Eigentlich hatten die Roten Khmer Vann Nath schon alles genommen. Vom Maler hatten sie ihn zum Feldarbeiter gemacht, vom Bürger zum Sklaven, vom Hausbesitzer zu einem, der unter freiem Himmel schlafen musste. Aber das war harmlos gegenüber dem, was begann, als das Kommando der Roten Khmer an diesem Tag des Jahres 1977 plötzlich vor ihm stand. Es waren junge Männer, wohl unter 20. Sie trugen blaue Halstücher, Mao-Mützen, olivgrüne Uniformen und waren mit Sturmgewehren bewaffnet. Einen kannte Nath, er lebte in einem Nachbarort. Doch er wich seinen Blicken aus. „Du hast gegen die Werte von Angka verstoßen“, sagte der Anführer zu Nath. Angka, die „Organisation“, war der Deckname der kommunistischen Partei, die Kambodscha zwischen 1975 und 1978 beherrschte, anfangs unter völliger Geheimhaltung. Erst zwei Jahre nach der Machtübernahme gab der Vorsitzende Pol Pot zu, dass es die KP gab. Unter ihrer Herrschaft wurden 1,7 Millionen Menschen, ein Viertel der Bevölkerung, getötet. Pol Pot wollte einen Agrarstaat errichten, die Intellektuellen und alle westlich geprägten Kambodschaner auslöschen. Er starb 1998, getötet von seinen eigenen Kämpfern, mit denen er damals noch einen Guerillakrieg gegen die Regierung führte.
Bis heute ist niemand für die Morde der Roten Khmer zur Rechenschaft gezogen worden. Seit 2006 bemüht sich ein von den Vereinten Nationen initiiertes Gericht in Kambodscha, fünf führende Köpfe zu verurteilen. Derzeit läuft der Prozess gegen einen der brutalsten Mörder des Regimes: Kang Kek Leu, den in Kambodscha alle Duch nennen. Er war Leiter des berüchtigten Gefängnisses S-21. 17.000 Menschen wurden hier gefoltert und dann auf den Killing Fields außerhalb Phnom Penhs ermordet. Sieben Insassen überlebten.
Vann Nath hatte nie von diesem Gefängnis gehört. Aber an dem Tag, an dem ihn die Soldaten zu einem Lastwagen führten, wusste er eines: Niemand, den die Roten Khmer seit ihrem Putsch 1975 auf diese Weise abgeholt hatten, war je zurückgekommen.
32 Jahre später, im Hinterzimmer eines Restaurants in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh, ist der Schrecken jenes Tages allgegenwärtig. Auf einem Gemälde sind sie zu sehen, die Schergen des Regimes, wie sie einen Mann mit bloßen Füßen und leerem Blick abführen. Vann Nath hat die Szene, mit der sein erstes Leben zu Ende ging, mit Acrylfarbe auf Leinwand gemalt. Er ist groß, fast 1,90 Meter, sein Haar ist schlohweiß, und mit seiner weichen, leisen Stimme klingt er wie ein gütiger Großvater, selbst wenn er von seiner schrecklichen Vergangenheit erzählt. Warum haben die Roten Khmer ihn damals mitgenommen? Ein bitteres Lächeln, er schüttelt den Kopf. „Sie brauchten keinen Grund.“ Er habe sich an alle Regeln gehalten, die die Roten Khmer aufgestellt hatten. „Aber sie wollten einfach die Leute umbringen, die ein urbanes Leben geführt hatten.“
Auf einem Lastwagen zusammen mit 30 weiteren Gefangenen wurde er in die landwirtschaftlichen Kooperative in der Kleinstadt Po Sath gebracht. „Was haben wir verbrochen?“, fragte Vann Nath. „Ihr seid Feinde von Angka“, sagte einer. Am nächsten Tag bekam er zu spüren, was das bedeutete, ein Verhör, wie es Hunderttausende gab unter Pol Pot. „Zu welchem Netzwerk gehörst du?“ Vann Nath verstand nicht, sie brüllten ihn an, er solle gestehen, doch er wusste nicht, was. Sie holten Kabel, deren Isolation an einem Ende abgeschält war. Wie einBlitz durchzuckte ihn der Stromschlag, er wurde ohnmächtig. „Arbeitest du für die CIA?“ VannNath hatte noch nie etwas vom US-Auslandsgeheimdienst gehört, er sagte nein. Daraufhin bekam er einen weiteren Stromschlag und verlor wieder das Bewusstsein. Schließlich gab er zu, für die CIA zu arbeiten, und unterschrieb sein Geständnis. Am nächstenTag brachte ein Lastwagen die Häftlinge nach Phnom Penh, das die Roten Khmer zur Geisterstadt gemacht hatten. Alle Bewohner mussten zum Arbeiten aufs Land. Vermeintliche Regimegegner wurden zum Gefängnis S-21 gebracht.
