Warum. Wozu.

04.01.2013 | 18:22 |  Von Robert Schindel (Die Presse)

Es ist ein bitterer Sarkasmus der Geschichte, dass der Judenstaat auf Kosten von irgendwem entstehen musste. Über Israel und die israelische Nation.

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Stolpernde Leute im Osten, bis sie zusammengestürzt wurden in Hundertschaften vor den Gewehren der Einsatzkommandos vor den Gruben, die sie teils selbst ausheben mussten, in die sie hinabfielen. Ob in den Birkenwäldern Weißrusslands, zwischen den spiegelnden Seen von Masuren, in Schluchten, in Sümpfen, überallhin waren sie zusammengefangen, auseinandergetrieben worden, Russen, Polen, Ukrainer, Letten, die – ob sie sich so fühlten oder nicht, ob sie es waren oder nicht – zum jüdischen Volk verdammt wurden, zum Tode, denn das war dasselbe.

Stolpernde Leute inmitten Europas, im Westen, im Süden und Norden, wurden verfrachtet zu ihren ihnen unbekannten Brüdern im Osten, zogen ein in deren Ghettos, nachdem jene getötet, um selbst ihnen dann in die Wälder zu folgen und vor die Gruben. Hernach, zusammen in den Lagern entlang der polnischen Flüsse, kamen sie allesamt zum Stehen, zum Liegen und verrauchten durch die Schornsteine, ihre Asche verhalf Kukuruz und Kürbis zu beträchtlichem Wachstum. Das Wunder Mensch.

Stolpernde Leute, in der Morgendämmerung jener Blutnacht Shoa, die im Verein mit zurückflutenden Soldaten, fliehenden Volksstämmen sich zwischen den Ruinen vorfanden und die nicht wussten, wohin mit sich im prächtigen Vorsommer 45, DPs, Displaced Persons, wie sie genannt wurden, und Lagern zustrebten, wo es Essen gab, Obdach. Sie, diese Juden, hatten nun alles verloren, und sie begannen, das Verlorene zu suchen. In alle Ecken des Ostens verschleppt waren die Verwandten und Freunde, Landsleute. Wo sie suchen, und warum sollten die denn noch leben, wo sie selber doch kaum lebten und es nicht fassen konnten, dass sie lebten und warum und wozu?

Gelegentlich fand die Schwester die Schwester, auch da gab es Wunder. Zumeist verblieben sie am Rande der Zeit in den Lagern, zusammengekauerte Leute, wartende Leute, worauf?

Doch die Zeit kam zurück, das ist unausweichlich, solang wer lebt, und diese Zeit scheuchte die Leute auf und hinein in die Zukunft, welche Zukunft das auch immer war.


Mitte der Zwanzigerjahre stand eines Tages meine Mutter mit ihrer um vier Jahre älteren Freundin Lotte Bindel vor dem Haus Blumauergasse 1 im zweiten Bezirk. Links ging es zum kommunistischen Jugendverband, rechts zum jüdischen Volksheim und zum zionistischen Wanderverein „Blau-Weiß“. Gerti Schindel war etwa zwölf Jahre alt. Sie wurde als Adjutantin der Lotte Bindel bezeichnet, denn sie war immer mit ihr und ihr zu Willen, denn sie mied, sooft sie konnte, das Elternhaus in der Rembrandtstraße, in der ihr älterer Bruder Georg mit Schizophrenie ineinem Bett in der Küche lag und mit Tellern warf. Niemand von GertisFreundinnen durfte die Wohnung betreten, sie selbst mochte sich dort nicht aufhalten. LotteBindel beschloss, nach links die Stiegen hinaufzulaufen. So traten die beiden dem kommunistischen Jugendverband bei.

Die Idee, nach Palästina auszuwandern, um dort einen jüdischen Staat zu gründen, sich dem wachsenden und unausrechenbaren Antisemitismus in Europa zu entziehen, war eine unter den österreichischen und deutschen Juden nicht sehr verbreitete Option. Die Zionisten wurden von der großen Mehrheit eher belächelt. Dass der Judenhass mehr als eine Belästigung im damaligen Wien war, brachte Lotte und Gerti bestenfalls dazu, überhaupt für die Befreiung der Menschen von ihren menschlichen Peinigern einzutreten. Wie bei etlichen anderen jungen Jüdinnen und Juden war die Emanzipation der Juden ihnen zu wenig, es sollte schon die Emanzipation der Menschheit sein. Dass die beiden Mädchen die Stufen nach links hinaufliefen, Palästina rechts liegen ließen, war eine Lebensentscheidung und zeitigte viele der dramatischen Folgen, die das 20. Jahrhundert, dieser enorme Blutkessel, in sich barg.

