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18.01.2013 | 18:36 |  Von Barbara Hundegger (Die Presse)

Österreichisch, österreichischer, am österreichischsten. Vom seltsamen Sein zwischen Fabelzeiten, Abfahrtsschneisen, Horrorstürzen, Knock-out-Quoten, Herzschlagpunkten. Ein paar Fragen an den Sportsfreund, nebst einigen Vermutungen.

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Sport-Vermutungen 1. Wie fast allesim Leben legt sich vielleicht auch die Sportsache inwendig schon ganzfrüh im Leben an – im Positiven wieim Negativen. Denn Teile früher Sporterinnerung hausen im ewigen Speicherder vergangenen Schrecklichkeiten, denen man als Kind ausgeliefert war. Dazu zählen, in Tirol besonders, verschwitzte Skikurse in sperriger Ausrüstung, zementschweren Schuhen und dampfenden 100%-Polyester-Anoraks sowie sogenannte Bergwanderungen, die hauptsächlich vom Alkoholfassen der Erwachsenen Hütte für Hütte gezeichnet waren,und dazwischen logen sie unverfroren und chronisch, wenn man als Kind zum zigsten Mal fragte, wie weit 's denn noch sei.

Dazu zählen Schulturnstunden – samteinschlägigem Turnunterrichtspersonal (mich zum Beispiel hat's diesbezüglich zweimal während meiner Schulzeit mit circa 60-jährigen Leibeserzieherinnen erwischt, die uns auf der Ziehharmonika live Volkstanzweisen zum streng geregelten Mitvolkstanzen eingespielt haben).

Und dazu zählen die ungezählten Stunden, die wir als Kinder still sein mussten, weilein Erwachsener, in 99 Prozent der Fälleein Mann, davon in 99 Prozent der eigeneVater, irgendwas mit Sport schauen oderhören wollte – und daswar mächtiger als derRest der Familie, alsodie Mehrheit, zusammen, denn da waren alle mucksmäuschenstill. Und dass auf dem einen Fernseher, den es pro Familie höchstens gab, das lief, was die Männer bestimmten, war nicht einmal die Frage oder nur eine, die man sich insgeheim stellte, denn das war natürlich klar.

Aber auch im ewigen Speicher der vergangenen Gutigkeiten im Leben sind Sportsachen verwahrt. Mich zum Beispiel hatKarl Schranz persönlich für ein Mal vor dem meistgehassten Gegenstand meiner frühen Schuljahre bewahrt: Handarbeiten – dasElendlangweiligste, was es für mich unter der Sonne gab. Doch an dem Tag, als unser Karli aus dem Japan-Olympia-Drama zurückkam, standen wir alle am Innsbrucker Fürstenweg,der den Flughafen mit der Stadt verband, undalle mit Österreich-Fähnchen in der Hand, und alle säumten wir wachelnd diese Straße, auch wenn wir nicht wussten, was uns mit diesem vorbeifahrenden Skifahrer verband. Aber Handarbeiten fiel aus.

Auch an das erste und nicht ungute Gefühl, zu einem anderen als nur dem familiären, zu einem größeren Kollektiv zu gehören oder zu ihm gehören zu können, lässt es sich denken, wenn es heißt: Sport. Auch an ein unklares Gefühl, zu einem Land zu gehören, aber nicht nur, weil wer aus diesem Land ein Rennen gewann, sondern weil, wie man so sagt, ein ganzes Land während dieses Rennens gleichzeitig das Gleiche tat: es schauen. Die Innsbrucker Höttinger Au jedenfalls war menschenleer an diesem Donnerstag im Februar 76, als Franz Klammer bei der Winterolympiade am Patscherkofel die Abfahrt gewann: Wir hielten alle den Atem an, kauten an Nägeln, bissen in Geschirrtücher, saßen mit verzogener Grimasse oder versteinert da,und alle und alles entlud sich gleichzeitig, alsunser Franzi bei 1:45,73 durch die Ziellinie war – in seinem zitronengoldgelben Rennanzug auch lustig für Kinder, weil der wie demFarbpersonal der Biene Maja entnommen war. Dass Skiabfahrten aber global gesehen keine Sportweltereignisse sind, hat bei diesem Weltsportgefühl keine Rolle gespielt – das lagaußerhalb unserer Weltkoordinaten, denn daswussten wir noch nicht einmal. Dennoch würde ich auch heute noch sagen, wenn man michfragte, in welcher Lageich mich österreichisch, halbwegs österreichisch oder halt irgendwie am österreichischstenfühle: nicht bei Trachtenumzügen, nicht bei Schlagernächten, nicht einmal beim Neujahrskonzert – sondern: immer beim ersten Skirennen der neuen Saison.

