Im April 2006 erschien im „Journal Of Democracy“ in Washington der Abdruck eines Vortrags von Francis Fukuyama mit dem Titel „Identity, Immigration, And Liberal Democracy“. Fukuyama schließt sich der Auffassung an, dass der radikale Islamismus, der in Europa in Erscheinung tritt, nicht ein paranoider Auswuchs traditioneller islamischer Kultur ist, sondern eine Manifestation moderner Identitätspolitik. Zur traditionellen islamischen Identität gehört ein islamisches Territorium. Als marginalisierter Minderheit in nicht islamischen Staaten und zwischen unzähligen Kirchtürmen der Ungläubigen ist der überlieferten muslimischen Identität im wörtlichen Sinn der Boden entzogen.
Für Fukuyama schlägt da die Stunde des radikalen Islamismus und des Dschihad. Die bisherige, von einer islamischen Umwelt getragene Identität wird durch eine innere, fundamentalistische ersetzt. Der Muslim in der Diaspora findet sein „ich bin“ als mobiles Mitglied der weltweiten, mit nichts zu vergleichenden Umma, geborgen in der universalen, von lokalen Gebräuchen und Traditionen befreiten Lehre der Imame. Unbelastet von äußerlichen Einschränkungen war es daher, so Fukuyama, für Mohammed Atta, den mutmaßlichen Chefattentäter des 11. September, kein Problem, in den Tagen vor der Ausführung des Angriffs einen Nachtclub zu besuchen.
Keine Werte, nur Vakuum?
Dieser modernen, von einem aggressiven Ziel getriebenen Kraft hätten die liberalen Demokratien Europas nichts entgegenzusetzen. Indem sie ihren eigenen Pluralismus, Multikulturalismus und Relativismus feierten, brüsteten sie sich in Wahrheit damit, gar keine Identität zu haben. Das heißt aber auch: nichts, was eingewanderte Muslime motivieren könnte, sich in die neue Gesellschaft, in der sie leben, zu integrieren. Der Relativismus postmoderner Gesellschaften mache es den Menschen unmöglich, Werte hochzuhalten, für die zu stehen sich lohnt und deren Anerkennung daher als Bedingung für Aufnahme als (Staats-)Bürger normiert werden kann. Dieses Wertevakuum bringe aber das Risiko mit sich, von jenen überwältigt zu werden, die genauer wissen, wer sie sind.
In der heurigen Osternummer der „Presse“ konnte man lesen, was da nottut: „Die synthetische Kraft“. Nach Chefredakteur Michael Fleischhacker wäre es höchste Zeit, die identitätspolitische Rolle der römisch-katholischen Kirche in Europa klarer zu sehen und zu würdigen. Fleischhacker greift die österliche Drohung Bin Ladens gegen den Heiligen Vater auf und geht wie selbstverständlich davon aus, dass Bin Laden mit Josef Ratzinger das ganze Abendland gemeint haben muss. Die Europäer sollten endlich, wie Bin Laden schon längst, das Vorhandensein der römisch-katholischen Kirche und nicht die Antibabypille und den freien Warenverkehr als Grundpfeiler Europas anerkennen und jenen Zeitgeist aufgeben, „der es fertiggebracht hatte, das Absolute bis in die hintersten Winkel des Lebens hinein durch das Relative zu ersetzen“.
Das wirft Fragen auf: Wie europäisch will die katholische Kirche überhaupt sein? Was hat es mit dem von gläubigen Christen wie Muslimen gleichermaßen gescholtenen Relativismus auf sich? Und was schließlich unterscheidet Europa heute vom Rest der Welt und ist daher geeignet, tatsächlich eine europäische Identität zu stiften?
Als Kirche „katholisch“ sein bedeutet den exklusiven Anspruch auf Verbreitung und Verwaltung des christliche Heilsversprechens gegenüber der ganzen Menschheit unter ihrer zentralen, hierarchischen Autorität. Es soll keinen anderen Glauben neben ihr geben: extra ecclesiam nulla salus. Das schließt angesichts der tatsächlichen Vielfalt der Bekenntnisse eine über Katholiken hinausgehende katholisch geprägte Identitätspolitik Europas aus: Der Vatikan verfolgt globale, nicht europäische Interessen, sein Heilsmonopol ist für Nichtkatholiken inakzeptabel.
