Vielleicht lachen sie noch, die Manager des globalisiertenKonzerns Coca-Cola, aber wie steter Tropfen den Stein höhlt, mag auch das Bohren der südamerikanischen Indianer eines Tages Erfolge zeitigen. Handfest geht es um den Markennamen „Coca-Cola“, Synonym für das Erfrischungsgetränk, das Mr. John S.Pemberton 1886 unter Verwendung von Coca-Blättern und anderen Ingredienzen zusammengebraut hat.
Boliviens verfassungsgebende Versammlung, von Indianern dominiert,möchte nicht nur das internationale Verbot der Coca-Staude korrigieren und dem Kondor-Vogel im nationalen Wappen statt des Oliven-Zweigs ein Coca-Blatt in den Schnabel stecken, sondern auch im Rahmen einer Klage dem Cola-Konzern das Wort „Coca“ streichen, solange Coca-Blätter diskriminiert sind.
„Coca ist nicht Kokain“ gilt inzwischen als Schlachtruf unter allen Indigenen Südamerikas, die ihre jahrtausendealte Kulturpflanze, unentbehrlich auch für Riten und sakrale Handlungen, von der Verfolgung durch Polizei, Militär, Drogenfahnder und Flugzeugen, die Entlaubungsmittel versprühen (was in Kolumbien ganze Täler in Wüsten verwandelt) ausgenommen wissen wollen. Sie verstehen uns Weiße in Europa und Nordamerika nicht, warum wir diese heilige Pflanze, Rohstoff auch für Heil- und Nahrungsmittel, nur deshalb verteufeln, weil deutsche Wissenschaftler im 19. Jahrhundert aus Coca-Blättern mittels chemischer Zusätze die Droge Kokain – international zwischen 1949 und 1961 in die Liste verbotener Substanzen aufgenommen – auskristallisierten.
Coca-Kekse und Coca-Wein
Versuche, indianische Gemeinschaften in Südamerika von solchen Verboten auszunehmen, sind derzeit unterwegs, können aber noch keinen durchschlagenden Erfolg vorweisen. Wie schwierig diese Debatte ist, zeigt ein jüngstes Beispiel aus Kolumbien: Dort, im südlichen Tierradentro-Gebiet, konnten die Paez-Indianer eine ethnische Schutzzone („resguardo“) durchsetzen, wo sie auch ihre uralte Pflanze anbauen dürfen. Beraten von internationalen Helfern, stiegen sie in die Verarbeitung und Kommerzialisierung von Coca-Produkten ein, mit Zielrichtung auf Bio-Läden im ganzen Land. An die 2000 Paez-Familien leben inzwischen von der Herstellung verschiedenster Bio-Produkte aus Coca-Blättern: Coca-Tee, Coca-Kekse, Coca-Chicle zum Kauen, Süßigkeiten, Seifen, Gesundheitscremen. Sogar ein Coca-Wein wird destilliert. Natürlich kommt keinem dieser Produkte halluzigene Wirkung zu.
Besonders erfolgreich verkauft sich seitzwei Jahren ein – ähnlich wie Red Bull schmeckendes – Erfrischungsgetränk namens „Coca Sec“. Anwälte des Cola-Konzerns klagten unverzüglich auf Unterlassung, verloren jedoch in der ersten Instanz. Da freilich auch andere Druckmittel funktionieren, kam es, zur Überraschung vieler, unlängst zu einem von der kolumbianischen Lebensmittelbehörde Invima veröffentlichten Erlass, welcher den Paez-Indianern den Vertrieb all dieser Produkte außerhalb des eigenen „resguardo“ verbietet, und zwar aufgrund ei- nes längst vergessenen US-Dekrets von 1961. Inwieweit Anwälte des Coca-Cola-Konzerns dahinterstecken, bleibt offen für Mutmaßungen. Alfredo Molano, Kolumbiens klarsichtigster Soziologe, hält eine Intervention der Nordamerikaner für mehr als wahrscheinlich.
Nunmehr ist die kolumbianische Indianerorganisation ONIC (Organización Nacional Indígena de Colombia) am Zug, deren Vertreter bei der Zentralregierung in Bogotá Einspruch erheben. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2007)
















