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Bertha von der Gstätten

14.11.2008 | 16:52 | Von Wolfgang Freitag (Die Presse)

Kennen Sie den Rosa-Jochmann-Platz am Ende der Wollzeile? Oder den Bertha-von-Suttner-Ring? Zugegeben, die können Sie nicht kennen. Die gibt's nämlich nicht. Aber wieso eigentlich nicht? „Stadt und Frauen“: über eine neue, eine weibliche Topografie von Wien.

Sie kennen die Bertha-von-Suttner-Gasse nicht? Macht nichts, die muss man nicht kennen. Niemand wohnt in der Bertha-von-Suttner-Gasse, als Anlieger sind einzig ein Sportplatz, mehrere Plakatwände und mitten drin, den Straßenzug unterbrechend, eine mittelprächtige Brachfläche samt bretterner Lagerhalle zu nennen. Als wäre Bertha eine Freifrau von der Gstätten gewesen. Was die 350 Meter lange Gasse an der Kagraner Peripherie dazu prädestinierte, Österreichs erste und knapp 100 Jahre lang einzige Frau zu ehren, die mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, wird sich niemandem erschließen können. Aber warum sollte es ihr besser ergehen als Rosa Mayreder? Der frühen Theoretikerin der hiesigen Frauenbewegung begegnen wir ein paar Kilometer weiter stadtauswärts, auf halbseitig so gut wie freiem Esslinger Feld.

Jene Frau, die überhaupt als Erste, zwei Jahre vor Bertha von Suttner, nobelpreiswürdig schien, Marie Curie, die finden wir übrigens gleichfalls auf einem Straßenschild in Wien-Kagran: Curiegasse heißt ein finsterer Schluf zwischen Donauzentrum und Bezirksamt, von dem ich, Kagraner von Geburt, bis zur Nachforschung für diesen Beitrag niemals vermutet hätte, dass er irgendeinen Namen trägt. Parallel dazu, eine Parkplatz-Pampa flankierend: die Meitnergasse, bescheidene Erinnerung an die aus Wien gebürtige, mehrfach nobelpreisverdächtige Kernphysikerin Lise Meitner. Und dazwischen die einzige halbwegs repräsentable Fläche im näheren Umkreis – und die ist selbstredend nach einem Mann, Erwin Schrödinger, benannt. Was man unter den gegebenen Umständen, wie sich weibliche Intellektualität in den Wiener Stadtplan eingeschrieben sieht, schon nicht mehr Zufall nennen mag.

Stellen wir uns einmal vor, am Ende der Wollzeile öffnete sich, zum Ring hin, kein Lueger-, sondern ein Rosa-Jochmann-Platz, hinter der Staatsoper führte eine Anna-Maria-Sacher-Gasse Richtung Stephansdom, und Bertha von Suttner wäre nicht irgendwo im Donaustädter Ungefähren entsorgt, sondern innerstädtisch gewürdigt: Wie gut stünde der Friedensnobelpreisträgerin, sagen wir, das Stück Ring vor dem ehemaligen k.u.k. Kriegsministerium an? Seinesgleichen findet sich (noch?) nicht in irgendeinem kartografischen Standardwerk, aber in der Ausstellung „Stadt und Frauen“, zu sehen in der Wienbibliothek des Rathauses. Eine ganze Wand des dortigen Ausstellungskabinetts nimmt ein sozusagen emanzipierter Stadtplan ein – als eines von vielen Elementen einer Schau, die nicht mehr und nicht weniger als eine „andere Topografie von Wien“ entwerfen will: eine aus weiblicher Sicht.

Begonnen hat alles im Winter 2004/2005: Die Stadtforscherin Elke Krasny lud 20 in Wien lebende Frauen ein, mit ihr gemeinsam ein Stück Weges zu gehen. Buchstäblich. Die Filmemacherin Barbara Albert und die Molekularbiologin Renée Schroeder, die Arbeitsinspektorin Eva Bogner, das Volksschulkind Kaira Kurosaki und noch 16 weitere willigten ein und nahmen Krasny mit auf ihrer Alltagsreise durch die Stadt: sei sie autobiografisch gefärbt wie jene Barbara Alberts an den Nordrand Wiens, den Ort ihrer Kindheit, sei es ein Arbeitsweg wie jener, der Wiens Umweltanwältin Andrea Schnattinger entlang der Vorortelinie von Ottakring nach Heiligenstadt führt.

An diesen 20 ganz und gar privaten Schneisen durch eine feminine Wiener Gegenwart begann Krasny in den Folgejahren nach femininen Vergangenheiten zu schürfen: Wo mochten ihre Probandinnen heute die Lebens- und Arbeitswege jener Frauen gekreuzt haben, die das Bild der Stadt, ihre Geschichte, nicht zuletzt ihre Kultur im Gestern maßgeblich mitbestimmten? Eine Feldforschung der eher mühseligen Art: Denn das Gedächtnis der Stadt ist noch immer eine männliche Bastion, und es sind bei Weitem nicht nur die Straßennamen, es sind Denkmäler, Gedenktafeln, Erinnerungsstätten aller Art, die bis auf den heutigen Tag maskulines Vorrecht zu sein scheinen. Und noch der kleinste Bezirkskaiser ist da eher einen Hinweis wert als irgendsoeine Frau von irgendsoeinem Weltrang.

Bezeichnend, dass selbst von ihren 20 Alltagsreisenden nur eine einzige daran glaubte, Krasny würde entlang ihrer jeweiligen Wege weiblich-stadtgeschichtlich fündig werden. Und, so Krasny: „Alle waren letztlich überrascht von der Fülle der Begegnungen mit historischen Frauen, die genau ihren Weg gestreift haben.“ Mehr als 300 Namen förderte Krasny auf solche Weise zutage: einigermaßen geläufige wie den der Sozialpsychologin Marie Jahoda, die mit ihrer Studie über die „Arbeitslosen von Marienthal“ 1932 Soziologiegeschichte schrieb, in der Mehrzahl freilich weithin unbekannte. Wie wenige von uns – nur so zum Beispiel – haben schon von Iduna Laube gehört, mit ihrem „Wiener Frauen-Erwerb-Verein“ 1866 eine Pionierin der heimischen Frauenbewegung? Und wie viele von ihrem Mann, dem langjährigen Burgtheaterdirektor Heinrich Laube? Sein Denkmal steht heute lebensgroß im Burgtheater – ihr Name nicht einmal als Kleinsteintrag im „Österreich-Lexikon“.

In ihrer Ausstellung in der Wienbibliothek wie in dem dazugehörigen Band entwirft Krasny ein Bild von Wien, das wohlbekannt und zugleich fremd anmutet: Die Formen und Hüllen, die Häuser, Straßen und Plätze sind uns vertraut, wer aber in diesen Häusern, auf diesen Straßen und Plätzen agiert, das scheint uns völlig neu. Als gäbe es eine zweite Stadt an der Donau von gleicher Gestalt, nur mit anderen Akteuren. Dass uns dieses weibliche Wien wie ein Paralleluniversum vorkommt, erzählt viel über die Erinnerungspolitik der Vergangenheit; dass wir dieses Paralleluniversum hier endlich vorgeführt bekommen, ist ein erster Schritt, es mit seinem männlichen Pendant irgendwann zu vereinen. Es gibt sie noch, die weißen Flecken auf der Landkarte, und viele liegen sehr viel näher, als wir denken. Höchste Zeit, sie zu entdecken. Womöglich in uns selbst. ■


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