Zähnchen um Zähnchen

25.01.2013 | 18:26 |  Von Josef Winkler (Die Presse)

Schön ist die Jugend: Aus dem Frühwerk „Wortschatz der Nacht“.

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Tag und Nacht trage ich den Kugelkopf meiner elektrischen Schreibmaschine in meinen Jeans. Denke ich an meine Kindheit, so klammern sich meine Finger sofort, wieum Leben zu retten, an den Buchstaben des Kugelkopfes fest, umschließen ihn mit der Handfläche, machen die Hand zur Faust, als ob ich den Kugelkopf zerdrücken und zusehen wollte, wie zwischen meinen Fingerndie Säfte meiner Kindheit hervorrinnen, ehe in Zeitlupe die Mutter mit dem Hackbeil in die Höhe fährt und den Hahnenkopf vom zitternden, wild flügelschlagenden Körpertrennt. Sofort rinnt das Blut in die Einschnittstelle des Holzblockes, wo ihre Hand mit der Kraft ihrer Muskeln vom Scheitel ihres Kopfes weg – ein wenig Zorn aus der Stirnhöhle mitnehmend – das Beil fallen lässt. Mit der Geschmeidigkeit der Tintenfischarme krallen sich die Füße des Hahns zusammen und strecken sich wieder. Ich klammere mich weiter an den Kugelkopf meiner elektrischenSchreibmaschine, Zeile für Zeile schreite ich auf der Fußgeherzone vorwärts, meine Fußsohlen hinterlassen Spuren der 26 Buchstaben des Alphabets. Denselben Weg zurückgehend, trete ich in die Fußstapfen meiner Sprache und wandere meiner Kindheit entgegen. Wenn du einmal an deinen Lippen diesalzigen Tränen einesKindes spürst, wirst dumerken, wie das Kind,das vor einem Jahrzehntin dir war, wieder zu weinen beginnt. Deine Seele wird sich für Augenblicke zusammenziehen,zusammenschrumpfen auf die Größe deinerKinderseele. Deine Stirnwird sich glätten, deine Zähne verkürzen sich zu den Milchzähnen deiner Kindheit.

Wälze ich mich im Schlaf, dreht sich der Kugelkopf mit und organisiert die Bilder. Wache ich auf, greife ich nach dem Kugelkopf auf dem Nachttisch oder im Hosensack und setze ihn mit noch verklebten Augen und müden Händen der Schreibmaschine auf den Hals. Leise surrt die Maschine, wie die Flügelschläge einer Biene surren. Nicht meine Gesichtsmaske, nein, meine polizeilich beschlagnahmten Fingerabdrücke werden die Gesichtszüge meiner zehn Totenmasken verkörpern, da meine Finger am Alphabet der Schreibmaschine – asdf, jklö – in Grundstellung liegen und meinem Leben einen Kindestod buchstabieren. Die Erde dreht sich um den Kugelkopf meiner elektrischenSchreibmaschine, und meine Seele schwebt in meinem Körper in Lebensgefahr.


