Helfen ist der Adel des Menschen.“ So knapp hat der Grazer Altbischof Johann Weber das Wesen von mitmenschlicher Hilfe beschrieben. Natürlich gibt es das wahrhaft teuflische Wort des Kain, wenn er, von Gott gefragt, wo denn sein Bruder sei, zur Antwort gibt, er sei nicht der Hüter seines Bruders. Ein bis heute millionenfach und abermillionenfach entsetzlich wirksames Bild von der Nichtmitmenschlichkeit.
Wahr ist aber, dass eine Gesellschaft nur miteinander überleben und leben kann. Solidarität ist die knappe Formel dafür. „Einer für alle, alle für einen“, dieses auf einem Fingernagel Platz habende Prinzip hat der Jesuit Oswald von Nell-Breuning formuliert. Und Heiner Geißler hat einmal mit Recht darauf verwiesen, dass sich noch niemand selbst auf die Welt gebracht hat – ich füge hinzu, es hat sich auch noch niemand selbst begraben: Der erste und der letzte Akt des irdischen Lebens sind also entscheidende Akte der Mitmenschlichkeit. Was aber ist nun zu beachten, wenn es darum geht, dem Gesamtkunstwerk Mensch zur Seite zu stehen? Da greife ich auf die Erfahrungen der Arbeit in der Caritas zurück und möchte einige der entscheidenden Eckpunkte von Hilfe erläutern.
Zunächst: die Menschen mögen, die ei- nem anvertraut sind. Menschen sind nurdann in der Lage, Hilfe anzunehmen, wenn sie spüren, dass sie geschätzt werden.
Dann: Treue zum Hilfesuchenden. Es geht darum, dem Hilfesuchenden im Wort zu stehen, nichts zu beschönigen, ihm die Wahrheit zuzumuten, gleichzeitig aber seine Ressourcen, seine Fähigkeiten, seine Talente, seine Charismen anzusprechen, zu fördern, zu fordern, zu entwickeln helfen und bei der Hilfe auf seiner Seite zu stehen.
Weiters: Klarheit über die Motive des Helfens. Bronislaw Geremek hat in seinem Standardwerk „Geschichte der Armut in Europa“ gegenseitige Solidarität, Hoffnung, dass die Hilfe dem eigenen Seelenheil dient, und das Schenkungsverhältnis des Helfens über all die Jahrhunderte als die zentralen Motive des Helfens benannt.
In jüngster Zeit wird von der Neurowissenschaft ein viertes Motiv des Helfens formuliert: Es gebe eine Extraportion an Glücksgefühlen, wenn man anderen helfe, „helpers-high“, ein euphorisches Hoch nach guter Tat. Sozusagen eine Chemie des Glücks.
Es ist wichtig, um diese Motive zu wissen und sie gegebenenfalls zu reflektieren. Wobei nicht vergessen werden darf zu unterstreichen, dass mehrere Schichtungen, sozusagen Bündel von Hilfsmotiven, zusammenkommen können. Speziell bei der Dankbarkeit ist es meiner Erfahrung nach gut, sie annehmen zu können, sie aber nicht als Voraussetzung für weitere Hilfe zu erwarten.
Ich bewundere lang gediente Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die es schaffen, nicht in Routine zu verfallen. Sie schaffen es, sich berühren zu lassen, auch wenn sie schon jahrelang dabei waren und alles Schreckliche schon erleben mussten. Um dieses Einknicken in der Routine zu verhindern, muss wahrscheinlich jeder und jede eigene Strategien entwickeln. Aber es ist wichtig, im Fall des Falles die Notbremse ziehen zu können. Es ist gut, von Beginn weg dies im Auge zu behalten, um den Break-even-Point nicht zu versäumen.
Ich glaube nicht an das Verdikt vom hilflosen Helfer: Ich halte dieses Verdikt für Sozialjammerei. Wohl weiß ich, dass ein Helfen (fast immer) auch Grenzen hat. Diese zu erkennen, mit diesen Grenzen umzugehen, diese Grenzen dem Hilfesuchenden zu kommunizieren, das halte ich für wesentlich. Und natürlich: dass man sich zugunsten der Anvertrauten ins Zeug legt.
