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Der Hutmacher

30.01.2009 | 16:36 |  Von Thomas Bernhard (Die Presse)

„Die ganze Geschichte zu erzählen, das wäre mir absolut nicht möglich. Man macht Andeutungen. Aber auch das, was ich erzählt habe, ist fürchterlich genug.“ Zum 20. Todestag: eine bisher unveröffentlichte Erzählung.

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Wir gehen jahrelang, wie ich heute weiß, jahrzehntelang an einem Menschen vorbei, ohne zu wissen, wer der Mensch ist, ich bin, wie ich heute weiß, zwanzig Jahre lang an einem Menschen vorbeigegangen, ohne zu wissen, wer er ist. Und immer zur gleichen Zeit an diesem Menschen vorbeigegangen, in der Frühe und am Abend, jahrzehntelang um die gleiche Zeit. Tatsächlich habe ich diesen Menschen Tausende, ja Hunderttausende Male gesehen, ohne zu wissen, wer er ist und natürlich habe ich ihn niemals gegrüßt, ich bin niemals auf die Idee gekommen, ihn zu grüßen. Und ich bin nicht auf die Idee gekommen, daß dieser Mensch nur zwei Häuser von meinem Haus entfernt wohnt, und dort immer gewohnt hat. Heute hat mich der Hutmacher, „ich bin Hutmacher!“ hat er gesagt, angesprochen. Er habe, sagte er, in Erfahrung gebracht, daß ich Rechtsanwalt sei, tatsächlich, er stellte sich mir als Hutmacher vor und wir machten ei- nen Termin aus und der Mann hat den Termin genauestens eingehalten und ist pünktlich in meinem Büro erschienen. Daß Sie ein so großes Büro haben, sagte er, überrascht mich. Ja, sagte ich, mein Büro ist groß, ich weiß auch nicht, warum ich ein so großes Büro habe, sagte ich, die Zeit, die Umstände erfordern ein solches Büro, sagte ich, es ist wohl, wie alles in der Welt, auch ein Zufall gewesen, daß ich in dieses Büro gezogen bin, vor dreißig Jahren, sagte ich, und der Mann sagte, daß auch er vor dreißig Jahren in sein Haus eingezogen sei. Mein Haus ist zwei Häuser weiter, sagte er. Wir sehen uns jetzt schon so lange, sagte der Mann, ich sagte, zwanzig Jahre sicher, sicher schon zwanzig Jahre, wiederholte ich, und er, und die ganze Zeit sind wir aneinander vorbeigegangen und haben nichts voneinander gewußt, denn tatsächlich habe ich nicht gewußt, daß Sie hier Ihr Büro haben, sagte er und ich sagte, natürlich habe ich Sie jeden Tag an mir vorbeigehen gesehen, aber daß Sie nur zwei Häuser von meinem Haus entfernt wohnen, wußte ich nicht. Das Merkwürdige ist, daß ich Rechtsanwalt bin und nicht weiß, wer zwei Häuser von meinem Haus weg wohnt, sagte ich. Tatsächlich, sagte ich, habe ich Sie nur immer an Ihrer Kleidung erkannt, nicht an Ihrem Gesicht, denn Ihr Gesicht habe ich niemals gesehen, wenn Sie an mir vorbeigegangen sind, ich schaue mir immer nur die Kleidung der Vorbeigehenden an, ihre Anzüge, die Qualität ihrer Anzüge und ihre Schuhe, die Qualität ihrer Schuhe. Ihr Gesicht habe ich wirklich noch nie gesehen. Aber ich kenne Ihr Gesicht sehr gut, sagte der Mann, denn zum Unterschied von Ihnen schaue ich allen Leuten, die an mir vorbeigehen, immer ins Gesicht und ich kümmere mich nicht um das, was sie anhaben, weder um ihre Anzüge, noch um ihre Schuhe. Aber jetzt sehe ich, sagte er, daß Sie vorzüglich gekleidet sind. Rechtsanwälte sind immer vorzüglich gekleidet, sagte er. Ich habe noch nie einen Mann des Rechts gesehen, der nicht vorzüglich gekleidet gewesen wäre. Meine Kleidung ist unordentlich und sie ist auch von minderer Qualität. Sie suchen sicher die besten Geschäfte auf, sagte der Mann, gehen zu einem guten Schneider, während ich nur Geschäfte in billigen Nebenstraßen aufsuche, mir meine Anzüge von der Stange kaufe. Allerdings, sagte er, macht es mir in letzter Zeit Schwierigkeiten, Anzüge von der Stange zu kaufen, weil ich von Tag zu Tag dicker werde. Bald werde ich keinen fertigen Anzug mehr kaufen können, sagte er. Wiewohl es mir ein Vergnügen macht, gut angezogene Leute anzuschauen, ich habe eine Vorliebe für gut angezogene Leute, für Leute, deren Kleidung korrekt ist, lege ich persönlich keinerlei Wert auf ein gutes Aussehen. Es kommt auf die Profession an, sagte der Mann, ob man gut oder weniger gut gekleidet sein muß, ob man sich Nachläßigkeit erlauben kann oder nicht. Freilich haben Sie, sagte er, einen Beruf, der erfordert, daß Sie immer gut angezogen sind. Ohne zu wissen, daß Sie Rechtsanwalt sind, habe ich, schon wie ich Sie zum ersten Mal gesehen habe, gedacht, daß Sie Rechtsanwalt sein müssen. Das hat aber durchaus nicht nur mit Ihrer Kleidung zu tun. Das sind aber doch nur die unbedeutendsten Nebensächlichkeiten, sagte der Mann und kam zur Sache. Seine Angelegenheit sei die merkwürdigste und er wisse nicht, wo er anfangen solle. Um was geht es denn? fragte ich und bot dem Mann etwas zu trinken an, er lehnte aber ab und sagte: einerseits ist meine Angelegenheit die komplizierteste, andrerseits auch wieder nicht. Ich wohne, wie gesagt, sagte er, nur zwei Häuser weiter.

