Ich, Partisanin Maja Händerlat

Die Wirklichkeit der Schatten. Mein Kärnten: Begegnungen mit einem österreichischen Tabu.

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Ich, Partisanin Maja Händerlat – (c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)

Das Nachdenken über Tabus ist kein harmloser Spaziergang, auch wenn er so beginnen könnte. Man macht sich auf den Weg und eröffnet die Reflexion mit einer kurzen, unernsten Fantasie zum Thema, ob mittlerweile nicht nahezu alle Tabus zur Disposition stünden und auf dem Markt zirkulierten. Man bummelt und grübelt, verliert kurzerhand die Orientierung und findet sich unvermittelt in einem regelrechten Tabugedränge, in einer großen Tabuarena wieder, in der es von vermeintlichen Tabus nur so wimmelt. Man erblickt unzählige kostümierte Schausteller, die neue und aufregende Tabus ausloben und feilbieten, gegen die man noch mit Lust verstoßen kann. Alles nicht mehr gefährlich, alles schon da gewesen, alles sinnentleert, scheinen die Marketender hinauszuposaunen. Je mehr Tabugesetze man breche, desto mehr könne man erleben, verdienen, bewegen. Hat nicht Sigmund Freud gesagt, dass das Tabu die Tendenz habe, sich zu vermehren und zu vervielfältigen, überlege ich kurz und schiebe den Gedanken beiseite.
Ich verlasse den Jahrmarkt der künstlichen Erregungen und denke mich an einen ruhigeren Ort, an dem es um mehr geht; an dem die verdächtigen, angezweifelten, fragilen Begriffe wie Angst und Schmerz, Abwehr und Scham, Schuld, Ekel, Furcht und Bestrafung noch aus Fleisch und Blut sind, noch Bedeutung haben. Zu ihnen will sich niemand so recht gesellen, scheint es, sie lungern etwas verschämt herum, die heruntergekommenen Wortgestalten mit Namen wie Berührungsangst und Scheu, Grausamkeit, Tod, Entsetzen, Wahn, Verwerfung, Übertretung, die Erinnyen der Tabus.

Im Hinterhof der Arena kann ich den eigenen Atem spüren und die Erinnerungen befragen, tiefer gehen, dorthin, wo das Dunkle, Ausgesperrte wohnt. Denn darum geht es ja, zu prüfen, an welche Angst- und Verbotsgrenzen man im Leben gestoßen ist, bei dem Versuch, Orientierung zu finden. Die Frage ist, was geschieht, wenn man die gefährliche Zone betreten hat, was man erfährt, wenn es ernst wird und die Furcht um sich zu greifen beginnt.
Ich halte Ausschau nach einem Sinnbild für diese gefährliche Zone, die den gesellschaftlichen Angstraum veranschaulichen könnte, der einen bedroht und fesselt, und erinnere mich an das Höhlengleichnis Platons, den Schattenraum, in dem die Schatten als Wirklichkeit erscheinen, in dem die Abbilder die einzige Wirklichkeit sind. Ein nie ganz zu entzifferndes Gleichnis, weil es von Vorstellungsgeistern bevölkert wird, die wir zu jeder Zeit neu zu erfinden und zu entwerfen imstande sind.
In solch einen Schattenraum zu geraten ist keine besondere Leistung. Das ergibt sich allein schon dadurch, dass man zum Beispiel in Lepena aufgewachsen ist, einem engen Bergtal im Süden Kärntens. Mehr braucht es dazu nicht. Ich habe den Ort weder frei gewählt noch gewollt aufgesucht. Über den Ausgangspunkt haben andere bestimmt, andere haben auch entschieden, wie man über uns zu denken und wie man sich zu fühlen hatte, wenn man aus dieser Gegend stammte. An diesem Herkunftsort konnte ich über Jahre die Erwachsenen dabei beobachten, wie sie in ihren dunklen Angsthöhlen saßen und sich manchmal kaum bewegen konnten, während über und hinter ihnen die Schatten ihres Lebens und ihrer Vergangenheit triumphierten. Gefesselt, gebannt von etwas saßen sie da, das nicht sichtbar war, aber trotzdem Macht über sie besaß.

