Innerlich stets austrophil

September 1945. In Wien wird eine „Sonderkommission erster Instanz“ eingerichtet. Ihre Aufgabe: Bedienstete der Staatsoperauf NSDAP-Sympathien zu durchleuchten. Ergebnis: Entnazifizierung auf Wienerisch.

Ende November 1946 erhielt die Staatsoperndirektion einen Brief, in dem die Abonnentin Gabriele Mandl darauf hinwies, dass sie bei ihrem jüngsten Opernbesuch im Ausweichquartier der Staatsoper, dem Theater an der Wien, zu ihrem Entsetzen im Chor das ehemalige NSDAP-Mitglied Hermann Tichavsky entdeckt habe. Frau Mandl schrieb: „Es ist mir also nicht verständlich, wieso dieser Mann noch den Posten eines Chorsängers bekleidet. Die Staatsoper ist eine öffentliche Institution, welche nicht mehr von Geldern der Partei oder der NS-Reichskulturkammer erhalten wird, sondern von guten österreichischen Steuerzahlern. Die Öffentlichkeit hat also ein Recht zu verlangen, dass ebenso wie in der Privatindustrie oder in Betrieben alle jene entfernt werden, die als untragbar zu bezeichnen sind.“ Umgehend erhielt Frau Mandl seitens der Direktion die Antwort, dass Hermann Tichavsky ohnehin bereits von der Sonderkommission behandelt und im Zuge dessen als politisch tragbar erklärt worden war. Tatsächlich gab Tichavsky noch bis 1963 den Leopold im Rosenkavalier an der Staatsoper und verkörperte ihn auch in der berühmten Verfilmung mit Elisabeth Schwarzkopf.
Die Staatsopernbesucher der Nachkriegszeit waren mit einer politisch nicht unbelasteten Kulturelite konfrontiert. Denn die Entnazifizierung hatte sich gerade im Kulturbetrieb als problematisch erwiesen. Einerseits war Österreich schon durch die Moskauer Deklaration und nochmals durch die Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 verpflichtet, sich auch selbst der Nazis zu entledigen, andererseits wollte man insbesondere im kulturellen Bild Österreichs keine braunen Flecken sehen. Denn Österreich war ja bloß eine unschuldige „Kulturnation mit einem harmlos-gemütlichen, sangesfreudigen und friedfertigen Volk“ (Heidemarie Uhl). Egon Hilbert, ab Herbst 1945 Chef der Bundestheaterverwaltung, war zudem der Meinung, dass es für die Nachkriegsgesellschaft wichtiger sei, die kulturellen Einrichtungen Österreichs wiederherzustellen als zu entnazifizieren.

Eine von Nazis gesäuberte Gesellschaft war jedoch seitens der Alliierten zumindest zu Beginn die Grundvoraussetzung für den Erhalt des Staatsvertrags. Deshalb war die Entnazifizierung anfangs noch einigermaßen engagiert, ließ aber rasch nach, und am 21. April 1948 – also nur drei Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung – erfuhren die meisten ehemaligen Nazis durch das Amnestiegesetz volle Rehabilitation.

Gemäß dem Verbotsgesetz vom Mai 1945 waren auch an der Staatsoper rasch Zwangsentlassungen und Berufsverbote für Illegale und schwer belastete Nationalsozialisten erfolgt. So waren zum Beispiel die Solosängerin Else Schürhoff-Sieg und der Chorsänger Karl Bollhammer von KPÖ-Staatssekretär Ernst Fischer umgehend entlassen worden. Andere behielt die Staatsoperndirektion „aufgrund ihrer Unersetzlichkeit auf Bewährungspflicht“ noch im Dienst, wie etwa den ersten Hornisten Leopold Kainz und den Solobratschisten Alfons Grünberg.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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