Auf Nummer sieben, das hier ist, glaube ich, sagte er, Nummer neun. Das Merkwürdigste ist, daß unsre beiden Häuser nur zwei Nummern auseinander sind und daß wir voneinander nichts, überhaupt nichts wissen. Es wird Sie interessieren, daß ich Hutmacher bin. Auf Nummer sieben be findet sich ein Hutge schäft, dieses Hutge schäft gehört mir. Mein Vater hat mir das Hut geschäft vor genau einundzwanzig Jahren vermacht. Das Hutgeschäft geht gut, in letzter Zeit geht das Hutgeschäft ausgezeichnet, aber je besser das Hutgeschäft geht, desto schlechter geht es mir. Das ist folgendermaßen zu erklären, sagte der Mann. Ich habe einen Sohn, der die Hutmacherei erlernt hat. Wie mich mein Vater die Hutmacherei erlernen hat lassen, habe auch ich meinen Sohn die Hutmacherei erlernen lassen. Als ich siebzehn war, war ich schon ausgelernt, mein Sohn war auch schon, wie ich mit siebzehn ausgelernt. Gerade durch die Intelligenz meines Sohnes, durch sein unglaubliches Talent, was die Hutmacherei betrifft, sagte der Mann, habe ich, gemeinsam mit meinem Sohn, aus dem Hutgeschäft das bekannteste weit und breit machen können. Wir exportieren in alle Welt unsere Hüte. Wir erzeugen die Hälfte aller Hüte, die in dieser Stadt erzeugt werden. Die bekanntesten Leute haben unsere Hüte auf, in England wie in Frankreich gehen angesehene Berühmte mit unseren Hüten auf dem Kopf herum. Wir verarbeiten die besten Materialien. Aber das ist es nicht, sagte er, ich bin nicht hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß wir die besten Materialien verarbeiten, daß wir möglicherweise das beste Hutgeschäft in ganz Europa sind.

