Legenden leben länger

29.02.2008 | 18:42 |  Von Reinhard Engel (Die Presse)

Leica, das deutsche Optikunternehmen mit beinahe magischer Aura, stand nahe am Abgrund. Ein österreichischer Eigentümer hat den Turnaround geschafft.

Die Website versprüht Optimismus. „Prüfingenieur“, liest man da unter den zahlreichen Stellenangeboten, „Relationship Manager Asien“ oder „Entwicklungsingenieur Optik“. Seit einigen Quartalen geht es aufwärts bei Leica. Schon stehen wieder mehr als 1000 Männer und Frauen auf den Gehaltslisten, Anfang des Vorjahres waren es noch 930 gewesen. „Und viele von ihnen haben früher schon einmal für Leica gearbeitet“, erzählte Steven K. Lee, der amerikanische Generaldirektor, noch vor Kurzem. „Ich glaube, ich habe mit jedem von ihnen zu Abend gegessen. Was man ihnen vermitteln muss, ist nicht nur eine glaubwürdige Strategie, sondern auch konkrete Ergebnisse.“

Lee ratterte dann gleich eine Reihe von Zahlen herunter: Umsatzsteigerungen, verbesserte Erträge. Das wohl Wichtigste dabei: Die Farbe der Bilanz ist nicht mehr blutrot wie in den vergangenen Jahren. Das Traditionsunternehmen mit dem bekannten Schriftzug im roten Punkt stand ganz nahe am Abgrund. „Ja, das Unternehmen war an der Kippe“, bestätigte auch einmal Gero Furchheim, früher bei Leica für Öffentlichkeit und Markenführung verantwortlich. „Mehrere Male gab es die Frage, ob es überhaupt weitergeht.“

Im Nachhinein scheinen die Gründe dafür klar: Die Marketing-Abteilung von Leica unterschätzte den dramatischen Umbruch von analog auf digital. „Wir haben damit gerechnet, dass sich ein Gleichgewicht einpendeln wird – etwa 70 zu 30 oder 80 zu 20 zugunsten von digital“, so Furchheim. Und in seiner klassischen, hochwertigen Nische sah sich Leica weiter gut aufgehoben. Von einem fast gänzlichen Kollaps des analogen Marktes wurde man dann kalt erwischt.

Ohne einen wagemutigen Investor würde es Leica möglicherweise heute nicht mehr geben. Die Leica Camera AG gehört zu mehr als 95 Prozent der österreichischen ACM Projektentwicklung GmbH des Salzburger Unternehmers Andreas Kaufmann, ehemals gemeinsam mit seinen Brüdern Großaktionär der Frantschacher Papierfabriken. Kaufmann stieß 2004 auf Leica, er hatte Investitionsmöglichkeiten in Mittelbetriebe gesucht und war dabei auch nach Hessen gekommen. Erst kaufte er sich mit rund einem Viertel ein, größter Aktionär des börsenotierten Unternehmens war damals noch der französische Luxuskonzern Hermes. Dessen Anteile hat ACM mittlerweile übernommen, den verbliebenen Aktionären wurde ein Abfindungsangebot gemacht, die Firma soll gänzlich von der Börse genommen werden.

Kaufmann musste in seiner kurzen Zeit bei Leica durch tiefe Tränentäler, er gibt auch zu, dass er die Probleme des Unternehmens anfangs unterschätzt hat. Die Traditionsfirma rutschte nahe am Konkurs vorbei, ein Kapitalschnitt und eine nachfolgende Kapitalaufstockung waren nötig. Die Verluste betrugen im Geschäftsjahr 2005/06 neun Millionen Euro, im Jahr davor waren es sogar 18 Millionen gewesen. Der finanzielle Turnaround gelang erst 2007, und in der Hauptversammlung im Spätherbst 2007 konnte Generaldirektor Lee erstmals wieder ein deutlich positives Ergebnis berichten.


