Franzobel: Vom Ausrasten

„Früher wollte ich Spuren hinterlassen. Mittlerweile glaube ich nicht mehr, dass irgendetwas bleibt. Alles verschwindet über kurz oder lang, und irgendwie ist das sogar tröstlich.“ Franzobel: eine Selbstbefragung – alle zehn Jahre wieder.

Franzobel, obwohl wir ein solches Gespräch anlässlich unserer beider runden Geburtstage bereits vor zehn und 20 Jahren geführt haben, waren Sie diesmal zögerlich. Warum?

Wahrscheinlich nehme ich mich nicht mehr so wichtig. Vor 20, ja auch noch vor zehn Jahren wollte ich Spuren hinterlassen, war „mediengeiler“ und wohl auch eher bereit, eine Interviewpose einzunehmen. Mittlerweile glaube ich nicht mehr, dass irgendetwas bleibt. Alles verschwindet über kurz oder lang, und irgendwie ist das sogar tröstlich. 50 ist vielleicht ein Alter, in dem die Auflösung beginnt.

Das heißt, eine TV-Reality-Show wie 2008 „Das Match“ würden Sie heute nicht mehr mitmachen?

Es gibt Dinge, die man erlebt haben muss, um sie literarisch verarbeiten zu können. Da zählt „Das Match“ ebenso dazu wie der Opernball, aber ich habe auch Flüchtlingsheime besucht, den Teilchenbeschleuniger Cern besichtigt, mich oft mit Obdachlosen unterhalten und den Geburten meiner beiden Söhne beigewohnt. Unlängst war ich sogar im Gefängnis – aus Recherchezwecken. Im Senegal habe ich mich mit Straßenkindern beschäftigt, aber ich kenne auch Multimillionäre. Mich interessieren alle Aspekte der Welt, alle Gesellschaftssichten – nicht um darüber zu urteilen, sondern um sie zu verstehen.

2010 wollten Sie mit Arigona zum Opernball gehen.

Das wäre eine schräge Kunstaktion gewesen, ein Anti-Lugner-Auftritt. Schon die Ankündigung hat für gehörigen Wirbel gesorgt. Mir war damals unbegreiflich, wie hysterisch ein ganzes Land die Aufnahme einer einzigen Flüchtlingsfamilie ablehnt. Angesichts der späteren Flüchtlingswelle geradezu lächerlich. Aber Arigona am Opernball hätte so viel Neid und Geifer hervorgerufen – das ging dann doch nicht.

Und Ihre Wahlempfehlung für Erwin Pröll war auch eine schräge Kunstaktion?

Das hat mir unglaublich diffamierende Hasspostings gebracht, geradezu so, als wäre ich für einen Nazi eingetreten. Dabei habe ich nur gesagt, dass Prölls gute Kulturpolitik Niederösterreich ins 21. Jahrhundert gebracht hat. Dazu stehe ich nach wie vor, schon allein die vielen Sommertheater beleben die Regionen und sichern vielen Künstlern ein Auskommen. Ich habe mir dafür aber kein Museum bauen, keinen Vorlass abkaufen und auch keinen Orden umhängen lassen.

Würden Sie einen Orden überhaupt annehmen?

Vielleicht den Klopapierrollenorden für Nestbeschmutzer (lacht). Ehrungen, vor allem, wenn man sie ernst nimmt, sind immer lächerlich. Die beste Verleihungsaktion hat Stefan Weber von Drahdiwaberl abgeliefert, der bei seiner Dankesrede für das Silberne oder Goldene (oder Blecherne?) Ehrenzeichen der Stadt Wien einen vorgekauten Speiberling aussonderte.

Thomas Bernhard hat das verbal gemacht.

Ein großer Ironiker. Über Stifter hat er sinn-, nein, naturgemäß einmal gesagt, dass er 30 Seiten braucht, bis eine Figur vom Haustor bis zum Gartentürl kommt. Allerdings schaffen es die Bernhardfiguren selbst meist nicht, aus ihrem Ohrensessel herauszukommen.

Bernhard soll auch jubelnd durchs Zimmer gehüpft sein, als er vom Ableben Doderers erfuhr.

