Rajzefiber

21.12.2012 | 18:41 |  Von Dietmar Grieser (Die Presse)

Von Danzig nach Deutsch Eylau, heute Iława: auf den Spuren meines Vaters in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren.

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Unter den wenigen polnischen Vokabeln, die ich kenne, ist mir pokój in ihrer (rundum positiven) Vieldeutigkeit die liebste. Wer zwischen Krakau und Stettin als Tourist auf Herbergssuche ist, liest es auf den Schildern, die in den Vorgärtchen vieler Einfamilienhäuser aufgestellt sind: Es bedeutet Zimmer (gemeint ist: Zimmer frei). Zugleich ist es das polnische Wort für Ruhe:Als man der oberschlesischen Herzogsstadt Carlsruhe nach dem Zweiten Weltkrieg den Carl strich, blieb Pokój übrig. Und auch an der Pforte eines der prachtvollen Patrizierhäuser an der Mottlau-Promenade zu Danzig kehrt es wieder: Hier hat Lech Walesa sein Büro; aus dem den Friedensnobelpreisträger von 1983 wortreich würdigenden Text der Gedenktafel sticht das Epitheton pokójheraus. Pokój für Frieden.

Noch leichter tut sich der aus unseren Breiten Anreisende mit einem Begriff, den er an polnischen Rathäusern vorfindet: Der Burmistrz – was ist er anderes als unser guter alter Bürgermeister? Neueren Datums ist dagegen eine Wortschöpfung, die der staatspolitisch bedingten Austilgung deutscher Sprachelemente nach 1945 ein Beispiel für sprachliches Zusammenrücken entgegensetzt: rajzefiber. Bei meinem Unterfangen,mich für die Dauer einer Woche im ehemaligenWestpreußen, Teil derheutigen Woiwodschaft Ermland-Masuren, zurechtzufinden, werde ich von den Früchten umgangssprachlicher Globalisierung profitieren. – Was mich diesmal antreibt, unterscheidet sich von dem, was seit 40 Jahren meine Leser von mir gewohnt sind: Obwohl auch Polen reich wäre an „Schauplätzen der Weltliteratur“ (wie der Titel eines meiner ersten Bücher hieß), ist es hier keine „Endstation Sehnsucht“, die den Spurensucher auf Trab bringt, keine „Brücke von San Luis Rey“, sondern ein Überraschungsfund in eigener Sache.

Ich habe immer davon gewusst, dass es dieses Typoskript gab. Um 1930 hat es mein 1887 geborener und 1951 verstorbener Vater in seine nagelneue Continental getippt: Huldigung an das Land zwischen Danzig und Deutsch Eylau (heute Iława), in dem derKriegsheimkehrer von 1918 seine ersten Berufsjahre als Gymnasiallehrer zubrachte.

Meine Eltern lebten ab 1929 in Hannover, zwischen 1930 und 1934 kamen wir drei Söhne zur Welt, kurz danach übersiedelte die Familie nach Oberschlesien. Der Vater, Saarpfälzer mit Tiroler Wurzeln, folgte seiner zehn Jahre jüngeren Frau in deren Geburtsheimat – in der Kreisstadt Leobschütz hatte sie den elterlichen Besitz geerbt. Im sogenannten Herrenzimmer, stets von Tabakrauch erfüllt, ging Vater, wenn er von derSchule heimkam und seinen Mittagsschlafabsolviert hatte, seiner schriftstellerischenTätigkeit nach, nur unterbrochen von den regelmäßig wiederkehrenden Einweisungen in Nervensanatorien: Sein Dauerleiden Endogene Depression warf schwere Schatten auf das Leben der fünfköpfigen Familie. War es die Sorge um deren Fortbestand, die meinenVater dazu brachte, sich schon frühzeitig der „Partei“ anzuschließen? Bereits zu Zeiten der Weimarer Republik war das Gesetz zur „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ ausgearbeitet worden; nun, unter Hitler, wurde es mit gnadenloser Konsequenz exekutiert. Würde der Kotau vor der Staatsmacht dem latent „Geisteskranken“ Schutz bieten vor den Schrecknissen der Euthanasie?

