DiePresse.com

DiePresse.com | Spectrum | Zeichen der Zeit | Artikel DruckenArtikel drucken


Ich hab noch einen Tilo in Berlin

11.12.2009 | 13:44 | Von Josef Winkler (DiePresse.com)

Einbalsamieren, ausbalsamieren, einbalsamieren, aus- balsamieren! Haider und die Totenkulterer von Kärnten. Nebst einigen herzerwärmenden Notizen zu Hypo, Handaufzeigen, Heizkostenzuschuss.

Der ehemalige Kärntner Landeshauptmann, Jörg Haider, hat in Klagenfurt bedürftige und arme Leute auf die Bahnhofstraße gelockt, auf die Bahnhofstraße Nummer 90, nämlich zum Amt der Kärntner Landesregierung, und hat auf der Marmortreppe diesen Menschen, denen es auch durch ihre lebenslange Arbeit nicht gelungen ist, am Wohlstand teilzuhaben, mit der kleinlichen Geste und mit seinen kurzen Armen 100,- Euro in die Hände gedrückt, und gleichzeitig hat er mit einer maßlos großzügigen Geste und mit einem vergoldeten Arm, der von Klagenfurt bis Villach reicht, gemeinsam mit dem Vorsitzenden der christlich-sozialen ÖVP , Josef Martinz (Kärntner Filialleiter des Vizekanzlers und Bundesfinanzministers), dem Villacher Steuerberater Dietrich Birnbacher beim Verkauf der Kärntner Hypo-Bank für seine „zweimonatige Beratung“ sechs Millionen Euro (88 Millionen Schilling) zugeschanzt. Der Steuerberater hat die Aktion mit diesen, die arbeitende und steuerzahlende Bevölkerung verhöhnenden Worten begründet: „Es waren zwei arbeitsintensive Monate!“

Wenn man diese beiden Gesten miteinander  vergleicht und in Zusammenhang bringt, was ich für absolut notwendig halte, denn der Vergleich, wie es so hübsch heißt, macht uns vielleicht sogar „sicher“, dann war diese Aktion des Landeshauptmanns eine schwere Demütigung bedürftigen Menschen gegenüber, denn selbstverständlich hätte er diesen Menschen nicht nur 100,- sondern mehr als 1000,- Euro auf der Marmortreppe geben müssen, denn er hatte das Geld „in der Hand“, aber nein, er hat es vorgezogen, mit diesem Geld aus Landesvermögen einen Steuerberater, mit dem der christlich-soziale Mensch, Kärntner Spitzenpolitiker und Lourdes-Wallfahrer Josef Martinz befreundet ist, zum Multimillionär zu machen. Bereits 4,5 Millionen Euro hat der Steuerberater Dietrich Birnbacher eingesackelt, der Rest von 1,5 Millionen Euro soll ihm aus dem sogenannten „Kärntner Zukunftsfonds“ zu Weihnachten überwiesen werden.

Inzwischen weiß man auch, man liest es jeden Tag in den Zeitungen, wo sie die Kärntner Hypo hineingeritten haben, die Spitzenbanker, Tilo, der noch einen Koffer in Berlin hat, und Wolfi, unser Getreide-Ceausescu, die rechte und die linke Hand des Teufels, wie ich sie nenne. Und dafür soll jetzt auch noch die Republik Österreich geradestehen, und der Bundesfinanzminister soll das goldene Füllhorn ausschütten, damit nicht dem vom Verstorbenen und seinen politischen Helfern zu einem schillernden Heißluftballon aufgeblasenen Land Kärnten der lebensnotwendige Sauerstoff futsch- und ausgeht.

Der Nachfolger des verstorbenen Landeshauptmannes, der mit seiner Frau und Lebens/Bindestrich/Gefährtin bereits über mehrere Jahrzehnte sage und schreibe durch dick und auch noch durch dünn gegangen ist und dem oft noch um 22 Uhr die magenerwärmende heiße Brennnesselsuppe gereicht wird – so plauderte das Pärchen öffentlich aus seinem familiären Nähkästchen –, wird sich ebenfalls, wie ich höre, kurz vor Weihnachten, an die Marmortreppe stellen und die Bedürftigten mit nur 100,- Euro abspeisen, der Nachfolger, der auch mehrfach der Öffentlichkeit mitgeteilt hat, dass er sich am allerliebsten im Wald bei Holzfällerarbeiten aufhält, und der den Klingelton seines Handys auf ein Motorsägengeräusch gestellt hat. Er hebt ab und sagt: „Dörfla!?“