Und im Speicher der Ahnungen, der nichtewig ist, weil manches davon sich später auflöst, ist mir unter Sport auch eine frühe Beobachtung von Rollenaufteilung bekannt: Denn von der Mutter wusste man so weit alles, was nicht grad streng gehütetes Lebensgeheimnis war, die war ja – wenn sie nicht im Krankenhaus lag – immer da; während der Vater immer noch ein zweites Leben hatte, das aus mehreren Unterleben bestand: Arbeit, Gasthaus, Kartenspielen, Schützen, Zeltfest, Fußballplatz. Und es brauchte nicht viel, um zu erkennen, welches dieser beiden Leben das noch halbwegs interessantere, abwechslungsreichere war.


Sport-Fragen 1.Aber, Sportsfreund: Wie kannes sein, dass dieser „unser“ derselbe Franzi Klammer Werbung macht für eine Bank, die mit einer Milliarde Euro öffentlichen Geldes gerettet werden musste und erst durch massiven öffentlichen Druck gezwungen werden konnte, ihre Spekulationsgeschäfte auf Lebensmittelpreise zu unterlassen? Und unsereJungadler werben für die gleiche Bank!

Oder wie kann es sein, Sportsfreund, dasseine Sportwettenanbieterfirma, die also mit dem Her- und Ausgang eines Spieles, Rennens, Bewerbes und so weiter ihr Geld verdient, auch als Sportsponsor auftreten kann?

Oder wie kann es sein, Sportsfreund, dasszum Beispiel zwei riesige Boxkerle und zwei kernige Kletterbuam, gegen alle Bemühungen, die Kinder von den picksüßen Dickmachern zu entwöhnen, witzig werben für eine Kinderschnitte mit Hammer-Zuckergehalt?

Wie kann es sein, Sportsfreund, dass sich der Sport von praktisch allen und jedem sponsern lässt, wenn nur die Kohle stimmt, egal wie viel Dreck diese Firmen, Tycoone, Oligarchen oder Weltkonzerne und ihre „Produkte“ und „Geschäfte“ regional oder global am Stecken haben?

Und, Sportsfreund, wie kann es sein, dasstrotz Krise und allem Geldgerede und gesellschaftlich völlig aus den Fugen geratenen Relationen zwischen vielen, die nichts, und wenigen, die alles haben, im Sport weiterhin und ungeschoren obszöne Summen und Gehälter verschoben werden? Finge nicht da, Sportsfreund, echtes „Fair Play“ schon an?


Sport-Vermutungen 2. Vielleicht geht es im Grund darum: um diesen skurrilen Moment eines virtuellen Siegestaumels, den man teilt,ohne dass man dafür auch nur einen Finger gerührt hätte – außer zum unbeschwerlich-routinierten Öffnen von Bierflaschenoder Chipspackungen. Bequemer lässt sichWohlgefühl nicht herstellen – weil so ermöglicht es der medial mit groteskem Aufwand vermittelte Sport, im Sitzen, ja, gar im Liegen zum Lichtschatten eines Weltmeisters, einer Weltmeisterin zu werden. Inklusive risikoloser Emotion, zu der, außer in sie einzusteigen, nichts beigetragen werden muss: Es ist quasi angerichtet – und genau das schätzen vor allem die Männer daran, weil diese Art Gefühlsleben persönlich so wenig kostet wie kaum ein anderes.

Vielleicht geht es im Grund auch darum: dem Sport innerlich ein Gerechtigkeitsrefugium zu gewähren, wo es halbwegs echt gerecht zugeht, wo, wenn auch oberflächlich betrachtet, wirklich Leistung zählt – wo Schluss ist mit Prahlen, Sich-Brüsten, Bluffen, weil: Man kann und kann sich nichts vormachen im Sport. In anderen Bereichen, zum Beispiel der Arbeit, wird das ja nur PR-mäßig behauptet, da kommt es meist auf ganz andere Faktoren und dabei in erster Linie auf das klaglose Sich-Einfügen in hierarchische Strukturen und profitorientierte Logiken an – und gerade als Frau wüsste man da ja einige Liedchen zu singen.