Wovor hatten die Menschen, mit denen ich lebte, solche Furcht?
Großmutter fürchtete sich vor Wiedergängern, vor den Geistern der Toten, der Umgebrachten und Erschlagenen, von denen sie, wie sie sagte, viel zu viele gesehen hatte. Sie fürchtete sich noch immer vor den Nazis und davor, die göttlichen Mächte und die zürnenden Gewalten der Heiligen gegen sich aufzubringen. Im Alltag hielt sie sich an strenge Regeln, deren Einhaltung sie von uns allen forderte. Am Freitag nach fünf Uhr abends durfte man keine Wäsche mehr waschen, kein Brot mehr backen, die Tiere im Stall mussten gefüttert, die Wochenarbeit musste verrichtet sein. Am Samstag durfte man sich keine neue Arbeit aufbürden, nur die notwendige verrichten. Großmutter glaubte, mit ihrer Disziplin das Böse von sich fernhalten zu können. Sie hatte keine Angst vor Luzifer, dem gefallenen Engel, dem sie das Dunkle zuschrieb, sie hatte Furcht vor der Hölle, von der sie glaubte, sie schon kennengelernt zu haben, in Berührung mit ihr gekommen, von ihr vergiftet worden zu sein. Diese Hölle war ihr Tabu, das es zu meiden und abzuwehren galt.

Vater dagegen schien mit etwas Zerstörerischem in Kontakt zu sein, mit der Verdammnis auf vertrautem Fuß zu stehen, um an dieser Stelle das katholische Wort in seiner ganzen pathetischen Bedeutung auszuborgen. Er schlug um sich, ging für Augenblicke in seiner Düsterkeit unter, um später, irgendwann, wieder aufzutauchen und sich vor Entsetzen zu ekeln. Was geschieht mit mir, schien er manchmal zu überlegen. Er hatte keinen Abwehrzauber parat, an den er, wie Großmutter, glauben konnte, der ihn vor dem Unvermeidlichen, dem Überwältigenden bewahrt hätte, keine Amulette und Talismane, keinen Blutzauber, keine Veronikasalbe.

Großmutter und Vater waren die Hüter des großen Geheimnisses der Vergangenheit und des Krieges, das sie auf eine mir kaum verständliche Weise anbeteten.
Eines Tages erschien auf unserem Hof in Begleitung von Tante Leni, der Schwester meines Großvaters, eine elegante Dame aus Ljubljana. Sie wollte für eine Zeitung der Widerstandsveteranen in Slowenien einen Bericht über unsere Familie schreiben. Großmutter sollte von ihrer Vergangenheit und von Großvater erzählen, der bei den Partisanen gewesen war. Unser Haus war zu dieser Zeit eine Baustelle. Großmutter stand in einer schmutzigen Schürze und mit Holzzockeln an den Füßen vor der Haustür, und ich kam mit dreckigen Stiefeln aus dem Stall, als die beiden Frauen bei uns eintrafen. Die Baustelle wirkte nicht einladend, deshalb führten die Frauen das Gespräch im Stehen. Was mir in Erinnerung blieb, war das Parfum, das die Frau aus Ljubljana verströmte. Sie duftete etwas penetrant nach Maiglöckchen. Ihre Duftwolke baute sich wie eine Barriere zwischen ihr und uns auf, sie schien die Trägerin regelrecht von uns fernzuhalten. In einem unbeobachteten Moment blickte sich die Frau Hilfe suchend um und schien zu überlegen, ob sie nicht davonlaufen sollte, dann aber entschied sie, zu bleiben. Sie hob ihren Notizblock knapp unter ihren Busen, stützte die Arme an den Hüften ab und beugte sich wieder über ihre Duftbrüstung, um die Sätze meiner Großmutter zu notieren. Großmutter erzählte, warum sie glaube, das Konzentrationslager Ravensbrück überlebt zu haben, mit Beten sagte sie, sie habe zur heiligen Maria gebetet, wann immer sie konnte, und habe nach Zeichen am Himmel Ausschau gehalten. Die elegante Frau sah sie geradezu bestürzt an. In ihrer Verblüffung bat sie dann Tante Leni, ihr die Ereignisse in der Nazizeit genauer zu schildern, und Leni erzählte die Geschichte unserer Familie in einem eingeübten Stakkato. Sie schien erfahren darin zu sein, die Dinge zusammenzufassen und keine großen Umwege zu machen. Am Anfang war das Verbot der Sprache, begann sie, dann der Druck der Germanisierung, der Verdacht, die drohende Deportation, die Unterstützung der Partisanen, die Verhaftung, dann die Folter, die Flucht in den Wald, der Widerstand. Die schöne Frau staunte und lächelte, sobald Leni den Widerstandsgeist unserer Familie erwähnte, dieses Wort schien ihr geläufig zu sein. Der Krieg musste schließlich auf ein Resultat hinauslaufen, am Ende des Krieges sollte naturgemäß ein Siegerdenkmal für die Helden, für die Umgebrachten und Gefallenen stehen wie in ihrem Herkunftsland Jugoslawien. Unsere österreichische Verlorenheit und Verlassenheit mussten wie ein Rückschlag auf sie wirken.

