Die Probe aufs richtige Leben

09.11.2007 | 19:13 |  Von Marta S. Halpert (Die Presse)

Junge Musiker aus verfeindeten Ländern des Nahen Osten zeigen, wie es miteinander gehen könnte.

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Da stehen die beiden wie herausgeputzte Firmlinge. Heiß ist ihnen in den dunklen Anzügen. Sie zupfen an den fest geschnürten Krawatten. Ein wenig aufgeregt und sehr neugierig sind sie schon. Denn gleich sollen sie interviewt werden. Der junge Cellist sucht Halt an seinem hohen Instrumentenkasten, der noch jüngere Geiger versucht sich locker zu geben. Einer ist Libanese, der andere Israeli.

Doch wer ist jetzt wer? Und diese Frage in unseren mit Vorurteilen überfrachteten Köpfen führt auch schon zur Antwort und zum Inhalt dieses einzigartigen Projektes: Es gibt zum Glück keinen „sichtbaren Unterschied“ zwischen diesen beiden talentierten Musikern.

Genau vor einem Jahr tobte ein Krieg zwischen ihren beiden Völkern, doch sie musizieren wieder gemeinsam. Sie müssen aufeinander hören, dem zu produzierenden Klang nachspüren, einmal selbst führen und einmal geführt werden. Anders könnten sie die unterschiedlichsten Komponisten der Musikgeschichte kaum interpretieren. Für diese auf der weltpolitischen Bühne nicht programmierte Harmonie zwischen den Feinden sorgt der weltberühmte Pianist und Dirigent Daniel Barenboim mit dem „West-Eastern Divan Orchestra.“

Nassib Al-Ahmadieh, der 30-jährige Cellist aus Beirut, genießt wie der 23-jährigen Geiger Daniel Cohen den aufbrandenden Applaus auf der weitläufigen Bühne des Großen Festspielhauses in Salzburg anno 2007. Doch die standing ovations gehören nicht den beiden alleine. Mehr als einhundert Burschen und Mädchen zwischen 14 und 25 stehen mit ihren Instrumenten da. Aber diese jungen Menschen strahlen nicht nur positive Energie und fröhliche Stimmung aus, die in den Zuschauerraum überschwappen. Nein, sie provozieren auch. Ein geschlossener Klangkörper aus israelischen, palästinensischen, ägyptischen, syrischen, jordanischen, libanesischen und spanischen Musikern kann als ein demonstrativer Appell an kleinmütige Politiker und deren kurzsichtige Politik gedeutet werden. Seht her, es geht ja doch, scheint die Botschaft zu lauten. Dass solch ein moralischer Mahnruf innerhalb eines höchst anspruchsvollen künstlerischen Rahmens entstehen kann, ist zwei engagierten Humanisten zu verdanken: Edward Said, dem palästinensischen Literaturwissenschafter, und Daniel Barenboim, dem israelischen Musiker.

In einer überfüllten Hotelhalle in London hat mich Edward einfach angesprochen,“ erinnert sich Barenboim, heute auch Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper. „Das war Anfang der 90er Jahre – und wir haben mitten in dem Lärm über den Nahost-Konflikt zu reden und zu diskutieren begonnen – und eigentlich nie mehr aufgehört - bis zu Saids Tod 2003. Es entwickelte sich eine ungemein intensive Freundschaft.“

Das „West-Eastern Divan Orchestra“ wurde dann im Jahre 1999, als Weimar europäische Kulturhauptstadt war, von den beiden Freunden als Workshop für höchstens 15 Musiker geplant. Als sich mehr als 200 Interessenten angemeldet hatten, entstand wie von selbst ein Langzeit-Projekt. Nach Probespielen in Beirut, Jerusalem, Damaskus, Amman, Kairo und Tel Aviv stellte Barenboim ein Orchester mit 40 Prozent junger Musiker aus Israel und ebenso vielen aus arabischen Ländern zusammen. Dazu kamen noch 20 Prozent an spanischen Jungtalenten. „Andalusien ist die Heimat des West-Eastern-Divan Orchestras geworden – und das ist auch von unserer Bestimmung her sehr passend,“ so Barenboim, der 1942 in Buenos Aires geborene Sohn russisch-jüdischer Einwanderer. „Denn auf der iberischen Halbinsel haben Juden und Muslime 700 Jahre lang friedlich zusammengelebt.“ In Sevilla ist das Orchester zuhause, dort wird geprobt, dort bereitet sich das Orchester auf die jährlich stattfindenden Tourneen vor. Mit Hilfe des spanischen Staates können die jungen Musiker aus der verfeindeten Region hier meist sechs bis acht Wochen im Jahr gemeinsam verbringen.

