Jeder Knopf hat seine Zeit

15.02.2013 | 18:24 |  Von Wolfgang Freitag (Die Presse)

Sonja Swietli ist immer unterwegs, immer muss sie von irgendwo geholt werden, hervor zwischen langen Kleiderstangenstrecken und Regalen voller Schachteln: „Miedergürtel historisch“ steht da zu lesen oder „BH modern schwarz“. Die Kostümabteilung des Theaters in der Josefstadt: Nachrichten aus einer textilen Wunderkammer.

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Der Kleiderschrank ist voll. Wer kennt das nicht? Im Lauf der Jahre sammelt sich halt so allerhand an. Das kleine Schwarze, mit dem man einst... Der Pullover, den man damals... Gar nicht zu reden von Hochzeitsanzug, erstem Ballkleid und anderen textilen Memorabilien, denen wir längst – in welcher Dimension auch immer – entwachsen sind und die wir dennoch aufbewahren als Belegstücke einer Vergangenheit, der wir uns, je ferner sie uns wird, umso handgreiflicher versichern wollen: Seht her, so war das, so und nicht anders. Der Kleiderschrank: ein Speicher der Geschichte, der trotz aller Bemühung, seinem Überquellen Herr zu werden, unweigerlich irgendwann nicht einmal mehr das uns Wichtigste fassen kann.

Sonja Swietlis Kleiderschrank fasst 40.000 Teile. Und in demselben Augenblick, in dem Sie das hier lesen, sind vielleicht schon wieder zehn oder 20 dazugekommen. Wer das für übertrieben hält, kann sich ja umschauen im dritten Stock, Josefstädter Straße 26. Oder in den beiden Erdgeschoßzimmerfluchten Lange Gasse 37. Oder in der Piaristengasse 29, dort, wo ein Schild zudem zu einer Probebühne – „Nebenan!!!“ – weist. Ja, auch Frau Swietlis Kleiderschrank dient als Speicher der Geschichte, aber er ist nicht Frau Swietlis Privatissimum, sein Inhalt, verteilt auf drei Standorte, repräsentiert ein Stück Wiener Bühnenhistorie: ein Stück der jüngeren Geschichte des Theaters in der Josefstadt.

Man schreibt November 1989, da tritt Sonja Swietli ihren Dienst in der Josefstadt an. Die Direktoren des Hauses heißen Otto Schenk und Robert Jungbluth, der Josefstädter Kleiderschrank ist leer, noch, denn Frau Swietli ist mit der Aufgabe betraut, eine eigene Kostümabteilung überhaupt erst aufzubauen. „Als ich hierhergekommen bin, gab es nur eine Repertoireschneiderei“, erzählt Frau Swietli. „Repertoireschneiderei“ will sagen: Kostüme werden nicht angefertigt, sondern allenfalls im Lauf des Vorstellungsbetriebs repariert. Die Kostüme selbst, die lässt man sich bis dahin zuliefern – und retourniert sie nach Ende der Aufführungsserie an den Lieferanten. Dieser Lieferant heißt Lambert Hofer, und in dessen Werkstatt hat Sonja Swietli auch ihr Kostümschneiderhandwerk gelernt.

Ein knappes Vierteljahrhundert später ist aus dem vormaligen Nichts ein ziemlich manifester Teil des Josefstädter Bühnenalltags geworden. Und das nicht nur deshalb, weil 40.000 Kostümteile von ganz allein unübersehbare Präsenz verbreiten. Unter Sonja Swietlis Obhut finden sich heute neben dem Fundus eine Damen- und eine Herrenschneiderei, eine eigene Kostümassistenz sowie die dazu nötige Administration. Mitarbeiterstand derzeit: zwölf Personen. Wobei der Aufgabenbereich keineswegs an den Grenzen des unmittelbaren Bühnenraums endet. Der Fundus betreut nebstbei die Versorgung des Hauses „mit Arbeitskleidung, von den Schlossern bis zur Putzkolonne“. Und was hat eigentlich ein Kostümassistent zu tun? „Der muss recherchieren, Probenkostüme herrichten, ein Szenario mit dem Ablauf einer Inszenierung erstellen, beispielsweise: Wann ist ein Umzug? Und er muss für die Anproben alles Mögliche vorbereiten: Es genügt nicht, dass aus der Werkstätte das Kleidungsstück kommt, ich brauche womöglich einen Hut, Schmuck, ich brauche Schuhe.“


Wie näht man historisch?

