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Komplize Kunst

23.01.2009 | 19:30 |  Von Sibylle Fritsch (Die Presse)

„Gegen politische Zensur kann man protestieren. Aber wer protestiert gegen die mindestens so repressive Zensur per Quote?“ Peter Weibel über Spektakelkultur, Wirtschaftskrise, Schüssel, Schmied und den Ausnahmezustand der Existenz.

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Peter Weibel, Sie ziehen sich regelmäßig ins Rehabilitationszentrum Hochegg zurück, um etwas für Ihr vom schnellen Leben schwer geschädigtes und operiertes Herz zu tun. Wie geht es Ihnen damit, ständig gewärtig sein zu müssen, dass der Körper dem Geist klare Grenzen setzt und dass Ihr Herz jederzeit zu schlagen aufhören könnte?

Ich bin das Opfer meiner erfolgreichen Autosuggestion. Ich bilde mir ein, es geht meinem Körper gut, und schon fühle ich mich auch so, die medizinischen Werte sind in der Norm, ich lebe mein „beschleunigtes“ Leben weiter, und ich genieße den Ausnahmezustand der Existenz.

Nun feiern Sie heuer 20 Jahre Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe und Ihr zehntes Jahr als Leiter dieser Institution; daneben sind Sie Kurator in der Neuen Galerie Graz, Kommissär internationaler Biennalen und Professor an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Trotzdem wollen Sie wieder verstärkt als Künstler auftreten, zeigen neue Arbeiten im März in der Galerie Insam in Wien und in der Berlinischen Galerie und alte Arbeiten in der Slought Foundation in Philadelphia, in der Kunsthalle Bielefeld und an einigen anderen Orten. Warum? Sind Sie nicht ausgefüllt?

Galerien und Museen beziehen sich neuerdings wieder auf die Utopien der 1960er-Jahre und deren Helden. Deswegen gibt es nicht nur von Galerien, sondern auch von großen Museen verstärktes Interesse an meiner frühen Arbeit. In einer Phase der Krise hat offensichtlich kritische Kunst wieder Konjunktur. Die Menschen sind ermüdet von der Spektakelkultur und der pubertären Spaßabteilung der Kunst. Mediale Kunst mit sozialer Relevanz scheint in verunsichernden Zeiten mehr Optionen zu bieten als eine Kunst, die als Komplize des Konsums operiert. Das ist eine Motivation für mich.

Begonnen haben Sie ja Ihre Karriere als Enfant terrible. 1968 war Ihre starke Zeit als Aktionskünstler, Sie haben bei der sogenannten Wiener Uni-Ferkelei mitgemacht oder sich von Valie Export an der Leine auf allen Vieren durch die Kärntner Straße führen lassen. Aus zeitlicher und persönlicher Distanz betrachtet: Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten kultur- und gesellschaftspolitisch in Österreich am krassesten verändert?

Was ich wahrnehme, ist ein erschreckender Niedergang der Kompetenz. Dieses Land steckt nicht in einer permanenten Koalitionskrise, sondern in einer Kompetenzkrise.

. . . einer Banken- und Wirtschaftskrise . . .

Die sogenannte Bankenkrise ist Symptom für eine globale Kompetenzkrise. Wenn das Finanzkapital und seine Institutionen Milliarden in den Sand setzen, ist es kriminell zu fordern, die Kunden sollten wieder Vertrauen gewinnen. Die Milliardenverluste der Konzerne und Großindustrie, der Spekulanten und Fonds sind nicht Ausdruck einer Vertrauenskrise, sondern schlichtweg Ausdruck dessen, dass die handelnden Personen nichts von ihrem Job verstehen. Wenn jemand in der Schule eine Rechenaufgabe nicht zustande bringt, kann er auch nicht zum Lehrer sagen, es handle sich um eine Vertrauenskrise, sondern der Lehrer wird ihm einen Fünfer geben, weil er falsch gerechnet hat.

Wo liegen die Ursachen für die heimische Krise der Kompetenz?

Im Blendertum und im Parteienfilz. Der Parteienstaat hat alle öffentlichen Ämter okkupiert. Die bürgerlichen Parteien sind die besten Erben Lenins, der sagte: Der Parteiapparat muss den Staatsapparat durchdringen. Daher bekommt nicht der Beste eine Position, sondern das nächste Parteimitglied. Am perfidesten ist die Strategie, welche die ÖVP unter Schüssel übernahm. Nachdem der Staatsapparat schon vom roten Parteiapparat durchdrungen worden war, lautete sein Slogan „Weniger Staat, mehr privat“. Damit war gemeint: weniger roter Parteienstaat und mehr schwarzer Parteienstaat. Die „Privatisierung“ war der Vorwand, um die Staatsindustrie und die öffentlichen Einrichtungen mit eigenen Parteimitgliedern zu besetzen.

