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Light my fire

21.03.2008 | 18:25 |   (Die Presse)

Der Ausdruck einer Hoffnung, die immer noch unerfüllt ist. The Doors, Bob Marley, Pink Floyd und all die anderen: Generation Beat – Marlene Streeruwitz, Felix Mitterer, Doron Rabinovici und Franzobel erinnern sich.

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Felix Mitterer


Im Sommer 2006, bei einer Premierenfeier, wurde Tanzmusik von heute aufgelegt, aber keiner tanzte. Da sah ich beim DJ eine CD von Creedence Clearwater Revival liegen. Also wünschte ich mir "Suzie Q". Und sofort strömten hundert Menschen jeden Alters auf die Tanzfläche und zuckten aus. So war das, und so bleibt das.

Doron Rabinovici 

Manche Lieder bringen uns zur Welt. Sie sind mehr als das Motiv einer Saison. Wenn ich Bob Marley höre, denke ich an keinen bestimmten Sommer, nicht an jenen Urlaub am italienischen Strand oder auf Winterpisten, wo ein Hit dröhnt, um Gäste aufzuheitern. Ich hörte seine Rhythmen im Golf von Akaba, die Berge Arabiens karminrot, die Küste Jordaniens zum Greifen. Der Sinai unter israelischer Kontrolle, ein besetztes Gebiet, aber hier, in diesem Dorf abseits von Armeedienst und Heldentum, fanden sich Leute, die keine Uniform trugen. Nackt lagen wir im Sand. Niemand noch fürchtete, durch Sex immunschwach zu werden. Seine Melodien schufen Platz, sie erschlossen Raum. Auf allen Kontinenten, wo diese Jugendrevolte ihre Zelte aufschlug, wo immer Hippies und Globetrotter zusammenströmten, erklang Marleys Sound.

Ich war kein Fan so wie jene, die damals für ABBA schwärmten. Ich war aber auch weit davon entfernt, ein Rasta sein zu wollen. Zunächst war ich nie cool genug, mein Leben unter das Motto einer Musik zu stellen. Ich glaubte an kein höheres Wesen und erhoffte mir von keinem Rauschmittel Klarheit. Stattdessen war ich einer, der sich durch alle Genres durchschlug und überall ein wenig mitnaschte. Ich rannte an einem Samstag in die Oper, um Stehplätze für „Elektra“, dirigiert von Karl Böhm, zu erhaschen, und am nächsten Wochenende tat ich mich als Besetzer des alternativen Kulturzentrums um. Ich wusste nicht viel von Bob Marley, dennoch prägte mich und andere seine Musik. Sie gab den Takt vor.

Bob Marley war nicht die Nummer eins in den USA, in Europa oder gar in Österreich. Marleys Wirkung auf die Kunst war vor allem eine bleibende. Er schuf nicht nur einen Stil, sondern ein Genre, das alle Wellen jamaikanischer Musik umfasste, ob Ska, Rocksteady oder Reggae. Zugleich war Reggae mehr als Musik, war der Pulsschlag einer Bewegung und eines Gefühls, das von Jamaika ausging, aber eine neue Welt erschloss. Hier ging es um eine spirituelle Revolte, die aber politische Auseinandersetzungen nicht scheute. Get up, stand up / Stand up for your rights / Get up, stand up / Don't give up the fight, sang Bob Marley und fügte hinzu: You, preacher man don't tell me / Heaven is under the earth. Er lullte, um mit Heine zu reden, niemanden mit dem großen Eiapopeia vom Himmel ein. Marley kannte ein besseres Lied von irdischen Verheißungen. In den Wohngemeinschaften hängt seit damals neben dem Poster von Che jenes von Marley.

Er war der erste Superstar, der aus der sogenannten Dritten Welt kam, aber daran erinnerte, dass alle Menschen eine einzige Welt zu teilen hatten. „One Love, one Heart“ lautete seine Parole. Viele verstanden nicht, wovon er sprach, meinten, sein Text „No Woman No Cry“ bedeute etwa, ohne Frauen gäbe es kein Gezeter. Aber Marley war frei von jenem Chauvinismus, der bei anderen Musikern des Reggae zu vernehmen ist. Sein Song handelte vom Leid der Frauen im Ghetto. Er wollte ihnen Mut zusprechen.