Warum ich das erzähle? Weil ich in den Augen dieser Frau zum ersten Mal den Blick eines Menschen von außen erfasste, der in diesem Fall der Blick einer mitleidigen Fremden war, die aus einer anderen politischen Wirklichkeit zu uns gestoßen ist. Sie erkannte aus ihrer anderen historischen Wahrnehmung in uns gesellschaftliche Randgestalten, Außenseiter, und ich erschrak darüber und schämte mich für unsere Rückständigkeit und Verlorenheit.
In den folgenden Jahren beobachtete ich, wie sich das Befremden der schönen Frau in etwas anderes verwandelte, sich von ihrer Person löste und zu einem Sinnbild für das tiefe und folgenschwere Unverständnis wurde, mit dem das Land, in dem wir lebten, Österreich und die Region Kärnten, unserer Geschichte, der Geschichte der Kärntner Slowenen, begegnete. Der Unterschied zwischen der Haltung der Frau, die die Geschichte meiner Familie mit Anteilnahme und Interesse erfragte, und dem österreichischen Beschweigen, Ignorieren, Tabuisieren konnte größer nicht sein. Auf diese Weise vermischt sich meine private Geschichte mit der politischen Nachkriegsgeschichte Österreichs. Die beiden Bereiche sind nicht zu trennen.
Österreich hatte nach dem Ende des Krieges in Abgrenzung zu Deutschland alle Mühe, eine eigene „österreichische“ Identität herauszubilden. In diesem Prozess der Nationsbildung war die Geschichte der Kärntner Slowenen in der Nazizeit nur schwer integrierbar, weil ihr Schicksal nicht mit der Selbstwahrnehmung des übrigen Österreich zu harmonisieren war. Die Geschichte der slowenischen Volksgruppe in Kärnten wurde deshalb abgespalten und in ein eigenes kleines Fach gelegt, mit der Aufschrift „Unwichtig“.
Österreich sah sich nach dem Ende des Krieges als Opfer Hitlers und tat alles, um aus der eigenen politischen Rolle ein Tabu zu machen. Die Zweite Republik gründet auf diesem Tabu, denn schon in der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 wurde nur auf jenen Teil der Moskauer Deklaration vom 1. November 1943 Bezug genommen, der Österreich die Rolle als erstes Opfer des Naziregimes zuwies. Der zweite Teil der Deklaration wurde verschwiegen: Die Mitschuld blieb fast drei Jahrzehnte lang tabu. Erst die Kandidatur Kurt Waldheims und sein Amtsantritt als österreichischer Bundespräsident brachten die Dinge in Bewegung.

In Kärnten dagegen ließ man diese Entwicklung nicht zu. Schließlich gab es mehr zu verlieren als nur ein idealisiertes Selbstbild. Hier stand ein ganzer Mythenwall zur Disposition, der von der Politik und den Heimatvereinen um das südlichste Bundesland Österreichs aufgebaut worden war. Nicht nur in dieser Hinsicht liefen die Uhren in Kärnten anders, auch die politische Situation nach dem Ende des Krieges stellte sich in Kärnten komplexer dar als im übrigen Österreich. Die während der Nazizeit gewaltsam ausgesiedelten Slowenen, die zurückgekehrt waren, konnten sich nur mühsam in den neuen Verhältnissen behaupten und mussten gegen den Argwohn und das Misstrauen der deutschsprachigen Bevölkerung ankämpfen. Ein paar Jahre zuvor galt es ja noch, mit der sogenannten slowenischen Minderheit im Gebiet nördlich der Karawanken „Schluss zu machen“, wie der Leiter des Gauhauptamtes für Volkstumsfragen, Obersturmbannführer Alois Maier-Kaibitsch, nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf das Königreich Jugoslawien verkündet hatte.

