Vom deutschen Philosophen GeorgWilhelm Friedrich Hegel stammt die schöne Formulierung, dass dieEule der Minerva erst mit einbrechender Dämmerung ihren Flug beginnt. Man kann erst dann etwas richtig verstehen,wenn dieses zu Ende geht. Was Lesen, was Literatur, was das Buch eigentlich bedeutet, erfahren wir erst jetzt, in dem Moment also, wo diese Dinge, so sagt man zumindest, tendenziell verschwinden und durch ihre digitalisierten Formen ersetzt werden. Allerdings muss man mit dem Verkünden von Enden immer vorsichtig sein. Das Buch zum Beispiel erwies sich als wesentlich resistenter, als es die Propheten des digitalen Zeitalters vermuteten. Das ändert aber wenig daran, dass die Rolle und die Bedeutung des Buches und die zu ihm gehörigen Formen des Lesens im Medienverbund der Gegenwart neu bestimmt werden müssen. Was bedeutet also der Umgang mit Literatur im Internet-Zeitalter?
Literatur ist ein künstliches Wort, das im 16. Jahrhundert aus dem Lateinischen gebildet wurde und „Buchstabenschrift“, „Schriftkunst“, dann alle „schriftlichen Geisteserzeugnisse“, von der Wissenschaft bis zurPoesie, umfasste. Damit dominierte undstrukturierte „Literatur“ den Kommunikationskontext einer Gesellschaft, soweit dieser nicht auf Oralität beruhte. Mit anderen Worten: Neben der Rhetorik war vom 16. bis zum 19. Jahrhundert die „Literatur“das entscheidende, umfassende Medium dersich herausbildendenaufgeklärten, bürgerlichen Gesellschaft. Es war eine Schriftkultur, in der – gegenüber dem nahezu analphabetischen Mittelalter – Oralität und auch Bildlichkeit stark an Bedeutung verloren. Innerhalb dieser Schriftkultur aber nahm die Poesie, die schöne Literatur, die Belletristik, einen besonderen Rang ein: Sie war der Ort der Sehnsüchte, Wunschbilder und Fiktionen, das Medium, über das Emotionen, Gefühls- und Verhaltensmuster kommuniziert wurden. Die Literatur war der Ort, an dem man etwas über die Welt erfuhr, wenn man sich außerhalb, am Rand derselben befand. Die Literatur war übrigens nie Sache derHerrschenden gewesen. Die konnten undkönnen bis heute nicht richtig lesen undschreiben. Zu diesem Zwecke hatte man seit alters Schreibsklaven und Vorleser, und jeder, der sein Leben der Literatur widmet, hat etwas von diesem Sklaventum in sich, das allerdings durch eine essenzielle Erfahrung kompensiert wird: durch die Erfahrung einer inneren Freiheit, die in und durch die Literatur ermöglicht wird.
Die erste Dimension dieser Freiheit ist Abwesenheit.Der Lesende ist eine eigentümliche Erscheinung: Er ist da und doch nicht da. Er ist, obwohl leiblich anwesend, in ei- ner anderen Welt. Das erlaubt die zweite Dimension dieser Freiheit: Es ist Präsenz des Imaginären. Die durch Buchstaben hervorgerufene Welt im Kopf gleicht keiner andern Welt: weder der Erfahrungswirklichkeit nochder von Bildern, noch einer durch Digitalrechner erzeugten virtuellen Welt. Es ist die Kraft des Imaginären, die dem Leser einen universellen Weltbezug erlaubt: Welt ist dort,wo er ein Buch aufschlägt. Das machte das Lesen und das Schreiben zum bevorzugten Medium der Menschen an Randlagen. Literatur war das eigentliche Medium der Provinz – in jeder Hinsicht. Dort, wo das Leben wenig bot, war die Literatur lange die einzi-
ge ernsthafte Möglichkeit einer horizontüberschreitenden Weltaneignung. Große Dichterkommen deshalb in derRegel auch aus der Provinz. Natürlich: Am Ran-de, an der Peripheriewar und ist Lesen Ersatz, Ersatz für das eigentliche Leben, in den Metropolen, in den Zentren, dort, wo etwas geschieht. Es war immer ein wohlmeinendes Gerücht, dass die Beschäftigung mit Literatur unmittelbar für das Leben tauglich macht. Sie ist vorerst eine Kompensation für zu wenig Leben. Aber in der Literatur – und nur dort – erfuhr man, was, wenn auch nur im Imaginären, alles so möglich ist. Literatur schärfte, um mit Robert Musil zu sprechen, den Möglichkeitssinn. Heute aber gilt das Diktat der Wirklichkeit auch dann, wenn diese virtuell erscheint. – Der Eingang in das Reich der Literatur aber hatte seinen Preis: Erfordert