Sucherkamera aus dem Reinraum

Doch seit vergangener Woche ist Lee Leica-Geschichte. Mit einem für deutsche Unternehmen ungewöhnlich scharfen Schnitt berief ihn der Aufsichtsrat ab und setzte Hauptaktionär Kaufmann für ein Jahr als Vorstandsvorsitzenden ein. „Bitte verstehen Sie, dass ich zu einem möglichen Verfahren nicht Stellung nehmen will“, erklärt Kaufmann und setzt nur kryptisch nach: „Da ist einiges vorgefallen.“ Seither spekulieren darüber Brancheninsider und Leica-Fans in ihren Web-Foren. Bloß US-Management-Härte und menschliche Unverträglichkeit sollten für einen derartigen Schritt eigentlich nicht genügen. Leica-Mitarbeiter, die nur allzu oft mit Lee im Clinch lagen, und alteingesessene Händler, die sich an den Rand gedrängt sahen, atmen auf. – Lee hatte einen Drei-Stufen-Plan verfolgt: Erst mussten die Zahlen stimmen. Das schaffte er. Als zweiter Schritt gelte es, die alten Leica-Stärken noch einmal zu betonen. Mit einer neuen Serie klassischer Objektive für die M-Sucherkamera konnte man das signalisieren. Die verkaufen sich so gut, dass bereits eine zusätzliche Produktionslinie eingerichtet wurde. Erst im dritten Schritt ging es darum, wieder insgesamt zu expandieren, neue Kameramodelle für alte und neue Zielgruppen auf den Markt zu bringen.

Die Basis für das zweite Leben von Leica liegt dennoch im Kern in der – späten – Hinwendung zur digitalen Welt. Ein Besucher muss im nüchternen Zweckbau im hessischen Solms, gebaut wurde er einst als Möbelfabrik, schon in die hinteren Gefilde vordringen, um ans Ziel zu kommen. Es geht einen kahlen Gang mit Linoleumfußboden entlang, und erst da findet sich Leica neu. Seit Herbst 2006 montieren hier weiß gekleidete Frauen und Männer das digitale Flaggschiff des Unternehmens, die Sucherkamera M8. „Die gestiegenen Sauberkeitsanforderungen bei der digitalen M8 machten eine Montage im Reinraum erforderlich“, berichtet Otto Domes, Ingenieur und technischer Projektleiter. Hier ist dem Fremden der Zutritt verwehrt, lediglich durch große Glasfenster lässt sich beobachten, wie die Kameras zusammengebaut, kalibriert und getestet werden. Es sind einige Dutzend Arbeitsplätze mit einem Flair irgendwo zwischen Uhrmacherei, Mikroelektronik und Biotech. Das neue Modell verkauft sich trotz des Preises von 4800 Euro nur für das Gehäuse so gut, dass bereits erhebliche Lieferverzögerungen entstanden sind.

Die späte Rettung des Unternehmens durch diese Kamera klingt wie ein warnendes Beispiel für weltfremdes Ingenieursdenken. Eigentlich hatten die Leica-Ingenieure bereits vor Jahren eine eigene Digitalkamera entwickelt. Sie brachte außerordentliche Leistungen, nur: Sie war am Markt vorbeigedacht. Es handelte sich um ein voluminöses Ding, mit dem man in allerhöchster Auflösung alte Landkarten in Museen einscannen konnte. Für den praktischen Gebrauch durch Fotoreporter oder Amateure war sie ungeeignet. Als etwas erfolgreicher, aber ebenfalls für den Massenmarkt untauglich erwies sich ein digitaler Rückenteil, den man für die Leica-Spiegelreflexkamera R entwickelt hatte, unter anderem mit dem US-Partner Kodak.

Apropos Partner: Schon frühere Leica-Managements hatten erkannt, dass sie sich auf Dauer nicht auf ein kleines, exklusives Marktsegment würden verlassen können. Daher suchten sie parallel zu Eigenentwicklungen nach internationalen Kooperationen für weniger zahlungskräftige Kunden. Die erste ging Leica mit Fujifilm ein, und ihr Ergebnis sollten eckige Hochformat-Digicams sein. Es war aber bloß Badge Engineering:Leica klebte nur sein Logo auf ein fremdes Produkt, sogar die Linsen kamen von Fuji. Die Erfolge bleiben aus, die Kooperation ging bald zu Ende, zu unterschiedlich waren die Interessenlagen. Mit dem neuen Partner Panasonic entwickelten sich die Dinge bald positiver: Die beiden Unternehmen brauchten einander und wussten, die gegenseitigen Stärken auch klüger zu nutzen. Panasonic – eine Gruppe des japanischen Matsushita-Konzerns – war bereits mit Videokameras erfolgreich und hatte dazu auch Optiken von Leica berechnen lassen. Nun wollten sich die Japaner – ebenfalls relativ spät – in den Massenmarkt für Digitalkameras vorwagen und sahen dafür im Image von Leica einen kräftig unterstützenden Hebel. Leica seinerseits rechnete die Linsen, überwachte deren Qualität und konnte auch auf den Montagebändern von Panasonic eigene Einsteigerkameras günstig mitbauen lassen.