Das alles muss parat liegen, sobald die Stunde der Anprobe naht, denn Zeit ist auch am Theater ein knappes Gut: „Üblicherweise gibt es eine einzige Anprobe – und dann muss das Kostüm sofort raus.“ So viel Effizienz will erarbeitet sein. Und sie bestand naturgemäß nicht vom ersten Tag jenes Novembers 1989 an: „Die Mitarbeiter habe ich zum Teil übernommen, zum Teil auch neue geholt, denn die Repertoireschneider konnten ja nicht wissen, wie man das macht: Wie näht man historisch?“ Frau Swietli sitzt an ihrem Schreibtisch, hinter ihr öffnet ein Fenster den Blick in den Innenhof, der unter seiner Erdgeschoßüberdachung die Publikumsgarderoben des Theaters birgt. Bei keinem meiner folgenden Besuche werde ich sie wieder an ihrem Schreibtisch sitzen sehen, immer wird sie unterwegs sein: in der Kostümschneiderei, im Fundus, im Anproberaum, in der Färbeküche. Immer wird sie von irgendwo geholt werden müssen, hervor zwischen langen Kleiderstangenstrecken und Regalen voller wohlbeschrifteter Schachteln und Kisten: „Miedergürtel historisch“ steht da zu lesen oder „Maschenware riesige Teile“.

„Wir nützen jeden noch so kleinen Raum“, bekennt Frau Swietli. Und es ist ganz und gar nicht vorstellbar, dass von dieser Masse an Stoffen, Knöpfen, Hemden, Hüten, an Röcken, Kleidern, Mänteln, Hosen, an Textilien aller Art samt dem erforderlichen Zugehör, zwischen denen sich heute die Handvoll Mitarbeiter verliert, vor einem Vierteljahrhundert noch nicht ein Stück dagewesen sein soll. „Als ich hierhergekommen bin, gab es nicht einmal einen Unterrock“, weiß Frau Swietli zu berichten. Auf Flohmärkten, bei Geschäftsauflösungen suchte und fand sie nebst Materialien aller Art auch manche historische Preziose: vom Dienstmädchenkleid der Jahrhundertwende bis zum originalen Rokoko-Mieder. „Jetzt tu ich mir leichter, ich weiß, ich hab eine Schachtel voll mit BHs, ich habe eine Stange voll mit Unterröcken, darauf kann ich zurückgreifen.“

Anprobe im vierten Josefstädter Stock. Die Kostümassistentin zupft hier, Sonja Swietli rückt da etwas zurecht, vielleicht noch eine andere Halskette, eine Handtasche, diese hier oder jene da? Passt. Fürs Erste. „Wir müssen ja mit den Kostümen immer eine Woche vor der Premiere fertig sein, für die sogenannte Komplettprobe“, erzählt Frau Swietli. „Da schaut man dann immer: Ist die Länge korrekt? Passen die Schuhe zu dem Oberteil? Aus der Zuschauerperspektive sieht ja manches ganz anders aus als im Anproberaum.“ Und irgendwann, wenn die Inszenierung abgespielt ist, tritt jedes Kostüm seinen Weg in Frau Swietlis Fundus an. Ein Stück Josefstädter Theatergeschichte mehr.

Wie schon jetzt Kleiderstangenlaufmeter für Kleiderstangenlaufmeter Josefstädter Theatergeschichte am Besucher des Fundus vorüberzieht: hier das grell gelbgrün gemusterte Jäckchen mit dem Hinweis „Hr. Stark. Was ihr wollt“ (Theater in der Josefstadt, 1997), da die unscheinbare schwarze Hose mit der Notiz „Hr. Vitásek. Sch. Beschung“ (was für „Schöne Bescherung“ steht, Kammerspiele, 2007), dazu der warnende Zusatz „zerrissen“. Und egal ob sie einst Zeugen theatralischer Triumphe oder darstellerischer Desaster waren: Vor der Funduskleiderstange sind sie alle gleich.

