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Mit allen Medien gewaschen

28.09.2007 | 15:42 |  Von Elke Krasny (Die Presse)

Mehr als neun Millionen Men-schen weltweit suchen schon ein zweites Leben im „Second Life“ des Internet. Warum also nicht auch einer Ausstellung eine virtuelle Zweitexistenz verschaffen? „Archdiploma 2007“: eine Vorschau.

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Was hat eine Architekturausstellung in „Second Life“ zu suchen? Warum gibt es diese Ausstellung auch gleich noch per Mobilfunk? Was bringt das Internet zur Erscheinung, wo man sie unter der Adresse www.archdiploma.at ebenfalls besuchen kann? Und wieso ist diese Ausstellung, die „Archdiploma 2007“, auch noch im real zugänglichen Raum anzutreffen, konkret im „project space“ der Kunsthalle Wien?

Für die beiden Kuratoren der Ausstellung, Manfred Wolff-Plottegg und Harald Trapp, beide vom Institut für Architektur und Entwerfen der Technischen Universität Wien, geht es um die Ausweitung des Ausstellungsraums durch Informationstransfer. So wie die Bilder das Künstleratelier verlassen müssen, müssen auch die Ausstellungen ihren angestammten Raum verlassen und sich neue Räume erschließen. Die „Archdiploma“ gibt es schon seit mehreren Jahren. Im Biennalerhythmus stellen die Architekturabsolventen der Technischen Universität Wien öffentlich ihre Leistungen unter Beweis. Heuer wird die Ausstellung erstmals auch zum demonstrativen Testfeld für das, was Ausstellen bedeuten kann, was Ausstellen mit anderen Mitteln der Architektur leisten kann. Diese Diskussion über die Funktion des Mediums im Medium der Architektur wird mit allen Mitteln eröffnet.

Die Ausstellung bietet elegant und wie nebenbei für alle Besucher eine kleine Einführung in postmedialer Wahrnehmungskunde. Die notwendige begriffliche Barschaft hat die amerikanische Kunstkritikerin und Theoretikerin Rosalind Krauss noch im letzten Jahr des 20. Jahrhunderts dem kommenden mit auf den Weg gegeben: Von der „post-medium condition“ sprach sie im Jahr 1999. Nicht ein Medium dominiert, ist das Leitmedium, das alle anderen überstrahlt, sondern viele Medien sind im Einsatz und reflektieren einander ununterbrochen. Wir sind auf dieses sich immer schneller drehende Medienkarussell aufgesprungen und fahren jede Umdrehung eifrig spiralisierend mit. So wie es uns eben mitfahren lässt, das Karussell der Medien.

Ob sich postmedial eine radikale Änderung der Perspektive auf die Landschaft der interferierenden, komplimentierenden und konkurrenzierenden Medien abzeichnen wird, muss die Zukunft erweisen. Sicher ist, dass wir mittendrin leben im Megamedienmix. Und selbst das langsamste aller Medien, die Architektur, ist vom Megamedienmix erfasst, zeigt Auswirkungen und Rückwirkungen.

In diesem Umfeld muss sich die aktuelle Architektur neu positionieren. Plottegg und Trapp sehen die Architektur als Informationseditor. Ganz real ist unsere Weltwahrnehmung medial. Jedes Medium ediert die Information anders. Das führt uns die diesjährige „Archdiploma“ gekonnt als architektonisches Medienlehrstück vor.

Postmedial auf eine Kurzformel gebracht: Alle Medien sind gleichwertig. Alle Medien werden gemischt. Und Architektur bedient sich im Mix aller Medien. Ob es erste flüchtige, mythisierte, oft auratisch aufgeladene Handskizzen eines Entwurfs sind oder detailgenaue Einreichpläne, ob es Polierpläne für die Baustelle sind oder Kunden überzeugende bunte Renderings, jede Form ist ein anderes desselben. Das kann eben auch eine neue Insel auf „Second Life“ sein, wo sich bildfixierte Blobarchitekturen den hier herrschenden rudimentären Geometrien unterwerfen müssen, oder komprimierte Daten, die man sich auf den kleinen Bildschirm des Handys laden kann. So stellt sich die entscheidende Frage, wie Architektur unter der postmedialen Kondition funktioniert und heute wie morgen genutzt werden kann.