Ortstermin etwas südlich des Zentrums der kambodschanischen Hauptstadt. Hinter einem Stacheldrahtzaun liegt die Gedenkstätte Toul Sleng, eine ehemalige Schule, die die Roten Khmer zum Gefängnis S-21 machten. Man hat es weitgehend so erhalten, wie es die vietnamesischen Truppen vorfanden bei der Befreiung 1978: Ein hoher Wellblechzaun vor der ursprünglichen Begrenzungsmauer des Schulhofs, dazwischen ein Meter, gefüllt mit Stacheldraht, dahinter der Betonbau, drei Stockwerke, Flachdach. Im Hof steht eine Reckstange, an der Kinder turnten, bevor die Roten Khmer kamen. Die Wärter hängten Gefangene daran auf, kopfüber, versenkten ihre Oberkörper minutenlang in Fässer, gefüllt mit Kot und Urin, eine der Foltermethoden, die sich Duch ausgedacht hatte, um Geständnisse von den Gefangenen zu erhalten. In einer Ritze des Bodens stecken drei Räucherstäbchen, daneben steht eine offene Flasche Eistee und eine Schale mit einem Stück Kuchen, ein Opfer für die Opfer.
Als Vann Nath hierherkam, waren seine Augen verbunden, er spürte als Erstes den kalten Betonboden unter seinen Füßen, dann etwas Raues um seinen Hals. Man legte ihm und den anderen einen Strick um die Kehle. Zusammengebunden mussten sie losmarschieren, wenn einer hinfiel, riss er die anderen mit. Vann Nath hört die Wärter heute immer noch spotten. Einer zog vorne an dem Seil, die Häftlinge stolperten hinterher, eine Treppe hinauf. Oben nahm man einem nach dem anderen die Augenbinde ab, erfragte Alter und Beruf und fotografierte jeden, von vorne und im Profil. „Wenn sie den Aufwand betreiben, uns alle zu fotografieren, werden sie uns wohl nicht umbringen“, dachte Vann Nath.
Heute hängen die beiden Porträts, die bei seiner Ankunft in Tuol Sleng gemacht wurden, in seiner Galerie in Phnom Penh. Ein Mann mit Schnauzbart, mager, erschreckt, voller Angst. Daneben: Vann Naths Leidensgeschichte in Gemälden. Verhaftung, Folter, viele Szenen, die sich
in sein Gedächtnis gebrannt haben, hat er gemalt, es ist seine Art, das Trauma zu verarbeiten. Ein Bild zeigt 30 Leiber, die dicht gedrängt auf dem Boden liegen: Das ist die Zelle, in die Vann Nath nach der Aufnahme der Porträtfotos gebracht wurde.
Der Wärter stieß die Tür auf, und jede Hoffnung zu überleben starb in Vann Nath. Er sah 30 Männer auf dem nackten Boden liegen, jeweils zu fünft mit den Füßen zusammengekettet. Sie waren leichenblass und abgemagert. Vann Nath bekam schnell mit, warum. Die Mahlzeiten bestanden aus zwei Esslöffeln Reissuppe morgens und abends. Angelockt durch das Licht in der Zelle flogen nachts Käfer herein, manche verschmorten an der Glühbirne, fielen von der Decke – und die Gefangenen steckten sie in den Mund. Fast jeden Tag starb jemand in der Zelle, an Hunger oder an den Folgen der Folter. Vann Nath erinnert sich, wie Menschen neben ihm einfach aufhörten zu atmen, wie er neben Leichen in der Zelle lag, bis die Wärter diese nach einem Tag holten.
Heute liegen sie noch in den Ecken der Räume, die als Zellen dienten: die Eisenstangen, an die jeweils fünf Häftlinge gekettet waren, und die verrosteten Stahlkisten, in die sich die Häftlinge entleeren mussten. In anderen Räumen stehen Stellwände mit den Fotos, die nach der Ankunft von den Häftlingen gemacht wurden. Tausende Gesichter blicken einen hier an. Männer und Frauen, die vielleicht ahnten, dass sie nicht mehr lange leben würden – und Kinder. Ei- nes ist höchstens drei Jahre alt. In Tuol Sleng mordeten die Roten Khmer bestialisch, aber bürokratisch. Von jedem Häftling gibt es Fotos und eine Akte mit den unter Folter erpressten Nonsense-Geständnissen.