Während ich dieses Manuskript tippe, lese ich in einer Schreibpause im „Kurier“ vom30. Oktober 1979: SELBSTMORD VOR DEN AUGEN DER FAMILIE (Schlagzeile). Kärnten: Vierfacher Vater erschoss sich mit Flobertgewehr (Untertitel). Text: Vor den Augen seiner Frau und seines Sohnes erschoss sich in der Nacht auf Montag ein 48-jähriger Landwirt aus St. Ulrich, Bezirk St. Veit. Der Mann hinterlässt vier minderjährige Kinder. – Anton J. hatte schon seit längerer Zeit Selbstmordabsichten geäußert. Seine seelischen Depressionen und seine wirtschaftlichen Rückschläge führten schließlich dazu, dass er sich bereits am 26. Oktober in einer Kammer seines Anwesens erhängen wollte. Seine Frau fand einen Abschiedsbrief und konnte die Kammertür in der letzten Minute eintretenund ihren Mann retten. Er hatte bereits einen Strick in der Hand. – Dieses Mal kam jedeRettung zu spät: Anton J. setzte sich etwa drei Meter vor seinem Hausauf eine Bank und richtete ein Flobertgewehr gegen seinen Kopf. Als seine Frau und sein Sohn Engelbert, 16, atemlos angerannt kamen, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen, meinte der verzweifelte Mann nur noch:„Pfiat di, Mutti, es is scho zspot.“ Dann drückte er ab. Die Wiederbelebungsversuche eines Arztes blieben erfolglos.Zuerst las ich den Text nervös, überflog ihn, als suchte ich ängstlich und gleichzeitig hoffend nach einem bekannten Namen, nacheinem Familienmitglied. Abwechselnd blickeich auf meine Hände und auf die Totenmaske der Else Lasker-Schüler. Ihre Totenmaske,die ein Lächeln zeigt. Das ewige Leben dem, /der viel von Liebe weiß zu sagen. Wenn ich in meinem Zimmer laut ihre Gedichte lese, liegt ihre Totenmaske auf meinem Schoß.
Vor dem Schlafengehen küsse ich sie. Während ich meine Augen schließe, öffnen sich die Augen der Totenmaske. Ich darf die Augen jetzt nicht öffnen, ich will, dass sie mir lange ins Gesicht schaut, die Totenmaske der Else Lasker-Schüler. Öffne ich die Augen,deute ich mit einem Zucken der Lider an, dass ich sie öffnen werde. Sie hat Zeit, ihre Augen zu schließen. Wenn ich abends durch die Stadt gehe, weiß niemand, dass an meiner nackten Brust mit vier Gazestreifen die Totenmaske der Else Lasker-Schüler klebt. Wenn ich an einem Herzschlag unter den Leuten dieser Stadt sterben sollte, so ist meinletzter Herzschlag der, der auf die Lippen derTotenmaske der Else Lasker-Schüler fällt. DieTarviserstraße gehe ich entlang, verborgen halte ich sie unter meinem Mantel, das Laubknisterte gestern mehr unter meinen Füßen als heute, es ist feucht geworden und faultunter meinen Zehen.


Das alte Fleisch geht, wohin, wissen wir. Die Todesgedanken der Alten berühren michkaum. DerTod im Kopf der Jugend. Das ist es. Wenn jemand über den Tod etwas zu sagen hat, dann ist es die Jugend. Ein Wohlgefühl ging augenblicklich durch meinen ganzen Körper, als ich den folgenden Satz eines Dichters las. Niemand denkt hartnäckigeran den Tod als die jungen Leute, auch wenn sie aus Scham nur selten darüber reden.


Ich gehe ins Germanistische Institut derUniversität Klagenfurt, setze mich in einen leer stehenden Hörsaal, wie ich früher von leer stehenden Kirchen, von leeren Kino- und Theatersälen, mich von jeder Art vonLeere faszinieren ließ. Ich öffne meinenMantel, ziehe den Pullover hoch, knöpfe das Hemd auf, ziehe das Unterleibchen hoch, noch etwas höher, und taste mit zitternden Händen das lächelnde Gesicht der Totenmaske ab. Die Totenmaske zittert ein wenig, da mein Herz schneller schlägt. Wenn man mich doch ins Krankenhaus brächte und für eine Operation meinen Oberkörper befreien müsste. Der Arzt oder die Krankenschwesterwürden mein Hemd aufknöpfen, das Leibchen hochziehen und erschrocken drei,vier Schritte zurückgehen, ehe sie den Klebestreifen von meiner Haut lösten und daslächelnde Gesicht der Totenmaske der ElseLasker-Schüler entfernten. Durch den aufkommenden Nebel der kilometerlangen Tarviserstraße wate ich, begegne wieder demhinkenden Hund, dem wahrscheinlich ein Auto die Vorderpfote abgefahren hat, sehe auf seinen defekten Fuß und blicke dem Mann, der seit drei Jahren hinter diesem hinkenden Hund hergeht, in die Augen. Schön hinkt Ihr Hund, will ich ihm sagen, aber er würde mich wahrscheinlich missverstehen, glauben, dass ich ihn damit auffordern wolle, mit dem Hund im Gleichschritt durch die Tarviserstraße zu hinken.


