Im September 2006, im Zuge unserer Recherchen zu dem Film „Let's make money“, begegneten wir dem ersten Vertreter jener Branche, die Renditen weit jenseits der zehn Prozent versprach, just während der Technologiegespräche Alpbach. Unser Gesprächspartner, nennen wir ihn Herrn A, hatte eine recht beachtliche Laufbahn hinter sich, eine sogenannte Karriere, die ihn reich gemacht hatte – und das Jahre vor seinem 40. Geburtstag. So reich, dass Fußballclubs, ja ganze Fußballligen nach seiner Unternehmung benannt wurden; und selbst zur Hochkultur hatte sich dieser klingende Name via klingender Münze den Zugang erkauft, erstaunlich für das kleine Österreich.
Er selbst allerdings hatte längst den Wohnsitz gewechselt, es zog ihn ins illustre Monaco, ein sonniges Plätzchen, bekannt für rotierende Rennautos und Roulettekugeln sowie eine still stehende Steuergesetzgebung.
In Alpbach referierte er über die ideale materielle monetäre Absicherungsmethode (IMMA): ein Drittel Aktien, ein Drittel Gold, ein Drittel Hedgefonds. Letzteren galt sein Hauptaugenmerk. Die Begegnung mit unserem Gesprächspartner A wird mir aus mehreren Gründen lange in Erinnerung bleiben: Er kam mit einigen Minuten Verspätung in die extra für dieses Gespräch reservierte Kaminstube des Alpbacher Böglerhofes und begann ohne Vorwarnung auf mich einzuschimpfen: was ich mir erlaube, mit ihm überhaupt ins Gespräch zu treten, ob ich vorhätte, jetzt ihn fertig zu machen, so wie ich beim letzten Film einen gewissen Herrn B fertig gemacht hatte et cetera et cetera. Es folgte eine Tirade, in der sich A wie die Rennautos und Roulettekugeln in Monaco im Kreis bewegte und mir nicht die geringste Möglichkeit gab, auch etwas zu sagen.
Der junge, fesche Finanzminister
Nicht, dass ich Angst vor Herrn A hatte – bellende Hunde beißen nicht –, aber irgendwie war mir doch um die Zeit schade, und so fragte ich abrupt und lautstark genug, um Herrn As Wörtermarathon zu stoppen, ob er den Film überhaupt gesehen habe. Die überraschende Antwort lautete: Nein! A beklagte also den Inhalt eines Films, den er nicht kannte, so wie er wahrscheinlich Renditen von Produkten anbietet, die er gar nicht kennt, um für sich selbst Geld zu verdienen mit dem Geld von Leuten, die er ebenfalls nicht kennt und für die er sich auch nicht interessiert. Ein paar Wochen, nachdem Herr A in der Kaminstube im Alpbacher Böglerhof getobt hatte, fanden in Österreich Nationalratswahlen statt, die zu einer von niemandem erwarteten Wende von der Wende führten, und so kam es, dass ein sieben Jahre als Finanzminister und auch sonst angeblich sehr erfolgreicher junger Mann – er dürfte ziemlich genau As Jahrgang sein – seinen Hut nehmen musste. Das ist in Demokratien noch nichts Ungewöhnliches; ungewöhnlich ist, was folgte. Dieser junge Finanzminister, der in seiner aktiven Zeit für seine flotten Parolen – wie: Mehr privat, weniger Staat – ebenso bekannt wurde wie für seine Homepage-Affäre oder seine Vorliebe für ein einmal erreichtes sogenanntes Nulldefizit, dieser ehemalige Finanzminister machte es nämlich, kaum aus der Verantwortung genommen, unserem Herrn A gleich.
