Emmy Werner: "Ich bin sehr gern per Sie"

"Neulich hab ich zu einem Freund gesagt: Ich muss heim, ich treff mich jetzt mit dem Menschen, mit dem ich am liebsten zusammen bin. – So, so, wer ist denn das? – Ich selber!" Emmy Werner über Theatervergangenheit, Single-Gegenwart und ihre "sehens-süchtige" Zukunft.

Emmy Werner, Sie waren in verschiedenen Funktionen mit dem Theater verbunden, allein 17 Jahre als künstlerische Leiterin des Volkstheaters. In unserem Vorgespräch haben Sie mir aber gesagt, dass Sie über das Jetzt reden wollen: Was macht Ihr Leben jetzt aus?

Ruhestand ist ein fürchterliches Wort, aber wenn man's umdreht und sagt, man ist im Stand der Ruhe, ist es ein wunderschöner Begriff. Das hab ich wirklich erreicht – was sich sehr viele nie vorstellen konnten von mir. Aber ich hab mir immer kleine Ruhe-Inseln schaffen können – jetzt sind's keine Inseln mehr, jetzt sind's Erdteile. Ich hab's mir auch verdient. Ich war 50 Jahre in der Mühle, das ist genug.

Sie können offenbar gut einen Schlussstrich ziehen.

Ja, loslassen, das konnte ich immer. Das heißt aber nicht, dass ich die Kinder dann weglege. Ich erinnere mich gern an alles, aber ich trauere dem Vergangenen nicht nach, ob das Beziehungen sind oder die diversen Theater. Und das Schöne ist, dass das Haben das Soll überwiegt. Hin und wieder fluch ich über die Feinde (lacht) – fünf hab ich mir gemerkt, Feinde und Feindinnen. Aber denen geht's immer noch gut, ja! Ich wünsche nie jemandem Krankheit, da bin ich viel zu abergläubisch, das kommt auf einen selber zurück.

Haben Sie da Rituale?

Einen Brief setz ich auf. Und zwei Tage später nicht wegwerfen, sondern im Kamin verbrennen, man muss ihn verbrennen – das ist ein Ritual. Aber ich hab schon lang keinen solchen Brief mehr geschrieben. Ich würde bestimmten Zeitungen gern Briefe schreiben, weil ich meine, dass sie das gesellschaftliche Klima verdumpft und verroht haben, und das tut mir so weh.

Wenn Sie Zeitungen lesen, welchen Teil lesen Sie besonders genau?

Es interessiert mich alles andere mehr als Berichte über Theater, und ich geh auch selten ins Sprechtheater, nur wenn ganz enge Freunde Wert darauf legen. Ich meine, dass man doch das Recht hätte, noch einen Zipfel von einem anderen Leben zu erwischen! Sonst wäre man ein bisschen eine einfältige Person. Ich gehe allerdings leidenschaftlich ins Musiktheater, das hab ich wiederentdeckt. Mir gefallen zwar oft die Inszenierungen nicht, aber wenn die Musik beginnt, zerfließ ich sofort. Hat viel mit meiner Kindheit und Jugend zu tun, weil ich sehr früh in die Oper mitgeschleift wurde. Aber ansonsten hab ich ein anderes Leben für mich entdeckt, das ich so spannend find . . . Ich schau ja so viel! Ich bin sehens-süchtig geworden. Ich will mir Bilder anschauen, Ausstellungen, ich will mir Städte anschauen, ich will mir Gebäude anschauen! Das kann man gar nicht mehr alles nachholen.

Sie haben einmal gesagt, dass das Theater nicht Ihr Leben ist, sondern Ihr Beruf.

Ja, und diesem Beruf bin ich jetzt entkommen, ein bisschen zu spät. Ich hab's mir so herbeigesehnt – und es ist so schön geworden, wie ich's mir erhofft hab. Ich hab am Anfang noch einige Angebote bekommen, hab aber fast alles strikt abgelehnt, habe allerdings auch einmal – zum ersten Mal – eine Inszenierung fürs Musiktheater gemacht, und so was würde ich auch wieder machen. Nur: Nach all den Jahren, wo ich so früh habe aufstehen müssen . . . Dass ich um zehn wieder auf einer Probe sein soll, ist keine verlockende Aussicht. Aber die Freunde, die mich quälen, die alle noch Leistung von mir verlangen . . . Nein, ich hab doch genug gemacht, ich möchte mir noch etwas anschauen, ein bisschen herumfahren. Ich war im Alter von 68 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben in Paris!

Mit den Menschen im Theater sind Sie nicht mehr in Kontakt?

