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Mihai wird reich

04.01.2008 | 18:15 |  Von Erwin Koch (Die Presse)

Am Ende von Europa: Republik Moldau, zwischen Rumänien und der Ukraine. Eine Begegnung mit dem Moldauer Mihai Istraty, der seine linke Niere verkaufte.

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Er sitzt auf seinem knappen Stuhl und steckt die Hände, als wären sie gefroren, zwischen die Schenkel, Mihai ist 32, eigentlich, sagt Mihai Istraty aus dem Dorf Susleni am Ende von Europa, eigentlich sollte ich zur Arbeit.

Wenn du schon mal eine hast, kichert die Frau, die neben dem Fernseher steht.

Der Mann sieht sie an und schweigt.

Mihai Istraty sollte zur Arbeit in die Sonnenblumenölfabrik, aber heute wagt er sich nicht aus Haus und Hof. Manchmal, wenn die Fabrik Arbeit hat für einen wie ihn, schickt sie ein Kind vorbei: Mihai, morgen um acht, sie brauchen dich. Dann verlässt er Frau und Kind und eilt in die Sonnenblumenölfabrik von Susleni, Landkreis Orhei, wischt Böden, putzt Maschinen, 300 Lei verdient Mihai in einem guten Monat, 19 Euro, manchmal, wenn kein Geld da ist, bezahlen sie ihn mit Öl.

Das Land, in das er am 23. November 1974geboren wurde, die heutige Republik Moldau, ist das ärmste Europas, 100 Euro Durchschnittsmonatslohn, ein Viertel derBevölkerung ist weg und schickt Geld nach Hause, mehr als das Bruttoinlandsprodukt.

Was hindert dich, heute zu arbeiten?

Mihai legt die linke Hand aufs Gesicht, reibt Haut und Auge, verwirft die Hand. Ach, sagt er. Weil er Schisshat, kichert Eleonora,die alle Lora nennen. Lo-ra kichert oft. Wovor hast du Schiss? Ach, sagt Mihai Istraty. – Der Vater war Schreiner, die Mutter Wäscherin in der Kolchose der Kommunisten von Susleni, der Vaterliebte die Frauen undschlug die eigene. Als Mihai neun Jahre alt war, trennten sich die Eltern, Vater Ion zog fort, Mutter Elisaveta trank sich Trauer und Wut aus dem Sinn, Mama stritt mit Großmama, die im Nebenhaus lebte, ständig war sie betrunken. Wieder einmal wurde in der Nachbarschaft gefeiert, Mama ging hin und wollte eigentlich nichts trinken, redet Mihai, aber sie trank, zuerst wenig, dann viel, Mama wurde schlecht, sie legte sich hin, ich war allein zu Hause, 16-jährig, und als ich meine Mutter am Morgen nicht in ihrem Bett fand, ging ich zu den Leuten, die gefeiert hatten, ich fragte sie: Wo ist Mama? Sie schläft, sagten sie. Wo? In unserem Wohnzimmer. Ich ging ins Wohnzimmer und wollte sie wecken, Mama war tot.

Lora kichert.

Was lachst du?

Dreimal hat der wieder geheiratet, sein Vater Ion, dreimal, dieser Bock.

Mihai Istraty, ein Kind noch, zog ins Haus der Großmutter. Sofia Ungureanu war klein und drahtig, sie wollte, dass Mihai, bevor er den Tag beschloss, betete, sie wollte, dass er viermal fastete im Jahr, einen guten Menschen wollte sie aus ihrem Enkel machen.

Nun grinst Mihai und schüttelt den Kopf: Was ich tat, hat sie nie verstanden.

Würdest du es wieder tun?

120.000 Menschen allein in Westeuropa waschen, um zu überleben, mehrmals wöchentlich maschinell ihr Blut. 40.000 hoffen auf die gesunde Niere eines anderen. Bis die neue Niere im Körper ist, warten sie im Durchschnitt drei Jahre lang, im Jahr 2010 werden es zehn Jahre sein. 15 bis 30 Prozent sterben, während sie warten.