Allerdings wählte er nicht wie dieser Monaco als Steuerparadies für die Ansiedlung seiner neuen wirtschaftlichen Unternehmung, sondern die weit weniger attraktive, aber in Sachen Steuerersparnis ebenso effektive Kanalinsel Jersey. Wir halten fest: Ein ehemaliger Finanzminister, der in dieser Funktion für das Steueraufkommen seines Staates verantwortlich zeichnete, siedelt sein Unternehmen in einer Steueroase an, um dem Staat, für den er als Finanzminister gedient hat, die Steuern vorzuenthalten. Das steckt also hinter dem kantigen Spruch: Mehr privat, weniger Staat, wir verstehen!
Nachdem sich A im Böglerhof etwas beruhigt hatte, begann er die Gesprächstaktik zu ändern, so wie er es vielleicht im Kurs für neurolinguistisches Programmieren, kurz NLP, gelernt hatte. Er verlegte sich – mit ruhiger und gezähmter Stimme – aufs Fragenstellen: Ob ich denn wisse, wie viel Gold es auf dieser Welt gibt, war eine der ersten. Die Antwort schob er gleich selbst nach: Das ganze Gold dieser Erde hätte unter dem Eiffelturm Platz, so A! Gut zu wissen. Ob er dabei auch an die Goldreserven der Österreicherinnen und Österreicher dachte, die der ehemalige Finanzminister, als er dazu noch berechtigt war, verkauft hatte, um sein sogenanntes Nulldefizit zu erschleichen, und die jetzt in der sogenannten Finanzkrise – nicht die Finanzkonzerne sind in der Krise, sie machen sie – gute Dienste für uns leisten könnten? Wir wissen es nicht.
Tatsache ist, wie wir ein paar Monate später feststellen konnten, dass Gold, welches in Afrika, genauer in Ghana, der ehemaligen Goldküste, von einem amerikanischen Goldkonzern geschürft wird, unmittelbar nach seiner Gewinnung ebenfalls in eine Steueroase flüchtet, ebenso wie A und auch wie das Unternehmen unseres ehemaligen, feschen Finanzministers. Warum aber das Gold, das zahlt doch gar keine Steuern? Das Gold zahlt keine Steuern, aber 97 Prozent seiner Wertschöpfung erfolgen offiziell in einer Steueroase, nämlich in der Schweiz, wo dieser enorme Gewinn kaum zu versteuern ist, was dem amerikanischen Konzern Steuern sparen hilft und den afrikanischen Staat, aus dem das Gold eigentlich stammt, weiter arm hält – mehr privat, weniger Staat eben.
Interessant in diesem Zusammenhang ist Folgendes: Der amerikanische Goldkonzern, ein hochprofitables Unternehmen, hat die Schürfrechte via Weltbankkredit erworben. Mit anderen Worten, die Weltbank genehmigte einer ohnehin sehr reichen, privaten amerikanischen Unternehmung einen Kredit aus öffentlichen Mitteln, um ein rein privates, profitorientiertes Unternehmen zu unterstützen, welches offiziell Gold aus Afrika in die Schweiz schmuggelt, wo dann die wunderbare Wertschöpfung stattfindet, von der die Ghanesen nur mickrige drei Prozent sehen. Damit die Afrikaner nicht zu aufmüpfig werden, dürfen sie dafür jetzt den Weltbankkredit zurückzahlen, denn das war selbstverständlich von Anfang an „part of the game“. Nun, die Weltbank funktioniert wie eine Art Aktiengesellschaft, und ihre Mitgliedsländer sind gleichsam ihre Aktionäre, vertreten durch die Finanzminister dieser Länder, und so hat am 31.Jänner 2006 die Weltbanktocher „International Finance Corporation“ (IFC) bei drei Enthaltungen und der Gegenstimme des deutschen Exekutivdirektors beschlossen, die Mine des Goldgiganten Newmont mit einem Kredit von 125 Millionen Dollar zu fördern. Wir sind also dabei, und unser damaliger fescher Finanzminister hat uns würdig vertreten.
