Bei mir hat es so angefangen: „Zunächst ist dies alles andere als ,Frauenliteratur‘, in des Wortes einschränkender Bedeutung“, las ich über das neue Buch Bettina Balàkas. „Männlich sind hier nicht nur die bevorzugten Erzählperspektiven, ,männlich‘ im Sinne herkömmlicher Zuschreibungen ist auch die Autorenposition.“ Die Rezensentin Daniela Strigl weist darauf hin, wie „verblüffend“ es sei, dass die Autorin trotz gelungenen Romans im Kontext der neuen österreichischen „Erzählwunder“ Geiger, Kehlmann und Co. nicht erwähnt werde. Sie ironisiert den Begriff „männliches Schreiben“. Sie lobt das Buch, indem sie es einer nicht näher beschriebenen „Frauenliteratur“ entgegensetzt. Sie preist den Roman an, indem sie schreibt, Frauen machen dasselbe wie Männer und werden trotzdem nicht ernst genommen.
Meine gute Samstagslaune war dahin. Stattdessen ärgerte ich mich. Negative Emotionen sind nicht gut für eine Frau. Schon Virginia Woolf weist in ihrem berühmten Essay „Ein eigenes Zimmer“ darauf hin, dass von Wut beeinflusste Literatur nicht gut sein könne. Ein Mann setzt sich hin und schreibt einen Essay über die prinzipielle Unmöglichkeit der Gerechtigkeit. Als Frau könnte ich das natürlich auch, wenn es denn in diesem Fall um die prinzipielle Unmöglichkeit der Gerechtigkeit ginge.
Nun bin ich nicht mehr ganz feucht hinter den Ohren und habe es mir deswegen abgewöhnt zu behaupten, Frauen würden oft allein ihres Geschlechts wegen nicht für voll genommen. Obwohl das eigentlich umgekehrt war: Als ich noch feucht hinter den Ohren war, habe ich so etwas nie behauptet. Aber dann nahm man mich nicht ernst, weil ich eine Frau war (ausgesprochen), und dann nahm man mich nicht ernst, weil ich eine Frau war (unausgesprochen), und dann ist es mir immer schwerer gefallen, über dieses Nichternstgenommenwerden zu argumentieren, ohne belächelt zu werden, und so habe ich beschlossen, es zu vergessen, weil man doch weiß, dass es andere auch nicht leicht haben.
Immerhin muss man sich, habe ich gehört, mittlerweile auch als Mann hochschlafen (Können Sie sich vorstellen, mit Reich-Ranicki Sex zu haben, um rezensiert zu werden?), weil es doch immer mehr Chefinnen gibt oder auch schwule Chefs. Das ist alles sehr kompliziert und heikel, und es kostet viel zu viel Energie, sich damit auseinanderzusetzen. Also ließ ich es bleiben.
Die Geschichten über „Fräuleinwunder“ und deren schöne Bauchnabel las ich nie, und bis mir an der Diskussion über „Popliteratur“ auffiel, dass die popliterarischen Frauen allesamt „Fräuleinwunder“ genannt wurden, gab es schon keine mehr. Ich hatte mich ja im Gegenteil gefreut, dass endlich mehr junge Frauen ihren Weg in die Literaturwelt und damit in die Buchhandlungen gefunden hatten, und „Fräuleinwunder“ klang doch allemal besser als „Literaturschlampen“ oder „Tussenstorys“ (diesbezüglich bin ich mir mittlerweile nicht mehr so sicher).
Und dann dieser Samstag. Wenn gejammert wird, schreiben bewirke nichts, so war hiermit das Gegenteil bewiesen. Meine weibliche Seelenruhe war dahin. Ich blätterte zur Bestsellerliste. Unter den ersten zehn im Bereich Belletristik eine Autorin, im Bereich Sachbuch sah es nicht anders aus. Das musste Zufall sein. Beim obligaten Bier nach dem freitäglichen Fußballspielen stellte ich die Gretchenfrage: Wie hältst du's mit Büchern von Frauen? Alle behaupteten, es sei ihnen vollkommen egal, welchen Geschlechts der Autor sei, Hauptsache, das Buch sei gut. Wenn das Geschlecht egal war, aber vor allem Männer in der Bestsellerliste vertreten waren, konnte das nur eines bedeuten.