Mir ist es beim Tod Werner Schwabs ähnlich gegangen. Ich hatte zwar 1994 selbst noch kein einziges Theaterstück geschrieben, aber instinktiv wusste ich, da ist jetzt ein Platz freigeworden.

Gehört es also zu einem geglückten Schriftstellerleben, wenn bei der Todesnachricht jüngere Kollegen feiern?

Mir wäre das lieber, als jemand kommt auf die Idee, aus meinem Leben ein Musical zu machen. Falco würde sich mit Grandezza anspeiben, wenn er wüsste, dass er für so was herhalten muss.

Sie mögen keine Musicals?

Mir ist es unverständlich, dass man zig Millionen an Kulturförderung dafür ausgibt. Ich neide niemandem etwas, aber ich verstehe nicht, was es bringen soll, irgendwelchen Broadway-Schmarren nachzuspielen, bei dem man selbst nicht die geringste künstlerische Freiheit hat, sogar die Lippenstiftfarbe der Tänzerin in der vierten Reihe vertraglich vorgeschrieben ist. Subventionen für Musicals sind genauso unlauter wie die Presseförderung für Gratiszeitungen.

1997 haben Sie gemeint, dass man in den Wochen vor Geburtstagen körperlich besonders anfällig sei, viele Sterbedaten und Geburtstage eng beisammen lägen. Wie ist es Ihnen heuer gegangen?

Momentan bin ich dermaßen mit Promotionterminen für den neuen Roman eingedeckt, dass ich gar keine Zeit hatte, daran zu denken. Ich habe diesen Tag mehr oder weniger erfolgreich verdrängt.

Lesungen, Interviews, Fernsehauftritte: Machen Sie das gerne?

Ich kann es mir nicht leisten, das nicht zu machen. Aber gerne? Man wird zum Handelsvertreter in eigener Sache. Ich bin mehr in mir, wenn ich mich ganz auf das Schreiben konzentrieren kann.

Vor 20 Jahren waren Sie noch der experimentellen Literatur verpflichtet, haben gesagt, dass man nach Beckett und Konrad Bayer nicht mehr klassisch erzählen könne. Nun ist mit dem „Floß der Medusa“ ein eher konventioneller Roman erschienen, eine Mischung aus Historien- und Abenteuerroman.

Gott sei Dank! Ich bin doch nicht Künstler geworden, um Grundsätze, die ich einmal für richtig gehalten habe, jahrelang zu behaupten, sondern um möglichst frei zu sein. Immer nach den gleichen Arbeitsmustern vorzugehen ist doch langweilig. Als experimentellen Autor würde ich mich nicht mehr bezeichnen, diese Zeiten sind vorbei. Kategorien wie Avantgarde oder konventionell interessieren mich nicht mehr. Nichtsdestotrotz nehme ich die Sprache immer noch beim Wort. Ein schier unerschöpflicher Fundus – schon allein das österreichische Idiom! Wörter wie aufganseln, einedrahn oder ausfratscheln sind doch fantastisch. Vergangene Woche war ich in Berlin und habe nach einem Rumpelflug dem Leiter des Literaturhauses gesagt, dass ich mich kurz ausrasten müsse. Erst als der mich fassungslos angesehen hat, ist mir bewusst geworden, dass „ausrasten“ in Deutschland eine ganz andere Bedeutung hat. Oder der feine Unterschied zwischen „bedient werden“ und „bedient sein“.

Weder vor zehn noch vor 20 Jahren haben Sie Ihrem runden Geburtstag Bedeutung beigemessen. Ist das beim Fünfziger anders?

Jemand hat gesagt, es ist, wie wenn man eine Seite in einem Buch umblättert – nur dass es kein Zurück mehr gibt. Ich feiere noch immer nicht, bin aber dankbarer.

Wofür?

Als Jugendlicher wollte ich vor allem eines: keine Arbeit, die nichts mit mir zu tun hat. Das habe ich halbwegs geschafft. Aber ich bin auch dankbar für das Leben selbst. Früher war alles selbstverständlich, mittlerweile gibt es doch etliche Weggefährten, die gestorben sind. Vor 20 Jahren konnte ich die an zwei Fingern abzählen, inzwischen könnte ich Rugbyteams bilden. Wenn ich also auch nicht ausgelassen feiere, werde ich doch dem Universum (Gott oder dem Weltgeist) danken.