Der letzte Kriegswinter riss die Familie auseinander. Vaters vorübergehende Genesung bescherte selbst dem 57- Jährigen (!) die Einberufung zum „Volkssturm“; Mutter und Kinder traten mit nichts als Handgepäck die Flucht vor der heranrückenden Roten Armee an. Via Mährisch Schönberg und Budweis landeten wir in Bayern.

Als das Ärgste überstanden war, machte sich Mutter an eine Art Kassasturz, breitete in unserem Notquartier den Inhalt der Koffer, Rucksäcke und Taschen aus: War es ihr gelungen, neben dem bisschen Bargeld auch das Nötigste an Dokumenten einzupacken? Ich als das genäschigste von uns drei Kindern nahm an dieser Bestandsaufnahme besonders lebhaft Anteil: Hatte nicht Mutter in einer der Tragtaschen ein letztes SackerlKrachmandeln verstaut? Weniger wichtig erschienen mir, dem verspielten Elfjährigen, die weiteren Habseligkeiten, die sie zutage förderte: Ausweise, Familienstammbuch, Erinnerungsfotos. Und mittendrin, alles Übrige an Umfang überragend, ein dickes Bündel DIN-A4-Papier – mit Schreibmaschine beschrieben, mit Bindfaden zusammengeheftet. „Wanderungen durch Westpreußen“ auf dem Titelblatt des Konvoluts, darunter die Zeile: „Verfasser: Dr. Emil Grieser“. Es war Vaters druckfertiges Buchmanuskript über „die schönste Landschaft meines Lebens“. Meine ganz und gar hausfrauliche, jedenfalls wenig literaturaffine Mutter hatte in einer Situation, in der es nur ums nackte Überleben ging, die richtige Entscheidung getroffen: Dieser Packen Papier musste unter allen Umständen gerettet werden.

Erst viele Jahre später – mein Vater war inzwischen lange tot, ich selber nach Wien ausgewandert und als Journalist tätig geworden – fiel mir die Sache von damals wieder ein: Hatte ich nicht – an Mutter und Geschwistern vorbei, die allesamt andere Interessen hatten – Vaters Manuskript an mich genommen und meinem Übersiedlungsgut einverleibt?

Das Verlangen, es wiederzufinden, wuchs,als ich, wiederum Jahre später, selber mit dem Bücherschreiben begann und dafür die gleiche Sparte wählte wie mein Vater: Spurensuche, Reisebericht, Lokalaugenschein. Doch das Manuskript blieb verschollen: Mein Archiv hatte in der Zwischenzeit enormen Umfang angenommen, war unüberschaubar geworden, ließ wenig Hoffnung aufden ersehnten Fund.

Und dann, im Sommer 2012, beim immerwieder aufgeschobenen und nun endlich in Angriff genommenen Aufräumen, Aussondern und Reinemachen, die elektrisierende Entdeckung: in einem der mehr als sechs Jahrzehnte unbeachtet gebliebenen und offensichtlich niemals aufgeschnürten Kartons mit Kindheitskram – Schulaufsätzen,Abschlusszeugnissen und Freundesbriefen – Vaters über 80 Jahre altes Manuskript! Außerstande, an diesem und den folgenden Tagen irgendetwas anderes zu tun, als mich über die vergilbten, zum Teil eingerissenen Blätter zu beugen und mich an dem makellosen Text zu berauschen, fasste ich auf der Stelle den Entschluss, mich auf Schauplatzsuche zu begeben – so wie ich es all die Jahre mit meinen literaturtopografischen Nachforschungen auf den Spuren Kafkas, Dostojewskis oder Hemingways getan hatte.

Aus Deutschland ließ ich mir eine Landkarte kommen, die – im Maßstab 1:200.000 – nicht nur jede kleinste Nebenstraße, ja jeden einzelnen Gutshof, sondern neben den heutigen polnischen auch die früheren deutschen Ortsnamen verzeichnete. Ich würde also ohne allzu große Mühe die Naturschönheiten des Ermlandes auf mich wirken lassen können, Vaters Wanderwege längs der Eylauer Seenplatte abschreiten, „seine“ Dörfer aufsuchen, ja vielleicht sogar die Schulen ausfindig machen, an denen der Junglehrer Emil Grieser – Fachgebiet Physik, Mathematik und Biologie – zwischen 1919 und 1928 die Kinder aus der Region unterrichtet hat.

