An Hölderlin

21.12.2012 | 18:39 |  Von Wolf Wondratschek (Die Presse)

Das Rätsel Hölderlin. Ein Dichter, der einfach nicht aufhört zu sterben, der das Schweigen am Ende nötiger hatte als das Schreiben, den eigenen Namen verschmähteund die Gedichte der letzten Jahre mit Scardanelli unterschrieb. – Wie komme ich dazu, eine CD zu produzieren?

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Die Sache ist gelaufen. Die CD ist fertig und auf dem Markt. Sie ist das geworden, was sie werden sollte. Glück gehabt. Ichbin unternehmerisch eine Null. Ich kann nicht rechnen. Mich interessieren keine Erfolge an der Ladenkasse. Und genug eigenes Geld hatte ich auch nicht, um die Sache allein durchziehen zu können. Ich wusste nicht einmal, was so eine Produktion kostet.

Ich hatte nichts als einen jungen Mann, den niemand kennt; Hölderlin, den kaum jemand liest; und, na ja, meinen Glauben an die Energie, die von Ideen ausgeht.

Wen gab es noch, der an Ideen glaubt? Wie viel Autorität hatte mein Wort? Wie viel Wirkung hatten die vielen Briefe, in denen ich um Unterstützung für eine Sache bat, die nicht leicht zu erklären ist, nicht wenn es umHölderlin geht und um Leute wie Rechtsanwälte, Banker, Unternehmer, Ärzte?

Einer antwortete mit einer Postkarte. „Warum machen Sie nicht Schiller?“

Eine schrieb zurück: „Ich habe eine CD mit Hölderlin-Gedichten, gelesen von Bruno Ganz“; und grüßte ganz herzlich.

Ein Freund versicherte mir glaubhaft, dass er nicht einmal den frühen Hölderlin verstehe, war aber bereit, eher mich als die Sache, die ihm schleierhaft vorkam, zu unterstützen.

Die Damen der Hölderlin-Gesellschaft mit Sitz in Tübingen blieben auch vom zweiten meiner Briefe unbeeindruckt, beide blieben unbeantwortet. Der Turm schwieg.

Ein hierzulande nicht unbekannter Prof. Dr. Dr. h.c., von Beruf Germanist, ließ mich wissen, er „befürchte“, mir „nicht recht beistehen zu können“, weil er „nicht die Katze im Sack kaufen möchte“ und als „armes, pensioniertes Schwein“ die Mittel nicht hätte (ich hatte ihn um lediglich 250 Euro angehauen) und, Friede seiner Eitelkeit, im Augenblick mit „einer Gastprofessur in Chikago“ beschäftigt sei. Mir ist danach, seinen Namen öffentlich zu machen, aber das lass ich lieber.

Andererseits fand ich meine Vermutung bestätigt, dass Hölderlin gut ist für Spenden. Die gute Tat half all denen aus der Verlegenheit, sich für die Misserfolge der eigenen Lektüre glauben schämen zu müssen – oder für das Versäumnis, ihn überhaupt je gelesen zu haben. Sein Ranking ist unangefochten hoch. Ich habe das selbst bei Ignoranten feststellen können. Sie investieren in die Bewunderung für den Dichter, nichts in den Entschluss, sich einfach doch mal in ihrem Leben mit einem Buch von ihm in eine ruhige Ecke zu verziehen.

In der Zwischenzeit kam mir der Gedanke, ich könnte, wenn ich eine CD produziere, steuerlich als Unternehmer erfasst werden. Ein beunruhigender Gedanke für jeden Freiberufler. Und wohin sollten die liebenswert großzügigen Menschen eigentlich das Geld, das sie mir anvertrauen wollten, überweisen?

Mein Steuerberater riet zur Eröffnung eines Hölderlin-Spendenkontos. Und mir riet er, einen Ordner anzulegen für alle Belege über Ausgaben. Noch einen? Ich hatte schoneinen für den stetig wachsenden Briefverkehr mit allen möglichen Leuten, die meiner Energie nicht genug Widerstandskraft entgegensetzen konnten – oder wollten. Heiliger Hölderlin! Das hatte ich mir auch noch eingebrockt: Ich hatte Bürostunden zu absolvieren, und nicht wenige.

Aber so schnell geht die Sonne meines Herzens nicht unter. Sobald das erste Geld eingegangen war, mietete ich, koste es, was es wolle, ein Studio. Wir wollten einfach erst einmal einen ersten Schritt machen, einen ersten Mitschnitt, um zu erkunden, „wie das Gesagte des Dichters gesprochen sein möchte“ (Martin Heidegger).

Mit nichts anderem hatte sich Christian Reiner lange genug beschäftigt, und seineersten Versuche hatten die unverbrauchte Qualität eines Experiments. Wie war es möglich – und war es überhaupt möglich, sich in die Stille dieser Sprache einzumischen, ohne sie zu stören?

