Christa Ludwig, zur Feier Ihres runden Geburtstags ist eine DVD mit Liedaufnahmen in den Handel gekommen, entstanden zu einem Zeitpunkt, als Sie sich schon entschlossen hatten, nicht mehr aufzutreten. Sie haben immer betont, Ihren Rückzug von Bühnen und Konzertpodien nie bereut zu haben. Hören Sie sich eigene Aufnahmen an?
O ja. Als ich diese Aufnahmen hörte, war ich erstaunt. Das war ein Demonstrationsband für Studenten, das zeigt, wie man sich auf der Bühne benimmt. Erst jetzt hat „Arthaus“ gefragt, ob das nicht auch veröffentlicht werden könnte. Ich habe mich gefreut zu hören, wie gut ich noch gesungen habe, nachdem ich schon aufgehört hatte!
Freuen Sie sich über Ehrungen zum Achtziger?
Natürlich. Ich bekam da während einer Feierstunde in der Staatsoper ein „Silbernes großes Ehrenzeichen“ oder so. Daraufhin hat einer im Publikum gefragt: Warum nicht in Gold? Jedenfalls hab ich mir das kleine Ding mit silbernem Schleifchen gleich an meinen Pullover gesteckt – wo sonst hätt ich's hintun sollen? Auf dem Philharmonikerball habe ich bei Christl Schönfeld gesehen, wie man verschiedene Orden an einer Nadel festmachen kann. Das wünsche ich mir auch. Muss ja nicht aus Brillanten sein. Ich hab auch einen anderen Orden bekommen, der hat ein goldenes Schleifchen. Das steckt jetzt anderswo dran. Ich habe viele Schleifchen gesammelt. Man hat mir gesagt, dass in der Staatsoper, wenn ein Ehrenmitglied gestorben ist und im Foyer aufgebahrt wird, ein schwarzes Kissen daneben liegt mit den Orden drauf. Das sieht ja nicht gut aus mit nur einem Orden. Damit habe ich mich schon beschäftigt.
Das sagen Sie fröhlich lachend, also vielleicht doch ein wenig ironisch.
Na, ich fange schon an zu organisieren. Ich weiß jedenfalls längst, welche Musik ich mir zu diesem Anlass wünsche. Ich möchte, von mir gesungen, Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Ist doch gut, nicht?
Sie beobachten das Musikleben nach wie vor sehr aufmerksam. Was halten Sie von Meldungen wie jener, einige der meistbegehrten jungen Sänger hätten noch keine Verträge mit der designierten Wiener Staatsoperndirektion, die immerhin bereits im Herbst 2010 antritt?
Ach, wenn ich höre, es gibt Sänger, die noch keinen Vertrag haben, dann kann ich nur sagen: Ich habe so viel ohne Verträge gesungen. Ab einem gewissen Status braucht man keine Verträge. Wenn es um Verträge geht, muss ich immer an Frau Direktor Gruder-Guntram im Musikverein denken, die in der Pause eines Liederabends zu mir in die Garderobe kam und fragte: Christa, wie viel wollen Sie denn? Daraufhin ich: Na ja, was geben Sie mir denn? Na, fragte sie zurück, was haben Sie denn letztes Mal gehabt? Und ich sagte: Ich weiß nicht mehr genau, aber kann's ein bissel mehr sein?
Verträge gab's also keine?
Als ich in Wien ankam, habe ich mindestens ein halbes Jahr ohne Vertrag gesungen, weil der noch nicht ratifiziert war. Das ist die Bürokratie hier. In Darmstadt habe ich vorher überhaupt ohne Vertrag gesungen! Da war Gustav Rudolf Sellner Direktor, der meinte nur: Ist nicht ein Handschlag Vertrag genug?
Hat sich das nicht geändert, mittlerweile?
Also, wenn ich höre, dass Nina Stemme noch keinen Vertrag hat, dann kann ich nur sagen: Das ist eine großartige Sängerin, die alles singen kann. Und die wird überall gebraucht.