Tatsächlich können Sie, wenn Sie durch Mailand gehen, unsere Hüte in den vornehmsten Geschäften ausgestellt sehen, auch wenn Sie in London sind, auch wenn Sie in Paris sind . . . ganz abgesehen von den überseeischen Ländern . . . Sie können sich vorstellen, daß ich auf Reisen zuallererst jeweils die Hutgeschäfte aufsuche . . . das heißt, ich gehe nicht in die diversen Hutgeschäfte hinein, sondern ich überzeuge mich nur, ob meine Hüte in der Auslage sind . . . einmal im Jahr mache ich eine Reise durch Europa, Sie mögen denken, daß ich verrückt bin, nicht von einer Sehenswürdigkeit zur andern, sondern von einem Hutgeschäft zum andern, ich steige zum Beispiel in Metz aus und gehe sofort zum nächsten Hutgeschäft, so mache ich es in Lyon und in Paris, in London, in Glasgow, in Brüssel und in Antwerpen . . . und wenn ich sehe, daß keiner meiner Hüte in der Auslage ist, gehe ich in das Hutgeschäft hinein und frage, ob sie nicht doch wenigstens im Geschäft einen Hut von mir haben und ich bin tatsächlich noch nie enttäuscht worden . . . Meine Hüte können Sie überall auf der Welt finden . . . aber das ist es nicht, warum ich Sie heute aufsuche, sagte er. Ich suche Sie in einer Entsetzlichkeit auf, die mit meinem Sohn zusammenhängt. Sie kennen meinen Sohn nicht, sagte er, obwohl Sie so wie an mir, auch an meinem Sohn tagtäglich vorbeigehen, denn mein Sohn geht tagtäglich hinter mir in das Restaurant hinein, wenn Sie aus dem Restaurant herauskommen . . . denn wie Sie, der Sie unverheiratet sind, sind auch mein Sohn und ich auf das Restaurant angewiesen, man ißt dort nicht gut, aber es ist einfach eine Gewohnheit, dort zu essen . . . ich frage mich immer wieder, warum ich ausgerechnet in dieses Restaurant gehe, möglicherweise ist es unsinnig, gerade dorthin zu gehen, aber wir ge-
hen tagtäglich dorthin . . . das heißt, sagte er, seit zwei Monaten gehen wir nicht mehr dorthin, wir gehen in kein Restaurant mehr, denn mein Sohn hat geheiratet und wir essen zuhause . . . es müßte Ihnen ja aufgefallen sein, dass wir uns schon über zwei Monate nicht mehr begegnen . . . Aber wie ich sehe, ist Ihnen der Umstand, daß wir, mein Sohn und ich, nicht mehr in das Restaurant gehen, gar nicht aufgefallen . . . Meine Schwiegertochter kocht, sagte er, aber das ist es nicht, aber das Problem wurzelt doch in dem Umstand, daß sich mein Sohn verheiratet hat und sich, wie ich jetzt sehe, auf die unglücklichste Weise verheiratet hat . . . Wie habe ich gewünscht, mein Sohn möge sich aufs glücklichste verheiraten, wenn überhaupt, habe ich immer gedacht, und mit dieser Person ist das Unglück in unser Haus eingezogen . . .

Und das ist der Tatbestand, sagte er. Während ich fünfunddreißig Jahre neben dem Geschäft, also ebenerdig gewohnt habe, habe ich in dem Augenblick, in welchem die Frau meines Sohnes in mein Haus eingezogen ist, aus meinem Zimmer ausziehen und in den ersten Stock hinaufziehen müssen, weil mein Sohn das Geschäft vergrößert und mein Zimmer in den Geschäftsbereich einbezogen hat, alles auf Vorschlag seiner Frau, einer solchen Person, die, das kommt oft vor, dem Größenwahn vollkommen ausgeliefert ist . . . Nun hätte ich mich ja weigern können, aus meinem Zimmer auszuziehen, auch weigern, das Geschäft zu vergrößern, denn nach wie vor gehört das Geschäft mir, aber obwohl das Geschäft mir gehört, kann ich in meinem Geschäft, kann ich in meinem Haus nicht mehr tun, was ich will, und ich bin also aus meinem ebenerdigen Zimmer aus- und in den ersten Stock hinaufgezogen. Ich habe mich schwer an den ersten Stock gewöhnen können, aber ich habe mich schließlich daran gewöhnt, tatsächlich entdeckte ich verschiedene Vorteile im ersten Stock, die ich zu ebener Erde nicht gehabt habe.