Mit denen, die ich immer mochte, bin ich weiter in Kontakt. Und die andern hab ich privat immer gemieden. Ich war bis zum Schluss per Sie mit vielen; ich bin sehr gern per Sie. Diese Vergeschwisterung mit allen ist nicht gut, in so einem Job müssen Sie auch ein bissel ein Feindbild sein, an dem sich die anderen abreagieren, und mit Schauspielern sind Freundschaften überhaupt etwas sehr Heikles. Aber eine Handvoll Schauspieler gehört schon dazu. Mit denen ist das jetzt ein viel lockererer Umgang, weil nicht mehr die Frage dahinter steht: Na, was willst denn spielen? Die treffe ich jetzt als Menschen, auf Augenhöhe.

Was ist schwierig ist in Ihrem jetzigen Leben?

Schwierig ist, sich aus dem kleinen Glück rauszuholen und zu schauen, was in der Welt los ist, was im Land los ist, was in der Stadt los ist. Da muss ich achtgeben, da kommt ganz viel Wut hoch. Natürlich diskutier ich mit Freunden nach wie vor leidenschaftlich, nur: Ich denk mir, ich bin zu alt zum Aufbegehren, ich habe nicht mehr die Kraft – ich hab die ganze Kraft in die Theater gesteckt, und da ist mir auch etwas gelungen. Ich bekomm immer noch erstaunlich viel Anerkennung, von wildfremden Menschen auf der Straße. Stücke, deren Titel ich schon vergessen hab, vor allem was die Frauenstücke betrifft; die sind unglaublich hängen geblieben, da bin ich ganz fassungslos!

Sie waren 25 Jahre in leitender Funktion im Theater. Glauben Sie, dass Sie als Frau eine Vorreiterposition hatten?

Ja, ja, natürlich. Ich freu mich, dass es heute selbstverständlich ist, wenn's da eine Operndirektorin gibt und dort eine Museumsdirektorin. Da ist schon ein Dammbruch passiert, auch wenn die Männer nach wie vor viel bessere Netzwerke haben. Beim Ausmisten fallen mir manchmal Unterlagen in die Hände, da denk ich mir: Um Gottes willen, davon reden wir noch immer! Vor 35 Jahren gab's schon die große Schlagzeile: Frauen verdienen ein Drittel weniger. Aber es geht auch Männern nicht so gut, wie man möchte, in der ganzen Krisengeschichte.

Als engagierte Frau sind Sie eine Institution.

Es ist mir gar nicht so recht, wenn ich in diese Ecke gestellt werde. Es gibt genug engagierte Frauen, mit denen ich mich inhaltlich überhaupt nicht verstanden habe. Man hätte dann so eine Pflichtsolidarität an den Tag legen müssen, wie bei einer Partei; drum war ich auch nie bei einer Partei. Vor allem hab ich immer noch die Utopie, dass das mit den Männern gemeinsam gehen muss, dass diese Dualität wichtig wäre, um wirklich etwas zu verändern. Jetzt versuche ich halt, meiner Enkeltochter subtil etwas unterzujubeln, einvernehmlich mit den Eltern. Ich ermutige sie zum Beispiel, sich zu wehren. Nicht nur gegen die Buben, auch gegen Mädchen, die sagen: Warum spielst du noch mit der Puppe, du bist zu groß dafür – mit neun! Ihr den Mut zu machen, zu sich selber zu stehen, das ist wichtig. Mir wurde dieser Mut gemacht. Und ich führe viel von der inneren Harmonie, die ich mir in all diesen Wahnsinnsjahren bewahrt hab, auf diese Kindheit zurück, wo das Ich so anerkannt wurde. Meine Eltern waren wunderbar. Ich denke mir oft, mit diesem Rückhalt hätte ich mindestens Bundeskanzlerin werden müssen. Da kann man wirklich etwas verändern.

Welche sind nach Ihrer Erfahrung die wesentlichen Eigenschaften, um sich langfristig in einer Führungsposition zu behaupten?

Das Allerwichtigste: Der Liebesentzug darf einen nicht kränken. Das ist die Tragödie der Frauen, dass sie so Angst haben vor dem Liebesentzug. Und ich hab's durchaus gespürt, so ist es ja nicht. Aber das muss man wissen: Dir wird täglich Liebe entzogen. Das Zweite ist eine gewisse Wut. Die Wut hat sehr oft bewirkt, dass ich etwas nicht hingeschmissen habe. Ich habe auch viel abprallen lassen. Ich hatte eine Glaswand, meine gläserne Decke war senkrecht. Was einen zerstören könnte, das darf man nicht heranlassen, sonst darf man einen Führungsjob nicht machen. Ich verstehe ja, dass Männer sich manchmal so eine Scheinautorität aufbauen. Das hätte ich nicht gekonnt. Aber: Sie müssen die Stärke haben, und Sie müssen sie auch zeigen; die andern müssen sehen: Die Oide halt, da kumm i net durch!

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.12.2009)

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