Ja, eben. Wer sie früher hat, hat sie.
Aber sie wird Wien vorziehen. Man hat doch seine Prioritäten.
Haben Sie einmal Wien vorgezogen, obwohl Sie anderswo singen sollten?
O ja, als es um die „Carmen“ in der Otto-Schenk-Inszenierung ging! Das war Mitte der Sechzigerjahre, und ich sollte damals die Marie in einer „Wozzeck“-Neuinszenierung in Paris singen. Dann kam Schenk mit dem Carmen-Angebot. Ausgerechnet! Die Carmen war ein Sorgenkind von mir – einmal hat Karl Löbl geschrieben: „Trotzköpfchens Zigeunerhochzeit“. Jedenfalls habe ich Schenk zuerst gefragt: Wie wollen Sie's denn machen? Wenn das so ist wie „Neckermann macht's möglich“ mit Händen, in die Hüften gestützt, dann kann ich das nicht. Ich bin ein Antityp von Carmen. Das geht nicht. Aber er hat gemeint: Nein, nein, das ist so wie die Frau von nebenan, die die Freiheit liebt. Daraufhin hab ich mich für Wien entschieden, gegen Paris. Das war aber das einzige Mal, dass so etwas passiert ist. Sonst war doch immer alles vier, fünf Jahre im Voraus geplant. Das Schöne war, dass die Dirigenten wussten, was sich ein Sänger in vier, fünf Jahren wird zumuten können – und was nicht oder nicht mehr.
Dirigenten und Intendanten in unseren Tagen scheinen da leichtfertiger – oder weniger interessiert.
Ich glaube, die jungen Sänger haben es heute schwerer, weil sie geldgieriger sind. Ich meine die Topsänger. Die Kleinen kriegen ja miserable Gagen, die kaum zum Leben reichen. Die Berühmten aber bekommen so viel, dass sie verleitet sind, immer noch mehr zu singen, um besonders viel zu kassieren. Das ist schade, denn zum Singen gehört auch eine gewisse Reife. Ich erinnere mich sehr gut an eine Begegnung mit Dietrich Fischer-Dieskau und seiner ersten Frau. Er war damals vielleicht 30 und schon sehr berühmt. Die Frau hat an diesem Abend zu mir gesagt: Der Dieter, der müsste jetzt eigentlich eine Pause machen, damit er menschlich seinem Erfolg nachkommt. Dem Erfolg nachkommen! Da ist was Wahres dran. Der Erfolg läuft einem davon. Man braucht eine gewisse Ruhe, um ihn zu verkraften. Ich sag immer: Karriere macht man mit dem Kopf. Nicht mit der Stimme. Gesang soll ja beseelt sein, den Sinn der Worte vermitteln. Es geht niemals nur darum, schöne Töne zu produzieren. Wenn einer nur schön singt, dann freut einen das fünf Minuten lang, dann wird es fad. Deshalb liebe ich die Callas so sehr. Bei meiner Geburtstagsfeier jüngst in der Staatsoper wurde das Duett aus Bellinis „Norma“ gespielt aus der Aufnahme, in der ich an der Seite der Callas die Adalgisa singe. Da fange ich an und singe sehr schön. Aber dann singt die Callas dieselbe Phrase, und das ist dann noch einmal etwas ganz anderes.
Wie reagiert man denn als junge Sängerin, wenn man bemerkt, dass die Kollegin noch viel schöner singt – oder ausdrucksvoller?
Damals hab ich das ja nicht bemerkt. So etwas merke ich erst, wenn ich die Platte anhöre. Aber der Zuhörer merkt den Unterschied natürlich. Für mich war das damals einfach noch zu früh.
Sie haben sich durch alle Schwierigkeiten, durchgebissen, beraten von Ihrer Mutter.