Am 15. Juli 1927, beim Brand des Justizpalastes, duckten sich die beiden hinter dem Denkmal der Pallas Athene nächst dem Parlament in Wien vor den Kugeln der Polizei, die an diesem Tag an die 90 Menschen erschoss. Während Karl Kraus auf das hinauf den Rücktritt des Polizeipräsidenten forderte, proklamierte der österreichische Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel „keine Milde“. Mit dieser Grundausstattung lief Gerti in den kommunistischen Kampf, folgte ihrem Lebensgefährten, Tondo Reisinger, nach Moskau, kam 1934 zurück, wurde 1935 inhaftiert und 1936 amnestiert, ging im Jahr darauf nach Paris, um dort im Spanienkomitee für die Republik bei deren Abwehrkampf gegen die Generale zu arbeiten. Danach in der Résistance, wurde sie von der exilierten KPÖ nach Linz an der Donau geschickt, um dort unter falschem Namen gegen Hitler weiterzukämpfen. Verhaftet und nach Auschwitz geschickt, trug sie dort neben dem roten auch den gelben Winkel. Sie wurde buchstäblich von Hitler wieder zur Jüdin gemacht. Auch später war sie nur den Antisemiten gegenüber Jüdin, ansonsten Kommunistin und Internationalistin. Israel war ein Ablenkungsmanöver vor den großen revolutionären Aufgaben, das Judentum eine Religion, und sie war agnostisch. Zeitlebens hat sie den jüdischen Staat nicht betreten.

Diese Einstellung unter Juden war nicht so selten. Die nicht in diesem Sinn Politisierten wollten gute Österreicher, Deutsche, Polen et cetera sein und in diesen Ländern seelenruhig leben, nicht sich auf ein Pferd setzen müssen und hinter einem Pflug gehen, nicht Sümpfe trockenlegen und sich mit Arabern anlegen.

Recht behielten und ihr Leben retteten diese paar Meschuggenen, dieser kleineHaufen Zionisten, die rechtzeitig auswanderten und Pioniere wurden, eine Absurdität für viele.


In Auschwitz und später in Ravensbrück war es kein Nachteil, den roten Winkel zu haben. Gerti fuhr mit einem Gestapoakt nach Auschwitz, sie musste einen Prozess bekommen als Hochverräterin, sie wurde nicht als Jüdin einfach umgebracht. In Ravensbrück haben nicht die Juden sie vor dem Zugriff der Lagerverwaltung bewahrt, sondern die Genossen versteckten sie dort in der Typhusbaracke, der Leichenkammer, der Latrine, sodass sie ebenso wie zwei andere Kommunistinnen der Hinrichtung entging und überlebte.

Peter Michael Lingens erzählte immer wieder von seiner Mutter Ella, die wegen Judenbegünstigung in Auschwitz inhaftiert war, dass sie berichtete, wie sich Juden vor ihrer Vergasung mit dem Gruß „Nächstes Jahr in Jerusalem“ verabschiedeten. Niemals hat das meine Mutter gehört, und wenn, sie hätte nicht davon erzählt, denn man hatte sich mit dem Ruf „Es lebe ein freies Österreich“ oder „Es lebe der Sozialismus“ oder „Es lebe Genosse Stalin“ zu verabschieden. Ein „Schma Jisruel“ wäre ihr nicht über die Lippen gekommen, obwohl ihr Vater Salomon womöglich mit diesem Gebet im Rumbulawald zu Riga erschossen wurde. Sein Sohn Georg, der mit der Schizophrenie, hat vielleicht im Augenblick seiner Ermordung am 8. Dezember 1941 geglaubt, die Engel des Herrn schlügen ihn mit ihren Flügeln.

Stolpernde Leute nach der Befreiung. Unter dem wunderbaren Maihimmel 1945 die Reste der europäischen Judenheit stolpernd.

Nun kommt die Verlängerung der Geschichte in Betracht. Wenn es so war, dass der zweieinhalbtausend Jahre alte Judenhass heraufsickert in jüngste Zeiten und sich zur Blutflut, zum Vernichtungsorkan fortentwickeln kann und alles ausrotten muss, was als Jude gilt, dann ist auch in Zukunft keine Sicherheit für solche, die als diejenigen gelten, die es in Europa fast nicht mehr gab unter jenem Maienhimmel.