Fast alle: Nur die Kostüme der beiden vormaligen Josefstädter Direktionsdioskuren Otto Schenk und Helmuth Lohner sind befreit von erbarmungsloser Einordnung unter Kategorien wie „Kleider Jahrhundertwende“ oder „Sakkos Zwanzigerjahre“: Für sie ist ein eigener kleiner Raum reserviert, nicht gedacht als textiler Ehrenhain, sondern der einfacheren Benutzung wegen: Die beiden Herren, gibt Frau Swietli preis, griffen dann und wann gern auf ein Kostüm von ehedem zurück. Und übrigens: „Wenn Schenk einen Nestroy spielt, will er ein zu enges Kostüm haben, das muss um zwei Nummern zu klein sein. Das wird dann auch entsprechend genäht, damit es nicht gleich platzt. Das unterstützt ihn in der Rolle.“ Womit das Maß an konkreter Indiskretion, zu der sich Sonja Swietli hinreißen lässt, auch schon ausgeschöpft ist. Sonst bekommt man von ihr, die doch berufsmäßig Schauspielern so nahe kommt wie kaum jemand anderer im Bühnenbetrieb, wenig mehr als allgemeine Festhaltungen zu hören: von jenem Schauspielertypus, „der sagt, er will schön sein, wurscht, was die Rolle verlangt“. Und von den wirklichen Stars, die alles Mögliche, aber ganz bestimmt niemals nicht zickig sind.


Figurinen? Theater von vorgestern

Kummer bereitet ihr allenfalls die Zukunft ihres Metiers: „Die Kostümbildner kommen meistens nicht mehr mit Entwürfen, sondern mit Ansagen.“ Ein Beispiel? „Die Ansage heißt: Diese Rolle soll Amy Winehouse ähnlich schauen. Oder: Dieser Schauspieler soll einen braunen Anzug tragen, ärmlich, der Anzug soll ihm nicht passen. Dann muss ich hinterfragen: Was soll der Anzug können? Soll er einmal gut gewesen sein? Darf er gemustert sein? In welcher Zeit sind wir? Meistens hör ich dann: Irgendwie zeitlos. Dieses Wort lieben die Kostümbildner. Zeitlos. Ja, was ist zeitlos?“ Wo doch jeder Schnitt und jedes Revers, jeder Knopf und gleichsam jedes Knopfloch seine Zeit hat.

Die schmucken Figurinen der Kostümbildner, wie sie die Gänge und Zimmer in Frau Swietlis Reich zieren, sind längst nur mehr Ausnahme, nicht mehr Regel: Versatzstücke einer so gut wie untergegangenen Theaterwelt. Einer ihrer letzten großen Meister, Rolf Langenfass, Ausstattungsleiter des Theaters in der Josefstadt, ist vergangenes Frühjahr, erst 67-jährig, verstorben.

Wir ahnen schon: Leicht, allzu leicht ließe sich Frau Swietlis Revier als depressionsfördernder Hort beständiger Verluste lesen. Tatsächlich, wer bliebe davon unberührt, den alten Chapeau Claque in Händen zu halten, der sich nicht mehr zusammenklappen lässt, ein Chapeau ganz ohne Claque gewissermaßen – und keiner hierzulande, der dieses Claque instand setzen könnte. Selbst die Herrenschneider stehen mittlerweile schon auf der Roten Liste verschwindender Professionen. Andererseits: „Man muss alles pflegen, das Alte und das Neue“, sagt Frau Swietli und weist auf ein Regal voller Nike-Schuhe: „Das wird auch einmal eine Geschichte haben. Und einer meiner Nachfolger wird dann sagen: Toll!“

Den ersten ihrer Nachfolger, eine Nachfolgerin, weist Sonja Swietli seit August in ihr Arbeitsgebiet ein: Anfang April verlässt sie die Kostümwerkstatt in Richtung Ruhestand. Ob ihr die 40.000 Teile fehlen werden? Ach, es gibt auch so genug zu tun. Und übrigens: Die Vergangenheit ist ja nie zu Ende. Die der Zukunft hat in diesem Augenblick begonnen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2013)

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