Die Toten verführen mich.Das lächelnde Gesicht der Totenmaske der Else Lasker-Schüler liegt nun auf meinem Kopfpolster, ein paar Haare, während ich nachts im Traum meinen Kopf links und rechts warf, sind zurückgeblieben. Ich setze mich vor das Bett, als wäre sie krank, und gebe ihr Vitamintabletten. Bis zum Kinnansatz ist sie zugedeckt mit einem blau karierten Tuch. Als wollte ich ihr in Kürzeln erzählen, warum ich so viel über den Tod schreiben muss, blicke ich ihr ins Gesicht und immer wieder auf ihren Mund. Sie nickt mir zu. Drei Jahre war ich alt, als mich meine kinderlose Tante unter den Achseln fasste, hochhob und mir in der immergrün geschmückten Bahre die tote Mutter meiner Mutter zeigte. Das hätte sie nicht tun sollen, sagte meine Mutter, nein, einem Kleinkind zeigt man keinen toten Menschen. Und genau bis zu diesem Augenblick, bis zu diesem Unter-den-Achseln-gefasst-Werden, kann ich mich zurückerinnern. Mein erster Mensch ist eine tote Frau, nicht Adam oder Eva oder ein Menschenaffe. Der Novembernebel lag über den abgeernteten Feldern, als das österreichische Fernsehen über den Tod Robert F. Kennedys berichtete. Der Fernsehapparat stand im Zimmer des Großvaters. Seine Füße an meinem Rücken, wäre nicht das Bettbrett dazwischen gewesen, lag er im Sterben. Die Füße des Sterbenden strampelten an meiner Wirbelsäule, abwechselnd blickte ich auf den Bildschirm und in die clownhaften Gesichtszüge des sterbenden Vaters meiner Mutter. Meldete der Nachbarbauer, zur Tür hereinstürzend, die Totgeburt eines Kalbes, wusste ich schnell mein Gesicht hinter den Zeitungsflügeln, hinter einem Karl-May-Buch oder unter der Tischplatte zu verstecken. Ich konnte mein Gesicht nicht zum Schmerz verziehen, nein, ich konnte keine Maske des Mitleids aufsetzen, nicht weinen, hör zu weinen auf, nein, ich versteckte mein Gesicht, um frei und ungezwungen lachen zu können. Für leidendeKinder ist der Tod eines Tieres manchmalsehr schön.


Steine steinige ich mit Steinen.


Zugedeckt habe ich das Glas der Fensterscheibe mit Partezetteln und zerrissenen Zeitungen, während mein Schnaufen allmählich stärker wurde, blickte ich auf die Schlagzeilen der Verkehrsunfälle, der Mörder und Selbstmörder, niemand hat mich gesehen, aber ich konnte mir schon denken, dass jemand, dadraußen am Fenster vorbeigehend, die Schlagzeilen der Rückseite an der Fensterscheibe las und an der Mauer dem Geraschel des Zeitungspapiers lauschte. Denroten Reifen vom Rand des Klos tastete ich an meinen Hinterbacken ab. Steifer als der Leichnam meines Großvaters ist mein Glied, steifer als der Sonnenstrahl ist es, der durch die Ritze der Klotür fällt.


Seit drei oder vier Monaten trage ichTotenmasken. Die Totenmaske des Vaters eines Malers und ehemaligen Lehrers von mir probiere ich auf meinem Gesicht. Sie ist mir etwas zu groß, aber wenn ich eine Schnur durchdas linke und rechte Ohrläppchen ziehe, wo Frauen Ringe tragen, und einen Knopf oder eine Masche an meinem Hinterkopf fabriziere, passt sie mir wie angegossen. Nachts, wenn alles schläft, gehe ich durch die Stadt, die Totenmaske an meinem Gesicht, weite Bögen schlage ich um Wache haltende Polizisten, gehe durch beleuchtete Straßen, stelle mich vorwiegend vor Schaufenster mit nackten Puppen. Auslage in Arbeit, lese ich. Wenn ich morgen wiederkomme, wird die Puppe Kleider tragen und mir nichts mehr bedeuten. Die Totenmaske des hinkenden Hundes der nackten Puppe um die Hüften binden, bevor ihr morgen eine Seidenunterhose über die Unterschenkel, Kniekehlen, Oberschenkel gezogen wird und der Reifen des Gummis ihre Taille umschließt. Währendich in einem Park uriniere, schnaufe ich etwas heftiger unter der Totenmaske des Vaters des Malers.

