Wurscht? Käse!

08.02.2013 | 18:21 |  Von Jochen Jung (Die Presse)

Die Freuden des Einverleibens: kulinarische Notizen.

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Ich esse gern. Sehr gern. Es beginnt mit dem Blick auf den Teller, und – soll ich Ihnen was sagen? – es ist fast egal, was drauf liegt. Was natürlich nicht heißen soll, dass es mir wurscht ist, was für ein Käse da auf mich wartet. Es soll nur heißen, dass es für das, was ich hier meine, nicht darauf ankommt. Sondern darauf, dass ich Hunger (oder besser noch: Appetit) habe und dass es etwas gibt, mit dem ich ihn in der nächsten Minute stillen kann.

Also, erst der Blick, dann die Gabel (der Löffel, der Finger), dann in den Mund und: hineinbeißen, kauen, innehalten, wieder kauen, schlucken, gurgelabwärts, und einverleiben. Ja, dieses ziemlich altmodische Wort sagt es ganz unverblümt, worum es da geht, nämlich darum, etwas in den Leib hineinzuschlucken, damit der Hunger, der vorher geknurrt hat, nur noch schnurrt und der Appetit sich herausgefordert fühlt und auf den nächsten Bissen und Schluck kapriziert. Oder auch einfach nur freut.

Wem das zu irdisch ist oder wer es lieber verblümt hat, der ist hier vermutlich im falschen Text. Wobei ich versichere: Ich habe nichts gegen gesundes Grün, aber man kann in ein Salatblatt einfach nicht richtig hineinbeißen. Erst ist der Mund irgendwie zu klein für den Lappen, und am Ende lohnt es sich kaum, das Zeug runterzuschlucken. Noch schlimmer ist da eigentlich nur die Molekularküche: So was kann eben nur ein erzkatholischer Spanier erfunden haben bei dem Versuch, das Prinzip Oblate in die Hohe Küche einzuführen.

Das Gegenteil davon ist jene, wie sagt man, Angelegenheit, die als deutscher Beitrag zur europäischen Küche gilt und die auch so heißt: Wurst. So schlicht ihr Ruf ist, so vielfältig ist ihr Inneres, und wenn man noch die Bezeichnungen hinzuzählt, die die Wiener für diese unschuldigen kleinen Stopflinge erfunden haben, dann ist die Vielfalt noch viel vielfältiger.

Um aber, Pardon, auf meinen Teller zurückzukommen, so muss ich, wenn's ums Spezielle geht, natürlich doch Unterscheidungen treffen, und vor allem da, wo der Teller, anders als der, der ihn einem reicht, gern auch einmal aus Pappe ist: In Sachen Wurst ist der Mensch ja unbeugsamer als bei der Nationalratswahl, und bei den Käsekrainern scheiden sich die Geister (auch mein Computer protestiert übrigens auf seine Art und erklärt mit rotem Gekringel das Wort und damit die Sache als Fehlanzeige). Ehe ich mich da jetzt aber noch mehr oute und es mir mit der Hälfte meiner Leserschaft verscherze, bringe ich sie wieder vom Würstelstand zurück an den gedeckten Tisch und singe ein kurzes Lied der Beilage.

Die nämlich lebt ja davon, dass sie nicht die Hauptlage ist, und aus diesem Eck heraus kann sie ganz beiläufig ihren Charme entfalten: die süße Karotte, die schlüpfrige Nudel und die Fantasievollste von allen, die Kartoffel. Die hätte gewiss eine eigene Würdigung verdient (und eines Tages wird es auch so weit kommen), aber was den kleinen und nicht so kleinen runden Dingern alles so einfällt, das zeigt unmissverständlich, dass in Wahrheit oft das Schnitzel die Beilage ist und auch, warum so manchem der Schlaf nicht so wichtig ist wie der Beischlaf.

Aber so weit sind wir noch nicht, wir beide, noch sitzen wir vor dem Teller und freuen uns daran, dass, wenn alles schön der Reihe nach geht – erst kommt das Essen, dann kommt die Unmoral! –, man sagen darf, dass auf ihre Art auch die Wurst ein Aphrodisiakum sein kann.

Natürlich sind Austern auch etwas Gutes, nicht nur der Perle wegen (die ich übrigens für ein japanisches Ammenmärchen halte: Ich habe auch in der tausendsten Auster noch keine gefunden). Hauptsache, sie liegen auf meinem Teller. Und Oberhauptsache, es gibt den richtigen Wein dazu. Denn, eh ich es vergesse: Ich trinke gern. Sehr gern. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2013)

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