Vom Flughafen Danzig zunächst zum Monumentalbau der gegen Ende des 13. Jahrhunderts vom Deutschen Ritterorden errichteten Marienburg, sodann, den Weichseldamm entlang, zum nicht minder eindrucksvollen Marienwerder, der einstigen Hauptstadt des Regierungsbezirks Westpreußen, und von dort weiter nach Riesenburg (heute Prabuty), Rosenberg (Susz) und Neudeck (Ogrodzieniec), dem devastierten Alterssitz des Hitler-Wegbereiters Hindenburg.

Am leichtesten tue ich mich mit dem Auffinden der vom Vater beschriebenen Kirchen: Die kolossale Backsteingotik aus der Zeit der Ordensritter hat dem Zerstörungswerk von 1945 und danach in etlichen Fällen standgehalten. Einer der Mesner, der mir die Kirchenschätze zeigt und mich nach meiner Herkunft fragt, verlangt mir verschmitzt lächelnd Ehrerbietung für „seinen“ Nationalhelden Jan Sobieski ab: Nicht Prinz Eugen, wie allgemein angenommen, sondern der mit dem Habsburgerkaiser Leopold I. verbündete Polenkönig habe Wien von dessen türkischen Belagerern befreit.

Auch als Ruine imposant: Schloss Finkenstein, wo im Frühjahr 1807 Napoleon mit seinen Generälen die Strategie seines Russlandfeldzugs entworfen hat. Die Räume, in denen der 37-Jährige logiert hat („Endlich wieder ein Schloss!“), die vom Dorfschmied angefertigten Türriegel, hinter denen er sich verschanzt, die Strickleitern, die er für den Fluchtfall vorbereitet, und die Gemächer, in denen er seine polnische Geliebte Maria Walewska versteckt gehalten hat, kann ich mir nur anhand der von meinem Guide herbeigeschafften Baupläne und Fotos vergegenwärtigen – im Gegensatz zu meinem Vater, den Graf Dohna, der damalige Schlossherr, noch persönlich durch den prachtstrotzenden Besitz geleitet hat (so wie 15 Jahre später Greta Garbo und Charles Boyer, die die einschlägigen Szenen ihres Maria-Walewska-Films am Originalschauplatz gedreht haben).

An der Strecke zur Touristenattraktion Oberlandkanal, wo Ortsnamen wie Preußisch Holland (Pasłek) an die um 1500 ins Land geholten Spezialisten für die Trockenlegung von Sümpfen erinnern, werde ich zu einem aufgelassenen Friedhof geführt, von dem nur ein Gedenkstein für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs stehen geblieben ist; die Funktionäre der seit der Wende von 1990 wieder zugelassenen deutschen Minderheit sorgen zu Allerseelen dafür, dass die Grablichter für Gottfried und Wilhelm, für Artur und Max erneuert werden. An der Dorfschule von Groß Arnsdorf (Jarnoltowo), wo an diesem Werktag der ganze Ort im Sonntagsstaat auf den Beinen ist, um seinem Marien-Gnadenbild zu huldigen, eine Gedenktafel für Kant, der hier um 1750 die Söhne eines Rittergutsbesitzers aus der Gegend unterrichtet hat.

Vom Silmsee, einem von Vaters Lieblingszielen, wo heute Kapitänsanwärter aus aller Welt mittels Miniaturmodellen das Navigieren von Ozeanriesentrainieren, steige ich zur Burg Schönberg (Szymbark) auf; das Projekt, in der riesigen Ruine eine Musikschule für blindeKinder zu installieren,hat sich aus Geldmangel zerschlagen, nur als Horrorkulisse für einen Erlkönig-Film konnte die einstige Sommerresidenz der Bischöfe von Pomesanien kurzzeitig genutzt werden.

Weiter in Richtung Süden. Zu beiden Seiten der schmalen Landstraße riesige Kohlfelder: Kapusta ist eines der Wörter, die die Polen gern mit den ansonsten ungeliebten Russen teilen. Ich höre von der unter Intellektuellen verbreiteten Sorge, ihre Schuljugend könnte sich bei der Wahl ihrer Fremdsprachen gegen das unpopuläre Idiom des Nachbarvolkes wehren und somit der künftigen, auf Außenhandel ausgerichteten Wirtschaft des Landes Schaden zufügen.