Wie Sie wissen, ist es in diesen Häusern im ersten Stock trocken, während es ebenerdig feucht ist und ich habe auch eine Besserung meiner rheumatischen Zustände feststellen können, gleich in den ersten Tagen habe ich eine Linderung meiner Rückenschmerzen konstatieren, mich einer größeren Allgemeinbeweglichkeit erfreuen können. Auch ist im ersten Stock alles von größerer Helligkeit, ich kann elektrisches Licht sparen, die Luft ist zweifellos besser, der Lärm geringer, habe ich gedacht und mich bald an den neuen Zustand, nämlich im ersten Stock, den ich früher immer gehaßt habe, während ich mein ebenerdiges Zimmer geliebt habe, gewöhnt. Aber nachdem ich zwei Monate im ersten Stock gewohnt habe, wurde mir nahe gelegt, in den zweiten Stock zu ziehen, man begründete das damit, daß ein Kind komme und man mein im ersten Stock gelegenes Zimmer unbedingt haben müsse. Es hätte keinen Sinn gehabt, unnachgiebig zu bleiben, also gab ich nach und zog aus dem ersten Stock in den zweiten. Ich muß sagen, die Geschäfte entwickelten sich dadurch, daß mein Sohn das Geschäft vergrößert, also mein ebenerdiges Zimmer in das Geschäft einbezogen hat, rasch immer besser. Dann kam mein Enkelkind und ich habe eingesehen, daß es unumgänglich notwendig ist, dass ich aus dem ersten Stock in den zweiten gezogen bin. Im zweiten Stock ist noch weniger Lärm als im ersten und es ist noch viel trockener.

Auch habe ich die Entdeckung gemacht, daß im zweiten Stock gelegene Räume ideal sind, wenigstens empfand ich, als ich in den zweiten Stock gezogen war, ich bin in ein ideales Zimmer, in eine ideale Höhe gezogen. Die Beschwerlichkeit, die größere Anstrengung, die ein Wohnen im zweiten Stock erfordert, wenn in dem Haus, in dem man wohnt, kein Lift ist, und wie Sie wissen, sind in allen diesen Häusern, die ganze Straße auf und ab, keine Aufzüge, habe ich bald in Kauf genommen. Da, im zweiten Stock, habe ich mir immer gedacht, ist alles gedämpfter, und ich habe, nachdem ich das Hutgeschäft meinem Sohn übergeben habe, gedacht, daß ich glücklich sein kann, im zweiten Stock zu leben, weil ich im zweiten Stock am wenigsten irritiert bin und ich habe mich meiner jahrzehntelang, während ich aktiv gewesen bin, vernachlässigten Lektüre widmen, am Klavierspiel erfreuen können. Ich lud mir Freunde ein, wann ich wollte und ging aus dem Haus, wann ich wollte, in Konzerte und in Theater, wie Sie wissen, bietet diese Stadt eine Unmenge von Vergnügungen, jeden Tag. So lebte ich eine Zeitlang in größter Zufriedenheit. Aber, sagte er, jetzt komme ich zum Eigentlichen und das ist der Grund meines Hierseins.
Vor einer Woche, sagte er, und ich notierte was er gesagt hatte und was er sagte, weil ich immer alles, was von Klientenseite gesagt wird, notiere, vor einer Woche wurde mir nahe gelegt, aus dem zweiten Stock auszuziehen und in den dritten Stock hinaufzuziehen. Mein Sohn machte mir diesen Vorschlag, wissen Sie, aber ich habe nicht den einen Augenblick daran gezweifelt, daß das was mein Sohn sagte, in Wirklichkeit von seiner Frau, meiner Schwiegertochter, gesagt ist, er sagte, ich solle aus dem zweiten Stock in den dritten Stock hinaufziehen, weil, inzwischen waren noch zwei geboren, ein viertes Kind komme. Ein viertes Kind, sagte er, ist das nicht unsinnig? Ein viertes Kind, sagte er, ist das nicht entsetzlich? Und dann noch ein fünftes und ein sechstes und so weiter . . . habe ich meinem Sohn gesagt, und wohin das führt und wohin das führen muß, ganz gleich wie die Geschäfte gingen, sagte ich, und die Geschäfte gehen heute so gut wie noch nie, die Geschäfte gehen am allerbesten, seien vier Kinder eine Fürchterlichkeit . . . jetzt habe ich vier Enkel, sagte ich, viel zu viel Enkel, sagte ich, alle diese Enkel, sagte ich . . . aber mein Sohn war einsichtslos, während ich ihm alles das sagte, hatte ich die Gewißheit, daß das sinnlos ist, deinem Sohn das zu sagen, er versteht es nicht, er versteht es nicht mehr . . . Was ist aus deinem Sohn geworden, habe ich gedacht, was hat diese Frau aus ihm gemacht? In ein paar Jahren hat diese Frau deinem Sohn vier Kinder und aus ihm selbst einen stumpfsinnigen Menschen gemacht . . .


