Die postmoderne Gesellschaft kennt sich mit sich selbst nicht mehr aus. Da gibt es Meldungen über Rauch-, Trink- und Handy-Verbote, und jeder fragt: Mischen wir uns zu viel in das Leben der anderen ein? Wenige Tage später gibt es Meldungen über einen Kriminalfall, dessen jahrelanger Fortbestand von den Behörden und Nachbarn nicht wahrgenommen wurde, und jeder fragt: Kümmern wir uns zu wenig um das Leben der anderen? Der Gegensatz ist aufschlussreich. Denn beides stimmt: Nase hineinstecken und Augen schließen. Einerseits eine gesellschaftliche Szenerie von Monaden, die einander kaum noch zuhören können; andererseits eine Fetzenlandschaft von moralischen Restbeständen, die mit hoher Entrüstungs- und Einmischungsbereitschaft aufgeladen ist.
Das Monadenhafte ist offensichtlich. Am Individuum hängt, zum Individuum strebt doch alles. Über weniges sind sich die Sozialwissenschaftler so einig: Die „zweite“ oder „reflexive“ Moderne ist das Zeitalter der Individualisierung. Jedem wird angesonnen, ganz er selbst zu werden: sich zu entfalten, zu entdecken, das Authentische zum Vorschein zu bringen. Jeder ein Original, der seine „unique selling proposition“ zu verkaufen hat. Jeder ganz spontan, ganz unverkrüppelt, der Entdecker und Erfinder seiner selbst; und damit voll beschäftigt.
Es stimmt schon irgendwie ? es gibt viel mehr Wahlmöglichkeiten. Was haben sich die Leute schon aussuchen können vor 100 Jahren? Jetzt können sie wählen: Wohnort, Ausbildung, Lebenspartner, Auto, Habitus. Ein Karrieretyp mit Aktenkofferl? Ein Vegetarier, nachhaltigkeitsbewusst? Ein Aufreißer, cool, wohlriechend, hochdesignt? Einer von der zuverlässigen Sorte, den die Mädchen zwar verachten, aber heiraten? Du hast alle Möglichkeiten, also nutze sie. Wenn du sie nicht nutzt, bist du ein „Loser“. Denn das Schicksal ist abgeschafft: In der Multioptionsgesellschaft ist jeder selbst schuld, wenn er sein Leben verbockt hat. Die großen Erzählungen ? Gott, Sozialismus, Wissenschaft ? haben an Plausibilität eingebüßt. Sinnsuche heißt: in sich hineinhorchen, hineinfühlen. Auf das gute Gefühl kommt es an. Jeder erhebt den Anspruch, nach seiner Façon selig zu werden, und gesteht es allen anderen zu ? die ihn aber im Grunde nicht interessieren, solange sie ihn nicht stören und verfügbar sind.
Oder ist es doch anders? Die Botschaft von der Individualisierung ist die halbe Wahrheit, eine Übertreibung wie so vieles. Denn es ist auch eine komplexe, vernetzte, formalisierte Gesellschaft, und das heißt: eine konformistische Gesellschaft. Den Zwang, auf der Schiene zu bleiben, verkauft sie bloß unter dem Etikett der Spontaneität. Den Druck, sich zu verkaufen, unter dem Etikett der Selbstentfaltung. Das Gebot, dem richtigen Modell des Individuell-Seins zu entsprechen, unter dem Etikett der Authentizität. Dass diese Täuschung so erfolgreich funktionieren könnte, hätte man sich vor wenigen Jahrzehnten nicht träumen lassen.
