So viel Anfang vom Ende

19.06.2009 | 18:30 |  Von Wolfgang Freitag (Die Presse)

Warum der Eiserne Vorhang zweimal fiel. 27. Juni 1989: Alois Mock und Gyula Horn bei Klingenbach. Von der Macht der Symbole – und wie das Wirkliche hinter dem Vermeintlichen verschwindet.

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Gut mannshoch ist er, der Betonquader, der sich an der frostbrüchigen Straße zwischen Sopron und Sankt Margarethen aus der Grenzflur schiebt. Ein wenig trotzig steht er da, knapp schon ungarisch, gerade nicht mehr österreichisch, wie einer, der sich seiner selbst nicht recht sicher ist und seine Verzagtheit hinter umso wuchtigerer Physis zu verbergen sucht. Immerhin, wovon die granitene Tafel an seiner dem Burgenland zugewandten Seite kündet, das ist historisch keine Kleinigkeit: „An dieser Stelle durchschnitten am 27. Juni 1989 die Außenminister Alois Mock für Österreich und Gyula Horn für Ungarn den sogenannten ,Eisernen Vorhang‘.“ Und irgendwie ist ja auch was Wahres dran: Tatsächlich haben die Herren Mock und Horn am 27. Juni 1989 den Eisernen Vorhang durchschnitten. Nur halt nicht „an dieser Stelle“, sondern gut sechs Kilometer weiter im Westen, nächst Klingenbach. Und tatsächlich waren die Herren Mock und Horn „an dieser Stelle“. Nur halt erst 15 Jahre später, um das zu feiern, was sie „an dieser Stelle“ gar nicht getan hatten.

Im Dezember 2007 durfte der nämliche Platz abermals für ein Fest mit memorialen Rückbezügen herhalten, anlässlich der Erweiterung des Schengen-Raums. Auf einem Foto sehen wir einen gebrechlichen Ex-Außenminister Mock nebst einem Damals-noch-Innenminister namens Platter über ein Foto des 1989er-Ereignisses gebeugt. Und wir dürfen uns aufs Wunderbarste imaginieren, wie sie wohl das Vergangene eines ganz anderen Ortes mit dem Gegenwärtigen, das sie hier umgab, zur Deckung gebracht haben mögen.

Ein, zwei ähnliche Events noch, dann wird der Quader an der frostbrüchigen Straße zwischen Sopron und Sankt Margarethen vielleicht selbst glauben, auf dem richtigen Platz zu stehen. Ein, zwei Events noch, und die Macht der Symbole wird auch hier die Fakten verdrängt haben, so wie schon jetzt die Wirklichkeit jenes 27. Juni 1989 hinter dem Vermuteten, das Tatsächliche hinter dem Vermeintlichen verschwunden ist.


Februar 1989.Markus Geiler hat genug. Dass der 22-jährige Leipziger als Theologiestudent für das SED-Regime ein „hoffnungsloser Fall“ ist, daran hat er sich wie viele andere hoffnungslose Fälle längst gewöhnt. Woran sich er und die anderen nicht so recht gewöhnen wollen: dass in manche realsozialistische Bruderstaaten mittlerweile beträchtliche Bewegung gekommen ist, während der Arbeiter- und Bauernstaat in Paralyse verharrt. Der „Ostblock“ ist, spätestens seit Michail Gorbatschow im März 1985 sein Amt als Generalsekretär der KPdSU angetreten hat, kein Block mehr – und während im Westen noch kaum einer an irgendwelche neuen Realitäten im sowjetischen Machtbereich glauben will, werden die, so unscheinbar sie sein mögen, im Osten umso genauer wahr- und auch für wahr genommen.

Markus Geiler sieht, wie sich in Polen Machthaber und Opposition an einem „runden Tisch“ zu Verhandlungen zusammenfinden, einem der vielen der nächsten Jahre, als hätten die Tische plötzlich keine Ecken mehr. Markus Geiler sieht, wie in Ungarn erst ökonomische, dann politische Reformen Platz greifen, sieht, wie Politbüromitglied Imre Pozsgay den ungarischen Volksaufstand des Jahres 1956 tatsächlich „Volksaufstand“ und nicht mehr länger „Konterrevolution“ nennt, ohne dass er gleich nach Sibirien verfrachtet würde.