Israel ist aus der Shoa erwachsen, ob's einem passt oder nicht. Ganz anders als jene verrückte Idee vor dem großen zweiten Krieg ward nun der jüdische Staat eine moralische und eine physische Notwendigkeit nicht nur für die Juden. Es ist auch eine Möglichkeit, sie wegzukriegen aus ihren bisherigen Ländern. Wenn sie dort sind, hätten sie im Bedarfsfall woanders nichts verloren.

Die Vertracktheit der verspäteten Nation Israel, der späte Rahmen für ein frühes Volk gewissermaßen, führt dazu, dass unverhältnismäßig viel Aufhebens um den winzigen Staat jenseits des südöstlichen Europarandes gemacht wurde und wird. Es handelte sich um eine Landnahme an einem nicht unbelebten Ort. Das war in der Geschichte nicht ungewöhnlich. Alle Geschichte ist eine Geschichte der Landnahmen. Warum dürfen die Juden nach all dem, was geschah, nicht auch dorthin, wo sie sich sicher glaubten vor dem Judenhass?

Es war nicht mehr Unrecht dabei als bei der Annexion von Texas durch die Amerikaner. Einst, so sagte Wiesenthal, wenn Texas an Mexiko zurückgegeben wird, kann man auch über Israel neu reden. Das war ein Sarkasmus natürlich, aber es ist ein bitterer Sarkasmus der Geschichte, dass der Judenstaat auf Kosten von irgendwem entstehen musste. Der Versuch, in diesem Raum eine Demokratie zu installieren, ein bisher gelungener Versuch, rechtfertigt bis zu einem bestimmten Grad den Judenstaat, vielmehr rechtfertigt er sich als verlängerte Geschichte und als irreversibles Faktum.

Dass dereinst, wenn der Mensch dem Menschen kein Wolf mehr ist, auch nicht im Nahen Osten, es ein friedliches Neben- und Miteinander von Juden, Christen und Moslems wird geben können, davon darf geträumt werden, und auch dass einst die Majorität an jüdischer Bevölkerung nicht mehr eine Existenznotwendigkeit wird sein müssen. Dieser Traum hätte auch der Gerti Schindel gefallen.


Bis dahin allerdings müssen wir uns mit der israelischen Nation in postnationalen Zeiten wohl abfinden. Was nützt es, frage ich mich, heute die Shoa zu verurteilen, aber nicht die Konsequenzen aus der Shoa zu akzeptieren? Und zu den Konsequenzen gehört nun einmal die endlich erstandene israelische Nation, die sich als Fluch oder als Segen in der Region und in der Welt wird erweisen können. Das hängt eben auch davon ab, wie sehr wir den Zivilisationsbruch, der Auschwitz heißt, und seine Auswirkungen zur Kenntnis nehmen.

Immer wieder wird gesagt, wer Israel kritisiert, der bekommt sofort die Auschwitzkeule aufs Schädeldach geknallt. Abgesehen davon, dass ich in Erinnerung rufen muss, dass die Auschwitzkeule vor allem den Juden die Schädel zertrümmert hatte, kann nicht geleugnet werden, dass das Eingangstor Auschwitz die Gaskammern, das Ausgangstor für viele Israel war und ist.

Die Landnahme ist erfolgt, der Staat ist da.

Dennoch wird die israelische Nation nicht als Findling in einer postnationalen Welt den Lauf der Geschichte aufstauen. Sie wird sich eingliedern müssen und wollen in den Geschichtsstrom und wird wie alle anderen Nationen in größeren und kleineren Gemeinwesen aufgehen, sofern und sobald die postnationalen Zeitläufte es erheischen. Aber sicher nicht davor. Das könnte den vereinten Antisemiten- und Antizionistenformationen richtig Laune machen, wennman bei der Auflösung von Nationen mit Israel begänne.

Vorläufig haben wir es noch und erstmals mit einer Heimstätte für Juden nach über zwei Jahrtausenden zu tun. Von dort kann Frieden ausgehen und auch Krieg. Gradso wie von anderen Nationen auch. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2013)

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1 Kommentare

Postnational

"Die Landnahme ist erfolgt, der Staat ist da."

Ist ja nicht die erste Landnahme (siehe Buch Josua, insbes. 7/8).

Und was die "postnationale Zeit" betrifft - naja, das muss sich erst erweisen. Vorerst bilden sich in Europa immer noch neue Staaten (z.B. Katalonien, Schottland) auf ethnischer Grundlage. Und auch sonst ist weltweit keine Auflösung von Nationalstaaten zu beobachten, außer in den Köpfen bestimmter Intellektueller.

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