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"Das Buch leiste ich mir"

08.09.2009 | 15:36 |  Von Reinhard Engel (Die Presse)

Martina Bartalszky hat sich vor neun Jahren als Buchhändlerin in Wien selbstständig gemacht. Die Stammklientel, die sie sich aufbauen konnte, trägt sie jetzt auch durch die schwieri- geren Zeiten. Aus der Serie "Krise & Alltag in Österreich".

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Und ja, vereinzelt macht sich die Krise auch in der kleinen Buchhandlung in der Währinger Straße bemerkbar. "Das ist nichts gegen dich", hat eine junge Kundin Martina Bartalszky gesagt, als sie bei ihr vorbeischaute, nachdem sie schon einige Wochen weggeblieben war. Sie war gekündigt worden. "Ich muss jetzt sparen. Von der Arbeitslosen kann ich mir die Bücher nicht mehr leisten." Einige andere Käufer holen sich bereits ihre Krimis in den Städtischen Büchereien. "Dort bekommt man ja fast alles, auch die meisten Neuerscheinungen."

Aber im Großen und Ganzen sind Frau Bartalszky ihre Stammkunden treu geblieben und kaufen ein wie eh und je. "Sie sind eher gut situiert, nicht wirklich reich, und auf ihre Bücher wollen sie nicht verzichten. Manche warten zwar aufs Taschenbuch, aber meist sagen sie, wenn etwas neu, gebunden erscheint: ,Das Buch möchte ich haben, das leiste ich mir.'"

Schlechter geschlafen hat Martina Bartalszky, als sie sich vor neun Jahren selbstständig machte. Sie war nach 20 Jahren bei der Buchhandlung Kolisch, gleich hinter der Universität, gekündigt worden, weil der Besitzer in Pension ging. Sie wollte zwar die Selbstständigkeit wagen; ein Angebot, sie solle die Buchhandlung übernehmen, traute sie sich allerdings nicht anzunehmen: "Zu groß und zu teuer." Über einen Bekannten fand sie in der Währinger Straße ein winziges Lokal, zuletzt waren darin Hör geräte verkauft worden. Ihre Abfertigung hätte aber nicht einmal für den notwendigen Umbau gereicht - der sollte 1,2 Millionen Schilling kosten. Und dann musste erst das Sortiment finanziert werden, Bücher gibt es nur in seltenen Ausnahmefällen auf Kommission.

"Ich bin von mehreren Banken abgelehnt worden", erinnert sie sich bitter. "Weder habe ich eine Eigentumswohnung als Sicherheit gehabt noch einen Ehemann als Bürgen." Schließlich nahm sich eine Bankerin in einer nahen Filiale ihrer an, gemeinsam füllten die beiden Frauen "Tausende Seiten" von Kreditanträgen und Förderformularen aus: Bürges, Wirtschaftskammer, Jungunternehmerkredit des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds. "Sie hat mir wirklich sehr geholfen, ich weiß nicht, ob ich es ohne sie geschafft hätte."

Aber das Unternehmen lief von Anfang an gut. Die Lage - nahe bei zahlreichen Universitätsinstituten und unweit der französischen Schule - hatte sich als richtig herausgestellt. Und Frau Bartalszky hatte etwas für die Grundauslastung ihrer Minifirma überlegt gehabt. Schon als Angestellte bei Kolisch hatte sie Bibliotheken von einzelnen Instituten und Behörden betreut. Diese Kundschaft konnte sie übernehmen, das sichert ihr bis heute etwa ein Drittel ihres Umsatzes. Nur einmal, während der Zeit von Karl-Heinz Grasser als Finanzminister, war die Idee aufgetaucht, alle derartigen Einkäufe der öffentlichen Hand einer einzigen Beschaffungsagentur zu übertragen. Das konnten die Buchhändler mit intensivem Lobbying abwenden. Bartalszky: "Noch mehr als wir Wiener wären die Buchhändler in den Bundesländern getroffen worden. Und wir sind ja doch auch Nahversorger, die man braucht."