Die Grabeskirche in Jerusalem gehört zu den heiligsten Stätten der Christenheit. Katholiken, Orthodoxe, Kopten und andere orientalische Kirchen waren untereinander so lange in endlose Streitigkeiten über die Aufteilung des Gebäudes verstrickt, bis der Legende nach Sultan Saladin im 12. Jahrhundert einen muslimischen Verwalter über die Christen einsetzte und ihm die Schlichtung (oder Unterdrückung) der Konflikte übertrug. Die Regelung wurde nach dem Ende der ottomanischen Herrschaft über Palästina von den Briten, dann von Jordanien und schließlich von Israel übernommen. Seit Jahrhunderten verwahrt die muslimische Familie Joudeh die Schlüssel der Kirche und verwaltet den berühmten Status quo der komplizierten Besitzverhältnisse. Sie ist dazu in der Lage, weil ihr gegenüber den christlichen Konfessionen ein relativistischer Standpunkt der Äquidistanz zur Verfügung steht, der den betroffenen Kirchen nützt, für diese aber offensichtlich unerreichbar ist. Der Relativismus des Beobachters zweiter Ordnung ist die tragende Säule des interkonfessionellen Systems der Grabeskirche.
Hans Kelsen hat 1920, im Geburtsjahr der Verfassung der neuen Republik, in seiner Schrift „Vom Wesen und Wert der Demokratie“ in zwei Sätzen die Unverzichtbarkeit des Relativismus für ein Funktionieren dieser Staatsform umrissen: „Weil sie“ – die Demokratie – „den politischen Willen jedermanns gleich einschätzt, muss sie auch jeden politischen Glauben, jede politische Meinung, deren Ausdruck ja nur der politische Wille ist, gleichermaßen achten. Auch die gegenteilige Meinung muss man für möglich halten, wenn man auf die Erkenntnis eines absoluten Wertes verzichtet. Der Relativimus ist daher die Weltanschauung, die der demokratische Gedanke voraussetzt.“
Dem steht die Predigt gegenüber, die der Papst unmittelbar vor seiner Wahl als Dekan des Kardinalskollegiums am 18. April 2005 zur Eröffnung des Konklaves im Petersdom hielt. Er sprach von der „Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt.“ Ein böser Vorwurf. Auch der Papst weiß natürlich um den Relativismus als Voraussetzung der modernen Demokratie. Und er ist nicht unbedingt deren Feind. Im gleichen Jahr schrieb er, als Kardinal Ratzinger und langjähriger Präfekt der Glaubenskongregation: „Die Achtung der Freiheit jedes Einzelnen scheint uns heute ganz wesentlich darin zu bestehen, dass die Wahrheitsfrage nicht vom Staat entschieden wird: Wahrheit, also auch die Wahrheit über das Gute, erscheint nicht als gemeinschaftlich erkennbar. Sie ist strittig . . . Sie ist kein öffentliches, sondern nur ein privates Gut beziehungsweise ein Gut von Gruppen, aber eben nicht des Ganzen.“
Dieser Ansatz ist brauchbar. Ihm liegt die Einsicht zugrunde, dass es auf die Frage nach der „Wahrheit über das Gute“ verschiedene, einander widersprechende Antworten gibt, auf Erden aber kein Verfahren, in dem für alle gewaltfrei und akzeptabel entschieden werden könnte, welcher dieser Ansichten der Vorzug zu geben sei. Konfessionen, die vor der Aufklärung durch Siege in Religionskriegen und Bündnisse mit Feudalherrschern („cuius regio eius religio“) ein regionales Monopol erlangen konnten, die dann von den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts selbst verfolgt und unterdrückt wurden, sind mittlerweile jedenfalls im Europa der Religionsfreiheit nolens volens bereit, sich auf ein Nebeneinander in Verkündungskonkurrenz und Überlebenskoexistenz einzulassen.
Und da scheint die relativistische Demokratie auf überkonfessioneller Ebene eine geeignete Technik zu sein, um Konflikte zu mediatisieren, gemeinsame Interessen über unvereinbare Glaubensgegensätze zu stellen und sogar mit Agnostikern eine Linie zu finden, wenn es darum geht, gegen klerikale und antiklerikale Extremisten mit Nathanscher Weisheit eine Position der Vernunft zu behaupten.