Verstehen Sie mich, sagte er und er stand auf und fing an, in meinem Büro hin und herzugehen, einen stumpfsinnigen Menschen, vier Kinder und einen stumpfsinnigen Menschen . . . Was nützt das, daß die Geschäfte florieren, sagte er, was nützt das alles . . . die ganzen Jahre, sagte er jetzt, habe ich zugeschaut, zuerst von ebener Erde aus zugeschaut, dann vom ersten Stock aus zugeschaut, dann vom zweiten Stock aus zugeschaut . . . und jetzt soll ich auch noch in den dritten Stock ziehen. Wie Sie wissen, haben alle diese Häuser nur drei Stockwerke . . . Aber in dem dritten Stockwerk ist es unwürdig zu wohnen, sagte er, Sie wissen ja, wie es in unseren dritten Stockwerken aussieht, Sie kennen sicher das dritte Stockwerk auch dieses Hauses, diese menschenunwürdigen, niedrigen Kammern, in die man schlimmstenfalls Dienstboten einquartieren hat können früher, und in die man heute keine Dienstboten mehr einquartieren kann, weil sie einem sonst davonlaufen . . .

Ich soll auf den Dachboden hinaufziehen, als alter Mann auf den Dachboden, sagte er. Sie haben mir gesagt, daß sie mir morgen ein Zimmer, tatsächlich haben sie gesagt morgen ein Zimmer, wiewohl auf dem Dachboden gar kein Zimmer sich befindet, denn der Dachboden besteht nur aus schmutzigen Schlupfwinkeln, einrichten, und sie werden mir das Klavier hinauftransportieren lassen und meine Lieblingsbilder auf dem Dachboden an die Wände nageln . . . In aller Frühe ist mein Sohn in meinem Zimmer gewesen und hat mir angekündigt, daß ich morgen auf den Dachboden muß . . . und sie haben schon angefangen, verschiedene Möbelstücke auf dem Dachboden auf und abzuschieben, noch im Bett liegend, habe ich gehört, wie sie verschiedene Möbelstücke in die für mich bestimmte Kammer befördert haben . . . Ich würde mich im dritten Stock oben recht wohlfühlen, meinte mein Sohn . . . und stellen Sie sich vor, sagte er, ich habe die ganze Zeit geschwiegen, ich bin naturgemäß nicht zum Frühstück erschienen, habe ich jemanden im Haus gesehen, habe ich geschwiegen . . . ich habe mich fertiggemacht und bin aus dem Haus gegangen und bin ein paar Stunden in der Stadt hin und hergegangen und habe mir gedacht, daß ich nicht in den dritten Stock ziehen werde, in den dritten Stock nicht, auf den Dachboden nicht . . . und dann habe ich plötzlich die Idee gehabt, Sie aufzusuchen, sagte er, ich habe gedacht, ich gehe zu diesem Anwalt, zu Ihnen . . . vielleicht kann dir der Mensch, habe ich gedacht, vielleicht kann dir der, an dem du zwanzig Jahre vorbeigehst, ohne ihn jemals angesprochen zu haben und der nur zwei Häuser neben dir wohnt, helfen . . . ich habe gedacht, du läutest und gehst in das Anwaltsbüro, also zu Ihnen herauf und habe, lange Zeit vor Ihrer Haustür stehend, nicht geläutet, bis ich dann doch geläutet habe . . . aber wie ich dann in Ihr Büro hereingekommen bin, habe ich einen Augenblick gedacht, daß es gar keinen Sinn hat, dem Anwalt, Ihnen, die ganze Geschichte zu erzählen, und habe Ihnen dann doch die ganze Geschichte