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Einen Raki später

03.03.2010 | 14:01 |  Von Florian Müller (Die Presse)

Kleine Feuer seien leichter zu löschen als ein Flächenbrand, erklärt der Kommandant der Eufor. Dies klingt fast so, als habe man aus Fehlern der Vergangenheit gelernt. Nachrichten aus dem österreichischen Eufor-Camp in Tuzla, Bosnien-Herzegowina.

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Montag, acht Uhr früh. Es beginnt in der üblichen militärischen Ordnung, Antreten zum Appell. „Guten Morgen, Kontingent!“ „Guten Morgen, Herr Oberst!“ Die Stimmung ist familiär und die Lage im Land „relativ stabil und verhältnismäßig ruhig“, werde ich bei einer Sicherheitsunterweisung aufgeklärt. Das Camp Edelweiß in Tuzla beherbergt aber nicht nur das Kommando des österreichischen Kontingents, es ist auch Sitz des griechisch-portugiesisch-österreichisch geführten RCC 4, eines von insgesamt fünf Regional Coordination Centers der Eufor in Bosnien.

Oberst Friedrich Teichmann ist sowohl Kommandant des österreichischen Kontingents als auch des RCC 4. Heute hat er einen Auswärtstermin. Es geht zur Friseurin Leila Hadžić in Dubrave südlich von Tuzla. Er will mir die 20-jährige Frau vorstellen, um zu zeigen, wie Menschen in einem Land mit 40 Prozent Arbeitslosigkeit ihr Auskommen finden. Zwei Euro kostet der Haarschnitt. Manchmal sind es fünf bis zehn Kunden pro Tag, in besseren Zeiten 15 bis 30. Die Eufor-Soldaten zählen zu ihren freundlichsten Kunden, betont sie. Und obwohl Leila ihre eigene Chefin ist, lebt sie bei ihren Eltern. „Wie beim letzten Mal, bitte“, sagt der Oberst. „Ich überleg's mir“, scherzt Leila.

Eigentlich wollte sie Soldatin oder Kriminalbeamtin werden, aber das könne ja noch werden. Als der Krieg zu Ende ging, war sie gerade fünf Jahre alt. Erst seit dem bewaffneten Konflikt würden die Unterschiede zwischen Bosniern, Kroaten und Serben in einer multiethnischen Stadt wie Tuzla betont. Davor sei das kein Thema gewesen, und für sie sei es das bis heute nicht. „Wie nimmt die Bevölkerung die Präsenz der Eufor wahr?“, frage ich. „Viele wissen gar nicht, dass sie überhaupt noch da sind. Wenn sie welche sehen, glauben sie, die sind auf Urlaub.“ Leila schnippt mit der Schere. „Und wie denken die Leute über die Eufor hier?“ – „Ach wissen Sie: Hundert Leute, hundert Meinungen!“

Wer als Österreicher gegenüber einem Bosnier seine Nationalität anspricht, wird oft mit k. u. k.-Nostalgie konfrontiert. Die meisten Bosnier seien mit dem Attentat auf Franz Ferdinand nicht einverstanden gewesen, wird schnell erklärt. Tatsächlich haben die Habsburger sehr viel in die Infrastruktur des Landes investiert. Und Ähnliches versucht das österreichische Bundesheer. Im Rahmen der sogenannten „Civilian and Military Cooperation“ (Cimic) wurde mit privaten Geldern und militärischer Logistik die Infrastruktur des Landes nach dem Krieg wieder aufgebaut. Hier ist allerdings die meiste Arbeit getan. Mittlerweile verteilen nur mehr drei Offiziere im Bereich der Cimic Hilfspakete oder stellen die Trinkwasserversorgung eines Ortes sicher.

Container mit Kasernenflair

Vom Logistikoffizier bekomme ich eine Führung durch das Camp. Ein sogenanntes „Wachelement“ kontrolliert die Ein- und Ausgänge. Neben den Soldaten gibt es auch zahlreiche lokale Angestellte. Im Sanitätszug sind zwei der vier Frauen beschäftigt, insgesamt sind es vier Mitarbeiter und zwei Rettungswägen.