Franziskus und Franco
Der konfessionelle Relativismus als Grundlage der Religionsfreiheit ist das Ergebnis einer viele Jahrhunderte langen Erfahrung mit einem christlich-katholischen Europa, zu dem der Heilige Franziskus genauso gehört wie Generalissimus Francisco Franco, der spanische Diktator. Katholiken haben im Namen Gottes die Menschenwürde hochgehalten und mit Füßen getreten, Juden mutig gerettet und grausam verfolgt; Katholiken starben als Märtyrer für ihren Glauben und ließen andere gnadenlos für ihren Glauben sterben. Der katholische Priester Josef Metzger wurde von den Nazis wegen seiner kritischen, pazifistischen Haltung schon Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg verfolgt und 1944 hingerichtet (seit 2006 läuft ein Seligsprechungsprozess), während Kardinal Innitzer und mit ihm die österreichischen Bischöfe „im Namen Gottes“ 1938 den Anschluss opportunistisch begrüßten und nach 1945 in Amt und Würden blieben (dass ihre Rechnung nicht aufging und die Kirche auch auf dem Gebiet des untergegangenen Österreich sehr bald das Ziel von Verfolgung und Terror wurde, steht auf einem anderen Blatt). Wesentliche Werte des neuen Europa wie Toleranz, Gleichheit, Freiheit der Wissenschaft und Demokratie, mussten unter Opfern und in langwierigen Kämpfen gegen die katholischen Herrscher und die sie stützenden kirchlichen Hierarchien durchgesetzt werden. Herrscher übrigens, die sich „von Gottes Gnaden“ nannten, um nicht der Verantwortung vor irdischen Instanzen zu unterliegen.
Religionskriege, Revolutionen
In unserem historischen Wissen von Europa gibt es leider kaum Vorbilder, die heute noch etwas taugen, sondern hauptsächlich mäßig schlechte bis grauenerregende Erfahrungen, die uns lehren, wie wir es auf keinen Fall mehr machen dürfen. Das gilt für die Religionskriege gleichermaßen wie für die Revolutionen und säkularen Heilslehren, die dieser Kontinent im Laufe der Jahrhunderte über sich ergehen lassen musste. Einen Frieden, wie er seit mehr als 60 Jahren auf dem Territorium der Europäischen Union herrscht, hat es dort nach Christus noch nie gegeben.
Dafür stehen die europäischen Staaten vor einem neuen Problem, das vorläufig noch ratlos macht: der Immigration von Muslimen aus einer Welt, die sich von der der Europäischen Union grundlegend unterscheidet. Sie kommen, weil sie hoffen, dass es ihnen hier besser gehen wird als zu Hause, und das ist ja, was den sogenannten Lebensstandard betrifft, meistens auch der Fall. Schon die nächste Generation allerdings muss die Erfahrung machen, dass objektiv besser als in der alten Heimat nicht unbedingt auch subjektiv gut bedeutet. Warum finden Muslime nur selten und unter außergewöhnlichen Bedingungen (wie etwa Bassam Tibi oder Salman Rushdie) zu einer europäischen Identität?
Amerika hat es hier leichter als Europa, da ist Fukuyama zuzustimmen. Schon die Pilgrim Fathers verließen ihre Heimat nicht, um ihren materiellen Lebensstandard zu verbessern, sondern um einer ideellen Freiheit willen, die ihnen in England nicht zuteil werden konnte. Das Gründungsereignis der Vereinigten Staaten ist die erfolgreiche Revolution gegen die Kolonialmacht. Alle (außer den Sklaven natürlich), die im Laufe der rund 220 Jahre seit damals nach Amerika einwanderten, taten dies, um freie Amerikaner zu werden. Wenn das Einwandern und Amerikanerwerden heute auch schwerer geworden ist, wenn es mittlerweile auch in Amerika Vorurteile etwa gegen die Hispanics gibt: Dem amerikanischen Selbstverständnis nach ist jeder, woher er auch sei, willkommen, der bereit ist, zu arbeiten und zusätzlich zu dem, was er sonst noch ist, ein echter Amerikaner zu werden.