Welche Konsequenzen hat das für die Kunst- und Kulturszene?

Auch hier gilt das Motto: Instead of work he networks. Früher war zum Beispiel ein Museum eine Kultureinrichtung, heute heißt das: „ein Betrieb“. Früher wurde ein Kunsthistoriker gesucht, also einer, der vom Fach etwas versteht. Heute muss es jemand sein, der den Wirtschaftsjargon gut drauf hat, ohne sich in der freien Wirtschaft je bewiesen zu haben. Die Museen wurden auf heuchlerische Weise in eine GmbH verwandelt.

Privatisierung bedeutet doch auch Befreiung von politischen Zwängen. Warum nennen Sie das heuchlerisch?

Heuchlerisch nenne ich das deshalb, weil die Institutionen ihr Geld ja weiterhin vom Staat bekommen – dafür ändern sich die arbeitsrechtlichen Bedingungen. Das hat den Vorteil für die Parteien, neue Abteilungen und Posten schaffen zu können, die dann mit parteinahen Leuten besetzt werden. Der Kandidat einer Direktion muss nach außen was darstellen oder politisch gefügig sein, für die Kompetenz kann er sich einen Chefkurator holen. Im Endeffekt wird alles teurer: Man bläst den Apparat personell auf, vom Wachdienst bis in die oberste Etage, von der Doppelspitze zur Mehrfachspitze.

Mit der SPÖ-Bildungs- und Kunstministerin Claudia Schmied wurde der Kulturszene ein Aufbruch und Umbruch angekündigt.

Die Hoffnung der Künstler auf Aufbruch war trügerisch. Das zeigt sich übrigens auch daran, dass die SPÖ das Wissenschaftsministerium, wo Zukunft, Forschung, Innovation und das eigentliche Geld sind, aus der Hand gegeben hat. Ins Bildungssystem der Hochschulen selbst wurde zuvor schon von der ÖVP eingegriffen, und zwar mit der Konstruktion des Universitätsrates, der mächtiger ist als die Professoren selbst und entsprechend politisch besetzt – und gegebenenfalls auch gegen das Mehrheitsergebnis einer Wahl des Senats entscheidet, der aus Professoren, Mittelbau und Studenten besteht. Das System hat die ÖVP eingerichtet, die SPÖ führt es fort, mit ausgetauschtem Personal des Universitätsrats natürlich. Das schwarze Netzwerk wird durch ein rotes Netzwerk ersetzt.

Welche gesellschaftspolitischen Konsequenzen hat die von Ihnen beschworene Krise der Kompetenz langfristig?

Das Gefährliche an dieser Krise ist: Sie ist antidemokratisch. Ein kompetentes Gremium kann Entscheidungen aufgrund der Sachkenntnis rational legitimieren. Wenn Sachkompetenz fehlt, werden Entscheidungen irrational, das heißt rational nicht begründbar, und autoritär getroffen. Sie fallen nach rein parteipolitischen Gründen oder Gruppeninteressen, Lobbyismus. Das führt nicht nur zur Korruption, sondern zur Aushöhlung von Demokratie und Rechtsstaat. Und eine Art von Verfassungskriminalität entsteht.

Was verstehen Sie darunter?

Wenn Politiker selbst sich nicht an die Entscheidungen der obersten Rechtsinstanz halten. Wenn sie diese öffentlich verhöhnen oder Landesgesetze umschreiben. Und diese Übertretungen oder Unterlassungen von Rechtserlässen nicht geahndet werden. Jörg Haider war die Avantgarde der Verfassungskriminalität. Die jetzige Koalition folgt ihm nach. Der Souverän ist nicht mehr das Volk, sondern der Herausgeber der „Kronen Zeitung“, an den sich die Bundeskanzler direkt mit ihren politischen Programmen addressieren statt an den Bürger. Damit wird eindeutig klar gemacht: Die Macht liegt nicht beim Wähler und nicht in demokratischen Wahlen und am allerwenigsten im Parlament. Österreich verliert zunehmend seinen Status als Rechtsstaat, und der Antiparlamentarismus der jetzigen Koalition durch die Rückkehr der Ständevertretungen, der Kammern, der Lobbies et cetera ist kaum überbietbar.