Zwei Einsatzfahrzeuge für 150 österreichische Soldaten, diese Versorgung gebe es für die bosnische Bevölkerung wohl nicht, meine ich. Eine derartige Versorgungsdichte sei auch in Österreich nicht üblich, erklärt die Ärztin, eine Vertragsbedienstete. Zwei Wagen seien allerdings das Mindestmaß, falls ein Fahrzeug defekt ist. Bei gröberen Unfällen würde aber ohnehin einer der fünf österreichischen Hubschrauber aus Camp Butmir in Sarajewo ausrücken. Für die Sicherheit der Soldaten sorgen drei Militärpolizisten.

Der Oberstleutnant führt mich weiter zu den Wohneinheiten. Die Containerblocks mit ihren Schlaf- und Sanitäreinheiten vermitteln Kasernenflair. Daneben gibt es einen Fitnessraum. Bewegung an frischer Luft sei in Tuzla eher nicht möglich, moniert der Steirer. Tatsächlich hinterlassen das enorme Kohlekraftwerk und der Hausbrand ihre Spuren in der Luft.
Im Hauptgebäude befinden sich die Büros, wobei die internationale Kommandozentrale des RCC 4 besonders gesichert ist. Der Versorgungsoffizier erklärt mir, dass alle Soldaten eine doppelte Bewaffnung hätten, also eine Pistole und ein Maschinengewehr. Ich bin erstaunt, denn ich hatte zuvor noch kaum bewaffnete Soldaten gesehen. Auch für die Bevölkerung hat es eine wichtige Symbolwirkung, dass die Eufor-Teams ihre Waffen in der Regel im Schrank lassen.

Wir kommen an einem Feldpostamt mit Feldpostmeister vorbei. Vor allem zu Weihnachten habe er viel zu tun, heißt es, sonst läuft der Kontakt mit der Heimat meist über Internet oder über das zur Verfügung stehende Sozialtelefon.

Der Besuch des Oberst bei seiner Friseurin war natürlich nicht dienstlicher Natur, und dennoch ist er für die Mission der Eufor bezeichnend. Während der Kontakt zur lokalen Bevölkerung bei der Sfor mit ihren rund 20.000 Soldaten nicht erwünscht war, steht er seit dem Mandat der Eufor im Jahr 2004 im Mittelpunkt. Die Truppenstärke wurde auf 2500 Mann reduziert. Sogenannte „Liaision and Oberservation Teams“ (LOTs) sind über das ganze Land verteilt. Sie leben zu jeweils acht Personen in einem LOT-Haus, einem privat angemieteten Gebäude, zu dem auch die Bevölkerung in Form des sogenannten „Walk in“ Zugang hat.

In Zweier-Teams besuchen die Soldaten Meetings mit Lokalpolitikern, NGOs, wichtige Veranstaltungen und fahren Patrouille, um Präsenz zu zeigen und den Kontakt zur Bevölkerung aktiv zu suchen. Die vielen Berichte der LOT-Soldaten laufen im RCC 4 zusammen, und nicht zuletzt deswegen bezeichnet sich Oberst Teichmann gerne als Informationsmanager. Um die Art der Informationsgewinnung kennenzulernen, wird der „österreichische Journalist“ ins LOT-Haus von Tuzla verlegt.

Ich begleite das Team drei auf seiner Patrouille. Seit dem Friedensvertrag von Dayton ist Bosnien in die muslimisch dominierte Föderation und in die serbische Republika Srpska geteilt. Wir fahren in den Bezirk Lucavac, der ebenso wie Tuzla in der Föderation liegt. Vorbei am größten Stausee des Landes, der wegen der starken Verschmutzung nur eingeschränkt touristisch genutzt wird, kommen wir in ein Gebiet, in dem vor Kurzem eine groß angelegte Minenräumaktion abgeschlossen wurde, eine wichtige Voraussetzung, damit Landwirtschaft wieder funktionieren kann. Am Ende der asphaltierten Straße liegt ein kleines Dorf. Es sind serbische Rücksiedler, die ihre nach dem Krieg zerstörten Häuser wieder aufgebaut haben.

Die Straße stellt selbst für den Geländewagen der Patrouille eine Herausforderung dar. Der Friedhof des Orts hingegen ist erstaunlich gepflegt. In jüngster Zeit habe es hier bewaffnete Überfälle gegeben, erklärt der Hauptmann. Ein alter Mann wurde dabei zusammengeschlagen. Die Dorfbewohner beschwerten sich über schleppende Ermittlungen, und so lud das LOT-Team zu einem runden Tisch mit Vertretern der serbischen Rücksiedler und der örtlichen Polizei. Verstärkte Patrouillen der Polizei und der Eufor wurden damals vereinbart.