war eine Disziplinierung der Sinne und des Körpers, wie sie kein anderes Medium dem Menschen abverlangte. Im Gegensatz zur Sprache, zum Hören und zum Sehen ist uns das Entziffern und Arrangieren von Buchstaben nicht von Natur gegeben. Lesen und Schreiben sind mehr als eine,menschheitsgeschichtlich betrachtet, sehrspät erfundene Kulturtechnik – sie sind eine Form der Weltaneigung und Welterzeugung, die in bestimmter Weise die Negation derunmittelbaren Selbst- und Welterfahrung zur Voraussetzung hat. Wer liest oder schreibt, dem muss im Wortsinn Hören und Sehen erst einmal vergehen. Anbei: Der Sinn von Schule lag einmal darin, diese Negation erfahrbar zu machen und einzuüben. Der altehrwürdige Begriff, der den Zustand dieser Negation beschrieb, lautete übrigens: Konzentration. Die klassischen Medien, das hat schon Walter Benjamin festgestellt, erfordern Konzentration, die technischen jedoch: Zerstreuung.
Auch wenn uns die Zeit, in der die Literatur ein Informations- und Kommunikationsmonopol besaß – sieht man von den anderen Künsten wie Musik und Malerei ab, die aber vor der Erfindung der Reproduktionstechnologien auf ein wesentlich kleineres Publikum beschränkt blieben und deshalb nicht die soziale Bedeutung der Literatur erlangten –, heute nahezu wie eine Idylle der Lesenden und Schreibenden erscheinenmag, ist Vorsicht geboten. Denn die Welt der Buchstaben war auch eine tote Welt, einSammelsurium stummer, kalter, schwarzer Zeichen, das erst mühsam durch die Anstrengung und Fantasie des Lesenden zum Leben erweckt werden musste. Die pädagogische Besorgnis, dass bloße Buchstabengelehrsamkeit ebenso schädlich sei wie die Flucht in die fiktive Welt der Romane und Liebesgeschichten, ist dabei so alt wie die Literatur selbst. An der Literatur lässt sich ein Phänomen von Kultur überhaupt ablesen: dass gegen diese immer das Leben selbst ins Spiel gebracht werden kann. Der zeitgemäßen Klage über die jugendlichen Computer- autisten, die via Bildschirm und Internetzwar mit der ganzen Welt kommunizieren,aber unfähig werden, ihre unmittelbaren sozialen Kontakte zu pflegen, korrespondiert so mit der uralten Klage, dass junge Menschen lebensuntüchtig werden, wenn sie sich zu sehr der Literatur hingeben. Solch ein Befund muss vorsichtig machen.
Eines kann man auf jeden Fall feststellen: Die Literatur, die Schrift und das Buch haben ihre beherrschende Stellung als zentrales Medium, die sie knapp drei Jahrhunderte innehatten, verloren. Damit verändert sich ohne Frage die Rolle und Funktion von Literatur. Es ist dies keine Frage des Verschwindens, sondern eine der Transformation. Beobachtet man diesen Wandel, kann man eine vielleicht überraschende Beobachtung machen: Die neuen Medien scheinen dem Menschen etwas zurückzugeben, was ihnen die Literatur versagt hat – Unmittelbarkeit, multiple Sinneserfahrung und die Lust an der Zerstreuung. Damit hier keine Missverständnisse entstehen: Die Unmittelbarkeit und Sinnlichkeit der neuen Medien ist selbstredend eine durch und durch künstliche – aber diese Künstlichkeit simuliert Bilder, Töne und schriftliche beziehungsweise verbale Interaktionen so, dass jener Eindruck von Unmittelbarkeit, von Direktheit, von Vielfältigkeit entsteht, der zu einem Gutteil die Faszination dieser Technologien ausmacht. Während die Schrift, ob sie es wollte oder nicht, auf Linearität setzen musste und damit schon Konzentration erzwang – jeder Leser eines Romans, der in Gedanken abschweifte und die Einführung einer neuen Person versäumte, weiß, was Linearität im Ernstfall bedeutet: zurückblättern müssen –, erlauben die neuen Medien, voran das Internet, ein mehrdimensionales Vagabundieren, das unseren ursprünglichen Bedürfnissen näher sein dürfte als das von den Buchstaben auf Linie gehaltene Auge. Vagabundieren aber heißt: keine Mitte mehr zu haben, kein Zentrum mehr zu kennen, sondern sich dem Zufall der Verknüpfung hinzugeben. Im Netz zu surfen ist in der Tat eine andere Form des Umgangs mit Zeichen und ihren Bedeutungen als der puristische Leseakt.
