Bretter im Kopf

01.02.2013 | 18:26 |  Von Rudolf Müllner (Die Presse)

Was Österreich den sattsam bekannten zwoa Bretteln samt gführigem Schnee verdankt, weiß jeder. Kaum zu glauben, dass der Skilauf bis in die 1890er-Jahre hierzulande so gut wie unbekannt war. Vom Werden einer „Skination“.

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Ob einem das patriotisch-chauvinistische Getue, die künstliche, von einer omnipräsenten Medienmaschinerie befeuerte Euphorie rund um die Skiweltmeisterschaft im steirischen Schladming nun auf die Nerven gehen oder egal sind, eines steht fest: Österreich ist, mehr und fester noch, als einem das üblicherweise bewusst wird, auf dem und rund um den alpinen Skilauf gebaut. Und dabei geht es nicht nur um ohnehin schon beeindruckende empirische Eckdaten wie Übernachtungszahlen oder darum, dass jeder 15. Job in diesem Land direkt oder indirekt vom skilaufgetriebenen Wintertourismus abhängt. Es geht vielmehr um die historische, symbolische, affektive, ja um die geradezu kollektiv-körperliche Durchdringung einer Bevölkerung mit der modernen bewegungskulturellen Spielform Skilauf. Kein anderes Land der Welt, mit Ausnahme vielleicht der skandinavischen Staaten, ist so mit einer einzelnen Wintersportart verbunden, wie Österreich mit dem alpinen Skilauf.

Dabei war Skilauf bis in die 1890er-Jahre in Österreich nahezu unbekannt. Eine in diesem Zusammenhang häufig repetierte Episode erzählt, dass 1874 der österreichische Polarforscher Julius Payer als Erster ein Paar Skier von einer Nordpolexpedition mitgebracht habe und diese unverzüglich ins Museum verfrachtete, da man sich offenbar noch keine besseren Einsatzmöglichkeiten für Skier im Alpenraum vorstellen konnte. Selbst Mathias Zdarsky konstatierte für das Jahr 1889 noch, dass „niemand in Mitteleuropa an den Skilauf“ dachte. Nach der Publikation des Buches „Auf Schneeschuhen durch Grönland“ (1891) des norwegischen Polarforschers Fritjof Nansen und dem daraus erwachenden großen Interesse für den Skilauf in Mitteleuropa, dem sogenannten Nansenfieber, folgte eine Zeit des Experimentierens. In den gängigen skihistorischen Darstellungen werden eine Fülle von mehr oder weniger heroischen Einzelleistungen „mutiger“ Männer angeführt. Es wird die Entwicklung von basalen Ansätzen hin zu einer allmählich effizienten alpinen Skilauftechnik beschrieben. Die wichtigsten Protagonisten sind Adelige oder stammen aus dem Bürgertum, es sind Studenten, Akademiker, Bildungsbürger, Offiziere, Privatgelehrte, Hoteliers oft mit urbanem Hintergrund. Frauen kommen dabei nicht vor.


Mürzzuschlag, Arlberg, Lilienfeld

Skizziert wird allgemein eine Phase des Ringens um eine Technik, mit der man in der Lage war, „sturzfrei, flott, jedes Gelände“ zu beherrschen. Als Zentren der Entwicklung etablierten sich Mürzzuschlag, Lilienfeld, Kitzbühel und selbstverständlich der Arlberg. Insgesamt muss man sich den Skilauf vor 1914 jedoch noch immer als ein relativ exklusives Vergnügen mit einer überschaubaren Zahl an Praktizierenden vorstellen.

Eine entscheidende Phase in der Entwicklung des Skilaufs in Österreich vom elitären Freizeitvergnügen einiger weniger Privilegierter hin zu einem Massenphänomen und weiter bis zu einer das gesamte Land umfassenden „Nationalsportart“ ist um den Ersten Weltkrieg anzusiedeln. Verkürzt und plakativ könnte man formulieren, dass der Höhepunkt des Nationalismus (und Imperialismus) des 19. Jahrhunderts und dessen Kulmination im Ersten Weltkrieg die wichtigsten Impulsgeber für die Etablierung einer kollektiven österreichischen Skilaufkultur gewesen sind. Es herrscht Konsens darüber, dass der militärische Skilauf in diesem Zusammenhang entscheidende Impulse setzte.