Tag drei, Deutsch Eylau, das jetzige Iława,Hauptziel meiner sentimental journey durch „Vaters Land“. 33.000 Einwohner, Fremdenführer Cyske zeigt mir die Stelle am Ostufer des 23 Kilometer langen Geserichsees, wo die deutsche Wehrmacht im Kriegswinter 1944/45 die 70 Zentimeter starke Eisdecke zertrümmert hat, um die sowjetische Luftwaffe am Landen zu hindern. Mit EU-Mitteln und liebevoll im alten Stil ist der Bahnhof von Eylau restauriert worden – samt moosgrün gekachelter Schalterhalle und gusseisern bestuhltem Wartesaal. So hat es auf den Bahnhöfen meiner eigenen Kindheit ausgesehen, als man noch, wer seine Leute nur zum Zug begleiten wollte, für zehn Pfennig eine „Bahnsteigkarte“ lösen musste. Die größeren Strecken hat Vater mit dem Zug zurückgelegt, ausgedehnte Fußwanderungen brachten ihn ans Ziel seiner botanischen und ornithologischen Studien, Bauern nahmen ihn im Pferdefuhrwerk mit. Vom Krebsteich, dessen Erträge seinerzeit bis nach Paris geliefert wurden, ist immerhin eine Karpfenzucht für den örtlichen Bedarf übrig geblieben. In die Backsteingotik der ehemals evangelischen, heute katholischen Nikolauskirche hat man beim Wiederaufbau Ziegeln mit den Fußabdrücken von Kindern eingefügt, die beim Spielen in die zum Trocknen ausgelegte Masse gestapft waren: Die Anthropologen des 21. Jahrhunderts können aus dem Sensationsfund Rückschlüsse ziehen auf Körperbau und Gangart im Spätmittelalter.

Mein Vater war ein passionierter Brief- und Korrespondenzkartenschreiber – da gingdamals sicherlich eine Menge Post aus dem Gastland in die ferne Heimat. Ich lasse mir das Eylauer Postamt zeigen: Der Nachkriegsneubau steht noch immer am alten Platz, aus der Hindenburgstraße ist die ulica Kościuszki geworden. Fasziniert erfahre ich von einem besonderen Kuriosum des heutigen polnischen Briefverkehrs:Wieso sind die Kuverts, mit denen die staatliche Telefongesellschaft TP ihrer Millionenkund-schaft die monatlichen Gebührenrechnungenins Haus schickt, auf der Rückseite mit einem sieben mal 6,5 Zentimeter großen Metallplättchen versehen? Antwort: Weil die listenreichen Ökonomen der TPherausgefunden haben, dass es sie billiger kommt, ihr Versandgeschäft nicht der PocztaPolska, sondern einer Privatfirma anzuvertrauen. Da die staatliche Post noch bis 2013 das Monopol für alle Briefsendungen unter 50 Gramm hält, das Gewicht der Telefonrechnungen aber nicht einmal 20 Gramm ausmacht, ist man auf die Idee mit den schwergewichtigen Blechplättchen gekommen, die den preiswerteren Versand per Privatpost ermöglichen.

Der neogotischen Anlage des mit Staffelgiebeln, Windlöchern und Dachreitern überladenen Gymnasiums, dessen Lehrkörper mein Vater neun Jahre lang angehört hat, ist statt des zu KP-Zeiten üblichen Stalin-Barocks ein nüchterner Nachkriegszweckbau gefolgt; die jungen Damen in der Kanzlei des heutigen Liceum Ogólnokształcącego drücken dem souvenirheischenden Besucher den Stempel mit dem neuen Schulwappen ins Notizbuch. Wo es an weiteren Realitätspartikeln aus der Zwischenkriegszeit fehlt, kann der zweisprachige Bildband „Deutsch Eylau gestern und heute“ aushelfen, den ich mir im Büro der Touristeninformation besorge. Einer der vielen kleinen Läden bietet Schnupf- und Kautabak an, ein zweiter „ostdeutsches Dampfbier“.

Den Gedanken, mein Vater, sein Leben lang ein Fall für Neurologen und Psychiater, könnte schon zu jener Zeit auf ärztliche Hilfe angewiesen gewesen sein, verdränge ich: Die Eylauer Behindertenanstalt der 1920er-Jahre hieß „Krüppelheim“. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2012)

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