Was kann und soll Literatur, was kann und soll das Buch noch in dieser neuen Medienwelt? Man könnte die Spannung zwischen Schrift und interaktiven digitalen Welten einfach dadurch entschärfen, dass man den Begriff der Literatur sehr weit fasst und zum Beispiel alles, was irgendwie mit einer Bedeutungszuweisung zu tun hat, als eine Form des Lesens bezeichnet. Es klingt zwar gut zu sagen, dass man Bilder „lesen“ kann und dass Filme eine „Bildsprache“ entwickeln, die man entziffern muss, aber durch solche Metaphorik, deren Berechtigung nicht in Frage gestellt werden soll, ist das Lesen nicht gerettet. Wie komplex Prozesse der Bildwahrnehmung auch sein können: Als Basis derselben fungiert eine Fähigkeit des Sehen-Könnens, die auf nahezu naturwüchsige Art entsteht. Niemand aber lernt nur durch das Anschauen von Buchstaben lesen.
Vor allem aber löscht das Internet die Differenz zwischen Zentrum und Peripherie. Wer sich im Netz bewegt, ist in dem Maße, in dem das Netz die Wirklichkeit der aktuellen Kommunikation darstellt, immer dort, wo er im Netz ist – der physische Standort wird bedeutungslos. Die Provinz verliert ihren Schrecken, es bedarf nicht mehr des Buches, um aus der Enge einer Welt auszubrechen, weil die Welt in ihrer ganzen überwältigenden Fülle immer schon im Wohn- oder Kinderzimmer ist. Es bedarf nicht mehrder erhellenden Konfrontation der eigenen Lebenswelt mit der Welt der Literatur, um wenigstens im Kopf über das, was ist, hinauszugelangen. Wer sich im Netz bewegt, ist immer schon darüber hinaus, was in seinem Kopf ist. Darin steckt zweifellos ein emanzipatorisches Potenzial – und bringt uns doch um die süße Erfahrung, die jeden Lesenden einmal befallen hat: die Erfahrung des Sprungs aus einem Reich der irdischen Notwendigkeit in ein Reich der imaginären Freiheit. Gerade wer aus der Enge kam, konnte einen Begriff von Welt gewinnen, wenn er Weltliteratur las. Wer immer schon überall gewesen ist, ist gerade in seiner Ubiquität beengt. Möglich aber, dass gerade aus der Selbstverständlichkeit der medialen Universalität dem Buch ein neuer Reiz erwachsen könnte. So wie man sich früher aus den lärmenden Metropolen zeitweilig auf das Land zurückzog, um die Einfachheit, die Stille und einen naturnahen Tagesrhythmus zu genießen, könnte die Literatur zum omnipräsenten digitalen Universum karge Kontraste schaffen, Orientierungspunkte, Inseln, auf denen man sich erholen kann von den über uns zusammenschwappenden Informations- und Unterhaltungsfluten.
