Und ewig grüßt Frau Bovary

11.01.2013 | 18:25 |  Von Jochen Jung (Die Presse)

Wie viele Übersetzungen braucht Weltliteratur? Da liegt sie, die Bovary, auf dem Nachtkastl), und wartet darauf, gelesen zu werden.

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Da liegt sie, die Bovary, auf dem Nachtkastl), und wartet darauf, gelesen zu werden. Sie liegt da, seit sie eines meiner Weihnachtsgeschenke war, und natürlich ist es die viel gerühmte neue Übersetzung der viel gerühmten Elisabeth Edl aus dem Hanser Verlag. Vielleicht wird man eines Tages sagen, dass die Anregung und Publikation neuer Übersetzungen der großen Romane des 19. Jahrhunderts – außer seinen eigenen Gedichten, versteht sich – Michael Krügers größtes Verdienst war. Was für ein Glück, Melville und Tolstoi, Stendhal und Gontscharow gleichsam neu lesen zu können. Was für ein Glück, diese Hauptstücke so vorgelegt zu bekommen, dass nicht nur die leicht und schwer vermeidlichen Fehler der alten Übersetzungen getilgt sind, sondern zugleich das Ganze auf eine Tonart eingestimmt ist, in der die Übersetzer das Originale und das Heutige wie mit einem Dominantseptakkord zusammenzustimmen wissen. Was für ein Glück – für junge Leser.

Wer aber schon ein bisschen älter ist und also auch schon ein bisschen länger liest – ich zum Beispiel –, für den wäre das nicht die erste Begegnung mit Anna und Wronski, Ahab und Moby Dick, Emma und Rodolphe, für mich wäre es im letzteren Fall sogar schon die dritte Lektüre. Zweimal habe ich diesen ebenso eiskalten wie hitzigen Roman gelesen, zweimal saß ich mit in der Kutsche, in zwei verschiedenen Übersetzungen obendrein, aber beide Mal hatte ich den Eindruck, dasselbe Buch zu lesen, von denselben Leidenschaften und Zwängen zu erfahren und vor allem demselben unvergleichlichen Autor begegnet zu sein.

 

Unverdiente Zeitgenossenschaft

Übersetzungen sind immer eine Melange, zwangsläufig. Sie mischen das Jahrhundert ihrer Entstehung mit dem der Übersetzung, das macht sie uns so angenehm, und deswegen brauchen wir wohl auch immer wieder neue. Wer Stifter oder Fontane auf Deutsch liest, muss sich an die Sprache des 19. Jahrhunderts akklimatisieren, wer Balzac liest oder Gogol, der liest das 19. im Ton des 21., selbst dann, wenn dieses sich dem andern anzupassen versucht, und damit ist so manche Hürde aus dem Weg geräumt, die gerade jungen Leuten unsere Klassiker so schwer macht.

Sollte man dennoch Übersetzungen bevorzugen, die zeitlich nah am Original entstanden sind? Wenn man die Wahl hat, eher nicht. Zum einen, weil heutige Übersetzer meist entschieden sorgfältigerarbeiten als die von damals, zum andern, weil das Deutsch des Übersetzers kaum je die Kraft eines Originals haben wird: Er arbeitet naturgemäß unfrei innerhalb der Grenzen, die das Original steckt, und er ist, bei allem Respekt, in der Regel kein Genie. Alte Übersetzungen klingen oft unangenehm altmodisch, aber man wirft ihnen dabei bisweilen etwas vor, was man keinem Original vorwerfen würde; neuen Übersetzungen attestiert man gern Frische und Unmittelbarkeit, dabei handelt es sich aber oft nur um unverdiente Zeitgenossenschaft.

Dabei sind wir es ja lange schon gewohnt, fremdsprachige Texte in Übersetzungen zu lesen, die weder aus der Zeit des Originals noch aus der unseren stammen – die Bibel, wenn sie auf der Luther-Übersetzung fußt, ist dafür ein eklatantes Beispiel. Aber wie wär's, wenn unsere Spitzenübersetzerinnen sich einmal den „Werther“ oder „Nachsommer“ vornähmen und eine angenehme Übersetzung aus dem Deutschen ins Deutsche probierten, sanft retuschiert und aktualisiert. Warum sollten denn nur Franzosen und Chinesen und so weiter in den Genuss unserer Klassiker in zeitgemäßem Tonfall kommen? Und überhaupt: Muss es nicht eigentlich „Frau Bovary“ heißen? ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2013)

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