Zähnchen um Zähnchen

Schön ist die Jugend: Aus dem Frühwerk „Wortschatz der Nacht“.

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Symbolbild – (c) BilderBox (BilderBox com Erwin Wodicka)

Tag und Nacht trage ich den Kugelkopf meiner elektrischen Schreibmaschine in meinen Jeans. Denke ich an meine Kindheit, so klammern sich meine Finger sofort, wieum Leben zu retten, an den Buchstaben des Kugelkopfes fest, umschließen ihn mit der Handfläche, machen die Hand zur Faust, als ob ich den Kugelkopf zerdrücken und zusehen wollte, wie zwischen meinen Fingerndie Säfte meiner Kindheit hervorrinnen, ehe in Zeitlupe die Mutter mit dem Hackbeil in die Höhe fährt und den Hahnenkopf vom zitternden, wild flügelschlagenden Körpertrennt. Sofort rinnt das Blut in die Einschnittstelle des Holzblockes, wo ihre Hand mit der Kraft ihrer Muskeln vom Scheitel ihres Kopfes weg – ein wenig Zorn aus der Stirnhöhle mitnehmend – das Beil fallen lässt. Mit der Geschmeidigkeit der Tintenfischarme krallen sich die Füße des Hahns zusammen und strecken sich wieder. Ich klammere mich weiter an den Kugelkopf meiner elektrischenSchreibmaschine, Zeile für Zeile schreite ich auf der Fußgeherzone vorwärts, meine Fußsohlen hinterlassen Spuren der 26 Buchstaben des Alphabets. Denselben Weg zurückgehend, trete ich in die Fußstapfen meiner Sprache und wandere meiner Kindheit entgegen. Wenn du einmal an deinen Lippen diesalzigen Tränen einesKindes spürst, wirst dumerken, wie das Kind,das vor einem Jahrzehntin dir war, wieder zu weinen beginnt. Deine Seele wird sich für Augenblicke zusammenziehen,zusammenschrumpfen auf die Größe deinerKinderseele. Deine Stirnwird sich glätten, deine Zähne verkürzen sich zu den Milchzähnen deiner Kindheit.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2013)

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