Mihai Istraty arbeitete, wo er Arbeit fand, die Sowjetunion war nicht mehr, die Kolchose zerfallen, er grub und zimmerte,schleppte Gemüse, Getreide, hatte keinGeld, damit eine Seife zu kaufen für seine Großmutter, kein Geld fürSchuhe, für Milch, keinGeld für eine Reise nach Orhei, wo die Mädchen waren und ihre Musik,ich konnte mich, spricht Mihai in sein Zimmer,ich konnte mich nichterinnern, wann ich zumletzten Mal Fleisch gegessen hatte. – Gott ist groß, tröstete die Großmutter, die immer kleiner wurde.

Er hatte einen Freund im Dorf, Igor. Und Igor lud zum Fest, man lachte, man tanzte, und eines Tages, es war heißer Sommer, entdeckte Mihai an Bauch und Rücken von Igors jüngerem Bruder eine lange Narbe, Mihai wunderte sich. Von einem Unfall, antwortete Igors Bruder. Und als der Bruder endlich betrunken war, lallte er: Kein Unfall, Mihai Istraty, du Großmuttersohn, ich habe meine Niere verkauft, 3000 Dollar bar auf die Hand, das Beste, was ich in meinem Leben je tat. Wie könnten wir, Igor und ich, sonst solche Feste feiern? Mihai fragte: Kann man ohne Niere denn leben? Idiot, lärmte Igors Bruder Vitalii, man hat ja zwei davon, eine zu viel, schau mich an, es geht mir besser denn je.

Mihai Istraty konnte nicht schlafen in jener Nacht.

Igor hat auch einen Cousin, der heißt Iura, und irgendwann, wieder an einem Fest, kam auch der zu mir und zeigte mir seine Narbe, auch er, sagte Iura, sei reich geworden, weil er seine Niere verkaufte, sagte dieser Iura. Ich konnte nicht schlafen, ich betete, ich dachte, wenn das stimmt, was Vitalii und Igor sagen, nämlich dass der Mensch zwei Nieren hat und nur eine davon braucht, dann hat Gott sich geirrt. Wie ist das möglich?

Sie drangen auf Mihai Istraty ein, Igor, Vitalii und Iura Popusoi, sie sagten: Willst du ein Leben lang bei deiner Großmutter bleiben, die dich füttert wie ein Kind? Weißt du, dass man im Dorf längst über dich redet und lacht, weil du noch immer bei deiner Alten lebst? Dass man sagt, aus dir wird nie ein Mann, weil du ärmer bist als ein Hahn auf dem Mist. Dass man sagt, so einer erobert nie eine Frau, sie redeten und redeten und zeigten mir ihre Narben, 3000 Dollar bekommst du für etwas, was du gar nicht brauchst, sei nicht blöd, Mihai, wenn du willst, beschaffen wir dir einen Pass, Mihai, du fährst in die Türkei, machst eine kleine Operation, eine Woche später bist du wieder hier, 3000 Dollar, wir haben Kontakte, sag Ja, du Idiot, brauchst nur Ja zu sagen.

Die Großmutter sah ihn an und fragte: Was ist passiert, du siehst so anders aus?

Nichts, sagte er.

Der Handel mit menschlichen Organen ist in den meisten Ländern der Welt verboten. Weltgesundheitsorganisation und Europarat nennen den Organhandel einen Bruch der Grundgesetze menschlichen Zusammenlebens. Organspenden sind nur zugelassen, wenn der Spender einem Verwandten oder Freund aushilft und wenn die Spende freiwillig und kostenlos ist. – Mi- hai stellt die nackten Fersen an die Beine desStuhls, reibt die Hände, als klebte daranLeim. Lora kichert.

Warum lachst du?

Heute ist er ärmer als zuvor, sagt die Ehefrau, ESPRIT steht auf ihrem alten Hemd.

Mihai Istraty überließ den Nierenhändlern seinen sowjetischen Ausweis, sie fotografierten sein Gesicht, notierten seine Länge, die Farbe der Augen, und Tage später drückten sie ihm einen moldauischen Pass in die Hände, Nummer A0460325, in blaues Plastik geschlagen, darauf die Anschrift einer türkischen Reiseagentur. Mihai, aus Angst, jemand könnte ihn danach fragen, lernte die Worte auswendig, Özgülen Ulustararasi Otobüs IIletmesi ve Tic. Ltd. Iti.