Für mich kam es ganz selbstverständlich, dass ich Sängerin wurde. Ich musste nach dem Krieg ja meine Familie über Wasser halten. Ich hatte gar keine anderen Ambitionen. Als ich in Wien anfing, hatte ich allerdings immer noch Schwierigkeiten mit den Höhen.
Im berühmten Staatsopern-Ensemble dieser Zeit gab es doch harte Konkurrenz in den eigenen Reihen.
Wenn ich morgens merkte, oje, ich habe das hohe A nicht, dann konnte ich absagen. Bis zwölf Uhr darf man ja absagen. Da rief ich an in der Regiekanzlei: Ich kann heute nicht singen. Ach, sagten die, Sie können heute nicht singen? Gut. Dankeschön. Da war ich beleidigt. Aber es waren ja tatsächlich noch zwei, drei andere da, die den Octavian singen konnten. Wir waren allerdings auch nicht gut bezahlt. Als ich meine ersten Konzerte im Konzerthaus sang, bekam ich am Abend 1000 Schilling. Ein Kleid auf der Mariahilfer Straße kostete 1500 Schilling. Ich hatte nie Geld. Gott sei Dank gab es meine Tante, die mir Geld lieh, wenn ich wohin fahren musste, um Konzerte zu geben. Ich weiß noch, dass ich im ersten Jahr in die Staatsoperndirektion ging und meine gesammelten Rechnungen vorzeigte, um zu beweisen, dass ich von meiner Gage nicht leben konnte. Da bekam ich dann für die großen Partien, die ich damals schon sang, grade 28 geworden, die Eboli, die Brangäne, eine Zulage.
Die großen Partien sind Ihnen schnell zugefallen, Sie mussten sich nicht bemühen darum?
Anfang der Sechzigerjahre kam die „Parsifal“-Premiere unter Karajan. Da sagte meine Mutter zu mir: Christa, du musst die Kundry singen. Ich hatte keine Ahnung, was die Kundry ist, und ging zu Karajan mit der Bemerkung: Meine Mutter sagt, ich soll die Kundry singen. Er hatte ja in Aachen als junger Generalmusikdirektor mit meiner Mutter „Parsifal“ und „Fidelio“ gemacht – und jetzt, ein Vierteljahrhundert später, war ich da. Da hat er zu mir gesagt: Haben Sie die Kundry schon irgendwo gesungen? Nein, sagte ich, nie. Ja, fragte er weiter, wie können Sie es wagen, hier in Wien zum ersten Mal eine solche Partie singen zu wollen? Hab ich zu ihm gesagt: Mit Ihnen kann ich das! Das war allerdings das einzige Mal, dass ich um eine Partie gebeten habe. Meine Stimme hatte damals einen großen Umfang bekommen – und plötzlich wollten alle Dirigenten mit mir alles Mögliche machen. Karajan, Böhm und Bernstein wollten mich als Isolde!
Kann man solchen Größen ohne Schaden nein sagen?
Man hat halt geredet mit ihnen. Karajan hat mir einmal auch die „Siegfried“-Brünnhilde angeboten. Die hab ich auch gelernt, ihm aber dann zwei Monate vorher abgesagt. Daraufhin hat er mir gesagt: Christa, Sie sind wie eine Katze. Einem Hund befiehlt man: Spring – und er springt. Eine Katze schaut erst, ob sie springen kann. Für den Sänger geht es ja auch darum, wie oft er eine Partie singt. Ich habe mir bei den großen Partien immer ausbedungen: drei Tage Pause. Den Tag nach der Aufführung war ich hin, den zweiten habe ich mich erholt, den dritten habe ich mich wieder eingesungen für die nächste Vorstellung.
Hat die Musik in Ihrem Leben nach der Bühnenkarriere eine große Rolle gespielt?
Eigentlich wird die Stille für mich immer wichtiger. Aber wenn eine Achte Bruckner auf dem Programm steht, dann schalte ich das Radio sicher ein . . . ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2008)

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