 

Westfernsehen – und jede Woche die „Budapester Rundschau“

Das alles sieht Geiler im Westfernsehen, hört es im Westradio, liest es gedruckt in der „Budapester Rundschau“, die allwöchentlich ins Haus kommt. Sein Land dagegen versinkt in Agonie, ein Regime, das seine Bevölkerung selbst schon vor Filmen aus der Sowjetunion schützen zu müssen glaubt. Oder vor den verderblichen Einflüssen der Zeitschrift „Sputnik“, einem beliebten Journal mit Übersetzungen sowjetischer Artikel, das im November 1988 „von der Postzustellungsliste gestrichen“ wird.

„Gleichzeitig“, erinnert sich Markus Geiler, „wuchs aber auch der innere Widerstand. Bei den Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche fanden sich von Montag zu Montag mehr Teilnehmer ein. Und wenn die Leute danach aus der Kirche gingen, war der Kirchplatz meist umzingelt von Polizei, es gab Festnahmen, manche wurden vorübergehend eingesperrt, andere sofort in den Westen abgeschoben, das Land versuchte, Druck rauszunehmen.“

Dann, am 2. Mai 1989, hört Geiler, dass die Ungarn den Eisernen Vorhang an ihrer Grenze abzubauen beginnen: „Da tat sich plötzlich eine Tür auf, und ich habe mir gedacht, das ist eine Chance, die wird sich so schnell nicht wieder bieten.“ Markus Geiler beschließt, den seit Monaten geplanten Ungarn-Urlaub zur Flucht nach Österreich zu nutzen. Im Juli soll es so weit sein.


So viel Anfang war nie.
Schon gar nicht so viel Anfang vom Ende. Vom Ende des Kommunismus, vom Ende der Teilung Europas, vom Ende des Kalten Kriegs und was man sonst noch alles an Enden finden will in den auch nur 365 Tagen jenes Annus mirabilis 1989. Je nach Essayistentemperament und Politologenlaune lassen sich die dazupassenden Endenanfänge über mehrere Jahre, ja über ein Jahrzehnt verteilen, sagen wir, von der Invasion der Roten Armee in Afghanistan, 1979, bis zur Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989.

Zu den populärsten Anfängen der 1989er-Enden gehört die Beseitigung des Eisernen Vorhangs an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich. Der bestand seit Ende der Sechzigerjahre aus 240 Kilometer „elektronischem Signalsystem SZ-100“, einem Produkt sowjetischer Provenienz, das die bis dahin gebräuchliche eher rüde Kombination aus Stacheldraht und Minenfeldern durch eine sozusagen menschenfreundlichere Art, die eigene Bevölkerung am Verlassen des realsozialistischen Paradieses zu hindern, ersetzte: Näherte man sich der Grenze, so flog man nicht gleich in die Luft; die 22 niedervoltigen Drähte, die da zwischen Betonsäulen gespannt waren, lösten, berührten sie einander oder wurden sie durchtrennt, einen Alarm aus, der die Grenzwache ins Gelände rief – wenn man Glück hatte, wurde man nur festgenommen, hatte man Pech, erschossen.

Doch nach zwei Dezennien Dienst rund um die Uhr wäre auch ein solideres als das sowjetische System in die Jahre gekommen gewesen. „Es gab ständig Fehlalarme, bei Unwetter, durch Tiere, die Grenzsoldaten mussten oft und oft unnötigerweise ausrücken“, weiß János Székely heute zu berichten. 1986 wird er Kommandant der ungarischen Grenztruppen, ein Jahr später erhält er vom Innenministerium den Auftrag, den Status quo der Grenzanlagen zu erheben. Sein Bericht lässt es nicht an Deutlichkeit fehlen: Das System sei „sachlich, politisch und auch moralisch veraltet“.