Aber im Gegensatz zum normalen Lebenkennt der Sport, was es auf der Straße nicht gibt: einen Schiedsrichter/eine Schiedsrichterin, und die als Menschen mit Fehlbarkeit gleich schon fix eingebaut. Sie darin zu erwischen, zu tricksen, zu theatern, Zeit zu schinden durch Verzögerungen, kleine Gemeinheiten fallen zu lassen hinter ihrem Rücken, formvollendete Schwalben vors Gehäuse zu legen – den Schiri zu hintergehen, das gehört dazu. Und jede Sportart kennt ihre moralischen Verfehlungen. Das hätte ein menschliches Maß. Hintertrieben von maßloser Gigantomanie und erbarmungsloser Kommerzialisierung: Doping, Betrug, Manipulation – weil es nicht mehr ums Gewinnen, sondern nur noch um Gewinne geht.


Sport-Fragen 2.
Aber, Sportsfreund, das muss ich dich schon fragen, ob du dich das alles noch nie gefragt hast: Weil wie hältst du es mit Kinderleistungsterror und Elternehrgeizwahnsinn und nationalstaatlich gezüchteten Kindersportmaschinen vor laufenden Kameras? Und wie mit dem Thema sexuellen Kindesmissbrauchs hinter verschlossener Trainingstür? Weil warum ist das in anderen Bereichen – Familie, Internate, Heime, Kirche – aufgebrochen, nur im Sport gibt's zu Missbrauch nie ein Wort?

Und warum, Sportsfreund, können oder sollen sich deine Homosexuellen nicht outen,obwohl es von ihnen nur so wimmelt im Sport? Warum, Sportsfreund, bringst du deine Fußballhomos und Skifahrhomos und Schwimmhomos weiterhin in diese belastende, psychisch gefährliche, schräge Liebesleugnungslage, wie sie Generationen älterer Homosexueller verfolgt, geächtet, verlacht noch leben mussten – mit fatalen, oft letalen Folgen für das eigene Leben? Warum hast du das nötig, Sportsfreund, erklär mir das.


Sport-Vermutungen 3. Vielleicht gewährt der Sport uns Menschenanblicke, die wir sonst nicht hätten – vor allem die Olympischen Spiele. Allerdings wieder nur nach einer gedanklichen Verdrängungsleistung, welche die Machenschaften im Vorfeld sportlicherGroßereignisse ausblendet: brutale Absiedelungvon Menschen, Gentrifizierung von Stadtteilen, also deren Umwandlung in lukrativere Straßenzüge oder Viertel, diedann im Endeffekt überall gleich ausschauen mit überall den gleichen Geschäften und gleichen Waren darin und den immer gleichen Profiteuren – die Riesenschuldenberge zulasten der öffentlichen Hand und grotesk überdimensionierte Infrastruktur zurücklassen (und wie grotesk wird erst die Fußball-WM in Katar werden, wo es um die 50 Grad Außentemperatur haben wird und die Stadien – ! – mit gigantischen Klimaanlagen „auf ein erträgliches Maß heruntergekühlt werden“ sollen!).

Aber Olympische Spiele, es ist eigenartig,machen einen kritisch schwach – weil die geben halt auch was. Denn gerade Olympische Spiele glänzen wie kaum was sonst mit dem Nebeneinander von normschönen Modellkörpern und Körpern, die dieser Norm grob widersprechen, und zeigen so, dass praktischjede erdenkliche Figur für eine Sportart die beste sein kann: von den Long-Distance-Flöhen des Männermarathons bis zu 100- Kilo-Frauen mit erstaunlichen Sixpacks.

Konterkariert wird die physische und kulturelle Vielfalt, die große Stärke und Errungenschaft des Sports, durch Betätigungen, wie sie zum Beispiel die Tirol-Werbung seit Jahren praktiziert: Statt sich zu öffnen und das Internationale zu zelebrieren, rottet mansich in einem Tirol-Zelt oder einem Haus Austria Tirol zusammen, wo es Tiroler Musikund Tiroler Essen und Tiroler Politiker gibt: Man trifft also, egal wohin es geht, doch immer nur wieder Tirol. – Und ein steinernes Gewicht lastet auf allen internationalen Bewerben, das auch von Olympia nicht zu übertünchen ist: die bleierne Fadesse der Nationalhymnen, die manDutzende Male zu hörengezwungen ist, in ihrem militärischen und kolonialistischen Ton – statt eines schillernden Streifzugs durch die Weltmusiken (gebt uns mexikanische Mariachis!, gebtuns mongolische Obertonsängerinnen!, gebtuns Steel-Drummerinnen und chinesische Mundorgel-Solisten!)wird uns von Dschibuti bis Kasachstan nur ein fades Marsch-Fanfaren-Einerlei um die Ohren geschmettert – ewig schade drum.