Zuerst wirkt das Dorf wie ausgestorben, dann treffen wir auf einen Siedler, der uns freundlich in sein Haus bittet. „Ach so, der ist Journalist“, freut sich der Bauer. „Sag ihm, dass wir große Probleme mit dem Strom haben. Was für eine Katastrophe!“ Dicht an der Siedlung führt eine Stromleitung vorbei. Dennoch kämpft das Dorf seit mittlerweile sieben Jahren darum, dass die Häuser der Siedlung einen Stromanschluss erhalten.

Um einen Raki und einen bosnischen Kaffee kommen wir ohnehin nicht herum, und so erzählt der Mann seine Geschichte. Er sei im Krieg verletzt worden, jetzt habe er eine Invalidenrente von 150 Euro im Monat. Mit der Rückgabe des Grundstücks habe es keine Probleme gegeben, aber große Teile seines Waldes waren abgeholzt. Das Haus war zerstört. Er verlange ja nicht viel, es sei schon in Ordnung gewesen, dass sie ihm zumindest das Material für das Haus zur Verfügung gestellt haben. Der Spender des Materials habe aber seine Unterstützung an die Bedingung geknüpft, dass das Dorf auch mit Strom versorgt wird, und das sei eben bis heute nicht passiert. Ich spreche ihn auf die Einbrüche an, und er erklärt mir, dass Motorsägen und Schweißgeräte gestohlen wurden. Er habe 300 Hektar Wald und 50 Hektar Ackerland. Davon könnte er gut leben. Mit den Fingern allein könne er es aber nicht bewirtschaften.

Holzraub mit Wissen des Försters

In einem Café in der Stadt treffen wir Nado Petrović. Er ist Vertreter der serbischen Rücksiedler im Gemeinderat und hat das LOT-Haus nach den Einbrüchen kontaktiert. Es gebe jetzt mehr Patrouillen, und das sei sehr positiv. Allerdings sei die Polizeistation vom Dorf sehr weit weg, und es fehle vor allem nachts an Kontrollpunkten, um illegale Schlägerungen zu verhindern. Der lokale Förster sei über den Holzraub im Bilde und kassiere dafür mit, das sei ein offenes Geheimnis. Die Täter habe er angezeigt, und nun warte er den Ausgang des Gerichtsverfahrens ab. Nichts anderes würde man in Österreich tun, antwortet der Hauptmann.

Nado Petrović nützt die Anwesenheit der österreichischen Soldaten, um sie gleich mit einem weiteren Anliegen zu konfrontieren. In einem Brief erklärt das Elektrizitätswerk, dass der Stromanschluss des Dorfes für 2010 geplant sei. So wirklich glauben will das der Lokalpolitiker allerdings nicht. Er bittet daher die Eufor, an den Gesprächen mit dem E-Werk als Beobachter teilzunehmen. Die Patrouille erklärt sich bereit, dies zu tun. LOT-Teams ist es nicht erlaubt, sich in die Angelegenheiten lokaler Behörden einzumischen. Die ausschließlich vermittelnde Funktion führt aber meist zur Lösung des Problems. Niemand will sich vor internationalen Beobachtern eine Blöße geben.
Als seine „Augen und Ohren im Land“ bezeichnet Bernhard Bair die „Liaison and Observation Teams“. Kleine Feuer seien leichter zu löschen als ein Flächenbrand, erklärt der Kommandant der Eufor. Dies klingt fast so, als habe man aus Fehlern der Vergangenheit gelernt. Mit dem Generalmajor hat seit Anfang Dezember ein Österreicher das Kommando über die Eufor in Bosnien übernommen.

Auch der hohe Repräsentant der Europäischen Union, Valentin Inzko, ist Österreicher. Im Dezember beschloss der Ministerrat eine Aufstockung der derzeit 150 Soldaten auf bis zu 190 Mann. Das Engagement Österreichs am Balkan ist also so stark wie nie zuvor. Beobachter erklären dies damit, dass der Verteidigungsminister dann seine Soldaten nicht nach Afghanistan oder in andere, wirkliche Krisengebiete schicken muss. Tatsache ist, dass die Soldaten in Bosnien zweifelsfrei wichtige Kompetenzen erworben haben. Sie wissen zum Beispiel, dass man der bosnischen Gastfreundschaft nur schwer etwas ausschlagen kann. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2010)

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