Jedes Medium hatte seine inhärenten Regeln, denen auch der Betrachter unterliegt, ob er will oder nicht, ob er kritisch revoltiert oder sich unwissend fügt. In einer klassischen Ausstellung ging man mehr oder weniger schnell von einem Objekt zum anderen. Man blieb kurz stehen, sah es an, erkannte, nickte, unmerklich grüßend, eilte weiter zum nächsten Blickrendezvous.


Wenn die Modelle schweben

Diese alte Zweierbeziehung zwischen dem Besucher und dem Ausgestellten setzen Plotteg und Trapp außer Kraft. Und vor dem Bild verneigen, weil es irgendwo rechts unten die erläuternde Beschriftung zu entziffern gilt, muss sich auch niemand mehr, denn aktuelle Ausstellungen vernetzen, vergleichen und stellen multiple Beziehungen her.

In der „Archdiploma“ geht es vordergründig um die 50 Architekturdiplomarbeiten, die aus den ungefähr 500 der vergangenen beiden Jahre stellvertretend für alle ausgewählt wurden – hintergründig müssen sie den Medientest bestehen. In jedem Medium, von der geplotteten Riesenfahne bis zu „Second Life“, müssen sie ihre Differenz durch die regelnde Uniformierung der Medien erst einmal behaupten. Die Steigerung ins Megamediale lädt den klassischen Ausstellungsspaziergang neu auf, transformiert ihn in einen versuchsanordnenden Parcours von einer technologischen Erscheinungsform in die andere. Die Architektur wird sich zeigen, aber die Medien, die sie zeigen, ebenfalls. Alles Gezeigte wird nach dem Grundsatz der Gleichwertigkeit behandelt. Also egalitär. Die Medien machen die Demokratisierung des Ausgestellten möglich. Indem alles gleich behandelt wird, können sich die Unterschiede unter ihren Medienumständen mit all deren regelnden Nebenwirkungen besser markieren.

Wie schaut ein Entwurf im Netz aus, wie verändert er sich unter den Darstellungstools des „Second Life“? Die verschiedenen Medien bringen in Koexistenz die Informationsarchitektur hervor. Und in diesem Ausstellungsraum sind keine Installationen, Vitrinen, Podeste oder Bilderrahmen mehr erforderlich. Da gibt es die Plots, die die Glaswände des „project space“ von oben bis unten in einen Raum der Lektüre verwandeln. Diese Lesefahnen zeigen alle Absolventenarbeiten, geplante Architekturen und Entwürfe genauso wie theoretische Arbeiten. Indem alles gleichgültig ist, ist es vor allem gleich gültig. Das ist das Entscheidende. Die Architekturmodelle, die die Absolventen gebaut haben, hängen von der Decke, stellen sich auf die Sehhöhe der Betrachter ein. Das verkehrt das gängige Verhältnis des professionell formierten Architektenblicks auf das Fetischobjekt Modell. Wird es normalerweise von oben kritisch beäugt oder in die Knie gehend umrundet, heben mit der „Archdiploma“ die Modelle ab. Dieses Von-oben-herab-Schauen auf die modellhafte Welt hat die österreichische Kunstwissenschaftlerin Irene Nierhaus zum Bild des fliegenden Architekten verdichtet. Im „project space“ jedoch dürfen die Modelle fliegen und landen schwebend auf betrachtender Augenhöhe.