A, so versicherte er uns im Laufe des Gesprächs, mische sich nicht in die Tagespolitik ein, er versuche hier in Alpbach lediglich Lobbying für sein Anliegen zu machen, Teile der Altersvorsorge auch in Hedgefonds zu investieren, denn seit Kabinett eins des sogenannten Schweigekanzlers und des jungen Finanzministers werden Teile der gesetzlichen Pensionsversicherungsbeiträge eben auch in Aktienfonds gelenkt, warum nicht auch in Hedgefonds, so A erklärend, und er verfiel dabei in einen Plauderton und stolperte langsam von einer Einsicht in die nächste, die letztlich allesamt seine eigene Unternehmung in Frage stellten.
So machte er mit uns eine Weltreise von Südamerika, wo er sich Grund und Boden angeeignet hatte, um dort später sein eigenes Gemüse anzubauen, dann, wenn die Finanzkrise über uns hereinbreche und das Geld nichts mehr wert sei, bis nach Serbien, wo er Ähnliches vorhatte. Denn das Geld, so A, sei im Unterschied zum Gold und zu Grund und Boden kein Wert, bestenfalls ein flüchtiger. So wie A schon in diesem allerersten Gespräch, im Frühherbst 2006 im Böglerhof, so sprachen in den folgenden zwei Jahren alle sogenannten Experten von der drohenden Krise, davon, dass mehr privat, weniger Staat nur darum funktionieren könne, weil der Staat dahintersteht, sprich: weil wir alle die Sicherheiten, die Bürgschaften für den Turboraubtierkapitalismus darstellen.
Was heißt schon „sozial“?
So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht, sagte Frau Thatcher, und was das Wort sozial eigentlich bedeutet, das wurde Herrn von Hayek nach eigenen Aussagen zeit seines Lebens nicht klar. Wer aber zahlt jetzt in der Krise für diese? Was heißt es, wenn der Staat unsere Sparguthaben garantiert? Woher soll der Staat, woher sollen also wir das Geld und die Garantien bekommen? Der Staat, also wir, bekommt seine Einnahmen bekanntlich von uns in erster Linie durch Steuern. Aber woher sollen die kommen, wenn wir alle wie Herr A oder wie der schöne Finanzminister nach Jersey oder Monaco abwandern oder uns wie das Gold in die Schweiz verflüchtigen?
A wirkte schon ganz zufrieden, als er gegen Ende des Gesprächs seine Trumpfkarte zog und mir ins Gesicht schleuderte: Er werde den Film, den ich da vorhabe, einfach selbst bezahlen! Was mit Geld nicht geht, so A, geht mit viel Geld, er werde den Film kaufen, und wer zahlt, schafft an. Ist das wirklich so? Bekanntlich zahlen wir, aber warum schaffen wir dann nicht an? Geld regiert die Welt, aber wer regiert das Geld?
Das Geld wird regiert von Leuten wie Herrn A oder von Leuten wie unserem ehemaligen Finanzminister, aber es ist eben nicht deren Geld, es ist das Geld der anderen. Würde A, wenn er zufällig wieder einmal in Wien wäre und seine Filiale besuchte, von der er einen wunderbaren Blick auf jenen Platz hat, auf dem einmal das Haus der Gestapo stand und der in den vergangenen Jahren vor allem nächtens von jungen, schwarzen Männern besiedelt wird, die aus Afrika flüchten mussten, weil wir ihnen dort die Lebensgrundlage entziehen, mit unserem Goldraub, mit unserer Weltbank, mit unseren Steueroasen, mit unseren Hedgefonds und sonstigen sinnlosen Finanzprodukten, würde also A einmal da runterschauen auf diese traurigen Figuren, so würde er darin jene Menschen erkennen können, auf deren Rücken sein Reichtum aufgebaut ist.
Wir haben ein Problem, und dieses Problem heißt Verteilung, und wenn wir dieses Problem nicht in den Griff bekommen, dann werden wir untergehen wie schon jede andere Kultur vor uns, die dieses Problem nicht lösen konnte; denn wer von der Geschichte nicht lernt, muss sie bekanntlich wiederholen. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2008)

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