Es muss in den frühen Achtzigern gewesen sein, als in Wien das Boonoonoonoos eröffnet wurde. Hier trafen einander vor allem Afrikaner, die in Wien lebten. Auch mich zog es dahin. Vielleicht wollte ich als Jude, als Israeli in dieser Stadt, mich lieber unter Fremden bewegen. Ich schaukelte zu den Rhythmen dieser Musik, die voller Melancholie und Hoffnung zugleich war.

Welcher Sound hätte besser ins Boonoonoonoos gepasst? Die Texte handelten von Liebe und Passion, aber auch von Rassismus und Verfolgung. Auf Jamaika war die Sklaverei bereits im frühen 19.Jahrhundert abgeschafft worden. Auf der Insel konnte sich eine Kultur der Befreiung artikulieren, die dennoch die Erfahrungen der Knechtschaft und der Zwangsarbeit nicht vergessen hatte. Die Religion der Rastafari richtete sich gegen die Unterdrückung der Schwarzen, träumte von einer Rückkehr nach Afrika. Sie suchten nach einem König, der sie zurückführen würde, und glaubten ihn in Ras ta Makonnen, der als Haile Selassie zum Herrscher Äthiopiens wurde, gefunden zu haben.

Ich hegte eine orthodox atheistische Schwäche für diesen Glauben an die Heimkehr in ein südlicheres Zion, für die Verehrung eines Nachkommens des biblischen Königs Salomon und der Königin von Saba. Immerhin wurde Haile Selassie als König von Juda verehrt. Wenn ich ins Boonoonoonoos ging, Rum trank und tanzte, ließ ich mich ein wenig befremden, weil ich mich ohnehin in Österreich nicht heimisch fühlte.

Heute höre ich Bob Marley in jeder Dorfdisco. Sein „One Love“, einst eine Hymne gegen Gewalt, wird von der Tourismusbehörde Jamaikas verwendet, um Gäste auf die Sonneninsel zu locken. Der Outcast wurde zum Werbeartikel, vielleicht eben deshalb, weil er weiterhin anders als jene Popstars wirkt, die heute die Charts dominieren. Marleys Musik war kein Industrieprodukt. Sie war der Klang einer Bewegung und blieb der Ausdruck einer Hoffnung, die immer noch unerfüllt ist.

Marlene Streeruwitz

Ach, die Doors. Come on Baby light my fire.Wie oft hatte das dann auch wirklich dazu geführt. Irgendeine Art des Entflammens fand sich immer, und die Babys ließen sich von der dunklen Stimme Jim Morrisons den Auftrag durchaus gefallen. Es waren ja gerade alle unterwegs, ihr Feuer im Entzünden eines anderen zum Brennen zu bringen. Noch war diese alles überspannende Zärtlichkeit Ausrede genug, die Mahnungen der Eltern zu vergessen. Zumal ja auch die europäischen Eltern den Vietnamkrieg vertraten. Je nach Land dringlicher oder mit weniger Nachdruck.

Es waren die Eltern, die selber den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten, und in der Logik ihrer eigenen autoritären Erziehung gehörte es dazu, dass die nächste Generation ebensolche Entbehrungen und Schrecken erleben musste. Und die wollte nicht. Und die Unterstützung kam aus den USA.

This is the end. Heute sagen die noch lebenden Urmitglieder der Doors, dass die Europäer kein Englisch verstanden. Dass niemand in Europa wusste, was das alles soll. Damals. Aber. Wir hatten die kaputten Väter und Mütter schon zu Hause sitzen. Wir wussten, wie die Folgen des Kriegs sich in die Familien schlagen. Wie die Väter brütend und jähzornig aus nur ihnen zugänglichen Erinnerungen auffahren konnten. Wie die Mütter, die in Depressionen versanken, gerade noch den Verrat an ihren Töchtern leisten konnten und sie an die Väter auslieferten.

Wir konnten verstehen, wenn jemand sang, give me asylum, und wir wussten, warum jemand sterben musste, wenn er nicht gleich die next whiskybar finden konnte. Und gerade in den langen Instrumentalpassagen sind all die kleinen Verzweiflungen eines solchen kindlichen Wissens gespiegelt. In aller Finesse.

Unlängst. Es musste wieder einmal gegen eine ungerechtfertigte Ausschaffung von Asylbewerberfamilien demonstriert werden. Da hätten die Doors wieder von vorne beginnen können und darüber reflektieren, was es bedeutet, dass weiter behauptet wird, that you can petition the Lord with prayer. Sehr, sehr ausgeklügelte Kinder mit trotzigem Sex, der mehr mit den Eltern zu tun hat als mit eigenen Wünschen.