Nach dem Ersten Weltkrieg begann ein regelrechter Skiboom. Die technischen Voraussetzungen dazu wurden unter anderem in den heereseigenen Skiwerkstätten der k. u. k. Armee geschaffen. Insgesamt lag die Gesamtproduktion während des Ersten Weltkriegs bei etwa 140.000 Paar Skiern. Die beim Heer produzierte Skiausrüstung fand massenhaft den Weg in die Bevölkerung. Einerseits durfte sie von den abrüstenden Soldaten gratis mit nach Hause genommen werden. Andererseits wurden sie vom Heer billig an die Bevölkerung abgegeben. Damit war, und das ist entscheidend, eine signifikante Verbreiterung der sozialen Basis des Skilaufs initiiert. Es konnten nun auch Leute Ski laufen, die sich noch wenige Jahre zuvor die teure Skiausrüstung nicht hätten leisten können. Dazu kam die einheitliche, in der militärischen Ausbildung erlernte Skilauftechnik.

Neben dem Militär war es vor allem die Schule als zweite große staatliche Instanz, die den Skilauf massenfähig machte. Nach dem Ersten Weltkrieg etablierten sich schulische Skikurse allmählich als eine zentrale pädagogische Form und mutierten in weiterer Folge zu den Keimzellen des sich langsam entwickelnden österreichischen Wintersporttourismus.

Obwohl der Wintertourismus ein relativ junges Phänomen ist, lassen sich kräftige Impulse dazu bereits vor dem Ersten Weltkrieg feststellen. Und es war der Skilauf, der die nötigen Anreize und Notwendigkeiten, im Winter in die Berge zu reisen, schuf. Nach den ersten Skilaufversuchen diverser Pioniere innerhalb und außerhalb der Schulen ab etwa 1890 sind bald auch Belege für einen „Wintersporttourismus“ in Österreich feststellbar. So richteten etwa die österreichischen Staatsbahnen im Jahr 1906 einen eigenen sogenannten „Wintersportzug“ mit separaten Gepäckwagen zum Transport der Skiausrüstung zwischen Wien und dem Heimartort Mathias Zdarskys, Lilienfeld, ein.

Ein Dauerproblem der Schulskikurse war und ist deren Finanzierung. Vor allem für wirtschaftlich benachteiligte Familien stellt sich dieses bis heute massiv. Die Möglichkeit, in bis dahin im Winter nicht bewirtschafteten Hotels Unterkunft zu finden, brachte letztlich die Lösung. Mit dieser Quartierlösung unter prekären finanziellen Rahmenbedingungen wird von Anfang an ein Setting gefunden, das sich für die nächsten Jahrzehnte als Königsweg für alle an den Projekten Schulskikurs partizipierenden Personen und Organisationen herausstellen sollte. Schulskikursteilnehmer profitierten dabei von preisgünstigen Quartieren in der „Off-Season“, die Hoteliers und sonstigen Quartiergeber konnten ihre Saisonlöcher gut kompensieren, und der sich um den Skilauf langsam etablierende österreichische Wintertourismus hatte ein zukünftiges inländisches Klientel gefunden. Eine stabile Win-win-Situation wurde somit in Grundzügen bereits zu Beginn der 1920er-Jahre geschaffen. Parallel dazu legte die öffentliche Hand ein nahezu flächendeckendes Netz von Skiheimen, Schullandheimen, Hütten und Jugendherbergen an. Durchgängig sollte dabei das Prinzip verfolgt werden, „Skilauf für alle“ und nicht nur für ökonomisch Privilegierte möglich zu machen.

In St. Christoph am Arlberg etablierte man dazu die wichtigste sportdidaktische Keimzelle des österreichischen Schulskilaufs. Hier realisierte man auf höchstem Niveau die staatliche Skilehrerausbildung und zog jene skipädagogischen Multiplikatoren heran, die Österreich zur Skination formten. Dass die Errichtung eines Skiausbildungszentrums am Arlberg keine Marginalie, sondern eine Staatsangelegenheit mit hoher Priorität war, zeigt schon allein der Umstand, dass die offizielle Eröffnung des Winterheimes am 29. November 1925 vom Bundesminister für Unterricht, Emil Schneider, persönlich vorgenommen wurde. Der Arlberg und in seinem skipädagogischen Epizentrum das Bundesskiheim St. Christoph mutierten in der Folge – neben Kitzbühel – zu einer, mit einer nahezu mythologischen Aura umwehten Skidestination, zu einem der heute wertvollsten Imageträger des Wintersportlandes Österreich.