Vann Nath ist seinen Peinigern gegenübergesessen. Der kambodschanische Regisseur Rithy Panh hat ihn für seinen Dokumentarfilm „S-21: The Khmer Rouge Killing Machine“ 2003 mit ehemaligen Wärtern von Tuol Sleng zusammengebracht. In einer Szene steht Vann Nath vor dem Gemälde, auf dem die Zelle dargestellt ist, in der er eingesperrt war. Ihm gegenüber stehen fünf ehemalige Wärter. Er erzählt, wie die Aufseher den Häftlingen mit Eisenstangen auf den Kopf schlugen, wenn sie eine falsche Bewegung machten. „Wie konntet ihr euch an diese Brutalität gewöhnen?“, fragt er sie mit zitternder Stimme. Einen Moment ist es still.Dann antwortet einer: „Das Büro sagte uns: Wenn die Partei jemanden eingesperrt hat, ist er ein Feind.“ Ein anderer sagt: „Nichts stand über Angka. Wenn sie uns befahlen, unsere Verwandten, unsere eigenen Frauen und Kinder zu töten, taten wir das.“
Eines Tages kamen die Wärter, um Vann Nath zu holen. Man legte ihm Handschellen an. Er konnte kaum stehen vor Schwäche, er stank so, dass er seinen eigenen Geruch kaum ertragen konnte. Schon viele hatten sie weggebracht aus seiner Zelle, einige hatten die Aufseher nach Folterverhören blutend und gebrochen wieder dort abgelegt, andere waren nie wieder gekommen. Aber noch jedem hatten sie die Augen verbunden. Warum ihm nicht? Er würde die Menschen erkennen, er würde sehen, wie das Gefängnis aufgebaut ist. Es gab für ihn nur eine Antwort: Sie wollten ihn jetzt umbringen. Die Wärter führten ihn durch die Gänge des Gefängnisses in einen Raum, wo ein Mann mit hohen Wangenknochen saß. An den folgenden Wortwechsel erinnert er sich heute noch Wort für Wort. „Begrüße den Kameraden Duch“, sagte der Wärter zu ihm. Vann Nath tat, wie ihm geheißen, und sank dann vor Schwäche auf die Knie. „Wie lange hast du als Maler gearbeitet?“, fragte ihn der Gefängnischef. „Zehn Jahre“, sagte Vann Nath. „Kannst du ein Bild malen?“, fragte Duch. Vann Nath wusste nicht, wie er das in seinem Zustand schaffen sollte, aber er sagte: „Ich versuche es.“
Er durfte sich satt essen und sich waschen, dann wurde er in einen großen Raum geführt, wo Leinwände und Farben standen. Duch gab ihm das Bild eines Mannes, den er abmalen sollte. Vann Nath hatte ihn nie gesehen, später sollte er erfahren: Es war Pol Pot. Zitternd begann er mit dem Hintergrund des Gemäldes, Duch schaute ihm zu, Vann Nath malte um sein Leben.
Das erste Porträt misslang. Duch betrachtete es, schüttelte den Kopf – und gab Vann Nath noch eine Chance. Das zweite Gemälde war schon näher am Original. „Du bist ein guter Maler“, sagte Duch. Vann Nath war fürs Erste gerettet. Er musste nicht mehr in die Zelle zurück, er durfte in dem Raum schlafen, in dem er malte, bekam mehr zu essen. Trotz dieser verbesserten Umstände wusste er, dass sein Leben mit jedem Bild, das Duch missfiel, zu Ende sein konnte. Mehrere Maler, das hatte er inzwischen erfahren, hatten schon hier gearbeitet, manche Monate, manche Wochen, manche Tage. Am Ende waren sie alle ermordet worden. Vann Nath malte immer und immer wieder Pol Pot, in allen Formaten. Er bemühte sich, den Pinsel behutsam zu führen, damit es nicht wirkte, als missachte er Pol Pot. Duch beobachtete ihn oft bei der Arbeit. Der Gefängnisleiter erzählte ihm von van Gogh und Picasso, während Vann Nath von draußen die Schreie der Gefolterten hörte. Wenn die Sonne untergegangen und er alleine war, lauschte er dem An- und Abfahren der Lastwagen. Mit ihnen wurden nachts Häftlinge nach Choeung Ek transportiert, 17 Kilometer entfernt.