Den Beweis lieferte unbeabsichtigt diestandard.at mit einem kritischen Hinweis darauf, dass es ein Jubiläumsjahr nach dem anderen gebe, bei denen immer nur Männer abgefeiert würden. Eine alternative Liste weiblicher Genies wurde gleich mitgeliefert. Abgesehen davon, dass ich nach dem Lesen der Postings zu dem Artikel wieder eine anschauliche Vorstellung davon hatte, was der Kampf der Geschlechter bedeutete (so schrieb zum Beispiel ein gewisser „Bor“, falls sich hinter „Bor“ nicht eine selbstkritische Frau versteckt: „Hätten Sie nicht so viel Schundhefte mit all den Prinzen, Lords und Grafen gelesen, wären Sie heute glücklicher“), wurde die Erkenntnis, dass Frauen noch lang nicht so gut wie Männer seien, bestätigt: „Ich verstehe das problem dass man im zuge der gleichberechtigung auch solche kulturjahre weiblichen genies und heldinnen widmen sollte, aber ist es ihr ernst dass sie sophie von la roche mit shakespeare (schriftsteller), kahlo mit da vinci (maler) oder noether mit bernoulli (mathematiker) vergleichen wollen?“, postete „bestofthewest“, ohne zu vergessen hinzuzufügen, dass das in 100 Jahren natürlich ganz anders sein könnte. Seltsam. Auch Virginia Woolf ging 1928 von 100 Jahren aus, in denen Frauen endlich genug Freiheit hätten, um mit den Männern mithalten zu können. Aber wie ist dann Virginia Woolfs Schreiben zu bewerten?
Unerwartet stellte ein Besuch beim Interspar meinen Seelenfrieden wieder her. Auf der Bestsellerliste vor dem Buchregal waren unter den ersten zehn fünf Schriftstellerinnen vertreten, im Bereich Belletristik und im Bereich Sachbuch. Die Freude über die außergewöhnliche Lernfähigkeit des weiblichen Geschlechts hielt jedoch nicht lange an. Denn Bestsellerlisten bedeuten ja nicht, dass es hier um „anspruchsvolle“ Literatur geht, sondern zeigen, was sich am besten verkauft. Bekanntlich lesen Frauen mehr als Männer, besonders Belletristik. Vom ersten Roman an hatten die Männer den Frauen gesagt, das Lesen von Romanen sei schädlich, besonders für das so sensible Gemüt des schwachen Geschlechts. Bis heute aber verschlingen Frauen Eva Heller, Gaby Hauptmann und Hera Lind, wobei Letztere ihre eigenen Bücher nicht lesen würde.
Männer beschäftigen sich mit Daniel Kehlmann, Heinrich von Kleist und James Joyce. Kennen Sie einen dummen lesenden Mann? Sie nicken? Den dummen lesenden Mann gibt es aber nicht, kann ich Ihnen als lesende Frau versichern, die unter ihrem Bett die Bücher versteckt, bei deren Entdeckung mir ein lebenslängliches Redeverbot erteilt werden würde. Wenn ein Mann von sich behauptet, Schund zu lesen, nimmt er genießerisch Perry Rhodan oder seine alten Karl-May-Bände aus dem Regal. Superman-Comics sind Kult und haarsträubende Science-Fiction-Geschichten zeugen von reicher Fantasie. Würden aber Frauen nicht so einen Schund lesen, bräuchten anderen Frauen wie Frau Lind nicht so einen Schund zu schreiben, um reich zu werden.
Die Begriffe „Frauenliteratur“ und „Frauenroman“ kamen im ausgehenden 19. Jahrhundert auf, als es immer mehr professionelle Schriftstellerinnen gab. In den 1930er-Jahren begriff man, wie viel Geld mit diesem Etikett verdient werden konnte, bis der „Frauenroman“ nahezu synonym mit Heft-, Groschenroman und Trivialliteratur wurde. In Folge verstaute ich unter meinem Bett auch die Bücher über „Frauenliteratur“ und „weibliches Schreiben“, die ich mir auszuborgen begann. – In der „Frauenliteratur“-Debatte hat sich viel getan. Auch der Feminismus ist nicht stehen geblieben. Von Frauen geschriebene Literatur sei subversiv, postmodern, subjektiv, lustvoll. Der Körper löse sich in der Schrift auf; „weibliches“ und „männliches Schreiben“ sei ein Konstrukt wie die Frau ein politisches sei; das Geschlecht konstituiere sich erst im Diskurs, so zeichne sich geschlechtsunabhängiges „weibliches Schreiben“ durch Emotionalität, Irrationalität und Chaos aus. Frauen hätten kaum Gelegenheit gehabt zu veröffentlichen und so weiter und so fort. In 100 Jahren würde alles anders sein! Jelinek und Streeruwitz weisen doch seit Jahren darauf hin, dass unser Leben, unsere Gesellschaft, unsere Sprache, die Literatur männlich dominiert seien.