Wichtige Entwicklungen im Skilauf fanden parallel zu Schule und Militär aber auch in den Skivereinen und -verbänden statt. Zu nennen ist dabei vor allem die Etablierung des alpinen Rennlaufs sowie dessen massenmediale Repräsentation und Verwertung. Der Skirennlauf entwickelte sich in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg zusehends zum hegemonialen Mediensport. Bis in die 1950er-Jahre produzierten die Zeitungen sowie das Live-Medium Radio die identitätsstiftenden Mythen rund um die österreichischen „Skihelden“. Ab Mitte der 1960er-Jahre übernahm immer mehr das Fernsehen die Rolle des Leitmediums in der Sportberichterstattung.

Mitzudenken ist in diesem Zusammenhang auch, dass der Skirennlauf der einzige Leistungssportsektor ist, in dem auf Dauer Siege und Spitzenplatzierungen bei den wichtigsten internationalen Wettbewerben wie Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen erreicht werden konnten. Insofern dienen die Erfolge im Alpinskilauf auch der positiven Außenrepräsentation der kleinen Nation auf der internationalen Sportbühne. Diese Außenrepräsentation wirkt letztlich auf das Selbstbild der „Alpenrepublik“ als weltweit erfolgreiche Skination zurück.

Schlüsselakteuer in diesem symbolischen Prozess sind die „Skihelden“ des jeweiligen Zeitabschnittes beziehungsweise deren mediale Repräsentationen. Die Erzählungen, die massenmedial kommunizierten Narrative über die Skihelden verdichten sich mitunter zu identitätsstiftenden Basiserzählungen, die sich im kollektiven Gedächtnis ganzer Generationen verankerten. Ein markantes Beispiel dafür ist die Erfolgsgeschichte Toni Sailers, der im Februar 1956 in Cortina d'Ampezzo mit seinem Dreifach-Olympiasieg der österreichischen Wiederaufbaugeneration dringend benötigtes Selbstbewusstsein geben konnte. Sailer verkörperte in seiner öffentlich ausgebreiteten Sportlerbiografie, aber auch in unzähligen Home-Stories über seine Familie in vielfacher Hinsicht, quasi symbolisch verdichtet, das Idealbild des strebsamen und fleißigen, nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs endlich wieder optimistisch in die Zukunft blickenden Österreichers.


Karl Schranz, der Fernsehheld

Sailer war, obwohl die Olympischen Spiele von Cortina bereits im Fernsehen übertragen wurden, im Wesentlichen noch ein „Held“ des Radios. Sein Nachfolger, Karl Schranz, dessen Disqualifikation von den Olympischen Spielen 1972 in Sapporo weit über das Terrain des „eigentlichen“ Sports hinauswirkte und die gesamte Nation inklusive des amtierenden Bundeskanzlers mobilisierte, war ein Held des (Staats-)Fernsehens.

Die Geschichte des Karl Schranz bildet nur eine Übergangsepisode zu einem weiteren staatstragenden Narrativ aus dem Fundus der österreichischen Skihelden. Es ist nicht, wie im Fall Schranz, die Geschichte eines tragischen Scheiterns, sondern die „golden success story“ des immer fröhlich wirkenden österreichischen Bergbauernkindes Franz Klammer. Basiselemente des „Klammermythos“ sind unter anderem dessen herausragenden körperlichen und mentalen Fähigkeiten, die der Kärntner von Kindheit an durch die harte Arbeit am elterlichen Bergbauernhof quasi auf natürliche Weise erlangt habe. Klammer firmiert somit als idealtypischer Repräsentant der heimatlichen österreichischen Bergwelt, die als „Rückzugsort des Unverdorbenen“ und „Nichtentfremdeten“ (Georg Spitaler) bis heute als ein mächtiges symbolisches Imagereservoir, aber auch als real ökonomisch verwertbares Kapital der österreichischen Tourismuswirtschaft durchaus effizient funktioniert. Das ist der Stoff, der, wie der Kulturwissenschafter Bernhard Tschofen es formuliert, ganz Österreich zu einer Art Skiheimat, in der der Wintersport „zum natürlichen Traditionshaushalt“ zu gehören scheint, macht.

Unbestreitbar ist, dass die populäre und populare bewegungskulturelle Praxis alpiner Skilauf in ihrer historischen Genese bis heute eine breite Palette von Bedeutungen und Identifikationsmöglichkeiten bietet, deren Beitrag für eine wie auch immer interpretierte österreichische Identität kaum überschätzt werden kann. Bei all dem sollte man sich jedoch einen Satz des oft zitierten, aber viel zu wenig gelesenen österreichischen Skimethodikers Mathias Zdarsky vergegenwärtigen, der 1924, als alle plötzlich von den Chancen des Fremdenverkehrs zu reden begannen, schlicht und einfach meinte: „Die beste Hebung des Fremdenverkehrs besteht darin, dass man die Einheimischen nicht sekkiert.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2013)

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