Rund ein Drittel aller Stadtbewohner lebt derzeit in Slums, weltweit geschätzt eine Milliarde Menschen. Nicht zufällig spricht der US-amerikanische Urbanist Mike Davis in seinem jüngsten Buch von einem „Planeten der Slums“. Armut und Schmutz, verseuchtes Trinkwasser, mangelnde Gesundheits- und Sozialversorgung – die Beschäftigung mit Slums als spezifische Lebens- und Wohnform hat, so lässt sich postulieren, größere Aktualität denn je.
Historisch gesehen, fand der erste Höhepunkt dieser Entwicklung gegen Ende des 19. Jahrhunderts statt, als sich die Lebensverhältnisse in den europäischen Metropolen radikal zu verändern begannen: Industrialisierung und Urbanisierung schufen die moderne Großstadt, zu der auch jene von der Masse des Industrieproletariats bewohnten Elendsviertel gehörten, die man in England und bald auch in Kontinentaleuropa Slums nannte (slum = kleine, schmutzige Gasse).
Sozialreformer, Armenpfleger, Missionare, Journalisten und Literaten begaben sich in die neu entstandenen Gebiete, begannen sie zu erkunden wie einen fremden Kontinent, auf dem man die letzten weißen Flecken und seine bis dahin unbekannten Bewohner zu entdecken hoffte. Als großstädtisches Phänomen breitete sich diese kolonial geprägte Attitüde in der ganzen westlichen Welt aus, wie die vor Kurzem im „Wien Museum“ gezeigte Ausstellung „Ganz unten. Die Entdeckung des Elends – Wien, Berlin, London, Paris, New York“ auf anschauliche Weise demonstrierte.
Ab den 1880er-Jahren wurden die Ergebnisse dieser „Forschungsreisen“ in Form von Büchern und Lichtbildvorträgen publiziert. In Berlin veröffentlichte Hans R. Fischer seine aufsehenerregenden Eindrücke („Unter den Armen und Elenden Berlins“, 1887); in Wien erschienen die berühmt gewordenen Berichte von Max Winter („Im dunkelsten Wien“, 1904) und Emil Kläger („Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens“, 1908) oder das christlich-karitative Überlegungen in den Mittelpunkt stellende Werk von Hanns Maria Truxa („Bilder und Studien aus dem Armenleben der Großstadt Wien“, 1905); in der Schweiz schließlich veröffentlichte die Journalistin Else Spiller 1911 ihr Buch „Slums. Erlebnisse in den Schlammvierteln moderner Großstädte“ – ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswertes Werk.
Geboren am 1. Oktober 1881 in Seen bei Winterthur, wuchs Else Spiller in einem klassischen Arbeitermilieu auf: Ihre Mutter war Fabrikarbeiterin, ihr Vater Monteur in einer Maschinenfabrik. 1889 zog die Familie nach Zürich, wo Spiller im Alter von 17 Jahren mit journalistischen Versuchen begann. Die „Schweizer Hauszeitung“ druckte ihren ersten Artikel ab, andere lokale Zeitungen folgten. Spillers zentrales Thema war das Alltagsleben in der Stadt, namentlich in ihrem unmittelbaren Wohnort Zürich.