Das hört sich an, als habe man Sie bekehrt?

Zsamgramt! Nein, keine Angst, vom Alterskatholizismus bin ich ein Stück entfernt, aber mir gefällt der Gedanke, dass der Kosmos die Summe aller Bewusstseine ist. Außerdem habe ich große Ehrfurcht vor der Schöpfung und würde mir wünschen, dass jeder Mensch alles Leben als Wunder begreift.

Und entsprechend behandelt?

Genau. Der Menschen Umgang mit der Natur ist skandalös. Die Massentierhaltung, die Verschmutzung der Meere, das Abholzen der Regenwälder, sogar das Weltall wird verdreckt. Dazu die ungerechte Verteilung der Güter. Es kann doch nicht sein, dass ein paar wenige Gstopfte mehr besitzen als ganze Länder in Afrika.

Träumen Sie von einer Weltrevolution?

Ich bin Pazifist und träume, wenn, dann von einer friedlichen Umverteilung. Aber das wird es nicht spielen, im Gegenteil, ich sehe schwarz, die Nationalisten, Mauerbauer, Wir-zuerst-Kleingeister werden nur eines bringen: Krieg. Wenn ich höre, dass Trump den Rüstungsetat um zehn Prozent steigert, steigen mir die Grausbirnen auf. Orwells Vision von 1984 ist längst eingetroffen, aber viel perfider, nämlich freiwillig.

Das bringt mich zu Ihrem neuen Roman, „Das Floß der Medusa“, in dem es darum geht, wozu der Mensch fähig ist, um zu überleben. Ohne Brot keine Moral. Eine Allegorie auf die heutige Zeit?

Keine Ahnung. Ich war von dieser unglaublichen Geschichte völlig fasziniert. 150 Menschen zwei Wochen lang auf einem Floß mitten im Atlantik. Massaker, Kannibalismus. Das wollte ich möglichst wahrhaftig beschreiben. Also habe ich so intensiv wie nie zuvor recherchiert und ziemlich besessen daran gearbeitet. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, die Geister der Schiffbrüchigen schauen mir über die Schulter, aber eine Allegorie auf die Gegenwart wollte ich nicht schreiben. So etwas könnte nur scheitern.

Die Kritik schreibt von einem verstörenden Meisterwerk und einem großen Wurf. Da müssen Sie doch zufrieden sein?

Ich freue mich wirklich sehr über die vielen positiven Leserreaktionen, weniger aus Eitelkeit, mehr um in dieser Richtung weiterarbeiten zu können. Gleichzeitig bin ich skeptisch. Erfolg macht selbstzufrieden, und das ist der Tod aller Kreativität. Misserfolg lähmt allerdings auch.

Die Kritik hebt positiv hervor, dass Sie diesmal auf Kasperliaden, Klamauk und Sprachspiele verzichtet haben.

Fast habe ich den Eindruck, ich muss den früheren verspielten Franzobel vor dem ernsthaften „Floß-der-Medusa“-Franzobel verteidigen. Aber vielleicht hat die Kritik auch recht. Ich muss mir nichts mehr beweisen, muss nicht mehr krampfhaft lustig sein, kann mich nun ganz auf eine Geschichte einlassen – insofern bin ich vielleicht doch existenzieller geworden. 25 Jahre lang habe ich mich an Österreich abgearbeitet, das „Floß“ hat damit nichts mehr zu tun.

Haben Sie Angst vorm Alter?

Als Mensch habe ich Angst vor dem Verlust der Souveränität. Und als Schriftsteller, dass mit dem „Floß“ der Gipfel erreicht ist, es jetzt nur noch bergab gehen kann.

Werden wir in zehn Jahren wieder ein Gespräch führen?

Natürlich. Der Plan ist doch, dass wir das bis 100 machen und die gesammelten Gespräche dann ein ganzes „Spectrum“ füllen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2017)

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