Der Maler ist Landschaftsmaler. Er liebt die Menschen, aber er malt sie nicht. Die Totenmaske seines Vaters schälte er einmal, als ich ihn besuchte, aus einem knisternden Seidenpapier. Es war die erste wirkliche Totenmaske, die ich gesehen habe. Bringen Sie mir die Totenmaske, ich will sie sehen. Mein Herz schlug schneller, automatisch griff ich zu Messer und Gabel und aß hastiger am Schinken, an Käse, Wurst und Essiggurken, mehr schwarzes Brot, bitte, mehr Schwarzbrot, ich bin es nicht gewohnt. Und noch eheeine neue Schnitte Schwarzbrot auf dem Tisch lag, hob er den Deckel einer breiten Schuhschachtel ab, zog das Seidenpapier wieden Vorhang einer Kinderwiege auseinander und hob die Totenmaske heraus, schwer ist sie, aber sei vorsichtig, damit ihr nichts passiert. Mehrere Haare der Augenbrauen klebten im Gips fest, krumme Nase, fast geschwollene Lippen, Stirnfalten, die von meinen Fingerspitzen ängstlich berührt werden. Ich drehe sie um und blicke in die ausgebuchtete Rückseite. Wie eine Larve sieht sie aus, man könnte sie aus einem Faschingsschaufenster nehmen, nur schwererist sie, tragischer ist sie, ein Menschenleben liegt auf ihren Gesichtszügen.


Gestern Abend schlug ich, eher aus Langweile als aus Interesse, die Mappe wieder auf,in der die Kärntner Zeitungen vom 1. Oktober 1976 liegen, aber plötzlich wurde aus der Langweile wieder Interesse, und immer wieder die Schlagzeilen lesend, als verstünde ich sie heute noch nicht, blickte ich auf den Partezettel. Ich sehe mich mit zitterndenHänden, eine Kerze haltend, vor Jakobs Grab stehen. Seit drei Jahren bist du tot. Ich schäme mich, dass ich noch am Leben bin. Eine Frau spielte während seiner Totenwache mit einem Hund, gib mir Pfötchen, nimm das Stück Marmorkuchen, Pfötchen. Als ich das erste Mal, zwei Wochen nach seinem Tod, wieder onanierte und ihn dabei vor Augen hatte, glaubte ich nach dem Samenerguss, meine Füße verloren zu haben. Heute Nachmittag habe ich vor Wut aufgeschrien, als mir Jakobs Tod wieder ins Bewusstsein rückte. Sein Bild klebt auf der Kastentüre, und ich hänge mit meinen Lippen und Gedanken an seiner fotokopierten Stirn.Ich senke meinen Kopf. Die Haare meines Hinterkopfes und die Kniescheiben seiner angewinkelten Beine sind sichtbar. Die Eichel seines Gliedes im Brutkasten meines Mundes. Tauche wieder auf, wie ein Vogel nach dem Trinken seinen Kopf schüttelt, Tropfen seines Samens fliegen ringsumher. Ich sehe seinenNabel, seine Brustwarzen, blicke auf den hervorstehenden Adamsapfel, auf die Schwingungen seiner Lippen und schließlich in die Augen: zwei laufende Kameras, die einander gegenüberstehend die Objektive filmen.

Es sollte, meine Damen und Herren, vomKalbstrick die Rede sein, meine Damen und Herren, vom Kalbstrick, mit dem Kälber an den Fesseln gebunden und mit Bauernhänden aus dem Mutterleib gezogen werden, es sollte vom Kalbstrick die Rede sein, mit dem sich Jakob und Robert im Pfarrhofstadel erhängt haben, vom Kalbstrick, meine Damen und Herren. Ich war und bin damit, dass er den Tod mit einem Freund suchte, den ich nicht kannte, niemals einverstanden, deshalbmisch ich mich an die Stelle seines Freundes und vollziehe Jakobs Freitod noch einmal mit mir. So weit sind sie gemeinsam gegangen, so weit, sagte sein Vater, am Grab stehend. Tränen, braun wie Erdknollen, schwollen unter den Augäpfeln langsam hervor, halb blieb sein Mund geöffnet, und die Zähne wurden sichtbar. Während ich in seinschmerzverzerrtes Gesicht blickte, dachte ichan den Augenblick seines Samenergusses, als er seinen Sohn gezeugt hatte, der jetzt tot, überhäuft von der Erde des Dorfes, nicht nur der des Friedhofes, vor ihm lag. Ob der damalige verzerrte Gesichtsausdruck ähnlich seinem jetzigen verzerrten Gesichtsausdruck war?