„Nachtseiten des Lebens“
Auf der Suche nach Themen gelangte sie in das von der Heilsarmee betriebene Nachtasyl in Aussersihl. Ergriffen von der Not der dort aufgenommenen Menschen, berichtete sie über die erschütternden „Nachtseiten des Lebens“, geleitet von einem aufklärerischen Impetus: „Es lag mir viel mehr daran, das Leben zu schildern, wie es wirklich war; diejenigen, die es besser hatten, darauf aufmerksam zu machen, wie viele im Schatten stehen müssen.“
Neben Sozialreportagen schrieb sie bald auch Theaterkritiken, daneben intensivierte sich der Kontakt zur Heilsarmee, für die Spiller nun offiziell den Pressedienst übernahm. Die Beschreibung dieser christlichen Hilfsorganisation, die 1865 im Londoner Elendsviertel Whitechapel gegründet worden war, sollte dann auch ihre erste Buchveröffentlichung werden: „Was ist, was will, was tut die Heilsarmee?“ (1909) wurde zum ersten umfassenden deutschsprachigen Werk zur Geschichte dieser Organisation. Damit begann die literarisch produktivste Phase im Leben der noch nicht ganz 30-Jährigen. Der Verleger Jean Frey nahm sie in das Redaktionsteam der „Schweizerischen Wochenzeitung“ auf, womit sie – wie nicht ohne Stolz im eigenen Blatt verlautbart – „zur ersten Redakteurin einer politischen Zeitung in der Schweiz“ wurde. Neben ihrer Tätigkeit für den Frey Verlag fand Spiller noch Zeit für andere Auftraggeber. Bahngesellschaften und Verkehrsvereine, die die Alpen touristisch zu erschließen begannen, bestellten Artikel bei ihr, sodass sie sich schon bald einen Namen als Reiseschriftstellerin machte.
„Slums“ sollte Spillers zweites Buch über die Heilsarmee und deren europaweite Verbreitung werden. Seit 1880 agierten die Mitglieder der streng militärisch geführten Organisation („Salutisten“) auch in Irland, in den USA und Australien, seit 1881 in Frankreich, seit 1882 in der Schweiz und seit 1886 in Deutschland. 1912, im Todesjahr des legendären Gründers William Booth, war man unter dem bis heute gültigen Motto „Suppe, Seife, Seelenheil“ bereits in 58 Ländern tätig. Eine derart dichte Infrastruktur bot ideale Voraussetzungen für Spillers Vorhaben, die Elendsviertel in Europas Großstädten zu vergleichen. Mit Hilfe der Heilsarmee konnte sie als Frau – angeführt von „Salutistinnen“ – die keineswegs so leicht betretbaren Slums erkunden. Beide Aspekte waren ein Novum in der journalistischen Stadtforschung der Jahrhundertwende, deren Protagonisten zumeist Männer waren, die über die Verhältnisse in einer einzelnen Stadt berichteten.
Else Spillers Schilderungen basierten im Wesentlichen auf drei Reisen, die sie zwischen 1906 und 1910 in Mittel- und Westeuropa unternommen hatte. Ausgangspunkt waren ihre Erlebnisse in Wien. Voll Neugier hielt sie sich im Sommer 1906 14 Tage lang in der Reichshaupt- und Residenzstadt auf, die zunächst einen „wunderbaren Eindruck“ auf sie machte. Den Prater zu besuchen, das Großspektakel „Venedig in Wien“ kennenzulernen, all das hatte sie geplant, als sie durch den zufälligen Anblick eines Kindersarges und eines Krankenhauses, in das arme und verletzte Kinder gingen, auf den Boden der Realität geholt wurde.
Genauere Beschreibungen der Elendsbedingungen lieferte sie bei diesem wie auch bei ihren späteren Wien-Besuchen nicht. In die Wiener Slums einzudringen war ihr nicht möglich, da die Heilsarmee hier erst 1927 einen Stützpunkt errichtete. Dennoch kam dem Aufenthalt in Wien das Verdienst zu, ihr die enorme Verbreitung von Not und Elend erst richtig bewusst gemacht zu haben. In ihren Memoiren stellte sie rückblickend fest, Wien habe ihre „Blicke geweitet“ und sie sensibilisiert für die sozialen Verhältnisse in Europas Großstädten. Besonders die „Riesenstadt“ London machte auf sie einen gewaltigen Eindruck, mit ihrer enormen Bevölkerungsdichte, ihrem „Riesenverkehrsstrom“, ihrem Weltstadtflair – aber auch ihrem Elend: „Wohl nirgends in der Welt treten die Gegensätze von Reichtum und Armut so krass an die Öffentlichkeit wie in Englands Metropole.“
Ausführlich beschreibt Spiller die auf engstem Raum lebenden Bewohner von Whitechapel, ihre Krankheiten und Probleme, die stickigen Zimmer und die verbreitete Hausarbeit wie das mühsame Anfertigen von Zündholzschachteln, dessen Erlös kaum für das Nötigste reichte.