Sport-Fragen 3. Aber, Sportsfreund: Wie kannes sein, dass das Internationale Olympische Komitee bis heute verweigert, der 1972 beimAttentat in München getöteten israelischen Sportler zu gedenken, und selbst im 40. Jahr danach eine Opfergedenkminute bei der Eröffnungsfeier 2012 in London entgegen dem flammenden Wunsch der Hinterbliebenen abgelehnt hat – weil sich andere Nationen „verletzt fühlen könnten“? Weil, Sportsfreund, wenn man auf YouTube den kurzen Film über die Gedenkfeier für die Opfer, welche das Israelische Olympische Komitee abgehalten hat, anschaut, in dem eine derWitwen den Satz sagt: „Shame on you, IOC!“ (youtube.com/watch?v=GC4GqTqwOog), dann kann man darunter ein paar wenige Kommentare lesen – und die, Sportsfreund, gehen beispielsweise so: „Kein Jude dieser Welt ist eine Schweigeminute wert“, „Die Juden nerven mit ihrem Affentheater. Liebe Moslems, bitte erledigt das für uns!“

Und YouTube lässt das auch stehen so.

Aber, Sportsfreund: Wie kann es sein, dass in Sachen Inszenierung, Berichterstattung, Hype im Sport immer noch mit zweierlei Maß gemessen wird? Warum finden die Damenbewerbe, wenn's terminmäßig hart auf hart geht, im Fernsehen immer noch „davor“ oder „danach“ statt? Warum verdienen Sportlerinnen immer noch weniger als Sportler? Und warum zwingt man die Beachvolleyballerinnen, Sportsfreund, in Spielhöschen, die per Verordnung des Internationalen Volleyballverbands „an der Hüfte in ansteigendem Winkel geschnitten“ sein müssen, und der Bund dieses Höschens darf nicht breiter als 7 cm sein, weil das in den Augen der maßgeblichen Herren besser für die TV-Vermarktung ist? – Beispiel dafür, wie tief die latente Sportabwertung als Frauauch abseits der Piste greift, in dem Fall schillernd verpackt: ORF-„Dancing-Stars“ mit Alexandra Meissnitzer. EineFrau, die zwei Goldmedaillen und eine Silbermedaille bei Weltmeisterschaften, drei Olympiamedaillen, den Alpinen Skiweltcupgesamtsieg, 14 Weltcupsiege und 43 Weltcup-Podestplätze errungen hat und zweimal zurösterreichischen „Sportlerin des Jahres“ gewählt wurde – um dann vor versammelter TV-Nation von einem lächelnd bornierten Tanz- und Benimmlehrer stockgestriger Prägung und kreuzbiederer Auffassung zur Stellung des Mannes und jener der Frau beim Tanzen wie im Leben für ein „Zu-wenig-weiblich-Sein“ und „Sich-zu-wenig-Hingeben“ und „Sich-zu-wenig-Führenlassen“ indie Zwangsnorm sich unterwerfender Weiblichkeit hineingekrittelt zu werden?

Schaut so dein „respect“ aus, Sportsfreund? Bei Meissnitzer jedenfalls muss das nachhallende Schockwirkung gehabt haben – denn einige Zeit später hat sie sich ja, in fast schriller Weise, als aufgeschminkter Heizungsfirma-Werbevamp in der Wüste selbst vorgeführt.
Sport-Vermutungen 4. Der Mensch will von Zeit zu Zeit einfach was zu jubeln haben – und ehrlich: worüber sollte das sein? Beim Durchschreiten der Bürotür den Firmenfanschal schwingen? Nach dem Fensterputzen Lust auf ein Tortänzchen haben? Vor lauter Vorfreude auf die nächste Strafzettelverfügung die Vuvuzela tröten? Nach Politikerpressekonferenzen die Welle machen – davon ganz LaOla sein?