Wie viel die Marke trägt

Diese sind mit verschiedenen Modellen, die unter dem Panasonic-Label Lumix verkauft werden, praktisch baugleich. Und am Anfang verschätzte man sich auch etwas dabei, wie hoch man den Leica-Aufschlag ansetzen könne: „Die erste D-Lux 1 war zwei- bis dreimal so teuer wie das vergleichbare Panasonic-Modell“, analysierte einmal ein Markenspezialist. „So viel trägt die Marke nicht.“ Heute liegen zwischen den Schwestermodellen, die alle in Japan gefertigt werden, maximal 500 Euro Differenz.

Leica – vielmehr früher die Firma Leitz – stand in den vergangenen Jahren nicht zum ersten Mal an einer lebensbedrohenden Richtungswende. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg schien man mit den schon bekannten Mikroskopen am Ende. Die Wirtschaftskrise hatte zu einem Rückgang der Bestellungen geführt, und alternative Produkte konnte man nicht vorweisen. Da gab der Firmenchef Ernst Leitz II. trotz zahlreicher warnender Stimmen seinem Chefingenieur Oskar Barnack grünes Licht für eine Neuentwicklung – eine kleine, leicht transportable Kamera für Fotos, die Kinofilmmaterial nutzte. Die Sache ging gut. LEItz CAmeras waren bald Sinnbild der Modernität, gleichermaßen beliebt bei Künstlern, Fotoreportern und wohlhabenden Amateuren. Die Erfolgsgeschichte setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg fort, bald war ein Konzern von bis zu 9000 Mitarbeitern entstanden. Dazu gehörten auch die Bereiche Mikroskopie und Geodäsie. Beides sind heute vom Kamerabereich unabhängige Unternehmen, jeweils Töchter von internationalen Konglomeraten.


Neues Leben am alten Stammsitz

Das Erfolgsprodukt des Kamera-Unternehmens ab den Fünfzigerjahren war die M, eine robuste Sucherkamera mit ausgezeichneten Optiken. Sie wurde weltberühmt durch Fotografen vom Status eines Henri Cartier-Bresson. Im Fotojournalismus hatte die Leica M allerdings schon vor der Digitalisierung an Bedeutung verloren: Die Spiegelreflexkameras mit Belichtungsautomatik und Autofokus waren nicht mehr aufzuhalten.

Jetzt, mit der digitalen M8, wirbt man wieder um die Profis. Und Leica kann an Expansion denken. Dazu hat das Unternehmen seine weltweiten Kunden genau analysieren lassen. Aber allein mit Marketing wird sich das langfristige Überleben des Unternehmens nicht sichern lassen. Im Kern liegt auch heute die technische Kompetenz. Also entwickeln die Ingenieure in Solms intensiv an mehreren Neuerungen – bis zur Fachmesse Photokina im Herbst in Köln muss Leica Konkretes vorweisen können.

Die Zeit ist knapp, in den wenigen verbleibenden Monaten Neuheiten produktionsreif zu machen, die sowohl den Ansprüchen der Fachpresse und jenen der Leica-Kunden genügen. Aber genauso wichtig wie die kreative Arbeit der Ingenieure bleibt dabei der finanzielle Rückhalt durch einen überzeugten Eigentümer. Andreas Kaufmann eröffnete vor wenigen Monaten in Wetzlar, am alten Stammsitz von Leica, einen Business-Park. Dorthin soll das Unternehmen übersiedeln, in neue Hallen. Es wird ein Firmenmuseum geben und einen Shop für neue und gebrauchte Kameras, die Besucher können durch große Glasfenster bei der Montage zusehen. Auf die Einladung zur Eröffnung ließ Kaufmann sein Motto drucken: „Wahre Realisten sind Visionäre.“ Aber auch sie müssen letztlich Geld verdienen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2008)

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