Die meisten ihrer urbanen Kunden wären durchaus fähig, ihre Buchbestellungen via Internethändler wie Amazon abzuwickeln. Doch sie wollen auf das haptische Erlebnis beim Literatureinkauf nicht verzichten, die Bände selbst in die Hand nehmen, sie anlesen, Druck und Papier fühlen und riechen. Vor allem aber vertrauen sie ihrer Buchhändlerin, was deren Vorauswahl angeht. Denn diese muss laufend Entscheidungen treffen, was sie aus der überbordenden Fülle von Neuerscheinungen für wert hält, auf ihrem knappen Raum anzubieten. "Und ich muss versuchen herauszufinden, was meine Kunden interessiert, damit ich ihnen dann Vorschläge machen kann."

Die erste Voraussetzung ist einmal, dass sie selbst Interesse an einem Buch hat, damit dieses die Chance bekommt, auf einem der beiden langen, bis an die hohe Decke reichenden Stahlregalen Platz zu finden - rechts Belletristik, links Sozialwissenschaften, Philosophie und Ökonomie und das gelegentliche Reise- oder Gartenbuch.

Das wichtigste Instrument der Buchhändlerin bei ihrer Auswahl stellt die Website perlentaucher.de dar, auf der sie täglich Rezensionen der großen deutschen Zeitungen studiert. "Nicht wenige meiner Kunden lesen auch eine dieser Zeitungen." Fast ebenso groß ist der Einfluss der heimischen Besprechungen - im "Spectrum" der "Presse", im "Standard" und im "Falter". "Es kann durchaus sein, dass ich nach einem Herbstwochenende am Montag in der Früh im Mail eine ganze Reihe von Bestellungen finde, von den Büchern, die am Samstag  rezensiert worden sind." Manche Kunden  kopieren sogar die entsprechende Seite von Amazon ins Mail, um zu zeigen, dass sie weiterrecherchiert haben, aber dennoch ihrer Buchhändlerin die Umsätze sichern wollen.

Sie hat selbst in der vergangenen Woche zwei bis drei Bände verschlungen. Klappentexte und Anlesen sind beim gesamten Sortiment in ihrem Geschäft selbstverständlich, auch bei schwierigen philosophischen oder soziologischen Themen. Zum Lesen gekommen war sie als 15-Jährige, als sie aus Langenzersdorf an eine Wiener Höhere Lehranstalt für Frauenberufe wechselte. Da gab es "eine wirklich tolle Deutschprofessorin", die den Mädchen Thomas Bernhard, Peter Handke und Ernst Jandl nahebrachte, die sie in die Nationalbibliothek führte und ihnen den Weg in die öffentlichen Büchereien erklärte. "Die in der Brünner Straße war für mich das Paradies."

Es wurde für Martina bald klar, dass sie irgendetwas mit Büchern arbeiten würde - ob Bibliothekarin oder Buchhändlerin, das wusste sie noch nicht. Als sie nach der Matura einige Buchhandlungen rund um die Uni durchtelefonierte, hatte man bei Kolisch gerade entschieden, einen Lehrling mit Matura aufzunehmen. "Ich habe am Vormittag angerufen, war am Nachmittag dort und bin gleich geblieben." Daraus sollten mit einer kurzen Unterbrechung 20 Jahre werden - und ein Beruf, der sie heute noch zum Strahlen bringt, wenn sie darauf angesprochen wird. Seit zwei Jahren ist ihre Firma schuldenfrei, "und das bringt schon eine Leichtigkeit in den Alltag". Sollte die Krise ärger werden, kann sie gegensteuern: das Lager noch etwas knapper halten, statt fünf nur mehr zwei Bände einer Neuerscheinung ordern.

Aber sie vertraut auf ihre Kunden, denen Bücher beinahe so wichtig sind wie ihr selbst: "Sie können 80 sein oder 20, alle wollen ihr Buch." Da ist die Studentin, die im Altersheim lange Wochenend-Nachtdienste auf sich nimmt, damit sie sich die große Fischer-Werkausgabe von Virginia Woolf leisten kann. Und dann ist da der Knirps, den die Mutter selbst auswählen lässt und der auf seine kleine Kollektion noch einen dritten Band legt: "Das möchte ich auch, die Ferien dauern ja noch ein paar Tage." - "Der ist zehn, da geht einem das Herz auf." 

(("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2009))

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