Sport-Fragen 4. Was aber, Sportsfreund, hat es – einmal abgesehen vom Bewegungs- undGeselligkeitsaspekt – im Endeffekt denn auf sich mit der dem Sport angeblich an sich innewohnenden Super-Grund-Message, auch an die Jugend, und mit der medial viel beschworenen Vorbild- und Kultfunktion von Sportlern und von Sportlerinnen? –Weil was, Sportsfreund, soll eigentlich das Supere an dieser Message sein – die so tut, als wäre es echt wichtig und bejubelnswert, 2 Tausendstel-oder 3 Sekunden schneller als ein/e andere/r über die Ziellinie zu sein? Findest du das nicht ein bisschen eine, sagen wir, beschämend eindimensionale Einengung des Leistungsbegriffs?

Weil einmal kurz ehrlich, Sportsfreund: Gibt es im Leben nicht hundert Dinge, Momente, Lagen, für deren Bewältigung es ganzanderes und weit mehr braucht, als bloß topfit zu sein? Und sollten nicht die mit Medaillen behangen und mit dicken Werbeverträgen belohnt sein, die zehn Monate, zehn Jahre, ein halbes Leben lang einen demenzkranken Menschen, ein behindertes Kind, einen depressionsschweren Partner nicht fallen gelassen haben?

Weil in der Hinsicht, Sportsfreund, wie viel Feedback und Anerkennung es für Spitzensport gibt und wie irrsinnig wenig in jeder Hinsicht für wesentlich Härteres, Sportsfreund – ja, es gibt Härteres als deinenSport! –, da ist es zu einer völligen Entgleisung der Dimensionen und Verhältnisse gekommen. Das ist vielleicht auch das gesellschaftlich Ungesunde daran.

Aber mit deiner Auffassung von Gesundheit, Sportsfreund, ist es hinter der Fassade ohnedies nicht weit her: der Eishockeyspieler, der mit ausgeschlagenen Zähnen das Spiel zu Ende spielt, der Boxer, der mit gebrochenem Kiefer weiterboxt, der Skifahrer, der nach elf Knieoperationen noch immer nichts als Rennskifahren will – das sind deine Helden.

Weil bei der Auslosung der 2012er- Olympia-Spiele, Sportsfreund, bei der die Österreicher die amtierenden Weltmeister aus Brasilien zugelost bekamen, erzählte einer Zeitung der Beachvolleyballer Clemens Doppler, sei er nämlich neben Abfahrtsolympiasieger Fritz Strobl zu sitzen gekommen – und der habe, angesichts des schweren Gegners, gemeint: „Die Skifahrer haben bei Extremstrecken immer gesagt: Sieg oder Ackja!“ Und so müssten sie es auchangehen.


Sport-Vermutungen 5.
Vielleicht geht es im Grunde auch darum: um dieses wärmende Gefühl, dass selbst die Größten, die Fittesten im Sport und ihre Sportkörper an dem gleichen seidenen Faden hängen wie wir auch. Paradebeispiel: der Sturz von Hermann Maier – nicht der auf der Piste, der ihn unsterblich, sondern der auf der Straße, der ihn sterblich gemacht hat. Denn nicht das spektakuläre, besondere, aktive Scheitern ist es, was uns niederreißt, sondern das alltägliche, das serielle, und das Passive daran. Weil am tiefsten trifft uns im echten Leben ja, was quasi allen zustößt, was praktisch in jedem Leben vorkommt irgendwann – und dabei am meisten, was aus Zufall so kam: der Tod von Mutter, Vater, von Partner/Partnerin oder gar der eines Kinds, der Herzinfarkt mitten am Vormittag, der falsche Schritt, den wer oben auf dem Berg, und natürlich auf dem Weg hinunter, tat, die Befundbesprechung, bei der ein namenloser Dienstag zu diesem Dienstag wird für alle Zeit, das Rotlicht einer Ampel, das wer übersah, die Kreuzung, auf der ein Auto dem Motorrad den Vorrang nahm, die Kurve, die als Letztes kam.

Das nimmt uns mehr her als jedes noch so knappe, ungerechte, finale sportliche Desaster – und das ist das Tröstliche daran: Der Sport gibt uns Niederlagen, die sich (kollektiv) zelebrieren lassen. Das Leben nicht. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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