 

18. April 1989: Die Räumung des Eisernen Vorhangs wird geprobt

Noch allerdings ist es zu früh, die zwingend daraus ableitbare Konsequenz zu ziehen. Noch heißt der Parteichef János Kádár, wie schon seit der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands 1956. Noch geht die Angst um vor den lieben Anverwandten der Warschauer-Pakt-Familie: Was werden die wohl sagen, wenn man ihren Bürgern durch Abbau der ungarischen Grenzanlagen ein Schlupfloch in den Westen bietet?

Anfang 1989 ist Kádár Parteigeschichte, das Zentralkomitee der kommunistischen Partei verweist die Frage zur Entscheidung an die Regierung, und die tut, was in jeder Hinsicht vernünftig und geboten scheint. János Székely: „Es gab ein kurzes Stück dieser Signalanlage zwischen Ungarn und der ?SSR, bei Pressburg, dort haben wir am 18.April 1989 die Räumung erprobt.“

Am 2.Mai folgt die offizielle Verkündigung vor versammelter internationaler Presse im ungarischen Grenzdorf Hegyeshalom: Der Eiserne Vorhang wird abgebaut. Soldaten der ungarischen Volksarmee machen sich auch gleich telegen ans historische Demontagewerk. Und als der Stellvertreter Székelys, Balázs Nováky, von einem ungarischen Journalisten gefragt wird, ob denn Österreich vorinformiert worden sei, gibt der keck zurück: „Wir haben die Österreicher nicht gefragt, als wir vor 40 Jahren die Grenzsperren aufgestellt haben. Und natürlich auch jetzt nicht, da wir sie wieder abbauen.“ Zwei Monate später ist Österreich gefragt. Oder hat Österreich Ungarn gefragt. Oder beide haben einander gleichzeitig gefragt. So ganz klar wird das nicht mehr werden. Jedenfalls steht man am 27. Juni abermals offiziell am Eisernen Vorhang, freilich in einem anderen österreichisch-ungarischen Grenzgebiet, und nicht mehr einfache Soldaten, nein, gleich zwei Minister sind es, die mit schweren, ziemlich neuwertigen Scheren durch alten Sowjetdraht kneifen.


Juli 1989.
Markus Geiler macht sich auf den Weg. Die zur Reise aus der DDR in sozialistische Bruderländer wie Ungarn nötige „Reiseanlage“ zu seinem Personalausweis hat er sich längst beschafft: „Die habe ich noch im Mai beantragt, einfach aus der Angst heraus, die DDR-Grenze könnte dichtgemacht werden, weil natürlich auch bei den DDR-Behörden registriert worden ist, dass die Ungarn den Eisernen Vorhang abbauen.“ Erstaunlich genug: „Es lief alles ganz normal weiter, ich konnte den Antrag abgeben, wurde etwas misstrauisch angeschaut, aber nach der üblichen Wartezeit, vier, fünf Wochen, war alles erledigt.“

Geiler ist nicht allein, als er Anfang Juli aufbricht: Zwei Freunde begleiten ihn, der eine fest, der andere nicht ganz so fest entschlossen, die Flucht über Ungarns grüne Grenze nach Österreich zu riskieren. In einem quälend eng besetzten Zug reisen die drei über Prag nach Budapest: „Meine Eltern brachten mich zum Bahnhof, wir verabschiedeten uns sehr tränenreich, ich hatte ihnen gesagt, dass ich versuchen würde wegzukommen – das war kein einfacher Moment für uns alle, weil völlig unklar war, wann sehen wir uns wieder, sehen wir uns überhaupt wieder. Im Zug war dann eine sehr angespannte Stimmung. Man konnte, ohne dass es jemand aussprach, davon ausgehen, die Leute, die da jetzt hinfahren, die haben alle auch so ein wenig die Absicht im Rucksack, nicht zurückzukehren.“