Angesichts der grassierenden Individualisierungskonformität kommen die „Einmischer“ ins Spiel. Was ist das Geschäft der Einmischer? Sie machen den Leuten klar, wie sie zu lesen, denken, träumen, arbeiten und leben haben. Sie mischen sich in das Leben anderer Leute ein, nicht so sehr deswegen, weil sie sich belästigt fühlen; sondern deswegen, weil sie „wissen“, wie man „richtig“ lebt. Wie man „individuell“ lebt. Wie man das Authentische aus sich herausholt. Wie man korrekt spontan ist. Wie man spontan korrekt ist. Es ist deshalb eine Mischung aus Ignoranz und Einmischung, die zur gesellschaftlichen Tugend geworden ist. Verdoppelt, widergespiegelt und verstärkt wird diese Haltung durch eine Inszenierung des Staates, der seine einstmalige Gemeinwohlorientierung abgestreift hat, indem er seinen Rückzug gefeiert, sich für die frühere Entmündigung der Bürger entschuldigt und emphatisch ihre Selbstverantwortung ausgerufen hat. Nun sind sie alleingelassen, im Zustand der Luxurierung und der Prekarisierung gleichermaßen; und der Staat, seiner (wirtschaftspolitischen) Instrumente beraubt, inszeniert sich als Fürsorgestaat, als gütiger Präventionsstaat. Er sorgt sich um die Fettleibigkeit und um die verrauchten Cafés. Er verpflichtet die Eltern zur Kindererziehungsfortbildung. Kameras auf allen öffentlichen Plätzen und E-Mail-Überwachung in allen privaten Kanälen.
Man meint es ja nur gut. Wer sich nicht einmischt, der ist hartherzig, ignorant, krisenresistent, isoliert. Wer den anderen erzählt, wie sie leben sollen, der ist besorgt, empathisch, engagiert, auf der Höhe der Zeit. Ein „Kümmerer“. Ein „Betroffener“, die Sorgenfalten auf der Stirne ehern eingefräst. Das Böse auf der Welt kann durch Prävention verhindert werden, deshalb müssen Kinder demnächst zur genetischen Devianzgefährdungsanalyse. Und wenn das Böse doch in die Welt getreten ist, dann ist eine therapeutische Betreuung geboten, die alles wieder zurechtbiegt und heil macht.
In der Perspektive der Einmischer ist keine Aktivität harmlos. Wer sich beim Autofahren nicht anschnallt, ist beinahe schon ein Gehirntoter. Wer etwas aus dem Keller holt, ist des Inzests verdächtig. Wer nur den Unterarm einer weiblichen Kollegin berührt, spielt in Wahrheit schon mit Vergewaltigungsfantasien. Wer von „Behinderten“ statt von „mentally challenged people“ spricht, hat das „lebensunwerte Leben“ im Hinterkopf. Das Vakuum, diese Mischung aus äußerer Verunsicherung und innerer Entmoralisierung, muss wieder aufgefüllt werden, durch demonstrative Obsorge des Staates, durch die Sentimentalisierung von Einzelfällen, durch semantischen Terror. Manchmal ist in der Tat die Oktroyierung neuer Regelsysteme geboten, wo der individuelle Anstand zerbröckelt, gleichsam als Kompensation von Externalitäten. In einer aus dem Tritt geratenen Gesellschaft greift aber Rüpelhaftigkeit ebenso um sich wie lächerliche Pingeligkeit; schließlich können die meisten ohnehin Rüpelei von Kreativität und Pingeligkeit von Höflichkeit nicht mehr unterscheiden.
Das effizienteste Einmischungsmanagement beruft sich auf die Zauberworte Gesundheit und Sicherheit. Man muss „vorbeugen“, und wenn ein Verbrechen nicht verhindert werden kann, ist dies ein Versagen der Präventionspflichtigen. Wer bei der Perfektionsherstellung versagt, ist haftbar. Wenn nur genügend Fitness betrieben wird, dann gibt es keinen Herzinfarkt. Genügend Schönheitschirurgie, und dann ist jede Hässlichkeit aus der Welt geschafft. Stirbt man, handelt es sich um ein Versagen der Ärzte. Es ist das Stadium, in dem aufklärerischer Machbarkeitswahn ins Lächerliche umschlägt.
