Schwarze Sternschnuppe

28.01.2013 | 11:00 |  Von Karl Woisetschläger (DiePresse.com)

Josef Winklers Jugendwerk „Wortschatz der Nacht“: kurze Befragung des Autors.

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Ihr Frühwerk „Wortschatz der Nacht“ wird im Februar als Buch herauskommen. Josef Winkler, wann, wo, in welchen Etappen und unter welchen Umständen ist dieses Prosastück entstanden?

1979, als mein erster Roman, „Menschenkind“, veröffentlicht wurde, fand ich, samt meiner 20 Kilo schweren IBM-Kugelkopfschreibmaschine, für ein paar Monate Unterkunft bei dem Germanisten Klaus Amann in der Klagenfurter Fischlsiedlung – zu vergleichen mit der bekannten Scherzhauserfeldsiedlung von Thomas Bernhard in Salzburg. Ich war 26. Inspiriert vom Bild der Totenmaske der Else Lasker-Schüler, schrieb ich in wenigen Nächten, in mehreren Wortanfällen, „Das lächelnde Gesicht der Totenmaske der Else Lasker-Schüler“, so der ursprüngliche Titel. Im selben Jahr wurde das 60 Seiten lange Typoskript in der Nummer 66 der „manuskripte“ von Alfred Kolleritsch als Faksimile veröffentlicht.

Warum ist es damals nicht zu einer Buchveröffentlichung gekommen?

Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man innerhalb von vielleicht fünf Nächten ein Buch schreiben kann. Ich habe diesen Wortrausch, um es so zu sagen, nicht ernst genommen. Der Text ist mir in wenigen Nächten vom Himmel heruntergefallen und von der Hölle heraufgeschossen. Und als sich die beiden, das röm.-kath. Pärchen Himmel und/oder Hölle getroffen haben, war der Text fertig bei Morgengrauen in der Fischlsiedlung in Klagenfurt. Ich habe ihn nicht mehr gelesen, habe ihn vergessen, bis vor zwei Jahren ein Anruf vom Wiener Hamakom-Theater kam: ob ich an einem Abend zum Anlass der kommenden Aufführung eines Theaterstückes der Else Lasker-Schüler aus diesem Prosastück vorlesen könnte. Ich antwortete, dass ich den Text nicht mehr habe. Als ich dann mit dem Zug von Klagenfurt nach Wien fuhr, blätterte ich nach mehr als 30 Jahren das erste Mal wieder in diesem Text, der mir zugeschickt werden musste, um ein paar Stellen zum Vorlesen auszusuchen. Ich war überrascht und dachte: So möchte ich heute auch noch schreiben können! Danach habe ich diese schwarze Sternschnuppe an Suhrkamp geschickt.

Der Kugelkopf, der Hahnenkopf, der Kalbstrick, die Mullbinden – es ist alles schon vorhanden in diesem Jugendwerk, sämtliche Requisiten, der ganze Winkler. Bald werden Sie 60. Gab es je Entwicklung, Umformung?

Kürzlich hat Peter Handke in einem Interview gesagt, dass er seinen ersten Roman, „Die Hornissen“, wiedergelesen und bereits in diesem Buch seine gesamte literarische Welt, die er über Jahrzehnte und in über 60 Büchern entworfen hat, wiedergefunden habe. Ähnlich dürfte es im „Wortschatz der Nacht“ sein. Es sind alle Motive und Formen der Schreibgegenwart und Schreibvergangenheit da. Der Stoff eines Schreibenden, der seinen Inhalt vor allem in der Sprache sucht, ist oft ein sehr begrenzter, ein enger, das wusste ich schon sehr früh. Früh habe ich den dicken, schwarzen, wunden Punkt, der mich schließlich über drei Jahrzehnte von Buch zu Buch vorwärtsgetrieben und mich auch abgestempelt hat, erkannt und habe ihn aus Angst vor Sprachlosigkeit, in die ich hätte zurückfallen können, in unzähligen Variationen eingekreist und mich auch nie geschämt, wenn ich eine Geschichte zwei-, dreimal oder öfter, aber wieder ganz anders begonnen habe mit meinen neuen Worten und Sprachmöglichkeiten abzutasten. Franz Innerhofer hätte allein aus dem Fundus seines Romans „Schöne Tage“ ein oder zwei Dutzend Bücher machen können, aber jede Schriftstellerexistenz verläuft nun einmal anders. ■

("Die Presse Spectrum" vom 26.1.2012)

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