In Budapest trifft Geiler einen Freund vergangener Tage, der aus der BRD angereist ist und über beste Kontakte in Ungarn verfügt. Und so ist er bald über die neuen Grenzrealitäten korrekt ins Bild gesetzt: „Die Ungarn haben uns gesagt: Passt mal auf, die Grenzanlagen sind zwar abgebaut, aber es gibt nach wie vor einen von den Grenztruppen überwachten Cordon sanitaire, wo vor allem Ostdeutsche rausgepickt werden. Insofern müssen wir erst einmal nach Möglichkeiten schauen, wie wir euch da rüberkriegen.“ Markus Geiler beschließt, abzuwarten und vorerst einmal das zu tun, wofür er offiziell nach Ungarn gereist ist: Urlaub zu machen.


„Das ist der Chauffeur von Mock,
dann kommt Mock selber, das war der damalige österreichische Botschafter in Budapest, das der ungarische Botschafter in Wien, hier haben wir Horn, das ist Walter Greinert, der damalige Pressechef, da sieht man deutlich Alfred Missong, der war Leiter der Diplomatischen Akademie, und da, diese bösen Augen, das ist, glaub ich, der Gerhard Ziegler, damals Pressesprecher von Mock.“ Karl Diem, unter Mock stellvertretender Protokollchef des Außenministeriums, kennt sie alle. Fast alle: Nur „die zwei da hinten“, die kennt er nicht. Wir sitzen in einer kleinen Wiener Café-Konditorei, und inmitten all der Apfelstrudel, Topfenkolatschen, Melangen und Kleinen Braunen liegt sozusagen ein Stück Weltgeschichte vor uns: eine Fotografie, 27. Juni 1989 – die Außenminister Mock und Horn durchschneiden den Eisernen Vorhang.

Karl Diem weiß um die Mythen, die sich längst um die Begegnung angelagert haben, er weiß, dass die Sache mit dem unvorsichtigen Diplomaten, der durch Berührung der Signaldrähte, wie später kolportiert, einen „Kurzschluss bis Györ“ ausgelöst haben soll, nichts weiter als gut erfunden ist, und er dementiert auch entschieden die von Gyula Horn in die Welt gesetzte Behauptung, die Österreicher hätten ihm eine stumpfe Schere gegeben, auf dass er sich mehr plagen müsse als sein Amtskollege Mock. Bei einer Sache allerdings weiß auch Diem keinen Rat: wie denn der Mock-Horn-Termin überhaupt zustande gekommen sei, fast zwei Monate, nachdem die Ungarn ohnehin offiziell die Beseitigung des Eisernen Vorhangs verkündet hatten – und welche Rolle dabei der Fotograf Bernhard Holzner gespielt haben mag.

Folgt man Holzner und denen, die seine Darstellung in den vergangenen Monaten in immer dichterer Folge publizistisch pflegten, dann war es ein kleiner Fotograf aus Innsbruck, der da dem Rad der Zeit in die Speichen griff: nämlich Holzner selbst. Die Holzner-Saga in Kurzfassung: Am 2.Mai 1989 ist er zugegen, als die Ungarn den Abbau des Eisernen Vorhangs bekannt geben, doch das Ereignis selbst und Holzners Bilder davon finden international keinen Widerhall. „Ich bin dann mit dem Gerhard Ziegler zusammengesessen, hab ihm das erzählt und gesagt, jede blöde Straße wird offiziell eröffnet mit Tamtam, und da ist nix – das kann nicht sein. Ziegler hat das auch so gesehen. Wir haben das dem Alois Mock vorgetragen, der war, unter Anführungszeichen, eh für jeden Blödsinn zu haben, der hat das auch so gesehen wie wir beide und hat mit Horn Kontakt aufgenommen.“