Mit dem antiautoritären und intellektuellen Aufbruch von 1968 wurden die Schienen anders gelegt. Warum ist aus den Ansprüchen nichts geworden?

Sicher waren die 1960er- und 1970er-Jahre ein Aufschrei nach mehr Kompetenz. Nicht von ungefähr lautete damals der Slogan: Lasst Kreisky und sein Team arbeiten. Der hatte einen Kreis von Fachleuten um sich versammelt und auch parteineutrale Menschen in politische Führungspositionen eingesetzt. In den 1980er-Jahren begann die Wende zu großkoalitionären Strategien mit dem Ziel, nur jeweils parteinahe Leute in wichtige Positionen zu hieven. Kompetentes Handeln hätte tiefgreifende unangenehme Reformen verlangt – aus populistischen Gründen, aus Angst vor Verlust von Wählerstimmen hat sich auch Kreisky am Ende davor gedrückt. Heute haben wir die EU – und sie ist praktisch. Alles Unangenehme kann man auf Brüssel abschieben, die Politiker aller Couleurs können ihre Inkompetenz wunderbar dahinter verstecken.

Welche Rolle übernehmen die Medien in diesem Spiel?

Die Massenmedien mit ihrer Quotenjagd haben für mich starke populistische und antidemokratische Tendenzen. Sie ersetzen Kompetenz durch Prominenz. Dazu gehört die Beliebtheitsskala der Politiker. Man fragt nicht, wer ist der kompetenteste Minister, sondern wer ist der beliebteste. Das ist ein irrationales Kriterium. Das Beliebtheitskriterium ist innovations- und reformfeindlich.

Wenn Sie diese Entwicklung zum Infotainment und zum Celebritykult, wie Sie es nennen, analysieren, wo führt das Ihrer Meinung nach hin?

Zur Zensur. Es gibt zwei Arten davon: Die politische Zensur, die ist sichtbar, und die unsichtbare Zensur durch Unterhaltung, die Zensur per Quote. In deren Namen wird alles andere marginalisiert oder unterdrückt. Wir leben in einer Hegemonie der Quote, das heißt der unsichtbaren Herrschaft der Dumpfbacken. Gegen politische Zensur kann man protestieren. Wer protestiert gegen die mindestens so repressive Zensur durch Unterhaltung, die alles Wissenswerte verdrängt? Der Celebritykult überformt die ganze Gesellschaft. Schauspieler werden zu Politikern, Politiker heiraten Modelle – sie alle verbindet ihre Popularität in den Massenmedien.

Vielleicht erwartet und wünscht sich das Leser- und Seherpublikum nichts anderes.

Irrtum. Gerhard Schröder war der deutsche Medienkanzler. Und trotzdem hat die medienunerfahrene ostdeutsche Angela Merkel gewonnen. Nicht weil sie das bessere Programm hatte, sondern weil ihr die feinen Kostüme nicht gepasst haben, weil sie die falsche Frisur hatte und sie dadurch authentisch wirkte und den Leuten Schröders Medienpräsenz schon zum Hals heraushing. Die Leute merken das, wenn sich jemand um jeden Preis ins Bild drängt, zu Sportveranstaltungen und Premieren, und das mit Politik verwechselt. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2009)

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2 Kommentare
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erfrischend ehrlich

Peter Weibel ist immer wieder erfrischend ehrlich und sagt auf einfache Weise, was er denkt.
Er kommt da meinem (eigenen) Grundsatz "Ein echter Künstler beweist sich in seinem Werk politisch – er braucht nicht politisch werkeln, um sich was zu beweisen" sehr nah. Bewundernswert in Österreich, wo es fast immer umgekehrt ist und sich Künstler sehr gern vor einen politischen Karren spannen lassen.
Deshalb stößt Hr. Weibel mit seinen Kommentaren diesen "Künstlern" auch immer wieder sauer auf und sie beginnen Gift und Galle zu spucken. Beweise? Siehe Leserbrief von Michael Scharang am 29.1.2009

badat
25.01.2009 21:03
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Wenn jemand in der Schule eine Rechenaufgabe nicht zustande bringt, kann er auch nicht zum Lehrer sagen, es handle sich um eine Vertrauenskrise, sondern der Lehrer wird ihm einen Fünfer geben, weil er falsch gerechnet hat.

Danke für diesen Vergleich, besser kann man es kaum auf den Punkt bringen!

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