Die Literatur, die zum Kanon der langsam marginalisierten Schriftkultur gehört, wird also nicht verschwinden. Das Buch ist nicht der einzige Ort von Literatur, war es nie. Literatur verschwindet nicht, wenn sie nicht zwischen Buchdeckeln, sondern in digitalisierter Form gespeichert wird. Literatur wird unter Umständen aber ihre Gestalt verändern, einem Prozess der Visualisierung und vor allem Oralisierung unterzogen werden. Derdurch moderne Medientechnologie möglich gemachte Triumph desHörbuches spricht dabei eine deutliche Sprache. Auch hier erlaubt die Technik eine Rückkehr zu einer Erlebniswelt vor Erfindung der Schrift. Alle Dichtung war ursprünglich Erzählung im Wortsinn, es war der Mund des Dichters, der kündete, nicht seine Hand, und das Gesagte und Erzählte traf auf geneigte Ohren, nicht auf ein trainiertes Auge. Lesen wird im Umgang mit diesen neuen Formen der Literaturvermittlung nur mehr eine Tätigkeit neben Sehen, Hören und Spielen sein. Damit ist die Strenge, die die Literatur einstens ihren Adepten abverlangte, gebrochen.
Nun mag man dies als Triumph einer Technologie feiern, die den Menschen ihre Vielfältigkeit der Sinne zurückgibt – und es ist etwas Wahres daran. Andererseits – und dies ist jetzt vielleicht erst einmal ein sehr subjektiver Vorbehalt –, andererseits produziert die Opulenz der neuen Medien auch eine neue Form von Übelkeit: Wenn alle Sinnesorgane mit Reizen besetzt sind, das Hörbuch im Auto das Ohr traktiert, unterbrochen von den Unfalls- und Staumeldungen, während das Auge die Straße, den Verkehr und das Display der GPS-Anzeige verfolgen muss und über das Mobiltelefon der Kontakt mit der Welt nicht abbrechen darf, dann mag sich mitunter schon so etwas wie ein Informationsüberdruss einstellen. Das klassische Buch, mit dem man sich notwendigerweise zurückziehen und dem man sich ganz widmen muss, könnte deshalb auch einen nahezu therapeutischen Sinn bekommen: Fastenzeit für den Geist. Keine Bilder, keine Töne, keine Werbung, keine Links, kein Netz – nur Buchstaben. Die Sinnlichkeit der Literatur war deshalb immer von einer anderen Art gewesen: Sie lag in der Gegenständlichkeit des Buches selbst und in der damit verbundenen Entbindung der Fantasie.
Solche Askesen, solche Inseln der Konzentration sind deshalb an das Buch in seiner traditionellen Gestalt gebunden. Tatsächlich stellt sich erst im Zeitalter seiner Digitalisierung radikal die Frage nach dem Wesen des Buches. Natürlich kommt es auf den Text an – und der ist auch aufbewahrt, wenn er, digital codiert, als Datei über Google oder wen auch immer im Internet abrufbar ist. Man kann, um das Buch als Buch zu simulieren, auch alte Einbände,Deckblätter, die originalen Schrifttypen digital präsentieren oder das Buch überhaupt als Bilddatei einscannen und so den Eindruck erzeugen, dass nicht nur Texte, sondern tatsächlich Bücher die virtuellen Bibliotheken bevölkern. Tatsächlich aber lebt das Buch von der Singularität seiner sinnlichen Präsenz. Ein Buch muss man in der Hand halten können, man muss das Material des Umschlages, des Einbandes spüren, seine Dicke, seine Schwere, wie sich die bedruckten Seiten anfühlen, wie es riecht. Und man muss darin blättern können. Natürlich, auch am Bildschirm kann man sich durch die virtuellen Seiten scrollen, Aber die Finger spüren dabei nicht das Papier, sondern nur die Mechanik des Zeigegerätes. Die Sinnlichkeit des digitalisierten Textes ist allein auf das Optische reduziert, alles andere an Erfahrungsmöglichkeiten ist verschwunden.