Auch die überlebenden Kärntner slowenischen Widerstandskämpfer kehrten zum Großteil auf ihre Höfe und zu ihrer Arbeit nach Südkärnten zurück. Ihre Verdienste um die Befreiung vom Nationalsozialismus fanden von österreichischer politischer Seite nur eine kurze Anerkennung. Bald nach Ende des Krieges wurden die Kärntner Partisanen als die alten und neuen Feinde Kärntens ausgemacht, wegen der Gebietsforderungen, die das mittlerweile kommunistische Jugoslawien in Kärnten stellte, und nicht zuletzt auch wegen der Vergeltungsaktionen der Jugoslawischen Volksarmee bei Kriegsende in Südkärnten, denen 92 Kärntner zum Opfer fielen. Nicht nur die Verfolgung unter den Nazis, sondern vor allem der opferreiche Widerstand der Partisanen wurden für Jahrzehnte mit einem Tabu belegt.
Früh verschoben sich die Grundpfeiler der österreichischen politischen Nachkriegsbestrebungen weg von der Verfolgung der Täter und Schuldigen hin zur Zementierung der politischen Verhältnisse in Österreich. Das bedeutete, wie der Politologe Anton Pelinka schreibt, dass es in Österreich keinen staatsbürgerlichen Lernprozess gegeben hat. Der Historiker Wolfgang Neugebauer stellte in einem Aufsatz lapidar fest, dass das Abflauen des antifaschistischen Geistes von 1945 und der damit zusammenhängende Prozess der Integration und Aufwertung ehemaliger Nationalsozialisten Ende der Vierzigerjahre auch den Widerstand gegen die Nazis zu einem politischen Tabu werden ließen. Dieses Tabu behinderte die Entstehung einer Kultur des kollektiven Erinnerns. Es hatte gleichzeitig die Funktion, den politisch schwer angeschlagenen Staat Österreich zu stabilisieren.
In Kärnten diente das Tabu, mit dem der Widerstand der Kärntner Slowenen belegt wurde, der politischen Mobilisierung gegen die im Staatsvertrag von 1955 festgeschriebenen Rechte der Kärntner Slowenen. Über Jahrzehnte wurde auf politischer Ebene mit dem Phantom gespielt, dass das Land vom Süden her, von den Jugoslawen, bedroht werde. Dieser imaginierte Kriegszustand oder „Abwehrkampf“, wie er in Kärnten genannt wurde, galt nahezu als Faktum und wurde in allen möglichen Diskussionen über die Rechte der Kärntner Slowenen verbreitet. Natürlich gab es, was die Politik der Kärntner slowenischen Organisationen betraf, keinen Anlass, die Grenzen Österreichs infrage gestellt zu sehen, doch die Logik des Krieges, der Schwarz-Weiß-Zuschreibungen, der Verratsgeschichten und der Zwang zum Heimatbekenntnis, wie es hieß, sickerten in den Alltag ein.
Damit beginnt wieder mein Gang zu den Geistern, meine Expedition in die Kärntner politische Unterwelt, in der die Gespenster hausten. Kärnten schien über Jahrzehnte neben der offiziellen Landesregierung eine Schattenregierung zu haben, die sich vor allem um die vermeintlichen und künstlich erzeugten Ängste der Deutschkärntner kümmerte und darauf achtete, dass die Rechte und die politischen Interessen der Kärntner Slowenen hintertrieben wurden. Die deutschsprachige Bevölkerung wurde von den Heimatverbänden in einem Zustand der Mobilisierung gehalten, die jederzeit eine Aktivierung erlaubte. Wie gut das funktionierte, kann man im Rückblick am Beispiel des Kärntner Ortstafelsturms von 1972 studieren, als in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die gerade erst aufgestellten zweisprachigen Ortsbezeichnungen vom Mob ausgerissen und demoliert wurden.