erzählt, nicht die ganze Geschichte, sagte er, freilich nicht die ganze Geschichte, denn die ganze Geschichte zu erzählen, ist unmöglich, das wäre mir absolut nicht möglich, die ganze Geschichte zu erzählen . . . wenn man eine Geschichte erzählt, erzählt man ja in Wirklichkeit diese Geschichte nicht, man macht ein paar Andeutungen, aber man erzählt die Geschichte nicht, die Geschichte ist das, was man nicht erzählt, und indem man die eigentliche Geschichte nicht erzählt, erzählt man die Geschichte . . . diese ganze Geschichte zu erzählen, sagte er, wäre wohl fürchterlich . . . aber auch das, was ich erzählt habe, sagte er, ist fürchterlich genug, allein, was ich erzählt habe, genügt . . . freilich, sagte er, sehe ich jetzt ein, daß ich nicht zu Ihnen heraufkommen hätte sollen, es ist falsch gewesen, anzuläuten und heraufzukommen, besser wäre gewesen, ich wäre noch ein paar Stunden in der Stadt hin und hergegangen . . . und hätte Sie nicht belästigt . . . wie sollten Sie einem alten Mann in seiner Verzweiflung auch helfen können . . . und dann habe ich mir auch immer gesagt, daß man keinen Rechtsanwalt aufsuchen soll, durch das Aufsuchen eines Rechtsanwalts wird das, woran man verzweifelt ist, nur noch verzweifelter . . . es ist unsinnig gewesen, Sie aufzusuchen . . . in Wirklichkeit ist ja mit dem, was ich Ihnen erzählt habe, nicht das Geringste anzufangen . . . alles, was einen Menschen wie mich betrifft, ist das Unbedeutendste, auch wenn das tödlich ist, sagte er, und er ging noch ein paarmal schweigend vor meinem Schreibtisch auf und ab und sagte dann: schicken Sie mir Ihre Rechnung, Sie haben jetzt wohl ein sehr hohes Honorar verdient, indem Sie mich die ganze Zeit angehört haben, über eine Stunde lang angehört haben, ein sehr hohes Honorar, sagte er . . . und ich bitte Sie, sagte er, wenn wir jetzt wieder, weil ich wahrscheinlich wieder in das Restaurant gehe, aneinander vorbeigehen, tagtäglich, sagte er, so tun Sie so, als wäre alles wie vorher, als kennten wir uns nicht, als hätte ich Sie nicht aufgesucht. Ich persönlich werde jedenfalls jetzt immer so tun, als hätte ich Sie nicht aufgesucht . . . es ist vieles falsch, was die Menschen tun, sagte er, beinahe alles ist falsch, was die Menschen tun und wenn man es gründlich durchdenkt, ist alles falsch, was die Menschen tun. Aber möglicherweise, sagte er, bin ich vom Unglück begünstigt. Nehmen Sie mich, sagte er, fassen Sie mich als Episode auf und vergessen Sie mich, aber vergessen Sie nicht, mir eine Rechnung zu schicken. Und wenn Sie einen neuen Hut brauchen, sagte er, wir stehen zu Ihrer Verfügung. Die besseren Hüte sind die leichtesten, die man nicht spürt, wenn man sie auf dem Kopf hat, die man absolut nicht spürt, sagte er . . . Zwei Tage später berichtete die Zeitung von einem Mann, der durch einen Kopfsprung aus einem im dritten Stock gelegenen Mansardenzimmer Selbstmord begangen hat. Der Selbstmörder ist der Hutmacher. ■

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