Unter uns

18.01.2013 | 18:35 |  Von Alfred Goubran (Die Presse)

Was das Ausland nicht versteht. Kleine Ergänzung zum österreichischen Selbstverständnis. Der Österreicher hält sich immer für besser, als er glaubt, anderen zu erscheinen.

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Der Österreicher hält sich immer für besser, als er glaubt, anderen zu erscheinen. – Ein schwieriger Satz. Man könnte auch sagen: Seine Meinung von sich ist höher als jedes Lob und jede Tugend, die ihm ein anderer zuerkennen kann. Diese hohe Meinung von sich im Umgang mit anderen, vor allem mit Nicht-Einheimischen, zu verbergen zeitigt die wohlmeinenden Ansichtskarten des österreichischen Charakters, die über ihn in Umlauf sind: sein Hang zur Gemütlichkeit, die Geselligkeit, das Charmieren, die Gastfreundlichkeit – alles Attribute, die in Gegenden mit Tourismusbedarf dramatisch zunehmen.

Die negativen Charakterzüge hingegen, die ihm nachgesagt werden, gründenin dem beruhigenden Gefühl, das ihm die Bedeutungslosigkeit seines Landes verschafft. Eine Mischung aus Selbstzufriedenheit und Selbstgenügsamkeit, die manals österreichisches Phlegma bezeichnen könnte. Ein Unwille zur Sachlichkeit, der jede Angemessenheit – im Denken wieim Handeln –, wo sie gefordert wäre, unmöglich macht. Auffallend, vor allem für Nicht-Österreicher, ist die Distanzlosigkeit, die der Österreicher im Umgang mit „seinesgleichen“ pflegt. Ein kumpanenhaftes Auf-den-Leib-Rücken, das auch im Offiziellen zu beobachten ist, bei öffentlichen Auftritten, solange man „unter sich“ ist. Von demselben Selbstverständnis sindauch die Vetternwirtschaft und die „Mauschelei“ geprägt. Sie sind Teil der politischen Kultur des Landes und werden – meist ohne den Schatten eines Unrechtsbewusstseins – ganz unverhüllt praktiziert. Das Kumpanenhafte wird dann schnell zum Komplizenhaften.

Ein Selbstverständnis, dem der Österreicher natürlich nur frönen kann, solange er „unter seinesgleichen“ ist. Ist ihm diese Grundlage entzogen, wirkt er, wie etwa seine Politiker im Ausland, eher ungelenk, agiert ungeschickt, um nicht zu sagen bäurisch. Beides – die an Brutalität grenzende Jovialität im eigenen Land unddie oft an Peinlichkeit kaum zu überbietende Ungeschicklichkeit auf dem internationalen Parkett – ist Ausdruck seiner Provinzialität.

Der Österreicher, der als Österreicher vor den anderen umgeht, kann zwischen Sache und Person nicht unterscheiden. Das macht ihn dort unsicher, wo es „nur um die Sache“ geht. Eine Sache, die ihn „betrifft“, macht ihn „betroffen“. Wird „in der Sache“ kritisiert, fühlt er sich persönlich angegriffen. Tatsache aber ist, dass den Österreicher, der immer vom Persönlichen spricht und immer so persönlich tut, der andere als Person überhaupt nicht interessiert. Als Einzelner, Vereinzelter. Und als solcher will er auch nicht angesprochen sein. Darum gilt: „Österreicher vor den anderen“ ist man nie allein. Hier in Österreich wie überall. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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2 Kommentare

ohne zu werten...

... erinnert mich der Artikel an die Schriften von Martin Heidegger.

Der würde wohl schreiben "Der Österreicher hält sich 'scheinbar' immer für besser, als er glaubt, anderen zu erscheinen."

... anders würde man diese Geworfenheit wohl auch nicht aushalten. :)

Wenn ich nur lese "das Ausland",

welch ein provinzieller Zugang.

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