Der 13. Februar 1999 war ein Samstag. Nachts um zwei holten sie Mihai Istraty ab, schafften ihn nach Chisinsu, Hauptstadt derRepublik Moldau, in die Wohnung einerFrau, die er noch nie gesehen hatte, Nina Scobioala. Ein anderer Mann war schon dort, Ghena aus dem Dorf Mingir, auch er entschlossen, eine Niere zu verkaufen. Um sieben Uhr flog die Maschine nach Istanbul,Mihai zum ersten Mal in einem Flugzeug, zum ersten Mal im Ausland. In Istanbul befahl Nina die jungen Männer in ein Hotel, sie nahm ihnen die Pässe ab, keine Ahnung,wie die Straße hieß, in der wir wohnten im vierten Stock in einem kleinen Zimmer, auf die Straße durften wir nicht, und wir sollten Wasser trinken, sehr viel Wasser sollten wir trinken, um unsere Nieren zu spülen, teures Wasser aus Flaschen, nicht vom Hahn. – Er reibt die Hände und schweigt. Und die Großmutter? Die wusste von nichts.

Nachts holten sie Mihai Istraty, 25 Jahre alt, in ein Krankenhaus, viermal, sie nahmen ihm Blut, prüften seine Nieren, B Rhesus positiv, eingeeigneter Empfänger, sagteNina, sei noch nicht gefunden, Wochen vergingen. Mihai hatte Heimweh nach Susleni, nachder Großmutter und ihren Geboten, sie steckten mich in ein anderes Hotel, das Öyzen hieß oder ähnlich, ich konnte nicht schlafen, war allein in diesem Hotel, das ich nicht verlassen durfte. – Er hat geweint, sagt die Frau neben dem Fernseher.Mihai schaut zu Lora, sie sagt: Stimmt doch, du hast geweint.

Je ärmer jemand ist, schreibt die britische Philosophin Janet Radcliffe-Richards im Ärzteblatt „The Lancet“, je ärmer jemand ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass der Verkaufseiner Niere jedes Risiko lohnt. Und deshalb sei, wer ein Organ hergebe, zu entschädigen. Schließlich sei ja auch den Reichen nicht verboten, in ihrer Freizeit einen gefährlichen Sport zu pflegen oder eine gefährliche Arbeit zu tun. Folgerichtig sei kaum einzusehen, weshalb nun die Armen vor sich selber zu schützen seien, indem man ihnen ein Honorar auf ihre Organe verwehre. Solches Denken sei geradezu paternalistisch. Wo doch ein Armer durch den Verkauf seiner Niere das Bestehen der Familie sichere.

Oder man könnte, überlegen andere, Organverkäufer aus armen Ländern mit einer Aufenthaltsbewilligung in der Ersten Welt bezahlen, statt mit Euro oder Dollar.

Mihai Istraty verkaufte seine linke Niere am Sonntag, 11. April 1999, zu Hause war Ostern. Nackt lag er auf einem Bett, sie schoben den Mann in einen Fahrstuhl, fuhren in den Keller, Mihai sah eine große Uhr, neun Uhr morgens. Zwei Tische waren im Operationssaal, getrennt durch einen Vorhang, auf dem einen lag ein Mensch, Mihai sah nur seine Füße, er sah Maschinen, Lampen, Kabel, Mihai legte sich auf den freien Platz.

War der Gott, an den du glaubst, einverstanden damit?

Nein, sagt Mihai, er war es nicht und wird es nie sein. Aber.

Er schweigt und steckt die Hände zwischen die Schenkel.

Aber was?

Er hat sich ja auch verkauft, am Kreuz.

Alles tat weh, als Mihai Istraty erwachte, Schläuche steckten in meinem Körper, am zweiten Tag befahlen sie mich aus dem Bett,eine Schwester, die russisch sprach, zeigte auf einen bleichen dicken Mann, doppelt so alt wie ich, der Mann saß im Korridor, zwei Frauen neben ihm, wahrscheinlichEhefrau und Tochter. Die saßen neben dem dicken Mann und streichelten ihn. Und die Schwester flüsterte: Der hat deine Niere gekauft. Für 150.000 Dollar. Lora lacht.