Doch diese Zeit verleben wir dann intensiv: Wir wohnen und essen gemeinsam, sprechen über alles, greifen alle konfliktgeladenen Probleme auf und diskutieren sie aus.“ Mit weit ausgebreiteten Armen, als ob er das ganze Orchester am liebsten gleichzeitig umarmen würde, sagt Barenboim: „Ich mache alles, was ihr wollt, ich lade euch zum Essen ein, ich gehe mit euch tanzen, ich bringe euch Blumen, aber spielt den vollen Bogen, spielt den vollen Bogen.“

Beim Vorspielen in Beirut haben sich im Jahr 2000 etwa 200 Studenten beworben, drei sind genommen worden – und ich war einer davon,“ freut sich Nassib Al Ahmadieh. Er wurde nicht nur entdeckt sondern auch gefördert: Heute ist er Solocellist an der Staatskapelle Weimar. Seine Deutschkenntnisse hat er in den letzten drei Jahren perfektioniert. Sein Stipendium an der Musikhochschule sollte ihm bald zu seinem „Master“ verhelfen.

Im Sommer des Libanonkrieges bin ich wie rund dreißig meiner arabischen Kollegen nicht zur Arbeit mit dem West-Eastern Divan Orchestra gefahren. Von Deutschland aus hätte ich das leicht machen können. Aber der Druck von zu Hause war einfach zu groß,“ erzählt Nassib etwas bedrückt. „Die Wohnung meines Bruders wurde zerbombt, mir war nicht nach Musizieren.“

Auch Daniel Barenboim zeigt sich betrübt, dass letztes Jahr einige Musiker aus den arabischen Staaten ausgefallen waren. „Nach dem Waffenstillstand veranstalteten wir im Herbst darauf ein Konzert bei der UNO in New York. Da haben wir auch mit Nassib über die politische Situation diskutiert. Ich war der Meinung, er hätte in Europa als Libanese Flagge zeigen müssen, sich nicht verstecken dürfen. Gerade damals, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Er hat unsere Argumente dann verstanden und gemeint, wir hätten Recht und er hätte auf Tournee kommen sollen!“

Auf wenig Verständnis in seiner Umgebung stieß auch der 23-jährige israelische Geiger Daniel Cohen aus Netanja, 25 km nördlich von Tel Aviv. „Ausgenommen bei meinen Eltern,“ lacht Daniel erleichtert, „mein Vater stammt aus Bagdad und meine Mutter ist polnisch-ungarischer Herkunft. Ich glaube, sie haben für mich die große Chance erkannt, bei so einer musikalischen Autorität wie Maestro Barenboim lernen zu dürfen.“ Und Daniel ist kein blutiger Anfänger mehr: Er hat bereits seinen ersten akademischen Abschluss an der Universität Tel Aviv gemacht und studiert derzeit an der Royal Academy of Music in London weiter.

Mein Geschichtsbild, so wie ich es in der Schule mitbekommen habe, ließ keine eigenständige oder mehrschichtige Interpretation der anderen Seite zu. Wir wussten nichts voneinander, kannten uns nur in Uniform,“ erzählt Daniel von seiner ersten Begegnung mit einer palästinensischen Kollegin beim gemeinsamen Flug nach Sevilla. „Das gemeinsame Musizieren hat unser aller Leben sicher verändert. Viele von uns haben die Hoffnung, dass dieses neue Denken Schule machen wird. Dass die meisten Musiker nach der Rückkehr in ihre Heimat ihren Freunden und Familien deutlich machen: Es ist möglich mit dem ‚Feind’ zu kommunizieren.“

Leider muss aber auch der optimistische Geiger zugeben, dass derzeit die moderne, elektronische Kommunikation in diesen diversen Heimaten nicht funktioniert. „Im Verlauf des Jahres trauen wir uns weder E-Mails noch Mobilfunk-Nachrichten zu schicken. Jeder kann sich ungewollt auf irgendeinem Monitor wieder finden!“

 

So, als müsste er für zwei gleichzeitig an dieser selbst gestellten Aufgabe arbeiten, nämlich auch für den verstorbenen Freund und Mitstreiter Edward Said, engagiert sich Daniel Barenboim für sein West-Eastern Divan Orchestra. Lustvoll und lebendig moderiert, dirigiert, begleitet und spielt er sieben Stunden mit dem jungen Orchester im Festsaal des Salzburger Mozarteums. „Hier tanke ich auf, das gibt mir Kraft auch für meine anderen Aktivitäten.“ Der 65-Jährige strahlt und berichtet dem Publikum, dass heuer auch ein türkischer und zwei iranische Musiker dabei sind. „Schauen Sie, da musizieren eine israelische und eine iranische Cellistin nebeneinander, ist das nicht schön?“

Barenboim war selbst ein Wunderkind – mit sieben Jahren gab er bereits sein erstes öffentliches Konzert in Buenos Aires – 1952 übersiedelte er mit seinen Eltern nach Israel. Die Stadt Salzburg war aber schon lange vor seinem politischen Engagement ein wichtiger Meilenstein seiner fulminanten künstlerischen Laufbahn. Bereits im Sommer 1954 brachten ihn seine Eltern für einen Dirigentenkurs zu Igor Markevich nach Salzburg.