Heute. Heute für uns als endgültig aufgelöste postmoderne Subjekte. Heute ist diese Musik mühelos zu hören und in ihrer puren musikalischen Qualität bestechend. Was damals wie Überschreitungen erschien, ist mittlerweile Voraussetzung. Die Ausdehnung des Formats auf bis zu zehn Minuten. Die vielen Einflüsse von Ravi Shankar bis „grassroot folk“. All die Eklektizismen, die damals das Hören so abenteuerlich machten. Die eigene Fragmentierung lässt jeden Bruch und jede Digression folgen. Darin ist diese Musik prophetisch gewesen.

An etwas konnte ich mich nicht erinnern. Oder ich konnte das nicht wahrnehmen. Damals. Die lakonischen Schlüsse. In der amerikanischen Kurzgeschichte gibt es am Ende einen Akkord, der ohne Nachhall abbrechen muss. In der Kurzgeschichte muss ein letzter Satz sich gegen die gesamte Geschichte davor stemmen. Eine erstaunliche Endung muss das sein. Eine überraschende Endung. In einem Satz wird die ganze Story eingesprochen und aufgehoben. Then they started to kill the girls, kann es da heißen, nachdem zwei Familienväter auf eine dieser Spritztouren mit dem Auto aufgebrochen sind. Bei den Doors bleibt dieser eine Akkord, der das Stück so gemütlich abrunden würde, ungespielt und stemmt diesen Abbruch gegen das vorhergehende Musikstück.

Damit wird in aller Konsequenz der Musik der Vorrang gegeben. Der Ästhetik. Und nicht der Soziologie einer Veranstaltung.

Franzobel

Plötzlich war da dieser Einverleibungsgedanke, breitete sich aus, setzte sich fest, wurde zum Wunsch, zur fixen Idee, einen Menschen zu verzehren, aber nicht wie Artemisia, die die noch warme Asche ihres toten Bruders und Gatten Mausolos mit Wein trank, um ihm ein lebendiges Grab zu sein, und auch nicht wie der österreichische Drogenjunkie aus Wimpassing, der sich seine eigene große Zehe abhackte und mit Knoblauch zum Zehensteak briet, sondern wie der Kannibale von Rothenburg, der einen Menschen geschlachtet, tranchiert und in die Tiefkühltruhe gepackt hat, um ihn später beim stilvollen Abendessen zu verspeisen.

Natürlich war dieser Wunsch nach Menschlichem nicht rechtens, ein Unsinn, den ich so rasch wie möglich verbannen musste. Um mich auf andere Gedanken zu bringen, schaltete ich das Radio an. Da erklang gerade „Baby Lemonade“ von Syd Barrett. Ich kannte dieses Lied, es war das erste auf einer seiner beiden Solo-LPs, deren Cover gemalte Insekten zierten. Insekten mochte ich nie essen. Syd Barrett, ein Name wie ein sirrendes Insekt, Syd Barrett hatte mich vor 20, 25 Jahren fasziniert, da gab es in einer Pink-Floyd-Doppel-LP diese Bilder eines unglaublich hübschen, jungen Mannes mit großen, traurigen, von Drogen verdrehten Augen, Bilder, wie er mit einem Gitarrenkoffer zwischen amerikanischen Straßenkreuzern sitzt und grinst, strubbelige Frisur, so wollte ich auch einmal aussehen, cool.

Dieser Syd Barrett war Mitbegründer von Pink Floyd, ein Name, der in den Achtzigerjahren in der österreichischen Provinz einschlug wie ein Blitz. Da, wo man kleine Grammel-, Speck- und Bratknödel isst, prangte damals Pink Floyd an allen Häuserwänden und Brückenpfeilern.

Ich selbst hatte groß mit Lippenstift „Pink Floyd“ auf meine Schultasche geschrieben, was mir heute unverständlich ist. Was treibt einen jungen Menschen an, sich mit einem Bandnamen auszuweisen? Noch dazu mit einer Band, deren Ruf seit dem kommerziellen Erfolg von dem eher gehaltlosen Film The Walldubios geworden war.

Aber Syd Barrett war, wenigstens in meiner Fantasie, ein Genie, ein Durchgeknallter, der kreative Kopf der Band, für die er allerdings zu unverlässlich war. Man schmiss ihn raus. Angeblich lebte er danach zurückgezogen in Südengland bei seiner Mutter, war fast erblindet und malte grandiose Bilder, die er nach ihrer Fertigstellung allesamt vernichtete. Ein später Nachfahre des Landschaftsmalers in Adalbert Stifters Nachkommenschaften, dessen Vorbild als Bierbrauer im oberösterreichischen Redl-Zipf wohnte?