Am dritten Tag holten sie Mihai Istraty in die Wohnung eines Mannes, der Jakob hieß, zweimal kam ein Arzt, besah sich die Wunde, reinigte und verband sie, am sechsten Tag brachten sie Mihai zum Busbahnhof, Jakob gab ihm 3000 Dollar und zwei Schmerztabletten. Die Fahrkarte nach Hause kostete 60 Dollar, 100 Dollar verlangte ein Zöllner an der Grenze zu Bulgarien, 40 Dollar wollte einer an der rumänischen Grenze, Mihai bezahlte, alles tat weh, er hatte kein Gefühl mehr im linken Bein, 28 Stunden im Bus.

Am Abend des 19. April 1999 erreichte er Chisinsu, Moldaus Hauptstadt, Mihai wusste nicht, wo der Bus nach Orhei stand, er nahm ein Taxi, 150 Lei, 13 Dollar, in Orhei kaufte er ein Brot, hielt dann einen Wagen an und bat den Fahrer, ihn nach Susleni zu bringen, ins Dorf, es war Nacht.

Mihai legt die linke Hand aufs Gesicht, reibt Haut und Auge.

Großmutter war schon im Bett. Als sie mich hörte, stand sie auf und umarmte mich, ich gab ihr das Brot, sie holte gekochte Ostereier, wir aßen und redeten. Sie dachte, ich sei in der Hauptstadt gewesen, hätte dort eine Arbeit gefunden.

Am anderen Morgen gestand Mihai Is-traty seiner Großmutter, nun sei er reich und sei er sorgenlos, er habe eine Niere verkauft.

Holte Mihai am Brunnen Wasser, wartete er, bis jemand kam, der ihm half, die Kurbel zu drehen, er füllte den Kessel nur halb voll, ein voller war ihm zu schwer. Setzte er Zwiebeln, schmerzten die Beine, der Bauch, ständig war er müde, wollte nur schlafen. Du musst zum Arzt, sagte die Großmutter. Dafür, sagte der Enkel, habe ich nicht meine Niere verkauft.

Irgendwann, im Dorf unterwegs, traf er Iura Popusoi, den Nierenhändler. Iura sagte, es gehe ihm sehr schlecht, ob ich ihm nicht helfen könne, mit 400 Dollar, ich weigerte mich. Einige Tage später, wieder im Dorf, zerrten sie mich in ein Auto und brachten mich in Iuras Popusois Haus, Iura sagte: Ich brauche 400 Dollar, und ich weiß, du kannst mir helfen. Dann zeigte er mir seinen Keller: Darin schließe ich dich so lange ein, bis du mir das Geld geliehen hast. Sie kamen zu mir nach Hause, ich gab ihnen, was sie wollten, und erhielt es nie zurück.

Was hast du mit dem übrigen Geld gemacht? – Nichts. – Nichts? – Kartoffeln gekauft und Zwiebeln, Kleider, Schuhe, Mehl, Öl, einen Fernseher, ein Tonbandgerät.

Und wann war es verbraucht?

Nach einem Jahr, sagt Mihai Istraty und schaut zur Frau.

Lora kichert nicht.

Du lügst. Als wir heirateten, war nichts mehr da.

Sieben Monate nach der Operation, am 12. November 1999, heiratete Mihai Istraty ein Mädchen aus dem Dorf, Eleonora Trifan, die ständig lacht, der Ärmste, hieß es in Susleni, paart sich mit der Dümmsten. Lora gebar einen Sohn, Gabriel, die Republik Moldau schenkt ihm, solange er klein ist, jeden Monat 50 Lei, drei Euro.

Schließlich starb die Großmutter, klein und trostlos.

Mihai Istraty, wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen?

Er schweigt und schweigt, beginnt zu weinen.

Wovor hast du Angst?

Letzte Woche, krächzt jetzt Lora, bot ihm Iura 10.000 für seine zweite Niere. Da wurde mein Mann sehr wütend und stieß ihm das Knie in die Hoden. Deshalb wagt er sich nicht aus dem Haus, um zur Arbeit zu gehen, der Mihai. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2008)

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1 Kommentare
Gast: member
11.01.2008 16:10
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diesen Artikel

hab ich im exakt gleichen Wortlaut bereits vor 5 Monaten in der Zeitschrift NEON gelesen.

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