Vom Forschen und vom Lieben

„Man müsste den Mut haben, den Menschen zu sagen: Das Älterwerden ist kein Vergnügen.“ Der Soziologe und Alternsforscher Leopold Rosenmayr über Versäumnisse des Lebens, die Entdeckung der Achtsamkeit, Prater-Kastanien und die Lust an gebratenem Fisch. Ein Gespräch zum 90. Geburtstag.

Eine Altbauwohnung in der oberen Wiedner Hauptstraße. Leopold Rosenmayr steht schon in der Tür, in der einen Hand den Stock, auf den er sich stützen muss, in der anderen das Fragment eines Dreschflegels. „Wissen Sie, was das ist?“, fragt er. Ja, ich weiß. Den habe er hervorgeholt für unser Gespräch, erzählt er, ein wichtiges Erinnerungsstück aus seiner Kindheit. Und dann, an seinem Schreibtisch, erzählt er weiter: über Versäumnisse des Lebens, Mühen des Alltags eines 90-Jährigen, über die Entdeckung der Achtsamkeit und über Elfi, die verlässliche Gefährtin seiner späten Jahre.

Leopold Rosenmayr, wenn ein Alternsforscher 90 Jahre alt wird, dann ist er in der glücklichen oder auch misslichen Lage, seine Thesen am eigenen Leib verifizieren zu können. Welcher Aspekt des Alterns ist es, den sich Ihre Wissenschaftlerweisheit so nicht hätte träumen lassen?

Erstens hab ich nicht gesehen, wie die Beschwerlichkeit des körperlichen Daseins zunimmt. Dass ich zum Beispiel nicht mehr allein auf die Straße gehen kann. Das heißt, ich kann's, aber es bringt größte Unsicherheiten für mich. Also brauche ich Begleitung.

Und zweitens?

Ich hab die geistige Leistungsfähigkeit überschätzt. Ich werde früher müde. Schon nach drei Stunden Schreiben hab ich das Bedürfnis, mich auszustrecken und mich eine Weile hinzulegen. Ich hab die Beschwerlichkeit und die Bedürftigkeit des Älterwerdens unterschätzt, ich hab geglaubt, wenn man darüber weiß, so genügt das eigentlich schon.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2015)

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