In der rundumgesicherten Risikogesellschaft braucht man als Überlebenskompetenz persönliches Risikomanagement. Denn wer dem Desaster bislang entgangen ist, der ist kein lebender Gegenbeweis, sondern er/sie hat bloß unverschämtes Glück gehabt. Das Desaster lauert überall. Einmischung ist somit geboten, wenn das Schicksal abgeschafft ist und man alles selbst machen muss. Denn niemand nimmt mehr hin, dass das Leben so ist, wie es ist. Wenn menschliche Weisheit es in der Hand hat, ein vollkommenes Leben zu gestalten, so vollkommen, wie man es am Ende des Samstagabend-Films sieht, bei den Gutsbesitzern und Landärzten, dann muss am erlebten Vollkommenheitsdefizit jemand schuld sein: der Ehepartner oder der Eheberater, die Lehrerin oder der Autoverkäufer, der Landwirtschaftsminister oder der Irak. Gibt es einen Unfall, sind die Straßenerhalter, die Anrainer oder die Versicherer schuld. Wird ein Kind belästigt, haben sich die Sozialämter nicht gekümmert. Oder deren Aufpasser. Oder der Landeshauptmann. Oder die EU.
Einmischung dient vor allem auch dem Vertreiben von Langeweile. Die postmoderne Gesellschaft ist trotz ihrer Unsicherheitsgefühle auf paradoxe Weise existenzgeschützt. Alle starken Gefühle sind ausradiert, es bleiben nur noch der Fußball, partielle Gewaltausübung oder die Erregung über die Schweinereien (der anderen). Wenn die großen Gefahren beseitigt sind, dienen die kleinen Anstößigkeiten zur Erzeugung von Erregtheit. Deshalb ist nichts so mickrig, dass es nicht zum Skandal werden kann, und die Mickrigkeiten verstellen zudem den Blick auf die großen Skandale, was den Machthabern ganz recht ist. Von einem Skandal lässt sich gut leben. Die Zeitungen brüllen, bis sie heiser werden ? und manche üben gleichzeitig Selbstkritik, auf dass sie anschließend noch lauter brüllen können. Die Politik gibt sich besorgt, ist nachdenklich: Das wird es nie wieder geben, und wir müssen alle Maßnahmen ergreifen... In Zukunft werden wir uns früher einmischen. Öfter. Wirksamer. Selbstverständlich. Wir müssen die Sorgen der Menschen ernst nehmen, durch intensivere Kontrolle, durch Therapieverpflichtungen.
Alle mischen sich ins Intime der anderen ein, und die Intimität wird allen aufgedrängt. Man muss nur seine privaten Unanständigkeiten erzählen, vor einem möglichst großen Publikum, um Vergebung zu erlangen – oder jedenfalls zur persönlichen Berühmtheit vorzustoßen. Denn wer berühmt ist, dem wird vergeben (wenn man nicht gerade ein Schlachtopfer benötigt). In psychotherapeutischer Begrifflichkeit heißt das: das Verdrängte zutage fördern. In religiöser Begrifflichkeit: Bekenntnis ablegen. In medialer Begrifflichkeit: Talkshow. Talkshows sind Einmischungsermunterungen, in Lüsternheit und Rührung. Einmischung als kollektives Ritual.
Vereinzelung oder Einmischung – das ist kein Gegensatz. Einmischung ist ein Individualismus, der sich als Gemeinschaftlichkeit tarnt. Der Einmischer definiert seine Identität, indem er den anderen ihr angemessenes Verhalten vorschreibt. Er ist der Gute. Es ist die letzte Möglichkeit, sich seine Wirksamkeit zu bestätigen, in einer Welt, in der jeder Einzelne das Rädchen in einer unkontrollierbaren Maschine ist. Die Einmischungsattitüde ist nicht das Gegenteil von Anonymisierung, Formalisierung und Automatisierung, sondern deren Folge. Wenn man an den Maschinerien schon nichts ändern kann und sich überhaupt nicht mehr auskennt, dann kann man wenigstens moralisch motzen: Moralitäten anstelle von Funktionalitäten. Wenn man generell ein Getriebener ist, dann kann man wenigstens in Einzelfällen selbst treiben. Damit man weiß, dass man noch lebt. Auch wenn es eigentlich so gleichgültig ist wie alles andere auch. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2008)
