Helfen ist immer aber auch ein Stück weit Machtausübung, im schlimmsten Fall sogar Demütigung und damit Entwürdigung. In den Augen des Hilfesuchenden ist der Helfer immer mächtig. Egal, ob Arzt oder Flüchtlingsbetreuer, das Schicksal des Hilfesuchenden liegt seiner Meinung nach in der Hand des Helfers. Dessen muss man sich immer bewusst sein.
Abschaffbares Leid abschaffen, nicht abschaffbares Leid in der rechten Weise mittragen (Leopold Ungar): Diese Unterscheidung ist wesentlich. Und das eine mit dem anderen nicht zu verwechseln. Denn natürlich ist eine ganze Menge an Leid abschaffbar, überwindbar. Durch Personen, durch Strukturen. Aber nicht alles Leid kann von uns abgeschafft werden. Man denke an Gebrechlichkeiten, an das Altwerden, an Krankheiten. Dazu notwendig ist auch die Fähigkeit des Mitleids: Nur wer ein Stück des Leids anderer Menschen in sich aufnehmen kann, verfügt über die Kapazität, etwas Unlösbares mitzutragen, ohne daran zugrunde zu gehen.
Helfen setzt ein richtiges Maß an Selbst- und Nächstenliebe voraus. Der liebe Gott hat alle Menschen gleichwertig gemacht. Nur wer sich selbst mag, kann auch andere mögen und damit auch anderen helfen. „Wer sich selbst nicht riechen kann, stinkt auch anderen“, so der frühere Bischof von Limburg, Franz Kamphaus. Wir brauchen also eine „Wasserwaage“, um diese Balance wahren zu können.
Helfen ist kein technischer Vorgang. Helfen ist professionelles Tun gepaart mit einer den Menschen zugewandten Herzlichkeit. Rein professionelles Helfen wäre eiskalt. Rein dem Menschen zugewandte Herzlichkeit würde am Ziel der Hilfe vorbeischlittern. Beides zusammen ergibt die chemische Reaktion,bei der caritas entsteht.
Der Professionellemuss auch in der Lage sein, sich zurückzunehmen. Er muss wertschätzen und ein Gefühl dafür entwickeln, welche Sozialarbeit Angehörige oder auchFreiwillige zu leistenimstande sind. Siebringen nicht nur den„unverdorbenen“ Blick der Außenwelt ein. Sie bringen Engagement der Gesellschaft zu den uns Anvertrauten mit. Sie helfen uns, Anliegen unserer Arbeit zu Menschen zu kommunizieren, die wir sonst niemals erreichen.
Es gibt einen mittlerweile etablierten Sager, der lautet: „Ich bin ja nicht die Caritas.“ Die Delegierung jeglicher sozialer Verantwortung an die Profis ist Gift für eine solidarische Gesellschaft. Darin ist eine ungeheure Spannung für den Sozialaufbau unserer Gesellschaft verborgen. Der nächste gesellschaftliche Bereich, in dem Professionalisierung Platz greift, ist die Pflege von Angehörigen zu Hause. In der Organisation dieser Pflege zu Hause wird es von entscheidender Bedeutung sein, wie viel Platz, Kompetenz, Aufgaben auch Angehörige ausüben können und wollen, damit sie daheim nicht Fremde werden.
All das, wovon bisher die Rede war, gilt es allerdings mit Zivilcourage zu mischen. Zivilcourage gemeint in der Weise, dass man sich zugunsten benachteiligter Menschen einsetzt – auch wenn man damit Gefahr läuft, selbst Benachteiligungen in Kauf nehmen zu müssen. Unsere Gesellschaft braucht jedenfalls nicht nur nur technische, sondern auch soziale Erfindungen, damit das Leben der Menschen, damit das Gesamtkunstwerk Mensch gute Zukunft hat. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2008)

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