Damals, nach Jakobs Tod, ging ich mit dem Zeitungsausschnitt seiner Gestalt, mit rotem Gazestreifen auf die Brust geheftet, durch die Stadt. Niemand ahnte, dass ich einen Toten unter meinem Hemd verborgen hielt. Einem Polizisten blicke ich frech in die Augen, und er blickt schuldbewusst zurück.Nach hundert Metern, da mir sein Blick unwahrscheinlich vorkommt, gehe ich zurück, blicke im Vorbeigehen nun dem Polizisten schuldbewusst in die Augen, während nun er frech zurückblickt.


Der Kugelkopf der elektrischen Schreibmaschine ist nicht mehr der Kugelkopf einer elektrischen Schreibmaschine, sondern der Totenkopf Jakobs, der auf dem Hals der Schreibmaschine montiert ist. Als Kind glaubte ich, wenn man einen Toten abermals tötet, so wird er lebendig. Heute glaube ich es wieder und setze es in die Tat um. Weil du dich umgebracht hast, töte ich dich, damit du wieder am Leben bist. Solltest du nichtwiederauferstehen, hole ich aus deinemSchwesterzimmer eine hundert Meter lange rot-weiß-rote Mullbinde und fasche deineWunde ein, niemand soll sehen, dass ich dich liebe, niemand soll es wissen. Dein Tod und dein Leben werden in meinem Überleben verborgen bleiben, bis ich tot und an deiner Stelle in der Bahre liege. Der Maler mit der Vatertotenmaske wird mein Leben übernehmen, mit seinen geschmeidigen Händen und mit seinem ästhetisch-kosmetischen Blick wird er an meiner Totenmaske arbeiten. Das lächelnde Gesicht der Totenmaske des Josef Winkler. Mit einer rot-weiß-roten Mullbinde, mumienhaft um den Kopf geschlungen, tastete ich mich am österreichischen Nationalfeiertag, dem 26. Oktober, blind am Lendkanal entlang. Es war längst über Mitternacht.Der Mond schien und sagte mir, dass er genauso gut oder genauso schlecht die Sonne sein könnte. Meine Stirn stieß an einen Baumstamm. Ich sterbe nicht für das Vaterland, nein, höchstens gegen das Vaterland, ich tue meine Pflicht gegen das Vaterland und sterbe nur für meinen Leib und für deine Seele. Mit auseinandergespreizten Beinen, den Oberkörper etwas vorgebeugt, erbreche ich kleine gelb-rot-weiße Fahnen aus Fleischund Blut. Die Hunde der Heimatdienstangehörigen schwänzeln hinterher und lecken alles auf. Die Stirn prallt vom Baumstamm zurück. Plastikähnliche Flüssigkeit zwischenmeinem Daumen und Zeigefinger. Rot oder weiß? Öl oder Wasser? Essig oder Galle?


Auf dem Rücken liegend, gestern Abend imBett, stellte ich mir meinen Tod vor. Ichschloss die Hände zum Gegengebet. Ich begann zu lächeln und versuchte diesen Gesichtsausdruck so lange wie möglich zu bewahren. Meine Maske also.

Ich habe mir erzählen lassen, dass irgendjemand sein ganzes Leben lang einFläschchen Gift bei sich in der Hosentasche trug. Ständig klammerten sich seine Finger ans tödliche Gift. Dadurch überlebte er. Der Tod war immer in Reichweite. ■

WINKLER: Zur Person
Geboren 1953 in Kamering, Kärnten. Lebt mit Frau, Sohn und Tochter in Klagenfurt.Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur, Büchner-Preis.

Prosa: „Das wilde Kärnten“, „Die Verschleppung“, „Der Leibeigene“, „Friedhof der bitteren Orangen“, „Natura morta“, „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“ (Suhrkamp).

Sein Text stammt aus dem Band „Wortschatz der Nacht“, der am 18. Februar bei Suhrkamp herauskommt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2013)

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1 Kommentare

Winkler usw.

Wem interessiert schon, was dieser Typ ständig von sich gibt; erinnere mich noch, dass er einmal einen tragischen Verkehrsunfall mit einem Bauprojekt in Verbindung brachte - ohne
jeden Zusammenhang.,

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