu den kleinen Häuschen auf Stelzen im Schilf kommt man nur auf langen hölzernen Stegen oder eben mit dem Boot. Wäre der See in der Slowakei, hätten dort sicherlich schon Neureiche illegale Fahrbahnen zu dreistöckigen Villen mit schwarz abgezapftem Strom gebaut. Genau das ist in den vergangenen Jahren in Jarovce bei Bratislava passiert, wo im Naturschutzgebiet der Kleinen Donau eine ganze widerrechtliche Siedlung entstanden ist. Auch viele Politiker und ein Exminister sind da zu Hause und bezahlen nicht einmal die jährliche Immobiliensteuer, weil mit solchen „Hausbooten“, eigentlich riesigen Seehäusern auf Stelzen, kein Gesetz gerechnet hat.
Auf staatlichem Boden wurden asphaltierte Straßen, Parkplätze für Geländelimousinen, Gartenhäuschen und Zäune errichtet, und sogar ein Teil des Hochwasserdamms wurde bei den ungesetzlichen Bauarbeiten zerstört. Die Fußgänger und Radfahrer können sich dadurch nicht mehr frei bewegen. Doch die staatlichen Behörden sind hilflos.
Die Österreicher sind nicht besser als die Slowaken oder Tschechen, nur haben sie, wie mir scheint, schon gelernt, dass Reichtum nicht alles erlaubt, sondern eine große Verantwortung und Verpflichtung bedeutet. Die wirklich großen Länder sind die, wo auch die Reichsten bescheiden sind und Respekt für die Umgebung haben – und wo man an den gesellschaftlichen Regeln festhält, weil man will, nicht nur, weil man muss. Die burgenländische Stadt Mattersburg hat nur 7000 Einwohner, doch anders als die Hauptstadt der Slowakei hat sie ein Literaturhaus. Um neues Publikum zu erreichen, haben sich die Dramaturginnen entschieden, erstmals ein Literaturfest auf dem Schiff durchzuführen. Und es war richtig. Die beiden Schifffahrten, am Vormittag und am Nachmittag, waren schon Wochen vorher ausverkauft. Es gab sogar eine lange Warteliste.
In der Pause habe ich feinen Ruster Wein vom Weingut Conrad verkostet – nach den Vorfahren der alten Winzerfamilie ist sogar ein Platz in der Kleinstadt benannt. Die Weine dieser Region um den westlichsten Steppensee Mitteleuropas zählen zu den weltbesten.
Die Veranstalterinnen haben mich gebeten, auch die slowakischen Journalisten einzuladen. Ich habe den Zeitungen und Zeitschriften sowie den Presseagenturen die Nachricht gerne weitergeleitet. Nur ein einziger Redakteur hat auf die Einladung geantwortet, doch auch er ist letztlich nicht gekommen. Nicht einmal die Teilnahme der ungarisch-deutschen Starautorin Terézia Mora oder der Preisträgerin des Literaturwettbewerbs Wartholz, Barbara Zeman, und der Bands „Pristup“ oder „Garish“ waren verlockend genug.

Als Bratislava noch Pressburg hieß, gehörte es wie der Landstrich des heutigen Burgenlands zum Königreich Ungarn. Teilweise mit Gewalt wurde meine Stadt im Jahre 1919 tschechoslowakisch, nicht österreichisch oder ungarisch.
Man könnte also meinen, dass Nähe besteht, doch es sieht so aus, dass das Burgenland – mit der Ausnahme der günstigen Grundstücke im Grenzgebiet von Kittsee bis Hainburg und der Schnäppchenjagden im Outlet von Parndorf – immer noch so weit entfernt ist wie vor einem Vierteljahrhundert. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2012)

 
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