Und es war möglich. Wir hörten es. Da war es, „das Echo einer großen Verklungenheit“ (Robert Musil). Die Stimme vonChristian Reiner war auf einem eigenen, noch nie gegangenen Weg unterwegs. Wir würden nicht einfach nur wieder noch eine CD mit Gedichten von Hölderlin produzieren.

Wir hatten die Worte und das Schweigen der Worte, also das, was unser Tontechniker „die Pausen“ nannte – wobei es ammeisten gerade darauf ankam, auf die Pausen in den Gedichten und die Pausen zwischen den Gedichten. Es war dieser Rhythmus, auf den es ankam. Es war die Ruhe, die alles, was zerfallen will, zusammenhielt.

Einmal sagte ich (in einer Zigarettenpause) zu Christian: „Es ist wie in einer Partitur von Morton Feldman, da sind auch mehr Pausen notiert als Noten.“ An einem jener Abende war eine Flasche Wein fällig, und noch eine, und noch...

Was ist Glück, wurde der Regisseur Aki Kaurismäki einmal gefragt. Und er hat geantwortet: „Glück? Das ist Benzin für meinen Cadillac und Blumen für meine Lady.“ Ich kann auf die gleiche Frage antworten: Glück ist, wenn man Glück hat. Und das hatte ich, nachdem der Tag nach dem Besäufnis überstanden und der Kopf wieder klar und wieder für Arbeit zu begeistern war.

Da sich Christian Reiner für die Fassungen der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe entschieden hatte, hatte ich endlich die Gelegenheit, mich mal wieder bei KD Wolff zu melden, einem Genossen aus längst vergangenen außerparlamentarischen Zeiten. Sein Stroemfeld Verlag besaß ja die Rechte daran. Und siehe da, er hatte, wie ich gehofft hatte, immer noch was übrig für die gute alte Solidarität unter ins Rentenalter gekommenen Revolutionären.

Mein nächster Wunsch ging auch in Erfüllung, und mehr kann man nicht verlangen. Peter Sloterdijk, dem ich in Wien über den Weg lief und von meinem Projekt erzählte und den ich – für das Booklet – um einen kleinen Essay zu Hölderlin bat, sagte unumwunden sofort zu. Das Gelbe hat ins Ei gefunden.

Als sei das alles noch immer nicht genug, reagierte auch noch Manfred Eichervom Label ECM Records auf meine Bitte, sich das vorläufige Ergebnis unserer Arbeit anzuhören, und war, als wir dann telefonierten, so begeistert, dass ich Christian bat, mich zu ohrfeigen. Ich wollte nur sichersein, nicht zu träumen. Denn daran habe ich eigentlich gar nicht gedacht, dass ich irgendwann auch einen Vertrieb für das Produkt brauchen würde.

Das Herzstück der ganzen Unternehmung war dann natürlich die eigentlicheGeburt des Produkts, die künstlerische Auseinandersetzung und Arbeit während derAufnahmesitzungen mit jedem der Gedichte, mit jedem Vers dieser Gedichte, dem Atem jedes einzelnen Wortes – und später dann mit der Auswahl der Gedichte und ihrer Abfolge. Unverzichtbar dabei die Zusammenarbeit mit Manfred Eicher selbst, seine inspirierende und konzentrierte Anwesenheit in den Studios in Wien und München. Ich hatte ja von vielen anderen Veröffentlichungen von ECM, Musikeinspielungen vor allem, diesen besonderen, einzigartigen Klang im Ohr, diese magische Klarheit, die nur durch den Magier selbst zu erreichen war. Ich war nur der, der einen Anfang gemacht hatte, Manfred Eicher der, der diesen Anfang in seine Obhut nahm und insgesamt dann vollendete.

Das Rätsel Hölderlin. Ein Dichter, dereinfach nicht aufhört zu sterben, der das Schweigen am Ende nötiger hatte als dasSchreiben, den eigenen Namen verschmähte und die Gedichte der letzten Jahre, die er nur noch verfertigte, wenn Besucher ihn dazu aufforderten, mit Scardanelli unterschrieb.

Nicht für alle Sterblichen mag Hölderlin ein Schicksal sein, wie das Martin Heidegger behauptete, aber er hat schon recht. ■


Friedrich Hölderlins „Turmgedichte“, gelesen
von Christian Reiner, sind soeben als CD sowie als MP3-Download bei ECM erschienen.


Die Linien des Lebens sind verschieden,

Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.

Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

Aussicht


Der offne Tag ist Menschen hell mit Bildern,

Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget,

Noch eh des Abends Licht zur Dämmerung
sich neiget,

Und Schimmer sanft den Klang des Tages
mildern,

Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt,
verschlossen,

Des Menschen Sinn von Zweifeln voll,
verdrossen,

Die prächtige Natur erheitert seine Tage

Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.

Mit Untertänigkeit
Scardanelli.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2012)

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