Schuld sind immer die andern

Scheitert jemand in der Schule, waren die Lehrer eine Katastrophe. Randalieren Jugendliche am Bahnhof, hatten sie eine schwere Kindheit. Gibt es Probleme mit Zuwanderern, fehlt es an einer Willkommenskultur. Über das Ende der Verantwortung.

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(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com

Wer heute noch von Schuld und Sühne spricht, macht sich verdächtig. Und dies nicht nur, weil Fjodor Dostojewskis berühmter Roman,der diese Formel zu einer fast alltagssprachlichen Wendung werden ließ, aktuell eher unter dem Titel „Verbrechen und Strafe“ zu finden ist. Jenseits der Frage, welche Übersetzung dem russischen Original angemessener sei, drückt sich in dieser kleinen begrifflichenVerschiebung eine geänderte Einstellung zu den damit verbundenen Problemen aus. Verbrechen und Strafe: Das verweist auf die Normen und Gesetze einer Gesellschaft, für deren Übertretung oder Bruch ein abgestuftes System von Sanktionen vorgesehen ist. Sowohl das, was in einer Gesellschaft als kriminelles Handeln gilt, als auch, wie darauf reagiert werden soll, kann jederzeit modifiziert, umgestoßen, reformiert, neu definiert werden. Vieles, was vor Jahrzehnten noch als Verbrechen, zumindest moralisch anstößig galt, ist heute akzeptiert, vieles, was vor Jahrzehnten noch normal war, gilt heute als verwerflich.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2014)

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