Ich höre schon lange keine Popmusik mehr, weil ich die Verlogenheit dieses Geschäftes nicht ertrage. Gut, alle sind verlogen. Alle spielen die Rolle, die man ihnen zuschreibt. Warum sollen Schriftsteller moralisch integrere Menschen sein als andere? Schriftsteller sind Kannibalen!

Während meiner Zeit als Burgtheaterkomparse war ich entsetzt über die derben Kantinengespräche der Schauspieler. Bevor sie große Monologe für Freiheit und Toleranz spielten, fraßen sie Wurstsemmeln oder Kaviarbrote, machten chauvinistische Witze oder unterhielten sich über ihre Hunde, Möbel und Steuervorteile.

Am meisten aber schockierte mich Tom Waits, dessentwegen ich zu trinken und zu rauchen angefangen hatte – und dann stellte sich heraus, dass er selbst nur grünen Tee trank, vegetarisch aß und strenger Nichtraucher war. Ähnliche Enttäuschungen erlebte ich ständig. Gerade in der Popmusik. Die Einzigen, die mich nicht enttäuschen konnten, waren die Toten, die für ihre Kunst gestorben waren oder wie Syd Barrett wegen Drogen oder anderen Aussetzern nicht though genug für das Geschäft waren.

Das alles dachte ich, während „Baby Lemonade“ erklang. Dass sich die omnipräsente, aus allen Löchern dudelnde Popmusik uns alle einverleibte, so wie auch ich mir jemanden einverleiben wollte, doch daran durfte ich nicht denken.

Was schaust du mich so komisch an, fragte meine Frau. Tatsächlich hatte ich schon länger ihren Oberarm fixiert und große Lust bekommen hineinzubeißen. Wie so ein rohes Menschenfleisch wohl schmeckte? Was bedeutet „Baby Lemonade“ eigentlich? Eine mit Limonen angerichtete Geliebte? Eine Mädchenlimonade? Reiß dich zusammen, sagte ich zu mir, sah mir selbst zu, wie ich da am Küchentisch saß und die Arme meiner Frau fixierte.

Ich glaube nicht mehr an die Popmusik, ich glaube, sie ist ein großer Schwindel, und wenn ich alte Lieder höre, muss ich unweigerlich an Autofahrten durch eine hügelige, oberösterreichische Landschaft denken, durch kleine Bauerndörfer, in denen verhärmte Menschen sitzen und ihre kleinen Brat- und Grammelknödel essen. Die Popmusik hat uns auf den Arm genommen, gespießt, gegrillt und verzehrt. Die Popmusik ist ein Kannibale.

Die Einzigen, die da nicht mitgemacht haben, sind Leute wie Syd Barrett, Brian Jones, Stu Sutcliffe und andere, daher halte ich sie für genial, dabei sind sie auch nur gescheiterte, schwache Menschen, deren Leben irgendwie verkracht ist, aber wenigstens zum Mythos wurde. Wer sich durchsetzt und wer nicht, hängt von Zufällen und Glück ab. Kannibalen sind wir alle. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2008)

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1 Kommentare
Gast: Tochter Zion
23.03.2008 14:38
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Der neue Name Zions, aus Gottes Mund.

Hallo,

Ich habe im Namen Gottes ein Friedenskonzept geschrieben. ( Grafik und kommunikationsdesign, Soziologie- Einblicke.)
Frieden ist göttlichen Ursprungs. Kein Frieden den Gottlosen denn sie können nicht schlafen sie haben denn Schaden getan.

Die Türe die ich bewacht habe ist geschlossen. Das was den heiligen Geist angetan wird kann nicht vergeben werden.

"Alle die dieses Jahr sterben die sterben für immer." Der Geist Nebukadnezar, 2006 zu Audell.
Der könig zu Babel hat mich gefressen und umgebracht.
Und die Österreicher haben mein Eigentum. Diebe

"Die Toten sollen ihre Toten begraben und die Lebenden bei den Lebenden bleiben damit aus Israel alle erlöst werden." Der HERR Jesus Christus, 2006 zu Audell.

Und der Gott der Himmel und Erde gemacht hat, der HERR HERR Zebaoth, der Gott Israels hat mir seinen meinen neuen Namen gegeben.

Die Kriegerin und Tochter Zion
Audell Aiwa. Aiwa aus dem Munde Gottes des HERRN Zebaoth.

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