Damals spielte Barenboim dem großen Wilhelm Furtwängler vor und dieser schrieb in einem Brief die Worte nieder „....der elfjährige Barenboim ist ein Phänomen...“ Diese Einschätzung durch den großen Meister sollte dem unbekannten Jungen noch viele Türen öffnen.

Heute eröffnet Barenboim Jugendlichen einer krisengeschüttelten Region ganz andere Perspektiven: Er beteiligt sie an seiner Utopie, dass es auch miteinander gehen könnte. Er wehrt sich dagegen, von der Tagespolitik als „Friedensprojekt“ herumgereicht zu werden. Denn er möchte den politisch Verantwortlichen nicht die dringend notwendigen Schritte abnehmen. „Es gibt zwei Grundgedanken dieses nicht politischen, sondern humanistischen Musik-Projektes. Erstens glauben wir nicht an eine militärische Lösung dieses Konfliktes. Zweitens sind wir überzeugt, dass das Schicksal von Israel und seinen arabischen Nachbarn untrennbar miteinander verbunden ist. Das Orchester kann unmöglich Frieden stiften, was es aber sehr wohl tun kann, ist das bessere Verständnis zu fördern. Es kann die Neugier wecken und danach vielleicht auch zum Mut verhelfen, sich das Geschichtsbild des anderen anzuhören, und zu Guter letzt vielleicht dessen Legitimität auch anzuerkennen. Nicht herblassend tolerieren, sondern respektieren ist das Wichtigste.“

Daniel Barenboim verweist Politikern und Religionswissenschafter immer wieder darauf, dass er sich weder politisch vereinnahmen, noch als Feigenblatt für Versäumtes missbrauchen lässt. „Musik lehrt, wie man sich drauf einigt, dass man nicht einer Meinung ist. Denn die Musik verlangt nach einer Koexistenz der Gefühle und der Vernunft,“ macht Barenboim klar. „Ein Musiker muss alles aus sich heraus ausdrücken. Zugleich muss er völlig offen sein, um zuhören zu können. Diese Simultanität fehlt in der Politik. Deshalb sind alle Friedensgespräche gescheitert.“

 

Doch Barenboim ist nicht nur Mediator, er eckt auch an: In Israel wurde er schon vor Jahren wegen seiner beharrlichen Versuche, Richard Wagners Musik öffentlich zu spielen, nicht nur von Shoah-Überlebenden kritisiert. Da half auch die Unterstützung durch den damaligen Bürgermeister von Jerusalem, Teddy Kollek, wenig. Während seine Kritiker an dem Besuch seines Orchesters im arabischen Rabat/Marokko 2003 nichts auszusetzen hatten, wurde der Auftritt in Ramallah im August 2005 als aktive Unterstützung der palästinensischen Sache gesehen. Schmerzt ihn die Kritik in Israel? „Das ist nur ein kleiner Teil, der so denkt. Ich bekomme sehr viele positive Reaktionen: Erst unlängst war das Kino in Tel Aviv komplett ausverkauft, als der Film über das Orchester lief,“ beschwichtigt Barenboim.

Viel lieber als wortreich Fragen zu beantworten, widmet sich Barenboim seinen aufstrebenden Talenten. Nachdem er die junge palästinensische Sängerin Enas Masalha zu zwei Liedern von Felix Mendelssohn Bartholdy am Klavier begleitet hatte, macht er fröhlich die Ansage für den nächsten Programmpunkt. „Es folgen Lieder von Franz Schubert, Richard Strauss und Hugo Wolf mit Dorothea Röschmann und Thomas Hampson.“ Anschließend überlässt er die Bühne den vorgestellten Interpreten. Plötzlich huscht Barenboim wie ein junger Anfänger zum Klavier. Aber nicht um zu spielen, auch nicht um einen Gesangspart zu begleiten. Nein, er ist der höchstqualifizierte, im wahrsten Sinne des Wortes unbezahlbare Umblätterer. Er sitzt zuerst neben dem schmächtigen Pianisten Karim Said aus Kairo und blättert. Danach schräg hinter der schüchternen Israelin Yael Kareth, die den Bariton beim Liedvortrag am Klavier begleitet. Vielleicht ist es gerade das bescheidene, uneitle Sich-zurücknehmen-können, jene menschliche Größe, die hinter solchen Projekten steht – und wahrscheinlich stehen muss. Der Kern dieser Utopie, dieser aufkeimende Hoffnungsschimmer, dass Nassib al-Ahmadieh und Daniel Cohen bald ohne Barenboims Zutun grenzenlos zueinander finden.

 

 

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