Ich komme zur Frage zurück, was geschieht, wenn man die gefährliche Zone betritt, wo sich Wahrnehmung und Wirklichkeit aufheben und etwas Drittes entsteht, eine Art Zonenspuk. Von einer Begebenheit möchte ich berichten und davon, wie ich als Jugendliche mein Verhalten und Sprechen in der Öffentlichkeit an etwas Ungreifbares wie die Kärntner Befindlichkeit anpasste. Es sind kleine Geschichtchen, mit Scham begleitet, beschämend für alle, die sich darauf eingelassen haben. Die Zurückhaltung hatte einerseits mit meiner persönlichen Konstitution zu tun, vor allem aber mit dem Druck, der auf jenen lastete, die sich zu ihrer slowenischen Muttersprache bekannten und dies auch öffentlich zeigen wollten. Als Jugendliche passten wir uns an, senkten im Schülerbus die Stimme, sprachen leise, flüsterten nahezu oder wechselten in die deutsche Sprache. Jeder einzelne Schüler, jede Schülerin des Bundesgymnasiums für Slowenen in Klagenfurt hatte in den Sechziger- und Siebzigerjahren eigene Erfahrungen mit verbalen Anpöbelungen, mit Verhöhnungs- und Einschüchterungsversuchen vonseiten der deutschsprachigen Bevölkerung. Diese Übergriffe geschahen wie beiläufig und im Bewusstsein, dass man etwas für die Kärntner Heimat tue, wenn man es den aufmüpfigen Slowenen einmal zeige. Ich bin damals auf eine mir manchmal völlig unerträgliche Weise vorsichtig geworden. Wenn ich mit meiner Mutter in Klagenfurt einkaufen ging und wir uns in den Geschäften auf Slowenisch unterhielten, war es mir meistens unangenehm, weil die Anspannung der Verkäuferinnen zum Greifen war, da man ja im Bewusstsein lebte, dass die slowenische Sprache ein Ärgernis und eine Provokation sei. Eine nervöse Irrationalität bestimmte den Alltag, man fühlte sich ständig in einem Ausnahmezustand, in dem andere Regeln galten als in Friedenszeiten.

Als ich Anfang der Neunzigerjahre meine Arbeit als Dramaturgin am Stadttheater Klagenfurt aufnahm, kam es gleich zu Beginn zu einem merkwürdigen und sehr „kärntnerischen“ Zwischenfall. Eine Journalistin der Berlusconi-Zeitung „Il Giornale“ aus Mailand recherchierte in Österreich zur mitteleuropäischen Identität. Sie interviewte mich mithilfe eines Dolmetschers und stellte Fragen, die mir harmlos, geradezu privat vorkamen. Als ihr Bericht erschien, war dort zu lesen, dass die Direktorin des Klagenfurter Burgtheaters, eine gewisse Maja Händerlat behaupte, dass auf Kärnten alle Vorurteile gegenüber der Provinz zuträfen, verschärft werde dies noch durch den harten Charakter der Menschen. Die Stadt Klagenfurt nehme ungern Touristen auf, da hier der Antisemitismus und die Sehnsucht nach dem Nationalsozialismus nach wie vor lebendig seien. Der Artikel strotzte vor Ungenauigkeiten, Fehlern, Unterstellungen, plumpen Vereinfachungen. Was an sich schlimm genug wäre. Aber in Kärnten passierte Folgendes: Nachdem die „Kleine Zeitung“, die auflagenstärkste Tageszeitung in Kärnten, mit dem Aufmacher „Grobe Attacke gegen Urlaubsland Kärnten“ erschienen war, konzentrierte sich der Zorn, wie mir schien, auf mich. Der Leitung des Stadttheaters wurde von namhaften Bürgern in wütenden Telefonaten nahegelegt, mich fristlos zu entlassen, da ich als Dramaturgin untragbar geworden sei. Der Landeshauptmann wies in einer Pressekonferenz die, wie er sagte, völlig aus der Luft gegriffenen Vorwürfe der italienischen Zeitung auf das Schärfste zurück. Ich distanzierte mich öffentlich vom Inhalt des Artikels. Ein Hotelier in Klagenfurt forderte über die Medien von mir, ich müsse die Berlusconi-Zeitung klagen, sonst werde er alles tun, dass ich meinen Job am Stadttheater verliere, denn da gehörte ich sowieso nicht hin, ich gehörte nach Kuba. Der eingeübte Mobilisierungsreflex schien wieder zu greifen. (Übrigens wurde ich in den darauffolgenden Jahren noch einige Male telefonisch ins Ausland geschickt, und zwar ins imaginäre Tschuschien.)
Dietmar Pflegerl, der designierte Intendant des Theaters, fand alles sehr amüsant. Es gefiel ihm, wenn er von irgendwelchen Leuten, deren Namen er nicht preisgeben wollte, darauf angesprochen wurde, ob er denn nicht wisse, dass er sich eine Partisanin ins Haus geholt habe, er solle sich gleich auf weitere Konflikte vorbereiten, denn ich würde sicherlich auch noch zweisprachige Aufschriften für das Stadttheater verlangen. – Ich bin damals aus allen Wolken in die Kärntner Doppelrealität gefallen und hatte das Gefühl, mich in einem Gespensterraum zu befinden, in dem sich irreale Dinge zutragen. Es ging nicht darum, was ich der Journalistin gesagt haben könnte und was nicht, es ging vor allem um Projektionen und darum, was man glaubte, dass ich gesagt haben müsse. Wie in einer Camera obscura stand alles kopf in den Köpfen der Menschen und in meinem eigenen.