Amerika, schreibt Fukuyama, ist voll von quasi-religiösen Zeremonien und Ritualen, mit denen die demokratischen politischen Institutionen gefeiert werden: das Hissen der Flagge, der Eid anlässlich der Verleihung der US-Staatsbürgerschaft, der Thanksgiving Day oder der 4. Juli, der Tag der Unabhängigkeitserklärung. Alle außer wahrscheinlich den Indianern nehmen daran teil, denn alle außer ihnen sind letztlich Einwanderer und gerade deswegen Amerikaner.
Auch Österreich hat Staatsfeiertage. Aber es ist nur schwer vorstellbar, dass Bosniern oder Türken am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, die sie vielleicht gar nicht finden, oder am 26. Oktober, an dem Österreichs Neutralität beschlossen wurde, das Herz höher schlägt. Den eingesessenen Österreichern geht es ja nicht viel anders. Weder die Republik Österreich noch die Europäische Union verfügen über einen Gründungsmythos, der Anlass gibt, zu tanzen und zu feiern. Beide sind die Folge von Katastrophen ungeheuerlichen Ausmaßes. Wie das alte Mitteleuropa heute aussähe, hätte es nicht den Ersten Weltkrieg begonnen und verloren, kann niemand sagen. Aber ob es auch ohne das Desaster des Zweiten Weltkrieges und die darauf folgende Teilung Europas heute eine EU gäbe, ist eher fraglich. Blickt man zurück, so hat man in Europa politisch mehr Anlass zur Trauer als zur Freude.
Die Kultur der Schöngeister
Sicher: Wir haben eine europäische Kultur. Die Philosophie, die Musik, die bildende Kunst, die Literatur, auch das Christentum. Und natürlich die unter Denkmalschutz stehende Hardware, darunter gar nicht wenig Katholisches. Das ist schön für Schöngeister. Für eine friedensstiftende, politische, europäische Identität hat es all die Jahrhunderte, die es diese Kultur schon gibt, nie gereicht. Jeder kennt die Gegend in Europa, wo das Vorhandensein der römisch-katholischen und der griechisch-orthodoxen Kirche als identitätspolitische Kräfte immer noch ein, wenn auch Gott sei Dank kleiner werdendes Hindernis für ein sorgloses, von Misstrauen freies und friedliches Miteinander darstellt.
Das, was das moderne Europa unter den Regionen der Welt auszeichnet, ist nicht Geschichte, Tradition, Kunst oder Kultur; nicht die katholische Kirche, in mancherlei Hinsicht nicht einmal seine Ökonomie und schon gar nicht seine militärische Macht. Es ist seine in den letzten Jahrzehnten erworbene Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen. Europa hat endlich gelernt, nicht die Vergangenheit fortzusetzen, sondern die Zukunft neu zu gestalten. Europas Lernfähigkeit setzte einen – hoffentlich – unumkehrbaren Prozess in Gang. Sie ist die beste Waffe gegen das Ressentiment, diese immer noch nicht ausgerottete Krankheit der alten Welt, die Krankheit aber auch der Islamisten mit ihren Kampfansagen gegen eine liberale Gesellschaft. Sie ist nicht zuletzt das Ergebnis eines postmodernen Relativismus, der das, was Europa sonst noch ausmacht, zwar kennt und schätzt, aber nicht mehr tödlich ernst nimmt.
Die derzeit 27 Staaten, in denen in mehr als 20 verschiedene Sprachen gesprochen und natürlich auch gestritten wird und die beschlossen haben, gerade jene Vielfalt, die bisher trennte, zum konstituierenden Element ihres wechselseitigen Verständnisses zu machen, sind das Ergebnis eines Lernprozesses von, in historischen Maßstäben gemessen, atemberaubender, noch nie da gewesener, manchmal sogar schon zu rasanter Geschwindigkeit. Da passieren auch Fehler. Aber keine Angst: Alles in allem sieht es so aus, als läge vor uns die am weitesten reichende Perspektive in der Geschichte dieses Kontinents. Das neue Europa ist ein säkulares Pfingstwunder.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2008)

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