Glauben, zweifeln, prüfen, wissen

Zum Luther-Jahr 2017: Die Reformation führte nicht nur zur Spaltung des Christentums – sie wandelte auch die neuzeitliche Wissenschaft. Über die Wechselwirkung zwischen reformatorischem Erbe und Moderne.

Eisleben hat sein Martin Luther Denkmal wieder Nach rund viermonatigen Sanierungsarbeiten wurde die
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Eisleben hat sein Martin Luther Denkmal wieder Nach rund viermonatigen Sanierungsarbeiten wurde die
Martin Luther-Denkmal – imago/epd

Die Reformation war ein kirchlicher, gesellschaftlicher und geistiger Aufbruch, dessen Ausstrahlungen bis ins Heute reichen. Nur: Über ihren Einfluss auf Entstehung und Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaft herrschen gegenteilige Ansichten. Evangelische Kirchen und evangelische Theologie schätzen ihren Anteil herkömmlicherweise hoch ein. Eingängig ist die Formel von der Reformation als Freiheits- und Bildungsbewegung mit Philipp Melanchthon als Praeceptor Germaniae an ihrer Spitze. Gern wird auch auf die Impulse der Reformation für die Bibelexegese und damit für das Entstehen der neuzeitlichen Textwissenschaften verwiesen. Ernst Troeltsch, einer der Vordenker des modernen Kulturprotestantismus, vertrat dagegen die Ansicht, der Epochenschwelle der Aufklärung sei ein erhebliches Eigengewicht beizumessen, nicht nur auf dem Gebiet der Bibelexegese, sondern für die protestantische Theologie und ihr Verhältnis zu den modernen Wissenschaften insgesamt. Nach seinem Urteil ist ein großer Teil der Grundlagen der modernen Welt in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst völlig unabhängigvom Protestantismus entstanden. Die moderne autonome Wissenschaft sei „aus dem Protestantismus nicht geboren, sondern nur mit ihm verschmolzen und hat ihn vom ersten Augenblick dieser Verschmelzung ab in schwere Kämpfe hineingerissen“. Andere Forscher wie Wolfgang Flügel sprechen von einer anhaltenden Wechselwirkung zwischen reformatorischemErbe und der Moderne.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2016)

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