Ein altes Erinnerungsbild wurde lebendig, meine Vorfahren in ihren Angsthöhlen sitzend und ich, die ich bereit war, mich in dieses Bild einzufügen. Im Licht, an der Sonne, dasselbe Theater, niemand vertraut dem Faktischen, jeder hält sich an Vermutungen, die ihm vertrauter erscheinen als das Sichtbare. Mein Empfindungskörper bohrte sich in Gefühle von Scham, Abwehr, Empörung, Angst, Aggression, Zorn und ließ sich von allen verwunden, bis eines Tages wieder eine vorübergehende Ruhe einkehrte in den politischen und privaten Alltag und ich wieder Fuß zu fassen begann in etwas, was einer Normalität glich.
Der Grund, weshalb ich mich Jahre später entschlossen habe, den Roman „Engel des Vergessens“ zu schreiben, hat auch mit diesen Vorgeschichten zu tun. Ich hoffte insgeheim, über die Sprache und ihre Fähigkeit zur sinnlichen Veranschaulichung der Welt die Vergangenheit der Kärntner Slowenen und damit meine eigene Lebensgeschichte aus der Zone der politischen Manipulation zu ziehen und ein Licht auf das Verdrängte und Schmerzvolle zu werfen. Eine Art literarische Geisteraustreibung zu versuchen, die neurotischen Aufladungen durch Genauigkeit der Empfindung, des Denkens und der Formulierung und nicht durch Schuldzuweisungen zu entlasten.
Der Vorgang des Hinaufsteigens ins Licht und des Wiederherabkommens in die Höhle, wie Platon schreibt, ist mühevoll: „Und wenn er nun an das Licht kommt und die Augen voll Strahlen hat, wird er nichts sehen können von dem, was ihm nun für das Wahre gegeben wird. Gewöhnung also wird er nötig haben, um das Obere zu sehen. Und zuerst würde er Schatten am leichtesten erkennen, hernach die Bilder der Menschen und der andern Dinge im Wasser und dann erst sie selbst.“ Das Einfangen und Bannen der trügerischen, ungenauen Bilder ist eine mühevolle Arbeit, ein Tanz mit den Schatten, die sich als Wirklichkeit ausgeben. Die Sprache kann sie einfangen, ihnen Kleider anziehen, sie erkennbar, anschaulich machen. Sie kann einen Weg mit Wörtern und Sätzen pflastern, auf dem es sich hin und her gehen oder spazieren lässt, ohne Angst davor, sofort aus der Bahn zu geraten oder in die Irre zu gehen.

Im Licht und Schattenspiel erscheinen Tabus als scheue, wilde Tiere, die mit beharrlichem Zureden besänftigt, jedoch nicht überwältigt werden sollten. Über die Mühen ihrer Domestizierung kann und muss man schreiben. Und man muss sich damit abfinden, dass man auf den mit Sprache begehbar gemachten Wegen, auf denen man zurückkehrt, nachdem man sich mit den verdächtigen und angezweifelten Begriffen und Gefühlen herumgeschlagen hat, nicht unbedingt gut aussieht. Die Spuren der Auseinandersetzung mit den Verwerfungen können kaum verborgen bleiben. Aber einen Versuch ist es wert, denn der Orientierungssinn wird in diesen Kämpfen außerordentlich herausgefordert und geschärft. Er steht auf dem Spiel. ■

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