Es ist ein heißer Nachmittag in Choeung Ek, Kleinbusse bringen Touristengruppen, an einem Kiosk gibt es Getränke, gegenüber erhebt sich auf einem gepflegten Rasen ein weißer Turm. Tritt man an seine verglaste Front heran, sieht man dahinter grell weiß menschliche Schädel leuchten, 5000 sollen es sein. Fast jeder Schädel hat ein Loch. Choeung Ek ist das bekannteste von wohl mehr als 300 Killing Fields der Roten Khmer. Jede Nacht wurden ungefähr 200 Häftlinge aus Tuol Sleng hierhergebracht. Es empfing sie laute Tanzmusik, Duch saß, so hat es ein ehemaliger Wärter in dem Dokumentarfilm „S-21: The Khmer Rouge Killing Machine“ erzählt, auf einer Matte im Gras und rauchte. Er schaute zu, wie die Häftlinge mit verbundenen Augen an den Rand einer Grube geführt wurden. Man schlug ihnen mit einer Eisenstange auf Kopf und Genick, dann wurde ihnen die Kehle aufgeschnitten. Kinder töteten sie, indem sie sie am Bein nahmen und ihre Körper so lange gegen einen Baum schlugen, bis sie tot waren. Die Vorgabe des Pol-Pot-Regimes war, keine Kugel zu verschwenden, um ein Menschenleben auszulöschen.
Am 7. Januar 1979 hörte Vann Nath Artillerie über Phnom Penh. Wärter brachten ihn in den Hof. Dort standen Duch und das gesamte Personal, alle bewaffnet – er war sich sicher, jetzt hingerichtet zu werden. Doch die vietnamesische Armee stand vor Phnom Penh, und Vann Nath und andere Gefangene, die Duch nützlich gewesen waren, wurden auf einen Lastwagen geladen. Sie flohen mit dem Tross der Roten Khmer in Richtung Flughafen. Als es Feuergefechte zwischen Vietnamesen und Roten Khmer gab, nutzten Vann Nath und sechs andere Gefangene die Chance zur Flucht – es sind die einzigen Häftlinge aus Tuol Sleng, die überlebten. Alle anderen wurden in Choeung Ek hingerichtet.
Schweigsam und kopfschüttelnd schreiten Touristen über das Killing Field – es fällt auf, dass es vor allem Europäer und Amerikaner sind, die die Gedenkstätte besuchen. Kambodschaner sind kaum zu sehen. Die Gesellschaft des südostasiatischen Landes hat die Gräueltaten der Roten Khmer nie aufgearbeitet. Premierminister Hun Sen, seit 24 Jahren an der Macht, war zwar am Sturz des Pol-Pot-Regimes beteiligt, vorher jedoch selbst zwei Jahre bei den Roten Khmer. Heute kommen die blutigen Jahre unter Pol Pot nicht einmal mehr im Schulunterricht vor. Was sagt Vann Nath dazu? „Es macht mich traurig, dass meine Landsleute sich nicht für die Verbrechen der Roten Khmer interessieren.“
Mit dem von den Vereinten Nationen initiierten Tribunal gegen Führungspersonal der Roten Khmer soll ein Vorbild für rechtsstaatliche Strafverfolgung nach Kambodscha kommen. Aber das Verfahren zieht sich hin. 2003 einigten sich Kambodscha und die UN auf eine Vorgehensweise, doch es dauerte bis zum Februar dieses Jahres, bis die erste Verhandlung gegen Duch stattfand. Das Verfahren wird weitgehend von ausländischen Geldgebern bezahlt, mehrfach waren die Mittel aufgebraucht, und es musste Geld nachgeschossen werden.
„Ich habe auf Gerechtigkeit gehofft“, sagt Vann Nath, der als Zeuge geladen ist. „Aber ich bin sehr erschöpft – soll das Verfahren dauern, bis alle Verantwortlichen tot sind?“ Zumindest gegen Duch wird in diesem Jahr ein Urteil erwartet, ob seine weitaus älteren Vorgesetzten aus der Zeit der Roten Khmer noch verhandlungsfähig sind, wenn die Beweisaufnahme abgeschlossen ist, scheint ungewiss. Vann Nath wirkt bedrückt, wenn er von dem Prozess spricht. Er steht zwischen all den Gemälden, die die Szenen seines Leidens zeigen, Verhaftung, Folter, Hunger. Einst malte er jeden Tag um sein Leben, jetzt malt er jeden Tag gegen das Vergessen. Ganz hinten in einer Ecke der Galerie hängt ein einziges Bild, das nichts mit seiner Haft in Tuol Sleng zu tun hat. Es zeigt einen Wasserfall, flankiert von Bäumen in sattem Grün und einem blauen Himmel. Die Natur, das Leben, das wären seine Themen geworden. Aber Vann Nath konnte es sich nicht aussuchen. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2009)