Eine Version, die Gerhard Ziegler, heute Österreichs Botschafter in Zimbabwe, aus einem schwülen Harare mit einem kühlen „Der Holzner war überhaupt nicht in die Entscheidung involviert“ quittiert. Die Idee zum großen Medien-Event sei „anlässlich eines Besuchs des damaligen ungarischen Botschafters bei Bundesminister Mock“ entstanden: „Es ging darum, durch einen Symbolakt zweier mitteleuropäischer Staaten zu dokumentieren, dass man wieder zueinander gefunden hat.“ István Horváth andererseits, damals Botschafter Ungarns in Bonn, heute in Wien, will von Gyula Horn selbst vernommen haben, das Ganze sei keine österreichische, sondern „eine ungarische Initiative“ gewesen. Und wenn man nur ernsthaft genug suchen wollte, könnte man wohl noch ein paar andere Versionen und ein paar andere Urheber finden. Unsere Wünsche wollen uns doch stets wichtiger scheinen lassen, als wir sind – und ihr willigster Knecht ist die Erinnerung. So brauchen wir uns gar nicht länger damit aufzuhalten, dass auch der 2.Mai – dank ausführlicher Berichterstattung vom „Spiegel“ über den „Guardian“ bis zur „Washington Post“ – keineswegs so medial spurlos an der Weltöffentlichkeit vorbeigegangen ist, wie selbst in sonst honorigen Publikationen nach wie vor nachzulesen. Und dass auch – gleichfalls oft zu hören – das Mock-Horn-Bild vom 27.Juni keinen einzigen DDR-Bürger, der es davor nicht ohnehin schon wollte, im anschließenden Juli fluchtgeneigt nach Ungarn treiben konnte: Der hätte erst einmal vier, fünf Wochen auf seine „Reiseanlage“ warten müssen.

Mit der Augenzeugenschaft ist es auch so eine Sache: Haben die einen die ministerielle Drahtschneiderei „feierlich, fast besinnlich“ im Gedächtnis, berichten andere von „Begeisterung, ja Euphorie“, behaupten die Ungarn, für den Mock-Horn-Event habe man eigens ein Stück Eisernen Vorhang wiedererrichten müssen, weil keiner mehr da war, bestreiten das die meisten Österreicher entschieden, die sich ihrerseits nicht selten zwischen Minenfeldern meinten, wo seit einem Vierteljahrhundert keine Mine mehr zu finden war.

Sei es wie immer: In unseren Köpfen werden nie irgendwelche ungarische Soldaten am 2. Mai 1989 bei Hegyeshalom den Eisernen Vorhang gefällt haben, sondern die Herren Mock und Horn knapp zwei Monate später zwischen Sopron und Klingenbach; in unseren Köpfen wird immer die Geschichte vom kleinen Fotografen, der Großes bewirkte, haften bleiben, weil sie so schön ist, dass sie nur wahr sein kann; in unseren Köpfen werden wir bis ans Ende aller Tage die paar hundert DDR-Bürger sehen, denen schon im Juni, Juli die Flucht über die grüne Grenze nach Österreich gelang – und nicht die fast 40.000, die ein zerbrechendes Regime im ersten Halbjahr 1989 ganz legal in den Westen ziehen ließ. Geschichte braucht stets ein Gefäß, in das wir sie füllen können, und die Realität, nüchtern, wie sie manchmal ist, liefert nicht immer das attraktivste, das sich denken lässt.


August 1989.
Markus Geiler ist allein. Die zwei Freunde, die ihn nach Ungarn begleitet haben, sind mittlerweile, unsicher geworden, nach Leipzig zurückgekehrt. Mittlerweile ist auch ein Weg ausgekundschaftet, wie er vergleichsweise gefahrlos nach Österreich kommen kann. Ein Bekannter eines Bekannten hat in einem ungarischen Grenzort am Neusiedler See ein Haus, das zur Absprungbasis taugt.