Der Nachfolger also, der auch mit dem Geld herumschmeißen kann, der nämlich aus Steuergeldern das Autowrack des Verstorbenen um 40.000 Euro gekauft, das er nach wie vor unter Verschluss und an einem geheimen Ort geparkt hat, der ein Grundstück, die Todesstelle, gekauft hat, damit man dort ein Marterl für den Verunglückten hat aufstellen können, eine selbstverständlich ebenfalls mit Steuergeldern subventionierte Gedenkstätte am Straßenrand für den ehemalige Landeshauptmann, der vor seinem Ableben – er hatte als Politiker schließlich weit über ein Jahrzehnt dazu Zeit – auch das Land Kärnten wirtschaftlich und finanziell an die Wand gefahren hat gemeinsam mit seinen korrupten politischen Helfern, abwechselnd mit der Kärntner ÖVP und mit der Kärntner SPÖ.

Die Kärntner Landtagsparteien (BZÖ/ÖVP/SPÖ/Grüne) haben sich im vergangenen Mai in einer Nacht- und Nebelaktion, als die Leute von der Presse und der Rechnungshofpräsident bereits außer Haus waren, für diese Legislaturperiode bis 2014 Parteienförderung in der Höhe von 60 Millionen Euro (fast eine Milliarde Schilling) durch Handaufzeigen genehmigt – die eine Hand beschmutzt die andere! – , gleichzeitig haben die beiden Regierungsparteien, die Partei des Landeshauptmannes (BZÖ) und die christliche und erst recht herzerwärmend soziale ÖVP , beschlossen, den Heizkostenzuschuss zu kürzen. Auf der einen Seite holen sie sich die Millionenkohle aus dem Steuertopf, und auf der anderen Seite werden den Ärmsten der Armen die Briketts weggenommen, denn die können sich ja ei-
nen zweiten Pullover und die Zweitstrümpfe überziehen.

Und jetzt, im Botanischen Garten in Klagenfurt, im Bergbaumuseum, in einem ehemaligen Nazistollen, wurde von seinen Totenkulterern ein Haider-Museum (Steuergeldkosten: 80.000 oder auch 40.000 Euro, keiner weiß es genau) auf die Beine gestellt, in dem man auch das von in Kärnten ausgeschlüpften Motten malträtierte Hochzeitskleid des ehem. Brautpaares begut-achten kann. Auf einem ausgestellten Foto sieht man das Autowrack mit Blutlache unter den Klängen Kärntner Heimatlieder: „Valosn, valosn, wie a Stan auf da Stroßn, so valosn bin i“. Zwischen unzähligen brennenden Kerzen liegt am Unfallort ein großes Blumenbukett mit Edelweiß und Enzian. Auf der einen weißen Schleife des Blumenbuketts steht: „In Liebe“, und auf der anderen Schleife steht knallhart: „Mutter“. Wenn man den Kopfhörer nicht aufsetzt und nahe an einen großen farbigen Bildschirm herangeht, kann man die trauernde, aber gefasste Witwe flüstern hören. Und ein kleines Mädchen ist auf einem anderen Bild zu sehen, das sich die Kärntner Fahne an Mund und Nase hält bei der Gedenkfeier zum 10. Oktober, dem Tag der Volksabstimmung, am Vortag seines Todes.

In diesem Mini-Maus-Oleum kann man ein sich ununterbrochen abspulendes Leichenbegängnis verfolgen, ein makabres Tränendrüsenspektakel sondergleichen, wo ER – das haben seine sterblichen Überreste nicht verdient, liebe, böse Totenkulterer! – ständig einbalsamiert und ausbalsamiert wird, den ganzen Tag über. Einbalsamieren! Ausbalsamieren! Frage nicht, was passiert wäre, wenn in dem Augenblick kurz nach Mitternacht dem betrunkenen Landeshauptmann, der aus seinem sich überschlagenden Auto ein tonnenschweres Geschoß gemacht hat, ein anderes Auto, eine Familie mit Kindern, entgegengekommen wäre, dann wären die 5000 Kerzen, die unmittelbar nach seinem Tod vor dem Amt der Kärntner Landesregierung gebrannt haben, kein einziges Sirius-Zündholz wert gewesen. Eigentlich gehört die Urne des verstorbenen Landeshauptmannes in eine bewachte Gefängniszelle, es kann ja sein, dass er wie ein Phönix aus seiner Asche steigt, denn schon zu seinen Lebzeiten hat er immer gesagt: „Ich bin weg! Ich bin wieder da! Ich bin wieder weg!“ Einbalsamieren! Ausbalsamieren! Einbalsamieren! Ausbalsamieren!


© DiePresse.com