Nun könnte man sagen, dass die zufällige Erscheinungsform eines Textes als gebundenes Buch nur ein Akzidens zu der Substanz eines Textes darstellt, um die es doch allein gehen sollte. Und dieser Gedanke hat seine Berechtigung; aber jeder, der ein und denselben Text einmal als Buch in der Hand hält und dann am Bildschirm betrachtet, kann eine merkwürdige Erfahrung machen: Als Bildschirmtext hat das Buch seine Individualität, fast möchte man sagen: seine Persönlichkeit verloren. Es ist nur ein Datensatz neben Millionen anderer Datensätze, den die Maschine darstellen kann. Das Buch hingegen ist nichts anderes als das, was in ihm zu lesen und was an ihm zu lernen ist. Im Buch fallen Gegenstand, Form und Gehalt zusammen, die digitale Bibliothek ist nur einen Mausklick von allen anderen digitalen Welten entfernt. Wohl lässt sich die Textmenge eines Buches als digitale Datei darstellen, aber eine digitale Datei ist kein Buch. – Bücher, es ist oft genug gesagt worden, können zu Begleitern, zu Freunden,auch zu Feinden werden. Sie sind ungelesen oder zerlesen, mit Unterstreichungen oder despektierlichen Randbemerkungen versehen. Liest man ein einmal durchgearbeitetes Buch Jahre später wieder, kann es geschehen, dass man erschrocken seiner Vergesslichkeit oder seiner Jugendtorheiten inne wird. Bücher, die man über die Jahre hindurch ansammelt, stellen deshalb auch mehr als eine höchst lückenhafte Datenbank dar: Sie sind Ausdruck einer intellektuellen Biografie und der dazugehörigen Zeitgeister. An den Büchern, die nach Jahren, wenn der Wind sich gedreht hat, verschämt in obere Regale verstellt, gar auf dem Dachboden verstaut werden, lässt sich mehr ablesen als in so manch geschönter Kulturgeschichte. Solches Wissen, solche Erfahrungen, solche Erinnerungen wird keine digitale Bibliothek der Welt bieten können.
Was aber können reale Bibliotheken, gera- de auch kleinere, etwa Stadt- oder Schulbibliotheken, noch leisten? Daten müssen dort nicht verwaltet werden, das geht woanders besser und schneller. Eine solche Bibliothek hätte unter den gegenwärtigen Bedingungen keine andere Aufgabe, als die Erinnerung an das Medium Buch und seine bedeutsamsten Repräsentanten aufrechtzuerhalten. Schulbibliotheken etwa könnten Orte werden, in denen es für junge Menschen etwas zu erleben gibt, was sie in dieser Form sonst nirgends mehr in ihrer Welt finden: Entdeckungsreisen entlang von Buchrücken; finden, was man nie gesucht hat; sich von der Schönheit eines Einbandes, von einem selten gewordenen Format, von vergilbten Seiten in eine Welt verführen lassen, die man sonst nie betreten hätte; blättern in befremdlich anmutenden Romanen; an alten Sachbüchern die Vergänglichkeit vermeintlicher Gewissheiten erkennen; Eintauchen in einen Kosmos, dessen Basis karge, schwarze Buchstaben sind, die ihre Fülle und Farbigkeit einzig im Kopf des Lesers entwickeln. Und dies ist vielleicht noch immer die beste, sicher aber die schönste Möglichkeit, zu erfahren, dass man überhaupt einen Kopf hat.
Zweifellos, das Monopol, das Literatur einmal innehatte, ist dahin. Menschen, die sich in der modernen Medienwelt auf das Buch,auf Lesen und Schreiben, auf die Schrift beschränken wollten, würden zunehmend zu einer exotischen Minderheit, zu Sonderlingen werden. Ob sie deshalb weniger über diese Welt in Erfahrung zu bringen wüssten, bleibe einmal dahingestellt. Vielleicht ist es eine romantische Vorstellung – aber der Typus des Lesers scheint in manch wichtigen Belangen noch immer mit mehr Welthaltigkeit ausgestattet zu sein als der des Surfers. Deshalb werden Bildungsprozesse, die diesen Namen verdienen, auch ohne das Buch nicht auskommen. Bei aller Selbstverständlichkeit, mit der wir die Vorteile der neuen Medien auch für Lehr- und Lernprozesse zu nützen wissen, muss Bildung auch eine Form von Wachsamkeit enthalten, die sich gegen die völlige Auslieferung des stringenten Denkens an die Beliebigkeit der Virtualität, gegen die völlige Unterordnung des Textes unter die Flüchtigkeit der Datenströme, gegen die völlige Substitution der Fantasie und der Subjektivität durch die Maschinen zur Wehr setzt – und für diese Formen eines reflektierenden und kritischen Umgangs mit den digitalen Informations- und Kommunikationskulturen wird die Literatur, wird die Dichtkunst, wird das Buch, werden die Bibliotheken bis auf Weiteres unverzichtbar sein. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2007)

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