Dort trifft er auf weitere Ostdeutsche, die sich in gleicher Sache versammelt haben. Gemeinsam geht man am Abend an die Grenze: „Das war ein sehr bewegender Moment. Wir stiegen auf einen verlassenen Wachtturm. Der Besitzer des Hauses erklärte, die Wachttürme sind nicht mehr besetzt, dennoch wird hier aufgepasst, da darf man sich nicht täuschen. Und da die meisten versuchen, nachts über die Grenze zu kommen, würde er uns vorschlagen, wir sollten es tagsüber versuchen, da lasse die Aufmerksamkeit nach.“

Fluchttermin also: der nächste Morgen. „Ich lag dann nachts in diesem Haus, Österreich einen Steinwurf entfernt – und bekam plötzlich einen Asthmaanfall.“ Geiler meint, darin ein psychosomatisches Zeichen zu erkennen: „Mich verließ die Courage, und ich hab am nächsten Morgen gesagt, nein, ich schaff das nicht.“ Und zur selben Zeit, zu der schon Zigtausende DDR-Bürger, von Urlaubern zu Flüchtlingen mutiert, in hastig improvisierten ungarischen Lagern auf eine Ausreise nach Österreich hoffen, kehrt Markus Geiler in die DDR zurück: „Als ich in Leipzig aus dem Zug stieg, war mir klar, dass ich alles falsch gemacht hab.“

Den Fall der Berliner Mauer drei Monate später erlebt er dennoch im Westen: In einem zweiten Versuch gelingt ihm, woran er im ersten scheiterte. Da braucht's keine Flucht mehr, da kann er einfach über Ungarn nach Österreich ausreisen: Am 11.September haben sich an der ungarischen Grenze zu Österreich die Schlagbäume für DDR-Bürger geöffnet. Das Ende der DDR ist besiegelt – doch daran wagt in jenen Tagen weder Markus Geiler noch sonst jemand zu glauben. Heute lebt Geiler als Redakteur des Evangelischen Pressediensts in Berlin: So richtig weit weg vom vormaligen Ostdeutschland hat er sich nie entfernt.

Herend-Porzellan auf dem Tisch, Kirschstrudel auf dem Teller, Maulbertsch-Fresken an der Decke: Besuch in der vormaligen Ungarischen Hofkanzlei in Wien, die auch einer Republik Ungarn gut zu Gesicht steht: als Botschaft. Der Herr Botschafter, István Horváth, erzählt von den Ereignissen des Jahres 1989 und seiner Rolle als Botschafter in Bonn: ruhig, sachlich, abgeklärt. Erst gegen Ende des Gesprächs verliert er kurz die diplomatische Façon, dringt ein ferner Nachhall jener ungestümen Tage durch die Gegenwart: „Sie müssen wissen, das war keine ausgemachte Sache. Wer konnte vorhersagen, dass die 120.000 sowjetischen Soldaten, die in Ungarn standen, stillhalten würden? Ich habe im Juli 1989 jeden Tag drei, vier Telefonate mindestens gehabt: Wie lange hält sich Gorbatschow noch? Oder: Das Militär wird die Macht übernehmen, die Sowjetunion wird uns nicht ziehen lassen. Nachträglich klug zu sein ist immer unglaublich leicht.“

Auch wenn uns heute die glatte Chronik der Ereignisse anderes suggerieren mag: Der Weg zum Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer war keine Autobahn, das war ein holpriger, kümmerlicher Pfad, der alles, was sich auf ihm bewegte, auf jedem Meter und zu jeder Stunde abzuschütteln drohte. Holprig und kümmerlich wie die frostbrüchige Straße zwischen Sankt Margarethen und Sopron – historische Verbindung zweier Staaten, von der bis heute kein Wegweiser kündet, als wär sie gar nicht da oder noch immer unterbrochen, wie in den langen Jahren des Kalten Kriegs.

Das Denkmal an ihrer Seite mag einem Irrtum seinen falschen Standort verdanken. Die Straße selbst ist, so wie sie ist, kein Irrtum: Sie erzählt korrekt von einem Stück mitteleuropäischer Realität der Gegenwart. Das Ende der Teilung Europas hat noch immer kein Datum. Wir sind mittendrin in irgendeiner Art von Anfang. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2009)

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