Die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger zeigt in ihrem Essay „Frauen lesen anders“ konkret und nachvollziehbar die männlich geprägten Bilder, die noch immer die Literatur beherrschen. Nachdem sie Schillers „An die Freude“ gelesen habe, glaubte sie, kein Mensch sein zu können, nur eines Menschen Weib („Wem der große Wurf gelungen, / Eines Freundes Freund zu sein, / Wer ein holdes Weib errungen, / Mische seinen Jubel ein!“). „Später lernte ich, eine solche Reaktion auf ein großes Gedicht sei kindisch. Ich musste alt werden, um ihre spontane Richtigkeit zu erkennen.“ Da kommt diese Frau daher und sagt mir, ich darf! Ich darf mich mit Heldinnen und Helden identifizieren, ohne mich dafür schämen zu müssen, dass ich dieses kindliche Stadium der Art des Lesens noch nicht überwunden habe (was mir Frau Streeruwitz und Frau Jelinek immer vorwerfen).
Und ich darf noch mehr: Ich darf selbst schreiben, ohne mich dafür schämen zu müssen, als Frau zu schreiben, ja ich darf sogar aus der Perspektive einer Frau schreiben, ohne mir gleich die Brüste abzuhacken, ohne Angst haben zu müssen, es sei ohnehin nichts als Schund, was mich meine Hormone in die Tasten tippen lassen. Ja ich könnte sogar annehmen, dass Männer, nachdem so lange über Frauen nur aus Männerperspektive geschrieben wurde, Interesse daran haben könnten, wie eine Frau dieselbe Szene schreibt. Ich könnte sogar vermuten, dass Männer sich darüber freuen, wenn neue Themen in der Literatur behandelt werden, dass aus einem Halben ein Ganzes entstehen könnte. Was tun mit der Euphorie, vergleichbar mit jener, wenn die Menstruationsschmerzen endlich vergangen sind? Sie der Realität aussetzen.
Männliche Sicht werde als die allgemein gültige gesehen, weibliche Sicht hingegen mit „Erfahrungsliteratur“ gleichgesetzt, „wobei der Akzent auf Selbsterfahrung liegt, Nachahmung einer verzerrt durch den Filter weiblicher Erfahrung wahrgenommenen Realität, unverbindlich, weil nicht universell, peinlich, weil exhibitionistisch, unsublimiert dargeboten“, so Anna Mitgutsch. Und Virginia Woolf schrieb vor fast 100 Jahren schon von der „Androgynität“ großer literarischer Werke.
Ich tagträume zu viel. Frauen haben praktisch zu sein, zum Beispiel durch die solidarische Unterstützung ihrer Geschlechtsgenossinnen. Denn die einfachste Definition von Frauenliteratur ist doch wohl „Literatur von Frauen“. Also auf zur Podiumsdiskussion. In diesen zwei Stunden hat mich am meisten das lange Gespräch darüber beeindruckt, wie literaturfähig oder -unfähig die Hausarbeit sei.
Ehrlich gesagt, würde ich ein Buch nicht deswegen lesen, weil es von Hausarbeit handelt. Aber ich bin davon überzeugt, dass Hausarbeit als Thema genauso literaturfähig ist wie der Mikrokosmos eines Colleges oder das Reparieren eines Autos. Ich bin davon überzeugt, dass alles literaturfähig ist. Ach, mit weiblicher und männlicher Urheberschaft hat das nichts zu tun? Manche Bücher sind einfach schlecht? Warum darf der und die darf nicht? Warum ist der Tod ein ernst zu nehmendes literarisches Thema und die Geburt nicht? Warum weiß ich, wie ein Mann literarisch pisst, aber nicht, wie sich eine Frau literarisch den Hintern auswischt? Das Thema interessiert Sie einfach nicht? Ich möchte mich nicht mehr rechtfertigen müssen. Ich möchte mich auch nicht mehr schämen müssen. Selbst schuld, sagen Sie? Sie haben recht, entschuldigen Sie.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2007)