DiePresse.com

DiePresse.com | Spectrum | Zeichen der Zeit | Artikel DruckenArtikel drucken


Vom Glück, käuflich zu sein

08.05.2009 | 18:37 | Von Martin Leidenfrost (Die Presse)

„Brüssel zartherb“: Teufel Tabak und sein Lobbyist.

Seit an den Satan nicht mehr geglaubt wird, produziert uns die Unterhaltungsindustrie andere Verkörperungen des Bösen. Beispielsweise wurde der Tabaklobbyist zur fast schon mythischen Figur. An einem dieser vielen Brüsseler Frühlingstage, die sich kalt und grau und bewölkt gegen Frühlingsgefühle sperren, öffnete mir ein solcher die Tür. Ich schicke voraus, dass ich mich bereitwillig von ihm einwickeln ließ. Kaum je zuvor wurde mir jemand in Brüssel so sympathisch.

Es heißt, in Brüssel säßen – nach Washington – die meisten Lobbyisten der Welt. Wer nur eine Definition von Lobbyismus vornimmt, gibt schon seine politische Meinung preis. Die Tausenden Unternehmen und Verbände, die eigene Interessenvertreter nach Brüssel schicken, Raiffeisen oder die Sugar Trader, darf man wohl Lobbyisten nennen. Aber all diehauptberuflichen Jakobiner der Klimapolitik, was sind die? Wenn mir einer in der Mittagspause der Integrationskonferenz seine Visitenkarte zusteckt und wennauf dieser Visitenkarte geschrieben steht: „The climate is changing, are you?“ – wurde ich da nicht lobbyiert?

Das geringste Definitionsproblem verursachen Consultancies, welche sich von jedem anheuern lassen, der zahlt. Auffällig viele dieser Consultants haben englische Namen. Sie sind verschwiegen. Ich bemühe mich immer wieder um Interviews, die meisten antworten nicht einmal. „Value Added Europe“ beschied mir, man arbeite „nicht wirklich in European Public Affairs“, man würde „Lagerhäuser bauen“. Umso verblüffter war ich, als ich endlich einen vor mir hatte, bei „Pleon“ in der „Avenue des Arts“. Er nannte sich bereits in seiner ersten Antwort „käuflich“und lehnte süßliche Berufsbeschreibungen wie „Advocacy“ ab. Er sagte, er habe noch nie einen Kunden abgelehnt. Seine Schmerzgrenze sei hoch, „Raketen würde ich nicht verkaufen wollen“. Einer seiner Kunden ist der Tabakkonzern BAT.


Sinnliche Lippen hinter Glas

Hermann Drummer, über 50, glattes, graues Haar, dunkler Anzug, dunkles Polo-Shirt. Der Franke empfing mich in einem transparenten Sitzungsraum. Hinter Glas sah man junge attraktive Mitarbeiterinnen vorbeigehen. Am Tisch saß noch eine junge Blondine. Sie hörte die ganze Zeit zu, ihre sinnlichen Lippen zu einem leichten Ausdruck des Amüsements gespitzt. Sie sah, zu meinem leichten Verdruss, fast immer ihren Chef an.

Ich stellte die einzig interessante Frage. Die Tabakindustrie steht unter Beschuss, Europa wird mit Rauchverboten überzogen. Ich fragte den Tabaklobbyisten also, ob er denn nicht geliebt werden will. „Ich werde geliebt“, antwortete Drummer sehr rasch, „das weiß ich, nicht nur von meiner Frau.“ Er drückte es sogleich milder aus: „Ich erfahre Wertschätzung.“ Manchmal huschte zu seinem verspielten Bubengrinsen etwas Scheues über die Augen. Die Liebe der Frauen, ich glaubte sie ihm.

Eigentlich sprachen wir wenig über Tabak. Das war meine Schuld, der studierte Politikwissenschaftler hatte einige meiner Traumjobs gemacht, ich platzte vor Neugier. Er hatte als Journalist über „Wein, Reisen, Hotels“ geschrieben, hatte mit wenig Arbeit viele Schweizer Franken verdient. Er war Redenschreiber für einen deutschen Spitzenpolitiker gewesen. „Ich hab mich noch nie über mein Leben beklagt“, fasste sich der Glückliche zusammen. Was man als Lobbyist so macht, erklärte mir das SPD-Mitglied auch, von der eurokratischen Geheimlehre „Comitology“ abwärts. Das erzähle ich vielleicht ein andermal. Vorher, sobald uns der Himmel über Brüssel endlich ein Frühlingsgefühl beschert, lädt mich der Lobbyist meines Vertrauens auf ein Glas Wein ein. Wenn ich danach unmotiviert Tabakwaren preise, dann hat mich der alte Fuchs gekriegt. ■


© DiePresse.com