Plottegg spricht vom Ende der Architektur, die sich nur mit sich selbst beschäftigt, vom Ende der Alleinherrschaft des Materials oder der Konstruktion oder der gestalterischen Details. Was kommt, ist Architektur als Prozess. Nächstes Semester geht er mit seinen Studierenden mitten hinein in die Architektur der Avatare, der künstlichen, grafisch erzeugten Stellvertreter wirklicher Personen. Die bereits angekaufte Insel im „Second Life“ wird der Ort des Entwurfs.


Traumhaus aus Bits und Bytes

Die Tools sind begrenzt, ihr Potenzial muss man ausreizen. Die gute alte Bedürfnisbefriedigung durch den Architekten hat ausgedient, und die Notwendigkeitsunterwerfung soll sich schlicht über Bord werfen und Architektur zur Wunschproduktion aufsteigen lassen. Aber mit den Wünschen ist das so eine Sache. Die visionierende Kraft der Zukunft und die Archaik konservativer Beständigkeit wohnen – nicht nur virtuell – Wand an Wand. Einen guten alten Achtstundentag verbringen viele Menschen bereits im „Second Life“. Sie richten sich ein, exklusiv auf ihrer Insel, nicht ganz billig, in den von US- Dollars zu „Linden Dollars“ konvertierten Tauschmitteln. Aber immer noch ist die Exklusivität günstiger und leichter zu verändern als im first life, wo sie ihre anderen 16 Stunden verbringen.

Dort, im „Second Life“, entsteht dann das sich ständig wandelnde Zweitheim, den sich ändernden Wünschen flexibel gehorchend, und die entsprechenden Designermöbel, die Ansehen und Prestige in der Community Gleichgesinnter auf derselben Insel höher schlagen lassen, sind ebenfalls schnell zur Stelle. Vom Cyberpunk inspiriert, zur virtuellen Realität gebaut, steigert sich auf „Second Life“ die handelnde, spielende Interaktivität der Bewohner seit 2003 ins Millionenfache, bald auch die der Architekturstudierenden von Plottegg.

9,596.133 Millionen Menschen auf der ganzen Welt leben wunscherfüllend im „Second Life“. Die Archaik der Wunschinszenierung ist ebenso langlebig wie die Kontinuität ihrer wiederkehrenden Avantgarden. Immer und immer wieder vermählt sich das technologisch Neue mit den ältesten der Wünschen. „In welchem Style sollen wir bauen?“ fragte das Josef-Frank-Stipendium der Österreichischen Gesellschaft für Architektur im Jahr 1984, und Plottegg antwortete mit einer frühen Vorwegnahme des „Second Life“. Er beschrieb eine fiktive Bauherrschaft, die sich ein Traumhaus wünscht.

Im realen Leben steht den Träumen dauernd der Mangel an Geld, Zeit, Baugrund und sonstigen Ressourcen im Wege. Aber die fiktive Bauherrschaft baut sich flugs ein Modell ihrer Wünsche, entflieht der realen, der mickrigen Wohnung und bricht umgehend auf „in diese andere Wirklichkeit, geht im Plan spazieren, vergisst, dass das ein Plan ist, und schon sind die Löcher in den Schuhen zu Palastfenstern geworden“.

Die Architekturen und die Benutzer beschleunigen einander, ob wir mit der Beschleunigung intellektuell mithalten oder ins alte Gestell zurückkippen, das wird sich zeigen. ■

ARCHDIPLOMA: Daten und Fakten

Vom 5. bis 30. Oktober ist „Archdiploma 2007“ im Wiener „project space“ zu sehen (Treitlstraße2; So und Mo 13 bis 19 Uhr, Di bis Sa 14 bis 24 Uhr ): die 50 besten Architektur-Diplomarbeiten an der TU Wien aus den vergangenen zwei Jahren.

In „Second Life“(secondlife.com) wird die Ausstellung virtuell begehbar sein: unter http://slurl.com/secondlife/arch%20tuwien/7/0/37/. Voraussetzung: eine Anmeldung bei „Second Life“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2007)

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