Nachtasyle, Wöchnerinnenhäuser
Die Infrastruktur der Heilsarmee war in diesem Viertel besonders dicht: Nachtasyle für Männer und Frauen, Arbeiterwerkstätten, Wöchnerinnenhäuser, Trinkerheilstätten und Asyle für entlassene Sträflinge werden ebenso vorgestellt wie die von der Heilsarmee vertretene Ideologie der Arbeit, die als wertvolle Teilnahme am gesellschaftlichen Leben gesehen und daher in den Heimen wo immer möglich gefördert wurde. Else Spiller schätzte diese positive Einstellung zu Produktivität und Eigenverantwortung, die – so die Hoffnung – vor dem sozialen Abstieg schützen sollte. Ähnliche Worte fand Spiller für Hamburg. Wie in den anderen Städten wurde sie auch hier von einer „Salutistin“ geführt und wie sonst auch hatte sie sich als Angehörige der Heilsarmee verkleidet. Es war das Mittel der Camouflage, das ihr den gefahrlosen Zutritt in die Slums ermöglichte. Im Schutz der blauen Uniform konnte sie sogar ein kleines Abenteuer wagen: den Besuch eines „Verbrecherkellers“. „Ich hatte mein Kleid gegen eine Heilsarmee-Uniform vertauscht, der Hallelujah-Hut verdeckte meine Haare. Längst habe ich einsehen gelernt, dass nichts besser schützt als das blaue einfache Kleid, deren Trägerinnen den Menschen in den Verbrecherkellern lieb und vertraut sind.“
„Verantwortlichkeitsgefühl“
Während andere Großstadtforscher wie Max Winter oder Emil Kläger in das „Elendskostüm“ schlüpften und sich als Obdachlose oder Strotter verkleideten und dabei die Slumbewohner mehr oder weniger bewusst karikierten, setzte Spiller auf die Kraft der Uniform und bewahrte sich so eine gewisse Distanz zu ihren „Forschungsobjekten“. Die Uniformierung hatte zudem den Vorteil, von regionalen „Dresscodes“ unabhängig zu sein.
Betrachtet man die Stadtimages, die sie von ihren jeweiligen Aufenthaltsorten vermittelt, so sind es durchaus bekannte Klischees, auf die sie zurückgreift: So wird Wien als fröhlich beschrieben und geprägt von „Wiener Gemütlichkeit“, in Amsterdam besteche die „Treue und Gastfreundschaft“ der Bewohner, Paris sei schlichtweg die „Heimat des Schönen“, Berlin eine Stadt mit „viel Geld, Kraft und Kunstsinn“. Insgesamt war Spiller wohl nicht so sehr an der Herausarbeitung der Differenzen zwischen den Metropolen interessiert, als an deren offenkundigster Gemeinsamkeit: der großflächigen Ausbreitung von Not und Elend.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach ihre journalistische Laufbahn. Die Unterstützung der Soldaten, die unter schwierigsten Bedingungen an der Schweizer Grenze stationiert waren, wurde für sie zum Gebot der Stunde. Gemeinsam mit Sympathisantinnen gründete sie den „Schweizer Verband Soldatenwohl“, aus dem schließlich der „Schweizer Verband Volksdienst“, eine moderne Wohlfahrtseinrichtung für Arbeiterfamilien, entstand. Die Führung dieses rasch expandierenden Unternehmens wurde für Else Spiller zur Lebensaufgabe. Anerkannt und für ihr Lebenswerk hoch geehrt, starb sie am 11. April 1948 in Zürich.
Mit ihrem Buch „Slums“ hinterließ sie nicht nur ein spannendes Dokument zum zeitgenössischen Großstadtdiskurs, sondern auch ein beeindruckendes Zeugnis für die Notwendigkeit von – wie sie es nannte – „Verantwortlichkeitsgefühl“, sei es aus religiösen, politischen oder humanitären Motiven. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2008)

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